{"id":12355,"date":"2021-02-04T08:45:57","date_gmt":"2021-02-04T08:45:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12355"},"modified":"2021-02-13T17:23:22","modified_gmt":"2021-02-13T17:23:22","slug":"der-butler-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12355","title":{"rendered":"Der Butler 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12355&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12355&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Ich habe jetzt einen Butler!<\/strong><\/p>\n<p>Ich, das Vorstadtkind, habe einen Butler zu Hause, der mir die T\u00fcr \u00f6ffnet, den Mantel abnimmt, mich fragt, ob ich einen guten Tag gehabt habe, und all das, wie man es in englischen Filmen und noch mehr in alten Fernseh-Kom\u00f6dien sieht und h\u00f6rt. Er fragt mich, wann ich zu Abend speisen will (manchmal sagt er \u201eDinner\u201c, manchmal sagt er \u201eSupper\u201c, ich wei\u00df nie genau, was der Unterschied ist. Wie ich damals in Cornwall als zahlender Gast bei einer Familie einquartiert war, hat deren kleine Tochter mich immer mit den Worten \u201eRobert, tea is ready\u201c zum Abendessen geholt. Dieser Englischkurs ist nun drei\u00dfig Jahre her, und dementsprechend ist mein Englisch schon sehr d\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Auch wei\u00df ich nicht recht, was ich mit dem Butler anfangen soll \u2013 weil nicht nur der Butler, auch ich als sein Arbeitgeber sollte mit dieser Situation zurechtkommen, das macht uns wohl beide befangen. Aber eine Gebrauchsanweisung f\u00fcr einen Butler gibt es nicht, ich habe schon im Internet nachgeschaut. Da sieht man immer nur den uralten Film \u201eDinner for one\u201c und diverse Gesellschaften, die Butler vermieten und so \u2013 sehr verunsichernd und ein bisserl peinlich halt, wenn man es gewohnt ist, selbst ein Bier aus dem K\u00fchlschrank zu nehmen und ein Schmalzbrot zu streichen. Und diese wei\u00dfen Handschuhe den ganzen Tag \u2013 dass die nicht schmutzig werden? Ich habe vor zig Jahren, als gr\u00fcner J\u00fcngling in der Tanzschule, so was tragen m\u00fcssen. Meine Mutter hat gemeint, dass viele junge Burschen beim Tanzen aus Verlegenheit schwitzige H\u00e4nde haben, und das sei nicht gut f\u00fcr die Kleider der M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Wie kam es nun dazu, dass ich einen Butler habe? Eigentlich wollte ich ja damals gar kein Los kaufen, aber da hatte im Supermarkt der Kunde vor mir ein falsches Los gekauft und den Irrtum zu sp\u00e4t bemerkt. Stornieren konnte es die Kassierin nicht mehr, so habe ich gutm\u00fctig gesagt: \u201eNa dann geben Sie es mir\u201c, und hatte nunmehr ein Los mit Quicktipp und einem Joker, was immer das bedeutet. Ich, der bis zum Geiz sparsame und dem Gl\u00fccksspiel Abholde, hatte nun ein Los \u2013 und damit, nat\u00fcrlich mit der Wahrscheinlichkeit eins zu Millionen, die Chance auf einen hohen Gewinn, oder wenn es nur vier richtige Zahlen hatte, auf ein Trinkgeld. Und dann habe ich es achtlos in die \u00e4u\u00dfere Rocktasche gesteckt und dort vergessen, weil ich dieses Sakko nur \u201ef\u00fcr sch\u00f6n\u201c trage. Aber das Schicksal ist hartn\u00e4ckig \u2013 als dann Monate sp\u00e4ter mein Alltagsrock in die Putzerei musste, habe ich das Los in der Tasche gefunden und beim n\u00e4chsten Einkauf gefragt, ob es noch g\u00fcltig sei. \u201eSchau ma halt\u201c, meinte die Kassierin und steckte es in die Maschine, um sich dann mit weit aufgerissenen Augen zu mir umzudrehen. Zuerst sagte sie, im Schock, eine Minute lang gar nichts, dann kam die Meldung: \u201eStelln\u2019s Ihna vor, das is der Hauptgewinn!! Und j\u00f6ssas, der Joker is a no drauf, mit dreihunderttausend Euro!!!!