{"id":12651,"date":"2021-04-09T06:53:32","date_gmt":"2021-04-09T06:53:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12651"},"modified":"2021-04-11T06:57:02","modified_gmt":"2021-04-11T06:57:02","slug":"connected","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12651","title":{"rendered":"Connected"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12651&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12651&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Regen wurde schw\u00e4cher. Ich nahm meine Kapuze ab und blinzelte zum Himmel. Die B\u00e4ume um mich herum boten mir Schutz, nahmen mir aber auch die Sicht nach oben. Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und ging eine paar Schritte vor auf die Wiese. Die Donau breitete sich vor mir aus. Hier in der Wachau schl\u00e4ngelte sie sich durch die Wein- und Obstbauterrassen der Gegend. Ich befand mich gerade an einer Donaubiegung und \u00fcberblickte die glitzernde Wasseroberfl\u00e4che. Die letzten Regentropfen gaben gemeinsam mit der wieder hervortretenden Sonne einen Regenbogen preis, der den Anblick unwirklich erscheinen lie\u00df.<\/p>\n<p>Saftige Gr\u00fcnt\u00f6ne, wohin das Auge blickte. Das Wasser schimmerte blau-grau, kleine Wellen pl\u00e4tscherten gegen das Flussufer, das sich nur wenige Meter vor mir befand. Alle paar Minuten ver\u00e4nderte sich die Lichtstimmung, w\u00e4hrend die Sonne st\u00fcckchenweise hinter dem Horizont verschwand. Diese Farben waren unbeschreiblich! Die Variationen aus Gelb, Orange, Rot, Lila \u2013 warme Farben, beruhigend. Diese Erde hat so viele sch\u00f6ne Pl\u00e4tze und Momente zu bieten und ich hatte noch viel zu wenige davon gesehen und erlebt.\u00a0Ich machte ein Foto, atmete tief ein und genoss den Moment. Der Geruch der Luft, wenn es gerade geregnet hatte, erzeugte eine wohlige W\u00e4rme in mir und lie\u00df meine Muskeln entspannen. Mein Blick wanderte \u00fcber das gegen\u00fcberliegende Ufer. Ab und zu ein H\u00e4uschen, keine Menschen. Auch auf dieser Seite des Ufers war es ruhig. Ich befand mich in einer Art Waldinsel, recht klein, abseits der Wanderwege und Stra\u00dfen.\u00a0<strong>Allein. Perfekt.<\/strong><\/p>\n<p>Seit rund einer Woche war ich zu Fu\u00df von Wien unterwegs Richtung Passau. Die meiste Zeit hielt ich mich an den Donauradweg, aber wenn es mich wegzog, ging ich einfach abseits der Wege und erkundete die Naturlandschaft. Der Plan war grob gesteckt. Ich hatte vier Wochen Zeit, was sehr gro\u00dfz\u00fcgig kalkuliert war. Die reine Gehzeit hatte ich mit 17 Tagen berechnet, die restlichen Tage wurden eingeschoben, wenn ich ein Pl\u00e4tzchen genauer erkunden oder auch durch eine nahe gelegene Stadt oder Sehensw\u00fcrdigkeit flanieren wollte. F\u00fcr die Nacht suchte ich mir Privatzimmer oder schlief unter freiem Himmel, wenn es das Wetter zulie\u00df.\u00a0Jetzt war ich hier \u2013 und jeden Tag aufs Neue fasziniert. Ich, ein eingefleischtes Stadtkind, hatte mich doch wirklich zu Fu\u00df auf den Weg gemacht. Kein Rad, kein Bus, kein Auto. Per pedes. Ein Grinsen machte sich auf meinen Lippen breit, weil ich wieder mal \u00fcber mich selbst schmunzeln musste. Keine Ahnung, was da in mich gefahren war, aber ich musste einfach raus. Raus aus der Stadt. Raus aus dem Alltag.<strong>\u00a0Allein. Perfekt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich holte meinen Rucksack vom Waldrand. Den Schlafsack warf ich auf die Wiese, mein Reisetagebuch und ein Schokoriegel flogen hinterher. Ich entledigte mich meiner Regenjacke und schl\u00fcpfte in den Schlafsack. Die Luft war warm, der Wind blies sachte \u00fcber das Wasser und die Wiesen. Einen Baumstumpf, der aus dem Boden ragte, benutzte ich als R\u00fcckenlehne. Ich nahm mein Reisetagebuch und knabberte an dem Schokoriegel. Langsam fuhr ich mit meinem Zeigefinger die Buchstaben am Buchdeckel nach: Carpe diem! Nutze den Tag! Ich dachte an meine beste Freundin, die mir das Buch vor meiner Abreise geschenkt und sich mit einer Widmung auf der Innenseite verewigt hatte:\u00a0<em>\u201eHey S\u00fc\u00dfe! Schreib, was du denkst, was du f\u00fchlst und erlebst! Und mach viele Fotos! Hab Spa\u00df und pass auf dich auf \u2013 ich hab dich lieb!\u201c\u00a0<\/em>Sie hatte zwar nicht verstanden, warum ich unbedingt solo durch \u00d6sterreich laufen musste, aber sie akzeptierte es. Ich hatte es auch nicht gut erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Ich musste einfach\u00a0<strong>allein sein. Perfekt.