{"id":12681,"date":"2021-04-22T07:53:27","date_gmt":"2021-04-22T07:53:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12681"},"modified":"2021-04-24T08:04:47","modified_gmt":"2021-04-24T08:04:47","slug":"das-zornige-eichhoernchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12681","title":{"rendered":"Das zornige Eichh\u00f6rnchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12681&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12681&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Meistens sind die R\u00e4tsel, die uns die Natur aufgibt, leicht zu l\u00f6sen, wenn man vom Menschlichen absieht und nur in den Kategorien der Natur denkt.<br \/>\nNeulich entdeckte ich mich, wieder in den primitivsten Anthropomorphismus zur\u00fcckgefallen zu sein, den ich schon so oft bei mir festgestellt habe.<\/p>\n<p>Am 1. April kam ich in meinen Schrebergarten am H\u00fcttelberg. Mit Schrecken stellte ich fest, dass alles, was ich am Vortag an den Rand eines frisch bereiteten Beetes eingesetzt hatte, ausgegraben war. Da lagen herumgeworfen ein Petersil, ein Oregano, ein Basilikum, ein Schnittlauch-alles-Kr\u00e4uterst\u00f6ckerl aus dem Supermarkt, die ich im Garten heimisch und fruchtbar machen wollte. So wie jedes Jahr, und ich war gar nicht unerfolgreich.<br \/>\nVon einigen habe ich sogar im Winter geerntet und ins Fr\u00fchjahr gebracht. Den Schnittlauch zum Beispiel, dazu Salbei, Thymian und Zitronengras. Das Lorbeer-St\u00f6ckerl vom Hofer entwickelt sich schon zu einem dichten Busch.<\/p>\n<p>Der erste Gedanke beim Anblick der Verw\u00fcstungen war:<br \/>\nWer ist mein Feind?<br \/>\nAlso ich-bezogen: Wer hat etwas gegen mich und meine Aktivit\u00e4ten?<br \/>\nBeim Besichtigungsrundgang entdeckte ich, dass das kleine Beet vor der H\u00fctte, in dem ich die ersten Rucola-Samen eingesetzt hatte, vollkommen umgew\u00fchlt war. Rundum lagen Avocadokerne.<br \/>\nWeiter oben am Weg steht ein gro\u00dfer Keramik-K\u00fcbel, in dem ich vor Jahren einen selbstgezogenen Oleander eingepflanzt, dazu immer wieder Avocadokerne versenkt hatte. Jetzt hing die Oleander-Pflanze schief im Topf mit braunen Bl\u00e4ttern, die Avocados waren ausgegraben und rundherum ausgestreut.<\/p>\n<p>Dass sie auch angenagt waren, bemerkte ich in meiner Aufregung zun\u00e4chst nicht.<br \/>\nDen oberen Rand deckte ich mit zwei Ziegelsteinen ab. Trotzdem waren der Oleander und die angewachsenen Avocados am n\u00e4chsten Tag wieder durch den Spalt herausgew\u00fchlt. Also keine F\u00fcchse, es muss was Kleineres sein.<br \/>\nMeine Wahrnehmung war verengt von der Frage: Wen habe ICH zum Feind? Wer tut MIR das an? Die zwei n\u00e4chsten Fragen: Wen st\u00f6re ICH? Was tue ICH wem an?, die lagen schon eine kleine Erkenntnisstufe h\u00f6her.<\/p>\n<p>An wen dachte ich zuerst: an F\u00fcchse. Diese leben hier schon immer, haben mir langlebige Nachbarn in der Gartensiedlung erz\u00e4hlt. Als die H\u00fctte jahrelang leer stand und der Garten nicht bewirtschaftet wurde, habe eine F\u00fcchsin mit Jungen ganzj\u00e4hrig das Untergescho\u00df bewohnt. Aber die Fu\u00dfabdr\u00fccke passten nicht \u2013 ich habe sie fotografiert und sp\u00e4ter zu Hause gegoogelt. Fuchsspuren hatte ich schon in einem fr\u00fcheren Jahr an angenagten und im Garten verschleppten Arbeitsschuhen erkennen k\u00f6nnen. Auch wird der Komposthaufen regelm\u00e4\u00dfig durchw\u00fchlt. Es k\u00f6nnten aber auch Kr\u00e4hen oder Ratten sein. Kr\u00e4hen sind allgegenw\u00e4rtig, zu sehen und zu h\u00f6ren. Von einer Rattenplage wissen die Nachbarn nichts.<\/p>\n<p>Dann sa\u00dfen wir am Ostermontag in Liegest\u00fchlen auf der Wiese, meine Schwester und ich. Wir hielten K\u00f6pfe und K\u00f6rper in die Sonne und genossen die seltene W\u00e4rme. Vor uns machte die alte F\u00f6hre einen lockeren Schatten. Die Forsythien stehen in Hochbl\u00fcte, der Kirschbaum beginnt gerade zu bl\u00fchen, Bienen umschw\u00e4rmten ihn schon. Birne und Vogelbeere kommen ein bisschen sp\u00e4ter. Links und rechts stehen Marillen und Pfirsiche in rosa Bl\u00fcte, \u00c4pfel und Zwetschken in Wei\u00df, alle recht bescheiden, weil sie noch jung sind.