{"id":12357,"date":"2021-02-05T08:49:40","date_gmt":"2021-02-05T08:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12357"},"modified":"2021-02-27T15:01:19","modified_gmt":"2021-02-27T15:01:19","slug":"der-butler-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12357","title":{"rendered":"Der Butler 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12357&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12357&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Stop! Haben Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12355\">Teil 1<\/a>\u00a0schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich habe jetzt einen Butler!<\/strong><\/p>\n<p>Schlimm war f\u00fcr mich auch die zweite Woche, als ich James f\u00fcr ein paar Tage nach Wien mitnahm. Denn meine Zweieinhalbzimmer-Wohnung war nun wirklich nicht butlertauglich. Er verzog schmerzlich das Gesicht, als ich ihm das alte Kinderzimmer als Quartier zuwies, und war sichtlich erleichtert, dass ich umgehend (f\u00fcr guten Lohn) die Hausbesorgerin als Putzfrau gewinnen konnte. Und dann sahen wir uns ratlos an, mein Butler und ich. Es war schon Nachmittag, ins B\u00fcro konnte ich erst morgen. \u201eJames, would you attend me to the Supermarket, please? I think we need some food for the next days.\u201c W\u00e4hrend ich die Einkaufsliste schrieb, r\u00e4umte James seine Sachen in den Schrank, dann gingen wir los, ich mit der gro\u00dfen ledernen Einkaufstasche meiner Mutter und James mit meinem kleinen Aktenkoffer. Ein Butler schleppt sich doch nicht ab! Unterwegs erkl\u00e4rte ich ihm den Umrechnungskurs englische Pfund zu Euro und gab ihm einige Euro-Noten als Taschengeld. Am Heimweg kehrten wir beim Chinesen ums Eck auf ein Bier ein \u2013 ein Pub konnte ich James ja nicht bieten.<\/p>\n<p>Wieder zu Hause \u00fcbergab ich James meine Zweitschl\u00fcssel, meine B\u00fcro-Karte und den Wiener U-Bahn-Fahrplan. Eine Wochenkarte hatte ich ihm schon am Flughafen gekauft. Dann war die Essensfrage zu kl\u00e4ren. James konnte nicht kochen, und von Tee und Keksen wollte ich nicht leben. Wir einigten uns, dass er f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck und ein paar Sandwiches am Abend zust\u00e4ndig sei, bei meiner Abwesenheit m\u00f6ge er auf meine Rechnung essen gehen, und ansonsten mit meinen Kochk\u00fcnsten Vorlieb nehmen. James nickte gottergeben, aber diese alte K\u00fcchen-Ausstattung w\u00e4re unakzeptabel. Nicht einmal ein einziges Silberbesteck, nur emaillierte T\u00f6pfe und abgesto\u00dfene Gl\u00e4ser, nein, das sei eines Gentleman nicht w\u00fcrdig. Aber wo treibt man in der Vorstadt ein preiswertes Silberbesteck auf? Da fiel mir das Dorotheum in der Wiener City ein.<\/p>\n<p>\u201eOkay James, please come with me, shopping!\u201c Gl\u00fcck muss man haben, ich bekam dort ein billiges Edel-Essger\u00e4t, weil nicht mehr vollst\u00e4ndig. Rostfrei-T\u00f6pfe und Glas sowie eine Silberpolitur gab es bei einer Firma am Stephansplatz. Den Preisen nach war das fr\u00fcher wohl eine Apotheke. Nun konnte das stilvolle Dinner mit \u201eHam and Eggs\u201c und G\u00f6sser steigen. Die fehlenden Kerzenleuchter und Stoffservietten bat ich meinen Butler zu entschuldigen, ich w\u00fcrde sie demn\u00e4chst besorgen.