\u201c Gott sei Dank war ich vor dem Zusperren der einzige Kunde im Laden und reagierte rasch: \u201eWenn ich das Geld noch bekomme und Sie niemandem was erz\u00e4hlen, gibt\u2019s einen Tausender Weihnachtsgeld f\u00fcr Sie, was hei\u00dft, f\u00fcnf Tausender, auf die Hand, ja?\u201c Sie schlug blitzenden Auges in meine hingehaltene Hand und meinte: \u201eMach ma, trifft sich guat, ich geh Weihnachten eh in Pension!\u201c<\/p>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter hatte ich fast zwei Millionen Euro auf der Bank und begann zu \u00fcberlegen, was damit geschehen k\u00f6nnte. Die kleineren Sachen waren schon erledigt: ein neues Auto, die Wohnung mit Parkettboden und Tapeten renoviert, Bad frisch gekachelt, Garderobe ausgemustert und mit guten Sachen erg\u00e4nzt, drei Wochen Urlaub in der Karibik und der zickigen Freundin den Weisel gegeben. Vor meinem Lottogewinn hatte sie mir \u00f6fter zu verstehen gegeben, dass sie als Tochter aus gutb\u00fcrgerlichem Haus eine bessere Partie verdient h\u00e4tte. Und nun hatte sie begonnen, Anspr\u00fcche zu stellen. Nein, nicht mit mir. Dabei hatte ich sowieso nur den Joker Hauptgewinn und zus\u00e4tzlich einen Vierer zugegeben, weil meine nunmehr besseren Verh\u00e4ltnisse in der Nachbarschaft aufgefallen waren. Und den Mann aus dem Nebenhaus, der mir damals das falsche Los \u00fcberlie\u00df, hatte vor Gift und Galle fast der Schlag getroffen \u2013 er gr\u00fc\u00dft mich seither nicht mehr. Na, dann nicht, selber schuld!<\/p>\n<p>Ja, und so habe ich in den nunmehr h\u00e4ufigeren stillen Stunden allein zu Hause \u00fcberlegt, was ich mit dem Geld anfangen soll. Am Sparbuch bekommt man keine Zinsen und die Inflation nagt am Guthaben wie eine Ratte an den Erd\u00e4pfeln im Keller. Der auf einmal sehr freundliche Kundenberater meiner Bank wollte mir sch\u00f6ne Fonds mit Wertpapieren verkaufen, oder wenigstens Staatsanleihen. Aber zum Staat habe ich nicht viel Vertrauen \u2013 ich sehe und h\u00f6re ja dauernd im Fernsehen, wie die Staatsschulden steigen. Und mit Aktien kenne ich mich nicht aus. Damals, beim letzten Bankencrash vor ein paar Jahren, hat mein Geldinstitut auch einige Millionen verloren \u2013 da hat sie der eigene Berater wohl falsch beraten. Nein, solchen selbsternannten Fachleuten, die schon stinkend faule Kredite nicht einmal direkt vor der Nase erkennen, traue ich nicht. Aber was tun?<\/p>\n<p>Mein Abteilungsleiter, der Dkfm. Sensenbrenner, dessen ruhig-\u00fcberlegte Art ich sehr sch\u00e4tze, hat sich vor drei Jahren ein Haus mit gro\u00dfem Grundst\u00fcck gekauft, etwa 30 km au\u00dferhalb Wiens, \u201eNur ein Grundst\u00fcck oder ein gut gebautes Haus\u201c, hat er gesagt, \u201ebeh\u00e4lt und steigert seinen Wert, wenn die Lage passt und es \u00f6ffentlich gut erreichbar ist. F\u00fcr Gold braucht man sehr viel Kapital, und bei Aktien muss man sich schon jahrelang gut auskennen und dauernd am Ball sein.