{"id":12360,"date":"2021-02-06T08:53:00","date_gmt":"2021-02-06T08:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12360"},"modified":"2021-02-21T16:05:26","modified_gmt":"2021-02-21T16:05:26","slug":"der-butler-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12360","title":{"rendered":"Der Butler 3"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12360&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12360&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Halt! Kennen Sie bereits\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12355\">Teil 1<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12357\">Teil 2<\/a>? Hier folgt der letzte Teil dieser Geschichte.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich habe jetzt einen Butler!<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter arbeitete ich wieder flei\u00dfig mit Richard und James an meinem Landhaus, immer nur von 8:00 Uhr bis 16:00, dann musste Richard zum Tee nach Hause, w\u00e4hrend aus James und mir wieder Butler und Gentleman wurden. Abends stellte James mich bei den umliegenden H\u00e4usern als neuen Nachbarn vor. Die Reaktionen reichten vom reservierten Handshake an der T\u00fcr bis zum Promilletest im Haus. Die liebensw\u00fcrdige \u00e4ltere Witwe Ivory-Smith lud uns sogar f\u00fcr n\u00e4chsten Tag zum Tee ein. Es war ein sonniger September-Nachmittag, den wir in ihrem sch\u00f6nen Garten angenehm verplauderten. Mein Butler blieb mehr im Hintergrund, w\u00e4hrend ich ihr viel von Wien erz\u00e4hlte, was umso leichter ging, als diese kultivierte Lady auch rostiges Deutsch sprach \u2013 ihr Gatte war n\u00e4mlich Berliner gewesen. James bewunderte insbesondere ihre phantastisch duftenden Rosen. Es mache ihr schon zunehmend M\u00fche, all diese Blumenpracht allein zu betreuen, seufzte sie, aber der Garten sei neben der Aquarell-Malerei eben ihr Lebensinhalt. Zu meiner \u201ehouse-warming party\u201c in ein paar Wochen w\u00fcrde sie gerne kommen, sagte sie beim Abschied. Mein Butler war am Heimweg auffallend still und nachdenklich.<\/p>\n<p>\u201eNo dinner today, James, after all these sandwiches and scones\u201c, informierte ich meinen Butler am Abend, aber ich w\u00fcrde gerne mit ihm auf ein Bier in ein gutes Pub gehen, ob er mir eines zeigen m\u00f6chte. Er nickte erfreut, aber wir sollten uns zuvor noch umziehen \u2013 so auf gepflegte Freizeit eben. Also f\u00fchrte ich meine nagelneue braune Lederjacke zu Jeans aus, w\u00e4hrend James in mausgrauem Tweed-Sakko und schwarzer B\u00fcgelfalte seri\u00f6s unterwegs war. Das Pub war mit Mahagoni-T\u00e4felung und viel Messing recht ansprechend, das Bier \u2013 na ja, englisch halt, und die Frau an der Theke hatte Freude an ihrem Beruf. Beim Tischgespr\u00e4ch erfuhr James, dass ich gl\u00fccklich geschieden sei, und er fragte mich, ob mir die Blumenbilder von Mrs. Ivory-Smith im Salon auch so gut gefallen h\u00e4tten. Er h\u00e4tte ja berufsbedingt die meiste Zeit seines Lebens im Haus verbracht, aber so ein Garten w\u00e4re wohl ein sch\u00f6nes Hobby. Dann versandete das Gespr\u00e4ch \u2013 zwischen einem Butler und seinem Chef waren Vertraulichkeiten wohl nicht am Platz.