<\/p>\n<p>Nie h\u00e4tte ich geglaubt, dass ein einfaches Nachtmahl so anstrengend sein kann. Zuerst musste ich unter die Dusche, Rasieren, Kopf waschen, Manik\u00fcre; und was eigentlich zieht man zu Hause f\u00fcr diese, \u00e4h, \u201eZeremonie\u201c an? \u201eA Dinner Jacket, what else?\u201c, empfahl mein Butler, aber sowas habe ich doch nicht. Die Inspektion meines Kleiderschrankes war f\u00fcr mich \u2013 in Unterhosen davorstehend \u2013 sehr besch\u00e4mend. Gut die H\u00e4lfte meiner Kleidung landete am Boden und sollte morgen in die Humana-Container, meinte James. Nur ein weinrotes neues Sakko und schwarze Hose, mit passender Fliege erg\u00e4nzt, fand Gnade f\u00fcr diesen Abend. Auch war nur ein einziges Paar Schuhe Gentleman-tauglich, die anderen m\u00f6ge ich auf der Baustelle auftragen.<\/p>\n<p>Mir knurrte schon der Magen, aber da fing die Pr\u00fcfung erst an. Ich durfte nicht einmal in die K\u00fcche, sondern hatte mir im Wohnzimmer einen Sherry einzuschenken und auf die Ank\u00fcndigung von James \u201eDinner is ready, Sir\u201c zu warten. Mangels Sherry hatte ich ein gr\u00f6\u00dferes Schnapsglas mit \u201eNussernem\u201c in der Hand, als er mich endlich zu Tisch bat. Seinen erstaunten Blick, von dezentem Schnuppern begleitet, erwiderte ich mit der Ausrede: \u201eThat\u2019s the Austrian Sherry, a very special kind of.\u201c<\/p>\n<p>Man soll es nicht glauben, aber ein englischer Gentleman freut sich nicht aufs Essen!! Zumindest darf er es nicht zeigen! Kaum nahm ich mit freudig-erwartungsvollem Gesicht am festlich gedeckten Tisch Platz, als mir James auch schon mit langsam absinkenden H\u00e4nden zu verstehen gab, dass wahrnehmbare Freude aufs Essen fehl am Platz sei, h\u00f6chstens eine am\u00fcsierte Bemerkung, was die K\u00f6chin heute gezaubert haben k\u00f6nnte. Auf seine Frage, was f\u00fcr ein Getr\u00e4nk ich bevorz\u00f6ge, erwiderte ich also brav: \u201eA pint of bitter, please\u201c, worauf mein Butler in Ermangelung eines Weink\u00fchlers die Bierflasche aus einer irdenen Blumenvase zog und behutsam einschenkte. Nat\u00fcrlich nur dreiviertel voll. Aber die Bemerkung, dass \u00fcblicherweise zuerst ein Aperitif angebracht w\u00e4re, verkniff er sich doch nicht. Nach dieser bitteren Pille kam endlich der Lichtblick des Abends, das von James pers\u00f6nlich zubereitete \u201eHam and Eggs\u201c, mit einer sogenannten Salatgarnitur und einer Semmel als Beilage. Die drei Blatt Schinken waren wohl einzeln ger\u00f6stet und zusammengerollt worden, die zwei Spiegeleier bedeckten nur einen Bruchteil des gro\u00dfen Zwiebelmuster-Tellers, weshalb die auf einem eigenen Tellerchen liegende Semmel die Hauptlast der Mahlzeit tragen musste. Au\u00dferdem wachte James mit Argusaugen dar\u00fcber, dass ich nur daumennagelgro\u00dfe St\u00fccke auf die Gabel nahm und die Semmel nicht wie gewohnt in vier, f\u00fcnf St\u00fccke riss und verschlang, sondern jeden kleinen Bissen endlos kaute. Auch das Bier durfte nur schluckweise getrunken werden. W\u00e4hrend des Essens erinnerte ich mich an die Mathematikstunden im Gymnasium \u2013 die vergingen auch so qu\u00e4lend langsam.