{"id":12338,"date":"2021-01-29T09:04:10","date_gmt":"2021-01-29T09:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12338"},"modified":"2021-02-13T16:56:34","modified_gmt":"2021-02-13T16:56:34","slug":"faehrten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12338","title":{"rendered":"F\u00e4hrten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12338&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12338&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Den Blick hielt er nach unten gerichtet. Schneefall von schr\u00e4g vorne machte dies notwendig. M\u00fctze und Kapuze tief ins Gesicht gezogen, der Schal doppelt gewunden, um dicht abzuschlie\u00dfen gegen die nachmitt\u00e4glichen Unbilden der Witterung. Beim steilen Anstieg in den Wald versuchte er, die Spuren der Tiere zu erkennen, die den Weg kreuzten, in rechtem oder spitzem Winkel, oder derjenigen, die den stark begangenen Weg der Dorfbewohner zu ihrem eigenen Pfad machten und ihre Tritte parallel zu ihnen setzten, zeitversetzt, versteht sich.<br \/>\nDie Parallelit\u00e4t l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich bei Hunden erkl\u00e4ren, deren kr\u00e4ftige Krallen gut sichtbar. Im Umkreis der Geh\u00f6fte Katzentatzen ohne sichtbare Krallen.<br \/>\nDie F\u00e4hrten erz\u00e4hlen kleine Geschichten.<br \/>\nDas Fehlen von Fuchsspuren leider auch.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich die Spuren, die die Menschen hinterlassen, ihre Schuh- und Stiefelabdr\u00fccke, tiefe Stollen in den Gummisohlen mit Mustern, mit Kreuzen, Rauten, Streifen, Punkten, Sternen, Pfeilen, Dreiecken, Quadraten. Eindr\u00fccke von Schneeschuhen, die vieles unter sich lassen, Schnee und die Zeichen der Vorg\u00e4nger.<br \/>\nWomit sonst sollte man sich befassen, wenn der Blick gesenkt ist?<br \/>\nEr musste l\u00e4cheln, als er glaubte, in einem der Abdr\u00fccke den von Paula erkennen zu k\u00f6nnen, mit der er gemeinsam am Vortag auch hier entlanggegangen war, ein kleiner Kreis, der einen gr\u00f6\u00dferen schneidet und eine Schnittmenge Schnee bildet oder Matsch, je nach Beschaffenheit des Untergrundes.<\/p>\n<p>Weiters jede Menge Pferdehufspuren, der Reiterhof lag in der N\u00e4he. Und Pferde\u00e4pfel. Waren es jene der viel zitierten zehn Pferde, die Paula heute nicht zum Mitgehen bewegen hatten k\u00f6nnen? Das Wetter zu widrig, Schneefall, Schneesturm, ein Wetterumschwung auf w\u00e4rmere Temperaturen, das merke man beim Gehen, der Schnee ein wenig w\u00e4ssriger als gestern noch. Wahrlich kein Pulverschnee, der ihm nun beinahe waagrecht entgegenkam, sondern Eiskristalle, scharfe Eisk\u00f6rnchen, die seinem Gesicht eine unverdiente Abreibung verpassten.<br \/>\nKein Wunder, dass Paula heute ihr Zuhause vorgezogen hatte.<\/p>\n<p>Er besah sich eine M\u00e4usespur, die wie in einem N\u00e4hschnittmuster in B\u00f6gen und Zickzack von einer Seite des Waldes in die andere \u00fcbersetzte. Geh\u00e4uft zu sehen waren die Doppelhufe der Rehe, vereinzelt die markanten Hasenspuren, manchmal mit charakteristischem Richtungswechsel. Der Schneesturm w\u00fcrde alle Spuren bald verwehen. Und hier \u2013 er musste blinzeln und sich hinunterb\u00fccken, um seinen Eindruck zu verifizieren \u2013 war ein kleiner hellroter Blutfleck im Schnee, frisches Blut!?