<\/p>\n<p>Nach einer Woche waren die \u201eschmutzigen\u201c Arbeiten wie Fu\u00dfboden rausrei\u00dfen, Verputz abklopfen und Kacheln entfernen erledigt und die Handwerker konnten kommen. Richard kannte noch etliche \u00e4ltere Professionisten, die steuerfrei verputzten, tischlerten, malten und Fliesen legten; James erneuerte die elektrischen Leitungen, w\u00e4hrend der \u00f6rtliche Installateur eine moderne Gastherme einbaute. Nur der offene Kamin machte Schwierigkeiten \u2013 der Rauchfangkehrer wollte den kompletten Rauchabzug erneuert wissen. Weshalb ich die Feuer\u00f6ffnung zumauern lie\u00df und einen gro\u00dfen Kaminofen davorstellte. In unglaublichen vier Wochen war der Gro\u00dfteil erledigt.<\/p>\n<p>Seltsam nur, dass James nun \u00f6fter um ein paar Stunden Auszeit ersuchte, er h\u00e4tte privat einiges zu erledigen. Anfangs war es mir wohl angenehm, fallweise ohne strenge Aufsicht zu sein. Dann traf ich im Supermarkt Mrs. Ivory-Smith, die mir herzlich f\u00fcr die \u00dcberlassung meines Butlers dankte \u2013 es w\u00e4re ihr eine gro\u00dfe Hilfe gewesen, dass er ihr im Garten einige schwere Arbeiten abgenommen h\u00e4tte. Ich schluckte meine \u00dcberraschung \u2013 also so ein Pharis\u00e4er \u2013 hinunter und lud die freundliche Nachbarin f\u00fcr \u00fcbern\u00e4chsten Tag zum Tee ein. Es w\u00e4re noch nicht alles fertig, aber ich br\u00e4uchte f\u00fcr meinen kleinen Garten ihre fachliche Beratung. Sie sagte gerne zu. James war die drohende Enttarnung wohl anzumerken, aber er meinte nur z\u00f6gernd, dass mein Salon noch nicht besuchstauglich sei. Es fehle an Porzellan, Tischt\u00fcchern und sonst noch allerlei, auch die M\u00f6bel seien nicht vom Feinsten. In der Bezirkshauptstadt, Penzance, bekamen wir alles f\u00fcr gehobene Tischkultur, aber leider keinen geeigneten Tisch mit St\u00fchlen. Der sogenannte \u201eAntik-Shop\u201c war ein schlauer Altwarenh\u00e4ndler nach dem Motto: \u201eKaufe wertloses altes Ger\u00fcmpel, verkaufe wertvolle Antiquit\u00e4ten\u201c. Aus dieser Misere rettete uns Sarah, die erfahren hatte, dass eine wohlhabende alte Dame in der Nachbarschaft verstorben war und nun deren Haushalt aufgel\u00f6st w\u00fcrde \u2013 vielleicht w\u00e4re da etwas dabei? Noch am selben Abend durften wir zur Besichtigung kommen, und der sch\u00f6ne alte Auszugtisch mit acht St\u00fchlen war billig zu haben. Als Draufgabe erhielt ich von den Erben eine dazu passende reparaturbed\u00fcrftige Bodenstanduhr und drei schwarze Kerzenleuchter.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag war stressig: Zun\u00e4chst mussten alle \u201ebesuchsrelevanten\u201c R\u00e4ume entstaubt, geputzt und geschm\u00fcckt werden, dann war auch die Men\u00fcfrage zu kl\u00e4ren. Die \u201eTee-Zeremonie\u201c w\u00fcrde James in seine bew\u00e4hrten H\u00e4nde nehmen, anstelle der orts\u00fcblichen \u201escones\u201c buk ich einen Gugelhupf mit einem ordentlichen Schuss Jamaikarum und kaufte noch ein paar Zitronent\u00f6rtchen des \u00f6rtlichen B\u00e4ckers. Die geschenkten Kerzenleuchter erwiesen sich als uraltes Silber, das zu putzen James den ganzen Nachmittag kostete. Aber der stilgerecht gedeckte Tisch abends war umwerfend sch\u00f6n. Bei einem festlichen Dinner feierte ich mit Richard und Sarah die fast vollendete Renovierung meines Landhauses. Insbesondere das warme Flammenbild im Schwedenofen gab dem Salon eine behaglich-vornehme Note.