\u201c Also gut, Immobilien w\u00e4ren die L\u00f6sung. Aber welche und wo? Und da fiel es mir wieder ein: Wo wollte ich schon vor langer Zeit einen eigenen Bungalow haben und in der Pension das halbe Jahr dortbleiben? In Cornwall \u2013 wo ich damals den Englischkurs gemacht habe und so begeistert war von der sch\u00f6nen K\u00fcste und den mit herrlichen G\u00e4rten umgebenen H\u00e4usern. Kilometerlange Fuchsien-Hecken, riesige Hortensien, \u00fcberall die pr\u00e4chtigsten Lupinen- und Fingerhut-Rabatte, da und dort struppige Palmen und immer wieder der Ausblick aufs Meer und der gute Geruch der Brise. Und auch der weite Blick \u00fcber die mit niedrigen, gr\u00fcn bewachsenen Mauern getrennten Felder und Wiesen. Cornwall hei\u00dft ja Kornfelder, mit Mauern umgeben.<\/p>\n<p>Gleich am n\u00e4chsten Samstagvormittag habe ich die Karte meines damaligen Vermieters hervorgesucht und ihn angerufen. Er hat sich echt gefreut, wieder von mir zu h\u00f6ren; und ja, ich sei gerne als Gast willkommen. Platz genug, die Tochter sei ja inzwischen in London verheiratet; seine Frau Sarah und er w\u00e4ren schon in Pension. Wann ich kommen wolle? Ich gab Bescheid, erst m\u00fcsse ich eine Vertretung im B\u00fcro finden, ich werde mich rechtzeitig melden, liebe Gr\u00fc\u00dfe an die Gattin, danke.<\/p>\n<p>Dann habe ich mir aus dem Internet zwei Makler herausgesucht und per Mail angefragt, ob in der Umgebung von Falmouth oder Penzance ein kleines Cottage zu haben w\u00e4re \u2013 mit Garten, zwei Schlafr\u00e4umen und in gutem Bauzustand. Meerblick w\u00e4re nicht Bedingung, aber in K\u00fcstenn\u00e4he. Es sollte aber bald sein, solange England noch in EU-Verbindung sei, da w\u00e4re ein Verkauf an Ausl\u00e4nder sicher einfacher.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter sa\u00df ich schon im Flieger. Der eine Makler hatte nur gro\u00dfe, teure H\u00e4user anzubieten, aber der zweite, dessen Sekret\u00e4rin auch beinahe wienerisches Deutsch sprach, hatte etwas Passendes im Portefeuille. Ein kleines liebes H\u00e4uschen mit traumhaftem Garten und ein etwas gr\u00f6\u00dferes, \u00e4u\u00dferlich unansehnlicher, aber mit Blick aufs Meer. Und preiswert, weil dessen Besitzer rasch verkaufen m\u00fcsse. Mein Gastgeber, ein pensionierter Maurer, hat mich gleich vom Bahnhof zum Cottage zwei gefahren, und dort hat uns ein \u00e4lterer Herr in schwarzem Anzug h\u00f6flich-reserviert begr\u00fc\u00dft und durch das Haus gef\u00fchrt. Auf meine Frage stellte er sich als der Butler des Verk\u00e4ufers vor: \u201eJames, zu dienen\u201c.<\/p>\n<p>Weil das kleinere Cottage nach dem Motto \u201eAu\u00dfen hui, innen pfui\u201c billigst gebaut und eingerichtet war, mit rostigen Installationen und verwahrlosten B\u00f6den, kam nur mehr das gr\u00f6\u00dfere Objekt in Frage. Mein Gastgeber Richard meinte, mit knapp 20.000 Euro f\u00fcr die n\u00f6tigen Instandsetzungen w\u00e4re das Haus wieder wie neu; wenn wir bald anfangen, k\u00f6nnte alles bis Weihnachten fertig sein. Also retour zum Makler und ich stellte mein Angebot: Kaufpreis minus 20.000 Euro, die Immobilie m\u00fcsse lastenfrei sein und der Verkauf rasch abgeschlossen, Unterschrift gegen Bargeld. Die h\u00fcbsche Sekret\u00e4rin bat ich um \u00dcbersetzungshilfe beim Vertrag und schrieb ihr meine Telefonnummer auf einen Hundert-Euro-Schein, was sie mit erfreutem L\u00e4cheln dankte. Nach einer Woche konnte ich unterschreiben und hatte ein Haus in Cornwall.