<br \/>\nDa sehen wir es gleichzeitig, als w\u00fcrden wir simultan blinzeln:<br \/>\nEin Eichh\u00f6rnchen springt von der Wei\u00dftanne auf den Elektromasten, balanciert \u00fcber den Kabelstrang auf meine Schwarzf\u00f6hre zu. Da sitzt es, h\u00e4lt inne, die Pf\u00f6tchen vor der Brust erhoben. Es ist ganz nahe, ich sehe Augen und Pfoten und das Zucken des Schwanzes.<br \/>\nWenige Bruchteile von Sekunden nur, aber sehr deutlich. Wie eingebrannt auf der R\u00fcckseite meiner Augen.<br \/>\nEs ist still, und wir bewegen uns nicht. Trotzdem macht das Eichh\u00f6rnchen knapp vor der F\u00f6hre kehrt und verschwindet in den B\u00e4umen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Erst da beginnen wir zu sprechen.<br \/>\nHast du es gesehen? Das Eichh\u00f6rnchen.<br \/>\nJa, ich kenne es schon lange. Fr\u00fcher wohnte es hier im Baum. Seit ich die F\u00f6hre stark beschneiden lie\u00df, habe ich es nicht mehr gesehen. Aber abgenagte Bockerl und Zapfen liegen immer wieder auf dem Boden, also holt es sich Nahrung aus dem Baum.<br \/>\nIch glaube, sage ich, es ist mir b\u00f6se, weil ich den Baum so stark ausged\u00fcnnt und in eine f\u00fcr mich ansprechende Form gebracht habe. Einerseits um den Nadelfall zu verringern, andererseits um ein Meditationsbild zu erhalten: Die geschwungenen \u00c4ste habe ich vollkommen nackt gemacht und von einem Gartenarchitekten zu einem chinesischen Schriftzeichen ziselieren lassen. In meinen Augen bedeutet es: Haus und Friede. Im Sommer schimmern Stamm und \u00c4ste r\u00f6tlich gegen den blauen Himmel, im Winter mit Schnee schwarz.<br \/>\nEs r\u00e4cht sich nun an meinen Pflanzen. Vermutungen und Annahmen, kein Wissen. Alles falsch, weil ich nur im Sinne einer Beziehung denke und nicht im Sinne der tierischen Bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Wir reden noch l\u00e4nger \u00fcber die vielen R\u00e4tsel, die mir die Natur sogar auf einem so beschr\u00e4nkten Platz wie einem alten Schrebergarten aufgibt.<br \/>\nDer Bussard, der sich kurz nach meinem Einzug bei mir vorgestellt hat, die \u00c4skulapnatter, die ins Dach der H\u00fctte eingezogen ist, die Fr\u00f6sche, die schon kurz nach seiner Errichtung den Mini-Biotopteich entdeckt und sofort mit der Nachwuchsproduktion begonnen haben, die Erdkr\u00f6te Bufo Bufo, die sich im Abfallhaufen eingenistet hat und mit ihren langgezogenen, metallisch-knarrenden \u00d6ok-\u00d6ok-Rufen eine Partnerin anlockt. Gro\u00dfe Freude, als ich die ersten Antworten mit dem kurzen \u00dck-\u00dck h\u00f6re.<\/p>\n<p>Meine Schwester h\u00e4lt mich nicht f\u00fcr verr\u00fcckt, teilen wir doch eine Kindheit, in der wir am Mondsee unter der Drachenwand D\u00f6rfer f\u00fcr die Zwergerl bauten, mit Leidenschaft und der \u00dcberzeugung, dass es sie wirklich gibt. Gleiches Bedauern, dass wir nie das Einhorn zu Gesicht bekamen, das wir erwarteten, zwischen den hohen Tannen, Flechtenschleiern, Farnen und Felsbrocken auftauchen zu sehen.<br \/>\nErst am n\u00e4chsten Tag, als der Blumentopf wieder umgegraben war und ich die Kr\u00e4uterpflanzen \u00fcbers Beet verstreut vorfand, machte ich mich an eine genaue Ursachenuntersuchung. Ich fand neben dem Oleanderstock ausgeh\u00f6hlte, schon eingeschrumpelte Schalenh\u00e4lften von Avocados.<\/p>\n<p>Da erst fiel mir ein, dass ich zwei Avocados beim Aufschneiden braun vorgefunden, die Kerne in die Erde versenkt, die H\u00e4lften aber neben dem Topf liegengelassen hatte. Avocados, das Super-Food. Schon die Azteken fanden sie s\u00fc\u00df, fett und nussig und opferten sie ihren Gottheiten. Nat\u00fcrlich wissen die Eichh\u00f6rnchen nichts von den unges\u00e4ttigten Fetts\u00e4uren, von den n\u00fctzlichen Vitaminen A und E, dem Jungbrunnen f\u00fcr die Haut, der Low-Carb-Ern\u00e4hrung ohne Kohlehydrate und von den vielen Proteinen, die lange satt machen. Aber sie werden es gesp\u00fcrt haben. Wahrscheinlich ein Festessen f\u00fcr mein Schrebergarten-Eichh\u00f6rnchen.<br \/>\nWelches Eichh\u00f6rnchen bekommt schon einmal eine solche K\u00f6stlichkeit, ganz f\u00fcr sich allein?