{"id":124,"date":"2013-11-24T16:55:42","date_gmt":"2013-11-24T16:55:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=124"},"modified":"2014-03-25T13:08:58","modified_gmt":"2014-03-25T13:08:58","slug":"erotische-fieberphantasien-im-pullmann-abteil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=124","title":{"rendered":"Fieberphantasien im Pullmann-Abteil"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts124&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts124&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Meinem ein bisschen versnobten damaligen Begleiter, einem jungakademischen Psychologen, kam es gerade recht, einer reiseunerfahrenen jungen Frau wie mir zu zeigen, wie man Reiseabenteuern souver\u00e4n begegnet. Handtellergro\u00dfe Kakerlaken auf dem Klobrett, doppelt zur Unterschrift vorgelegte Kreditkartenbelege und der Mietwagen, dessen Pneu die Luft nur bis zum n\u00e4chsten Stadtviertel halten konnte, fallen unter die Rubrik touristische K\u00fcmmernisse allgemein\u00fcblicher Natur und damit bei nervenstarken westeurop\u00e4ischen Touristen nicht weiter ins Gewicht.<\/p>\n<p>Auf die kolportierte \u00dcberlegenheit des Mannes vertrauend, konkret auf die meines damaligen Freundes, lie\u00df ich mich also vom Kauf dieses Zugtickets nach Mexiko City \u00fcberzeugen.<br \/>\nMein Psychologe, der \u00fcbrigens verbal und nonverbal eine beginnende Magen-Darm-Verstimmung ank\u00fcndigte, erkl\u00e4rte mir, dass wir ein so genanntes Pullman-Abteil gebucht h\u00e4tten; er wusste oder erfand gut, welche bedeutenden Menschen in diesem komfortablen Abteil bereits gereist seien. Der Charme des 19. Jahrhunderts war nicht nur optisch pr\u00e4sent, nein, den ein Jahrhundert lang ben\u00fctzten Polsterb\u00e4nken haftete auch ein ganz besonderer Geruch an. Drei Stunden sollte laut Fahrplan die Fahrt in die Hauptstadt dauern.<br \/>\nAuf halber Strecke \u2013 wir hatten gerade unseren Reiseproviant verzehrt \u2013 ging pl\u00f6tzlich gar nichts mehr; der Zug blieb ruckartig auf freier Strecke stehen. Meine Frage an den mexikanischen Schaffner nach der Ursache unseres abrupten Stopps wurde mystisch l\u00e4chelnd mit Schulterzucken quittiert. Wir befanden uns mitten auf freiem Acker, links und rechts nur trockene braune Erde, keine Siedlungen, keine Menschen, keine Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Die zuvor noch <i>leichten<\/i> Anzeichen einer Magen-Darm-Verstimmung meines Begleiters wichen ausgepr\u00e4gten Beschwerden. Nat\u00fcrlich waren wir vage darauf vorbereitet, dass auch uns Montezumas Rache ereilen w\u00fcrde, aber ausgerechnet jetzt und hier? Die Toiletten aus dem vorigen Jahrhundert verloren schnell ihren viel gepriesenen Charme. Zu den eruptiven Emissionen meines Freundes gesellte sich innerhalb der n\u00e4chsten beiden Stunden sehr hohes Fieber \u2013 unser unfreiwilliger Aufenthalt zog sich hin.<br \/>\nUnsere Getr\u00e4nkevorr\u00e4te waren ersch\u00f6pft, es war extrem hei\u00df und stickig in unserem Abteil, auch durch \u00d6ffnen der Fenster und T\u00fcren kam kein lindernder Luftzug zustande; mein Freund transpirierte und ich aus Angst um ihn nicht minder, denn er lag mittlerweile mit hochrotem Gesicht auf dem Bett und konnte ganz entgegen seine Natur keinen zusammenh\u00e4ngenden Satz mehr sprechen. Er hatte Durst, wir hatten Durst; das Wasser aus der Leitung war gerade gut genug f\u00fcr einen Umschlag auf seine fiebrige Stirn.<\/p>\n<p>Der Schaffner spazierte mit dem Zugf\u00fchrer rauchend und wild gestikulierend au\u00dfen am Zug entlang und nichts deutete auf eine baldige Weiterfahrt hin. Meine Frage nach Getr\u00e4nken verneinte er bedauernd; und nein, ein Arzt sei nicht im Zug. Immerhin war genug Klopapier vorr\u00e4tig. Ein launiger Mitreisender im Nachbarabteil bot mir statt Wasser zur Beseitigung unserer &#8222;bad vibrations&#8220; Kokain, auf das ich dankend verzichtete.<br \/>\nZwischen erotischen Fieberphantasien, zu deren Realisierung mein deaktivierter Geliebter \u2013 Montezuma sei&#8217;s gedankt \u2013 zu schwach war und ger\u00e4uschvollen Aufenthalten im Pullman-Klo verging die Zeit dann doch irgendwie kurzweilig bis zur Weiterfahrt.<br \/>\nNach neunst\u00fcndiger &#8222;Fahrt&#8220; erreichten wir die mittern\u00e4chtliche Hauptstadt. Ich war in diesen Stunden von der unbedarften zur routinierten Reisenden gealtert, nahm meinen Rucksack auf den R\u00fccken, seinen auf die rechte Schulter, mit der linken st\u00fctzte ich meinen kranken Freund, br\u00fcllte mit Nachdruck erfolgreich nach einem Taxi, korrigierte spanisch stotternd dessen Fahrtroute, und wir erreichten mit halbt\u00e4giger Versp\u00e4tung unser Hotel, wo mit Arzt, Salzkeksen und Bier mein Liebster nach einigen Tagen voll wiederhergestellt war.<\/p>\n<p>Das Hist\u00f6rchen mit den erotischen Fieberphantasien diente \u00fcbrigens noch eine Zeitlang der spektakul\u00e4ren Erbauung unseres Bekanntenkreises, bis mein Freund \u2013 ganz Psychologe \u2013 das einfach meiner Phantasie zuschrieb. Letzteres stand aber nicht wirklich in urs\u00e4chlichem Zusammenhang zu unserer bald darauf erfolgten Trennung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Text ver\u00f6ffentlicht\u00a0in:\u00a0\u00a0<a title=\"Der Spiegel\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/reise\/fernweh\/reisehorror-erotische-fieberphantasien-im-pullmann-abteil-a-132847.html\" target=\"_blank\">Der Spiegel<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 13012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinem ein bisschen versnobten damaligen Begleiter, einem jungakademischen Psychologen, kam es gerade recht, einer reiseunerfahrenen jungen Frau wie mir zu zeigen, wie man Reiseabenteuern souver\u00e4n begegnet. 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