<\/p>\n<p>Auch James war zufrieden, als er mir sp\u00e4tabends seine \u201eAusfl\u00fcge\u201c zu Mrs. Ivory-Smith beichtete. Als Ausgleich zu meinem scherzhaft-mahnend erhobenen Zeigefinger z\u00e4hlte er meine \u201el\u00e4sslichen\u201c Benimm-S\u00fcnden beim Dinner auf, aber f\u00fcr die kurze Zeit h\u00e4tte ich erhebliche Fortschritte gemacht. Und ja, er freue sich schon auf den morgigen Besuch der Nachbarin, nun w\u00e4re endlich wieder Leben im Haus.<\/p>\n<p>N\u00e4chsten Morgen r\u00e4umte ich mit James den Werkzeugschuppen auf, reinigte und \u00f6lte die brauchbaren Ger\u00e4te und fuhr den M\u00fcll weg. Zum Lunch zauberte ich einen Kaiserschmarrn mit Zwetschkenr\u00f6ster. Meinem mitschreibenden Butler erkl\u00e4rte ich, das sei das Lieblingsessen unseres alten Kaisers gewesen. Was er mit drei Rufzeichen im Heft vermerkte. Nach der Siesta r\u00fcsteten wir uns f\u00fcr den Besuch. Trotz der fr\u00fchen Stunde brannte ein kleines Feuer im Kaminofen, Sarah hatte einen gro\u00dfen Blumenstrau\u00df f\u00fcr die Tafel vorbeigebracht, und nach der Dusche kratzte ich alle Erde aus den Fingern\u00e4geln und wurde zum Gentleman. Um James brauchte ich mir wohl keine Sorgen zu machen, nur dass er heute dezent nach teurem Aftershave duftete. Oh, oh, die Nachbarin war ihm wohl nicht egal!<\/p>\n<p>Und sie wurde begr\u00fc\u00dft wie ein Ehrengast. \u201eVery lovely, how wundersch\u00f6n\u201c, lobte sie zweisprachig den frisch renovierten Salon, das w\u00e4re ja ein traumhafter Festsaal geworden. Bei ge\u00f6ffneter Terrassent\u00fcr sa\u00dfen wir wie in einem Wintergarten und freuten uns ganz einfach an der guten Jause und der angenehmen Gesellschaft, mit James als \u201eMitarbeiter\u201c gleichberechtigt bei Tisch. Erst nach einer guten Stunde standen wir im Garten herum und beratschlagten die Neugestaltung. James holte Schreibzeug, zeichnete einen kleinen Plan mit Meterangaben und notierte zu den Standorten die Pflanzen und deren Behandlung. Was stehenblieb, wurde mit Hakerl, die neuen Gew\u00e4chse mit Kreuzerl versehen, die umzugrabenden Fl\u00e4chen schraffiert. Mrs. Ivory-Smith gab uns noch die Adresse des n\u00e4chsten Gartenmarktes und bedankte sich herzlich f\u00fcr den sch\u00f6nen Nachmittag; ja, und das Rezept f\u00fcr diesen marvellous \u201eGugupf?\u201c \u2013 das Wort blieb ihr zwischen den Lippen stecken \u2013 also dieses Rezept wolle sie unbedingt ausprobieren. Sie w\u00fcrde uns auch gerne beim Einpflanzen helfen, wenn es so weit w\u00e4re, thank you, good evening. War da ein Zwinkern im Auge der Nachbarin beim Handshake mit James?<\/p>\n<p>Nach einer arbeitsreichen Woche war das meiste geschafft \u2013 der Garten prunkte mit Fertigrasen, einigen bl\u00fchenden Str\u00e4uchern (ich hatte gro\u00dfe Containerpflanzen gekauft) sowie einem jungen Marillenbaum und etlichen d\u00fcrren Besen, die erst im Fr\u00fchjahr ihre Pracht entfalten. Es war ja schon Ende Oktober. Die angek\u00fcndigte \u201ehouse-warming party\u201c war nur ein Teilerfolg, weil lediglich zwei Ehepaare den Brauch kannten und Essbares beisteuerten, eine Nachbarfamilie brachten nur Chips und Soletti sowie ihre br\u00fcllenden Kleinkinder mit, und ein versp\u00e4tetes