<br \/>\nOder hat sich eine ganze Familie darum geschart? Danach wird es sich auf die Suche nach \u00e4hnlichen Genussquellen gemacht haben, in den Streifen mit den j\u00fcngst eingepflanzten Kr\u00e4utern. Eichh\u00f6rnchen sehen nicht gut, ihr Geruchssinn und Ged\u00e4chtnis sind aber ausgezeichnet. So finden sie auch ihre \u00fcber Sommer und Herbst angelegten unterirdischen Futterlager. Mit denen kommen sie \u00fcber den Winter, dabei verbreiten sie die Samen durch die W\u00e4lder.<\/p>\n<p>In meinem Fall war das so, dass ich \u00fcber die Jahre alle m\u00f6glichen Kerne in der n\u00e4heren Umgebung meiner H\u00fctte in die Erde versenkt habe: in den Oleanderstock, in das Rucola-Beet vor der Terrasse, aber auch im Rand des Kr\u00e4uterrabattls. Alles nur entlang ihres Geruchs- und Geschmacksinnes. Hat absolut nichts mit mir zu tun.<br \/>\nDas kluge, scharfnasige Eichh\u00f6rnchen ging einfach seinem Bed\u00fcrfnis nach K\u00f6stlichkeiten nach, nach etwas, was ihm guttut, etwa so wie wir auf dem Weg \u00fcber Graben und Kohlmarkt instinktiv zum Demel gezogen werden. Weil wir \u00fcbereingekommen sind, dass uns das schmeckt, das wollen wir einfach immer wieder haben, den Zucker, das Fleisch oder das Cola.<\/p>\n<p>Wenn man schon zum Eingest\u00e4ndnis seines Irrtums oder der falschen Annahme gekommen ist, muss man weiter dar\u00fcber nachdenken, warum das so ist. Warum wir falsch denken und danach falsch handeln. Es ist ja keine ideologische und auch keine moralische Frage, sondern eine praktische. Dabei kann ich nur von mir ausgehen und dabei annehmen, dass es bei den anderen nicht viel anders sein wird. Weil wir Menschen der Hybris erlegen sind, dass wir nicht Teil der Natur sind, sondern uns au\u00dferhalb, gegen\u00fcber oder oben dr\u00fcber stellen. Wir haben uns abgetrennt vom Kreislauf der Natur und uns ihr entfremdet. Wie ein Baum ohne Wurzeln, da kann nichts Gutes herauskommen. Dieses falsch interpretierte \u201eMacht euch die Welt untertan\u201c, mit dem seit der Erfindung des Calvinismus der Kapitalismus operiert und sich als alternativlos, als einzig m\u00f6gliche Wirklichkeit generiert, ja als die Natur selbst.<\/p>\n<p>Erleichtert und froh \u00fcber meine Erkenntnisse, telefoniere ich mit meiner Schwester dar\u00fcber. Ich bin nur halbschuld, stelle ich fest.<br \/>\nSie teilt meine Freude, ermahnt mich aber nachdringlich, keine Avocados mehr zu kaufen. Nicht wegen der Eichkatzerl, sondern wegen ihres katastrophalen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks.<br \/>\nWei\u00dft eh, Wasserverbrauch, fast so schlimm wie Rinder, Ausbeutung der Indigenen, Konzerne, Profite, Transporte, Chile, Fu\u00dfabdruck. Sie ist eine strenge \u00d6kologin.<br \/>\nJa, das wei\u00df ich alles. Aber was soll ich machen? Ich mag sie, sie schmecken mir und tun mir gut. Es ist schlie\u00dflich das einzige Fett, das ich verwende. Vielleicht war ich in meinem fr\u00fcheren Leben ein Eichh\u00f6rnchen? Meine leicht vorstehenden Schneidez\u00e4hne k\u00f6nnten doch ein Anzeichen daf\u00fcr sein, oder?<br \/>\nDie Z\u00e4hne sind eine Familientradition.<br \/>\nWie bei den Habsburgern die Lippe.<br \/>\nAuch Eichh\u00f6rnchen haben Traditionen.<br \/>\nMeine Schwester hat perfekt gerade Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>13.4. 21<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 21063<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meistens sind die R\u00e4tsel, die uns die Natur aufgibt, leicht zu l\u00f6sen, wenn man vom Menschlichen absieht und nur in den Kategorien der Natur denkt. Neulich entdeckte ich mich, wieder in den primitivsten Anthropomorphismus zur\u00fcckgefallen zu sein, den ich schon so oft bei mir festgestellt habe. Am 1. April kam ich in meinen Schrebergarten am [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[141],"class_list":["post-12681","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-von-muecke-zu-elefant"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12681","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12681"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12681\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12683,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12681\/revisions\/12683"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}