<\/p>\n<p>Endlich war der letzte Rest auf dem Teller weg, die Semmel verzehrt und der bereits warme Bierrest im Glas geleert, mit der Serviette der Mund abgewischt und ich durfte aufstehen. \u201eIt was a good start, Sir\u201c, lobte mich James und wurde zu seinem eigenen Abendessen in die K\u00fcche entlassen, w\u00e4hrend ich mir die Schuhe f\u00fcr den Abendspaziergang anzog. Jetzt brauchte ich ein Gulasch und ein Bier, um den Schock abzuarbeiten. Ich gab mir unterwegs einige unfreundliche Namen, weil ich mir diesen Unfug \u00fcberhaupt angetan hatte. Aber als ich im ungel\u00fcfteten Wirtshaus beim z\u00e4hen Gulasch sa\u00df, den lauten Gespr\u00e4chen der \u00f6rtlichen Trinkergemeinde zuh\u00f6ren musste und das Bier aus einem stark abgenutzten Kr\u00fcgel trank, fand ich erstaunlicherweise, dass ein \u00fcppigeres Dinner mit ein, zwei angenehmen G\u00e4sten auch seine guten Seiten haben k\u00f6nnte. Nach dem zweiten Bier kam ich ziemlich m\u00fcde nach Hause, grunzte nur mehr ein \u201eGood night, James\u201c und fiel ins Bett. Getr\u00e4umt habe ich in dieser Nacht komischerweise, dass ich auf <span style=\"color: #333333;\">eine S\u00fcdsee-Insel gezogen sei und mit einem braunen M\u00e4dchen ohne jede Zivilisation\u00a0 jeden Tag mit der Sonne um die Wette strahlte.<\/span><\/p>\n<p>Der folgende B\u00fcrotag war anstrengend genug, und abends musste ich noch zwei Tischt\u00fccher und Stoffservietten kaufen. Die von James urgierten Kerzenleuchter aus Silber haben schweres Geld gekostet; dass das auch eine gute Wertanlage sei, war nur ein schwacher Trost. Gott sei Dank gab es am Stephansplatz auch Kerzen. Endlich alles erledigt f\u00fcr heute, ich h\u00e4tte mich beinahe schon aufs Heimkommen gefreut, da fiel mir ein, dass ich ja wieder ein Dinner zu \u00fcberstehen hatte. Und was sollte da auf dem Speiseplan stehen? Die Standlerin bei der Haltestelle hatte sch\u00f6ne Zwetschken anzubieten \u2013 also Zwetschkenkn\u00f6del! Fertigteig war zu Hause, und vom Chinesen nahm ich einen Beh\u00e4lter Suppe mit.<\/p>\n<p>\u201eGood evening, James, what about plum-dumplings for dinner? Would you like to watch me making them?\u201c Mein guter Geist nickte interessiert, und w\u00e4hrend ich die Br\u00f6sel r\u00f6stete und den Teig r\u00fchrte, erz\u00e4hlte er mir von seinem Vienna-Sightseeing und dass ihm Wien sehr gut gefallen hatte. Inzwischen \u00fcberlegte ich, ob ich heute noch einen Tischgast gewinnen k\u00f6nnte. Ein Ehepaar kam wohl so schnell nicht in Frage, aber halt, die Malerin vom 7. Stock k\u00f6nnte ich anrufen. Ihre unkonventionelle K\u00fcnstlernatur w\u00e4re ein erfrischender Kontrast zum formellen Butler-Dinner. Sie sagte gerne zu, den ganzen Tag h\u00e4tte sie gearbeitet, nun w\u00e4re ihr ein warmes Essen sehr angenehm. Ja, p\u00fcnktlich um 19:30 Uhr. \u201eJames, please dinner for two at half past seven, a friend of mine, Lady Charlotte, will come\u201c, teilte ich meinem Butler mit, w\u00e4hrend ich die Kn\u00f6del formte und ihn unterwies, dass diese genau 15 Minuten im kochenden Wasser br\u00e4uchten, ehe sie in den Br\u00f6seln gew\u00e4lzt w\u00fcrden. Und bitte den Zuckerstreuer nicht zu vergessen.