<br \/>\nEr sollte sich sputen, die D\u00e4mmerung setzte bereits ein, aber die Blutflecken wiederholten sich in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, er glaubte, sie inmitten von Pferdehufabdr\u00fccken orten zu k\u00f6nnen, war sich da aber nicht ganz sicher. Die Sicht wurde immer schlechter. Vermutlich hatte ein Pferd eine Verletzung, auf die er aufmerksam machen sollte, damit sie nicht unentdeckt blieb. Es war wohl anzunehmen, dass der Ritt den Reiterhof zum Ziel hatte und der lag ohnedies auf seinem Weg. Also folgte er der Spur, obwohl der Schneesturm an Vehemenz zugenommen hatte und ihm inzwischen beinahe die Sicht nahm.<\/p>\n<p>Auch das Atmen fiel schwer, der Wind dr\u00fcckte ihm die Luft ab. Noch war er nach seiner Erkrankung nicht in bester k\u00f6rperlicher Verfassung. Aber er f\u00fchlte sich kraftvoll genug und die Leistungsf\u00e4higkeit wollte schlie\u00dflich trainiert werden, r\u00fcstig sein, so nannte man das bei Menschen seines Alters, nichts anderes wollte er von sich erwarten. Damals hatte er erst unter Atemnot und hustend zu seinem Arzt und dann zu den vermummten Sanit\u00e4tern gesagt, dass ihn nichts und niemand \u2026, doch als seine Frau ihn leise bat, gab er klein bei und sich in die H\u00e4nde der Mediziner. Schon nach eineinhalb Wochen konnte er das Spital wieder verlassen und galt als gesund, mehr oder minder. Wie viel Gl\u00fcck kann man haben?! Und dann noch viel mehr davon: Die Krankheit war bei Paula nur mit leichten Symptomen verlaufen!<\/p>\n<p>Dem Tag ging die Kraft aus, nicht so dem Sturm. Die Dunkelheit sickerte rasch in den Wald, f\u00fcllte, was das Flockengeschwader \u00fcbrig lie\u00df, verdichtete jegliche Zwischenr\u00e4ume, undurchdringlich und fremd schien ihm der Wald. Einzig der Schnee am Boden erlaubte es, den Weg zu erahnen. Beh\u00e4big und schwerf\u00e4llig f\u00fchlte er sich, sein Puls ging schneller. Er kam nur langsam voran, l\u00e4ngst war nicht mehr daran zu denken, die Blutspur ausmachen zu k\u00f6nnen, nicht einmal die Hufabdr\u00fccke waren sichtbar. War er \u00fcberhaupt noch auf dem Waldweg, ebendieser vermeintliche wand sich im Zickzack zwischen den B\u00e4umen durch, ein Hasensteig eher. Da kam er auch noch zu Fall und kurz wurde ihm schwarz vor Augen, doch war er unverletzt. Paula hatte immer gemahnt, viele Stiegen zu steigen w\u00fcrde jene Muskeln trainieren, die man brauchte, um nach einem Sturz ohne Hilfe wieder aufstehen zu k\u00f6nnen, und so gelang es ihm mit M\u00fche und unter Zuhilfenahme seiner Wanderst\u00f6cke, sich wieder aufzurichten und weiterzugehen, Stapfen auf kl\u00e4gliche Weise.<\/p>\n<p>Ein Stapfen ins Ungewisse, denn der Wind kam l\u00e4ngst aus einer anderen Richtung. Er bekam es mit der Angst zu tun, h\u00e4tte er doch l\u00e4ngst den Pferdehof erreicht haben m\u00fcssen. Im Sog der dichten Schneeflocken verlie\u00df ihn langsam die Zuversicht. Als sich endlich nach banger Zeit der Wald \u00f6ffnete und er auf eine Lichtung gelangte, die ihrer Bezeichnung in dieser Finsternis nicht gerecht wurde, atmete er auf und wusste, dass er sich zwar verirrt hatte, sein Leichtsinn aber ohne Folgen bleiben w\u00fcrde. Die Stra\u00dfe war in der Ferne sichtbar, er w\u00fcrde ihr nur folgen m\u00fcssen, um heim zu Paula zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 21031<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Blick hielt er nach unten gerichtet. Schneefall von schr\u00e4g vorne machte dies notwendig. 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