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Ger\u00e4usch dicht \u00fcber meinem Kopf lie\u00df mich zusammenzucken. Ich duckte mich, und im n\u00e4chsten Moment platschte ein gro\u00dfes wei\u00dfes Etwas auf das Fu\u00dfende meines Schlafsacks. Der schuldige Vogel flog knapp \u00fcber mir hinaus auf das Wasser und hatte sich \u00fcber mir seines verdauten Mittagessens entledigt. \u201eOh no! Du bist ja ein nettes Kerlchen, hast du keine Manieren?!\u201c, rief ich dem Vogel lachend nach und lie\u00df meine Arme zur Seite fallen. In Wien h\u00e4tte ich mich f\u00fcrchterlich ge\u00e4rgert, geekelt und gestresst. Aber jetzt, hier, inmitten der Natur, deren Ruhe ich mit jedem Atemzug mehr und mehr einsog, entkam mir nur ein phlegmatischer Seufzer. Es war ja nichts dabei, warum sollte man sich dar\u00fcber aufregen? Natur pur, w\u00fcrde man in der Werbung sagen. Gott sei Dank war kein Stadtmensch dabei. Der h\u00e4tte mir sicher die Ruhe genommen, die ich schon gewonnen hatte.\u00a0<strong>Allein sein. Perfekt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4lte mich aus dem Schlafsack und ging damit zum Wasser, um den Dreck abzuwaschen. In meinem Rucksack fand ich noch ein paar Taschent\u00fccher, die den Rest erledigten. Dann kuschelte ich mich wieder hinein und suchte die n\u00e4chste leere Seite. Ich \u00fcberlegte kurz und begann dann zu schreiben: \u201e<em>Es ist kurz nach acht Uhr abends und ich habe es mir hier im Freien am Donauufer gem\u00fctlich gemacht. Es ist so wundersch\u00f6n hier \u2013 siehe Beweisfoto mit Regenbogen \u2026 Mir glaubt doch sonst keiner, dass es hier wirklich so aussieht! Ich bin jeden Tag mehr \u00fcberzeugt davon, dass es das Richtige war, diese Tour zu machen. Daran kann nicht mal der inkontinente Vogel was \u00e4ndern, der mir gerade auf den Schlafsack gekackt hat. Morgen wird brav weiter marschiert, bis mittags sollte es sich sch\u00f6n ausgehen, dass ich zur Burgruine komme. Den restlichen Tag werde ich dann dort die Gegend etwas unsicher machen.\u00a0<strong>Allein. Perfekt.<\/strong>\u201e<\/em><\/p>\n<p>Ich legte Buch und Stift beiseite und lie\u00df meinen Blick umherwandern. Hinter mir knackte und raschelte es im Ge\u00e4st, aber das beunruhigte mich \u00fcberhaupt nicht. Im Gegenteil. Meine Augen ersp\u00e4hten im d\u00e4mmrigen Abendlicht eine Smaragdeidechse, die aus einem Freiraum zwischen ein paar gr\u00f6\u00dferen Steinen hervorkrabbelte und kurz die Lage checkte, bevor sie in der n\u00e4chsten L\u00fccke wieder verschwand. Ein kurzer, hoher Pfiff lie\u00df mich den Blick auf eine kleine B\u00f6schung lenken, die sich ebenfalls nahe am Ufer befand. Nach ein paar Sekunden sah ich Mama Ziesel, die besorgt am Eingang ihres Baus nach ihrem Nachwuchs Ausschau hielt. Ein erneuter Pfiff, und zwei Jung-Ziesel zischten von den B\u00e4umen hinter mir kommend vorbei zur B\u00f6schung und verschwanden gemeinsam mit ihrer Mutter im Bau. Betthupferl war angesagt.<\/p>\n<p>Solche Augenblicke genoss ich mit jeder Faser meines K\u00f6rpers. Das bewusste Wahrnehmen meiner Umgebung, der Natur, von all der Kleinigkeiten, die laufend geschahen, aber nicht gesehen wurden. Ich sah sie jetzt wieder. Oder vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben so richtig. Und es war wundersch\u00f6n. Eins zu sein mit der Umgebung. Durch den Schlafsack sp\u00fcrte ich die Unebenheiten des Erdbodens, der mir trotz seiner Unregelm\u00e4\u00dfigkeit die Stabilit\u00e4t gab, die ich brauchte. Ich roch das nasse Holz des Baumstumpfes hinter mir, der mich trotz seiner eigenen Endlichkeit st\u00fctzte. Ich h\u00f6rte den Wind, der sanft durch die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume und \u00fcber das Wasser glitt und mir trotz seiner Unberechenbarkeit ein Gef\u00fchl der Freiheit vermittelte. Rundherum machte das Licht den n\u00e4chtlichen Schatten Platz und ich starrte auf die Sterne \u00fcber mir, die immer mehr wurden. Einfach so. Bis ich irgendwann einschlief.\u00a0<strong>Allein. Und doch verbunden. Perfekt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Verfasst im Juli 2020<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Petra Hechenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21060<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regen wurde schw\u00e4cher. Ich nahm meine Kapuze ab und blinzelte zum Himmel. Die B\u00e4ume um mich herum boten mir Schutz, nahmen mir aber auch die Sicht nach oben. Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und ging eine paar Schritte vor auf die Wiese. Die Donau breitete sich vor mir aus. 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