uraltes Paar in schwarzer und silberner Abendkleidung drehte beim Anblick der sich am Tor \u00fcbergebenden beiden Jungen geschockt um. Aber nach deren Abgang wurde es gem\u00fctlich. James servierte f\u00fcr die Damen den \u00f6rtlichen \u201eStrongbow-Cider\u201c, f\u00fcr die Herren meinen mitgebrachten schweren Blaufr\u00e4nkisch. Richard hatte seine Gitarre dabei, der dicke Vis-\u00e0-vis-Nachbar eine rauchige Baritonstimme und zum Abschied sangen wir alle die inoffizielle Hymne von Cornwall, das Lied von Sir Trelawny:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>And shall Trelawny live? \u2013 And shall Trelawny die?<br \/>\nHere\u2019s twenty thousand Cornish men \u2013 Will know the reason why!<\/strong><\/p>\n<p>Dann verabschiedeten sich die Nachbarn. Es war inzwischen dunkel geworden, weshalb ich James ersuchte, Mrs. Ivory-Smith nach Hause zu begleiten. Was sie sich gerne gefallen lie\u00df und mich einen \u201ereal gentleman\u201c nannte, den kennenzulernen sie sich sehr gefreut h\u00e4tte. Na Gott sei Dank, dann war ja meine Ausbildung beendet. Daf\u00fcr war mein Butler schon ein bisserl nachl\u00e4ssig, er lie\u00df mich noch eine gute Stunde warten, obwohl die Nachbarin nur 100 Meter entfernt wohnte. Sie h\u00e4tten sich so angeregt \u00fcber die Gartenbetreuung unterhalten, entschuldigte er sein Ausbleiben, w\u00e4hrend er verd\u00e4chtig rasch den Salon aufr\u00e4umte. Na dann \u201egood evening, James\u201c, der Blaufr\u00e4nkisch entfaltete bereits seine Schwerkraft.<\/p>\n<p>\u00dcbern\u00e4chsten Tag musste ich zur\u00fcck nach Wien. Die Fotos vom Cottage und Garten kamen gut an, mein Chef buchte sofort f\u00fcr 23. bis 31. Dezember, wodurch er noch die Betreuung meines Butlers genoss. Er habe sich da, erz\u00e4hlte er sp\u00e4ter, wie ein englischer Lord gef\u00fchlt, und seine Frau habe umgehend ihre Garderobe darauf abgestimmt. Auch ein sehr teurer langer Kaminrock aus schwarzem Samt sei ein Muss gewesen, seufzte er.<\/p>\n<p>Nun ist das alles schon Vergangenheit, ich habe mein Cottage zwei Jahre sp\u00e4ter mit schwerem Profit verkauft. Butler James hat nach einem Jahr Mrs. Ivory-Smith geheiratet (als Brautf\u00fchrer durfte ich sie in einem Traum aus Silber und Blau zum Altar f\u00fchren), und nun lebe ich hochzufrieden mit der Sekret\u00e4rin des Maklers im Landhaus ihrer verstorbenen Tante am Bisamberg. Es war sehr sch\u00f6n, es hat mich sehr gefreut, und ich denke gerne an diese verr\u00fcckte Zeit zur\u00fcck, denn: <strong>Ich hatte einen Butler! <\/strong><\/p>\n<p>PS: Und gelegentlich erinnert mich mein Schatzerl ein bisserl gekr\u00e4nkt, dass ich sie damals nie zum Dinner eingeladen h\u00e4tte \u2013 sie w\u00e4re auch gerne einmal im Leben von einem Butler bedient worden. Vielleicht spielt James ja noch ein einziges Mal diese Rolle, wenn er uns mit Gattin im Sommer besucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21036<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet<br \/>\nund der Text gro\u00dfteils im Original belassen.)<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halt! Kennen Sie bereits\u00a0Teil 1\u00a0und\u00a0Teil 2? Hier folgt der letzte Teil dieser Geschichte. Ich habe jetzt einen Butler! 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