{"id":12584,"date":"2021-03-24T06:43:55","date_gmt":"2021-03-24T06:43:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12584"},"modified":"2021-03-27T13:38:58","modified_gmt":"2021-03-27T13:38:58","slug":"die-troedelverkaeuferin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12584","title":{"rendered":"Die Tr\u00f6delverk\u00e4uferin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12584&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12584&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jeden ersten Samstag im Monat sah ich auf der Unteren Br\u00fccke die Tr\u00f6delverk\u00e4uferin, wenn ich von meiner Wohnung in die Stadt ging. Ich nahm mir vor, mit ihr ins Gespr\u00e4ch zu kommen, traute mich aber nicht. Als ich mich doch einmal \u00fcberwand, lud ich sie zu einem Spaziergang ein und sie sagte zu.<\/p>\n<p>Ich hatte eigentlich vor, ihr meine Stammkneipe zu zeigen, doch dummerweise war auf dem Weg dorthin eine Baustelle, sodass wir einen Umweg nehmen mussten.<\/p>\n<p>Wir kamen in eine dunkle Unterf\u00fchrung, in der man nicht bis zum anderen Ende sehen konnte. \u201eDa m\u00fcssen wir jetzt durch\u201c, sagte sie, \u201eaber keine Angst, ich kenne mich aus, es sind nur einige hundert Meter. Und ein Zug kommt auch nicht, da die Strecke vor einiger Zeit stillgelegt worden ist.\u201c Ich \u00fcberwand meine Angst und ging mit ihr. \u201eLass uns \u00fcber etwas quatschen, das ist gut gegen die Angst\u201c, empfahl sie.<\/p>\n<p>Also fiel mir ein, dass ich vor sehr langer Zeit, an meinem ersten Schultag, einen Film gesehen hatte, der in der New Yorker U-Bahn spielt. \u201eDas ist ein sehr gutes Thema. Und es passt ja ausgezeichnet zu unserer jetzigen Situation.\u201c \u201eAls ich diese U-Bahn-Station sah, es war ein Film, glaube ich, aus den sp\u00e4ten 1960er oder fr\u00fchen 1970er Jahren, diese alte, sch\u00e4bige Haltestelle, zertretene Dosen und alte Zeitungsreste wehte der Windsto\u00df der einfahrenden Z\u00fcge umher. Menschen stiegen ein, stiegen aus. Fast niemand schien mit dem anderen zu sprechen, geschweige denn, jemandem in die Augen zu sehen. In dieser Situation dachte ich, wie wohl mein letzter Schultag aussehen wird.\u201c \u201eUnd an was dachtest du?\u201c, fragte sie. \u201eIch konnte mir die Situation schlicht nicht vorstellen, aber es muss etwas Sch\u00f6nes, Befreiendes gewesen sein.\u201c \u201eIch konnte ja damals unm\u00f6glich so weit in die Zukunft denken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd heute denkst du an die alte Zeit zur\u00fcck und kannst dich beim besten Willen nicht mehr zur\u00fcckversetzen.\u201c \u201eGenau. Es waren das die Jahre, in denen ich immer nachts vor dem Fernseher hing. Nicht, dass mir einige Filme besonders in Erinnerung geblieben w\u00e4ren. Was w\u00fcrde ich daf\u00fcr geben, die alte Zeit noch einmal zu erleben. Und sei es nur, um das Fernsehprogramm zu sehen.\u201c \u201eUnd was hast du in der Zwischenzeit erlebt?\u201c \u201eDas ist mehr oder weniger auf ein paar Gedanken zusammengeschrumpft, also nichts Weltbewegendes.\u201c \u201eDenk doch mal scharf nach.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wollte immer einmal nach Amerika. Am besten in das Amerika der 1960er, 1970er Jahre. Aber das war nur so eine Idee, gemacht habe ich das nie. Ich k\u00f6nnte mich auch nicht erinnern, ob ich einmal irgendein Souvenir oder irgendetwas spezifisch Amerikanisches gekauft habe, wie beispielsweise eine dieser Campbell\u2019s Suppendosen &#8230; \u00a0Ach ja, meine Tante fuhr in dieser Zeit f\u00fcr ein, zwei Jahre einen roten Chevrolet Corsica. Das war vielleicht das Amerikanischste, was ich mir damals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVor einiger Zeit habe ich zwei alte Postkarten aus New York verkauft, aber mir ist Amerika ziemlich egal. Ehrlich gesagt, habe ich an meinem ersten Schultag nicht so weit in die Zukunft gedacht, aber so genau wei\u00df ich das heute nicht mehr. Ich dachte, in vierzehn Jahren sind wir doch schon auf dem Mars oder haben Kontakt aufgenommen, was wei\u00df ich.\u201c\u00a0 Weiter entgegnete sie: \u201eMein Interesse f\u00fcr die Raumfahrt begann, und ich habe alles aufgesogen. Star Trek. Star Wars. Aber das verging wieder. Und die Zukunft ist ja dann doch eine andere geworden, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Es war jetzt v\u00f6llig dunkel. Weder konnte ich nach vorne blicken noch nach hinten oder zur Seite. Da die Tr\u00f6delverk\u00e4uferin immer wieder verstummte, kam es mir vor, dass ich die ganze Zeit mit Monologen besch\u00e4ftigt war und ich mich so vergewisserte, noch nicht tot zu sein. Jede Pause in meinen Worten kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich fragte sie mehrmals, ob sie diese Situation nicht gruselig f\u00e4nde, doch sie antwortete nicht. Auch der Tunnel schien sich verl\u00e4ngert zu haben, denn innerlich schien die Zeit, die wir drinnen verbrachten, auf mehrere Stunden angewachsen zu sein.<\/p>\n<p>\u201eWarum verkaufst du eigentlich alte Spielsachen und Ansichtskarten. Waren es deine eigenen?\u201c<br \/>\n\u201eEin zwei St\u00fccke sind von mir, den Rest verkaufe ich nur so. Welches die beiden Sachen von mir sind, verrate ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Mit einem Schlag wurde es wieder hell. Zuerst f\u00fchlte ich mich vom glei\u00dfenden Licht geblendet. Wir hatten das Ende des Tunnels erreicht, und ich fand es fast schon etwas bedauerlich, dass die gruselige Atmosph\u00e4re im Dunkeln vorbei war. Dennoch empfand ich Erleichterung. Meiner Gespr\u00e4chspartnerin war nichts anzumerken. Kein Grusel, kein Gef\u00fchl der Befremdung. Und doch fiel mir nach genauerem Hinsehen etwas auf: Die Tr\u00f6delverk\u00e4uferin hatte nun pl\u00f6tzlich ein anderes T-Shirt in Batikoptik an, dessen Saum sie in ihre Hose gesteckt hatte, und am Ausgang des Tunnels stand das Schild \u201eNew York Central Park\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 21055<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden ersten Samstag im Monat sah ich auf der Unteren Br\u00fccke die Tr\u00f6delverk\u00e4uferin, wenn ich von meiner Wohnung in die Stadt ging. 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