<\/p>\n<p>Aber nicht nur das, ich hatte offensichtlich auch den Butler mitgekauft. Der Vorbesitzer hatte k\u00fcrzlich sein gro\u00dfes Anwesen infolge Insolvenz verkaufen m\u00fcssen, das Cottage wollte er zuerst behalten. Dort war auch James bis zu seinem baldigen Pensionsantritt einquartiert. Aber weil er noch Schulden hatte, ist der Verk\u00e4ufer \u2013 mit meinem Geld in der Tasche \u2013 noch am selben Tag nach Neuseeland gefl\u00fcchtet. Weshalb mich James um ein Gentlemen\u2019s Agreement ersuchte: Ob ich ihn noch bis Jahresende weiter besch\u00e4ftigen wolle, denn er k\u00f6nne erst zu Neujahr den Alterssitz bei seiner Nichte in Schottland beziehen. Er w\u00fcrde mir halbtags sogar beim Renovieren helfen. Nun ja, ich h\u00e4tte das Haus auch gekauft, wenn es ein paar tausend Euro mehr gekostet h\u00e4tte, also in Gottes Namen! Mein neuer Butler holte eine \u201evergessene\u201c Flasche Champagner aus dem Keller und schenkte mir formvollendet ein Glas ein. War ich nun wirklich ein englischer Gentleman?<\/p>\n<p>Na ja, da fehlte noch eine ganze Menge. Nach der ersten Nacht im Cottage weckte mich James vereinbarungsgem\u00e4\u00df, brachte mir eine Tasse Tee ans Bett und servierte dann ein traditionelles englisches Fr\u00fchst\u00fcck. Nur die Zubereitung von trinkbarem Kaffee musste ich ihm zeigen. Aber sonst war ich meinem neuen Status hilflos ausgeliefert. Weder Kleidung noch Umgangsformen passten \u2013 und der durchaus gutwillige James war mit meiner \u201eUmerziehung\u201c ziemlich \u00fcberfordert. Noch dazu bei meinem lausigen Englisch! Ich habe ihn gebeten mir zu sagen und notfalls auch vorzuzeigen, wie sich ein vornehmer Hausherr geben sollte. Zeitsparenderweise m\u00f6ge er auch alle kostspieligen H\u00f6flichkeiten weglassen, wenn wir allein waren, und mich in der dritten Person belehren: \u201eA Gentleman should \u2026\u201c. So in der Art halt.<\/p>\n<p>Es war eine schwere Zeit f\u00fcr uns beide, ich getraute mich in seiner Anwesenheit nicht einmal mehr zu schn\u00e4uzen, und James bekam starke Abn\u00fctzungen in der Halswirbels\u00e4ule, vom vielen hilflosen Kopfsch\u00fctteln. Gott sei Dank war Richard unsere Rettung. Er brachte beim ersten Gespr\u00e4ch \u00fcber die geplante Renovierung heraus, dass James in seiner Jugend Elektriker gelernt hatte, und so wurde dieser \u2013 von acht bis 16 Uhr \u2013 taxfrei zum \u201eHackler\u201c ernannt und durfte sich in dieser Zeit auch so benehmen; er musste nun Bier aus der Dose trinken und hatte sichtlich Freude an diesem Rollenspiel, aber manchmal seufzte er, er f\u00fcrchte schizophren zu werden. Mit neuem Overall, wei\u00dfem Schutzhelm und Bauhandschuhen korrekt gekleidet half er mit und war vorbildlich bestrebt, die Baustelle und Werkzeug sauber und aufger\u00e4umt zu halten. Es war r\u00fchrend zu beobachten, wenn James mittags den von Richards Frau Sarah gebrachten Eintopf in die Plastikteller sch\u00f6pfte und vorher die Schalungstafel abwischte, welche auf rostigen Ger\u00fcstb\u00f6cken lag. Exakt im vorgeschriebenen Abstand lagen das Besteck und die Papierservietten. L\u00e4stig war mir nur, dass alle externen Arbeiter und Lieferanten infolge seiner sauberen Kleidung und souver\u00e4nen Haltung James f\u00fcr den Bauherrn hielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Lust aufs Weiterlesen? <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12357\">Hier geht es weiter mit Teil 2 &#8230;<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21034<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe jetzt einen Butler! Ich, das Vorstadtkind, habe einen Butler zu Hause, der mir die T\u00fcr \u00f6ffnet, den Mantel abnimmt, mich fragt, ob ich einen guten Tag gehabt habe, und all das, wie man es in englischen Filmen und noch mehr in alten Fernseh-Kom\u00f6dien sieht und h\u00f6rt. 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