<\/p>\n<p>Um halb acht traf meine Nachbarin ein und meinen Butler fast der Schlag: Charlotte war auf Meerjungfrau unterwegs; sie trug ein Eigenbau-Kleid aus gl\u00e4nzenden gr\u00fcnblauen Stoffbahnen, das unten zu lang und oben zu kurz war; ihren gro\u00dfteils sichtbaren Oberk\u00f6rper bedeckten mehrere Muschelketten. \u201eJ\u00f6, Zwetschkenkn\u00f6del\u201c, jubelte sie und umarmte mich wie einen heimkehrenden Krieger. Erst dann erkannte sie die Situation \u2013 den steifen Butler und meine vornehme Gewandung. Das steckte sie mit einem \u201eNa servas\u201c locker weg, ging voraus ins Zimmer und kippte den doppelten Nussernen wie einen Schluck Wasser. Inzwischen entz\u00fcndete James die Kerzen und r\u00fcckte meiner \u201eLady\u201c den Stuhl zurecht. Bei der Suppe war ihr der Schock noch anzumerken, aber bereits beim ersten \u201eplum-dumpling\u201c war sie wieder unbeschwert, gratulierte mir zum Joker-Gewinn und wir plauderten gutgelaunt. Auch James taute auf und servierte nachsichtig l\u00e4chelnd die Traminer Sp\u00e4tlese. Somit genossen wir ein fr\u00f6hliches Dinner; schwierig war nur, Charlotte gegen neun wieder zu verabschieden, weil ich angeblich noch zu einem Freund musste. James begriff sofort und kam mit dem Mantel, w\u00e4hrend mein Gast sich f\u00fcr den sch\u00f6nen Abend bedankte. Nach einer Runde um den H\u00e4userblock leistete ich James bei seinem Abendessen in der K\u00fcche Gesellschaft, wo er mir die richtige Besteck-Handhabung vorf\u00fchrte. \u201eIt was an interesting evening\u201c, kommentierte er wohlwollend, nachdem ich meine \u201eLady\u201c als schr\u00e4ge K\u00fcnstlerin klassifiziert hatte. Und diese herrlichen \u201eplum-dumplings\u201c wolle er in Cornwall heimisch machen \u2013 ob ich noch mehr so gute Gerichte kenne. \u201eOh yes, James, a lot of.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag im B\u00fcro erkl\u00e4rte ich meinem Chef, Dkfm. Sensenbrenner, die Situation, und dass ich jetzt sofort meinen ganzen Urlaub f\u00fcrs Renovieren br\u00e4uchte. \u201eEin Cottage in Cornwall, ich gratuliere\u201c, meinte dieser anerkennend, \u201eda wollte ich schon lange einmal hin.\u201c Worauf ich ihm vorschlug: \u201e\u00dcberraschen Sie doch Ihre Frau und feiern Sie Weihnachten dort \u2013 ich muss ohnehin \u201eBed and Breakfast\u201c anbieten, um die laufenden Kosten zu decken, w\u00fcrde Ihnen das gefallen? Ich kann gerne ein paar Fotos schicken, wenn wir fertig sind, ja?\u201c Er m\u00fcsse nat\u00fcrlich noch seine Frau \u00fcberzeugen, so mein Chef, aber ja, er w\u00fcrde mir Ende November Bescheid geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12360\">Auf ins Finale: gleich weiterlesen bei Teil 3<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21035<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet<br \/>\nund der Text gro\u00dfteils im Original belassen.)<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stop! Haben Sie\u00a0Teil 1\u00a0schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung. Ich habe jetzt einen Butler! 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