{"id":12289,"date":"2021-01-20T17:58:54","date_gmt":"2021-01-20T17:58:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12289"},"modified":"2021-01-23T13:57:12","modified_gmt":"2021-01-23T13:57:12","slug":"bahngleise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12289","title":{"rendered":"Bahngleise"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12289&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12289&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Petra stand alleine am Gleis, keine Seele war in ihrer N\u00e4he.<br \/>\nSie wollte den letzten Zug des Jahres nehmen, egal zu welchem Fahrtziel.<br \/>\nEinfach weg, irgendwohin und ein neues Jahr beginnen.<br \/>\nSie kam um 23 Uhr zum Bahnhof, um sich die Abfahrten anzuschauen und ein Ticket zu kaufen.<\/p>\n<p>Die letzte Fahrt war ein Nachtzug nach Wien mit Busverbindung nach Sofia, abenteuerlich. Sie sprach kein Wort Bulgarisch, kannte niemand dort und hatte keine Unterkunft gebucht. Sie h\u00e4tte das Ticket nach Sofia eventuell in Wien weiter verkaufen k\u00f6nnen. Sie sp\u00fcrte jetzt einen tiefen Schmerz im Magen und hatte pl\u00f6tzlich Angst vor dieser Reise ins Unbekannte.<br \/>\nDas Display zeigte 250 Euro, sie steckte ihre Karte leicht zitternd und dr\u00fcckte die Zahlen ihres Geheimcodes auf der Tastatur. Sie hatte f\u00fcr einen Augenblick gehofft, den Code vergessen zu haben und dreimal falsch zu tippen, damit die Karte nicht mehr funktionierte. Es war ihr schon mal passiert, aber heute war es nicht der Fall. Es war, als ob ihr K\u00f6rper unabh\u00e4ngig von ihrem Geist handelte, als ob er besser Bescheid w\u00fcsste.<\/p>\n<p>Ein Sitzplatz, was sonst zu dem Preis. Wann hatte sie das letzte Mal einen Nachtzug genommen? Sie studierte noch, sie fuhr nach Paris mit ihrem ehemaligen Freund. Sie hatten sich vor kurzem kennengelernt und waren so verknallt ineinander, dass sie sofort ein romantisches Wochenende zusammen verbringen wollten. Sie konnten sich keine l\u00e4ngere Reise leisten mit ihren Studentenjobs als Kellnerin und Pizza-Kurier. Sie hatten in einer lauten und schmutzigen Jugendherberge beim Bahnhof \u00fcbernachtet, aber die Stimmung war so toll, dass ihr alles wunderbar vorgekommen war.<\/p>\n<p>\u201cDer ICE 3457 nach Wien mit Busverbindung nach Sofia f\u00e4hrt ab, bitte steigen Sie ein.\u201d<br \/>\nDer Lautsprecher weckte Petra aus ihrer vertr\u00e4umten Reise in die Vergangenheit. Sie stieg schnell in den ersten Wagen ein, als ob ihr eine Hand von hinten einen kleinen Schub g\u00e4be. Sie blieb einen Augenblick neben der T\u00fcr stehen und studierte ihre Fahrkarte: Wagen 7, Sitzplatz 89 Fenster.<\/p>\n<p>Na, zumindest konnte sie nach au\u00dfen gucken, selbst wenn die ganze Reise in der Dunkelheit stattfand, gab das ihr zumindest das Gef\u00fchl, einen Ausweg zu haben. Immer wieder wurde sie von der Angst verfolgt, gefangen zu sein, irgendwo stecken zu bleiben. Sogar jetzt, nachdem sie sich mutig (oder verzweifelt?) entschieden hatte, einfach ab ins Neue! Sie seufzte, um tiefer einzuatmen. Sie und ihre Angst, wie Bahngleise, die in derselben Richtung fahren, ohne sich zu begegnen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte sie etwas Flauschiges unter ihrer linken Handfl\u00e4che: eine schwarze Katze! Sie drehte ihren Kopf auf Petras Hand, weil sie gestreichelt werden wollte. Petra verga\u00df auf einmal ihre Gr\u00fcbelei, ber\u00fchrte das weiche Fell und ihre Glieder entspannten sich langsam. Wie es m\u00f6glich war, dass eine Katze im Zug frei lief, wollte sie gerade nicht nachforschen. Es war so gem\u00fctlich, die schnurrende Katze zu streicheln, und das Tier schien Petra gern zu haben. Sie machte es sich auf Petras Scho\u00df bequem, w\u00e4hrend ihre Lider, wie samtene Vorh\u00e4nge, langsam ihre zimtfarbigen Augen in Tr\u00e4gheit h\u00fcllten. Petra, bezaubert von diesen unerwarteten und angenehmen Gef\u00fchlen, sank selbst in eine kuschelige Schlafwolke.<\/p>\n<p>\u201cIhre Fahrkarte bitte.\u201d Eine tiefe M\u00e4nnerstimme weckte Petra aus dem D\u00f6sen. Der Schaffner war noch nicht bei ihrem Sitzplatz angekommen, er war noch eine Reihe weit weg. Die schwarze Katze war nicht mehr auf ihrem Scho\u00df. Hatte sie davon getr\u00e4umt? Sie suchte \u00fcber und unter ihrem Sitzplatz, aber es gab keine Spur des bezaubernden Tieres. Es war sehr wahrscheinlich eine Begegnung im Halbschlaf. Schade, die Katze war so kuschelig, dass Petra gerne noch eine Weile mit ihr verbracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201cDankesch\u00f6n\u201d, ein offenes L\u00e4cheln wendete sich an Petra. Sie beobachteten sich einen Augenblick \u00fcberrascht. Das Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie konnte nicht erkennen, was genau so vertraut war. Der Schaffner ging zum n\u00e4chsten Passagier, und Petra versuchte seine Gesichtsz\u00fcge zu rekonstruieren.<br \/>\nGeorg? Konnte er wirklich Georg sein? Rasiert und mit sehr kurzem Haar? Sie sp\u00fcrte ihr Herz sich gegen ihren Brustkorb st\u00fcrzen, wie ein Spielball gegen das Fu\u00dfballtor. Sie wollte aufstehen und zum Schaffner gehen, um nachzufragen, ob er tats\u00e4chlich Georg war. Ihre Beine waren so schwer wie zwei Marmors\u00e4ulen. Sie versank auf dem Sitzplatz und versuchte tiefer zu atmen, um wieder in der Gegenwart zu landen.<\/p>\n<p>Die Lichter wurden im Wagen ausgeschaltet, sie sa\u00df in der Dunkelheit und guckte aus dem Fenster. Ihr wurde bange. Sie stand auf und suchte eine Toilette. Beim Gehen hatte sie das Gef\u00fchl, die Angst besser kontrollieren zu k\u00f6nnen. Sie und ihre Angst waren wie Bahngleise: Petra versuchte dem Gef\u00fchl\u00a0 zu entgehen, aber es begleitete sie, es fuhr immer an ihrer Seite.<br \/>\nEin Schaffner lief an ihr vorbei.<br \/>\n\u201cGeorg?\u201d Die Stimme kam wie ein leises Quietschen aus ihrem Mund, aber konnte in der Stille des Zuges wahrgenommen werden.<br \/>\nIhre Blicke begegneten sich einen langen Augenblick im Flur.<br \/>\n\u201cPetra!\u201d sagte der Schaffner und l\u00e4chelte.\u201c<br \/>\nIch war mir nicht sicher bei der Fahrkartenkontrolle, du hast dich so ver\u00e4ndert.\u201d<br \/>\n\u201cTja. Wir haben uns allerdings seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen! Ich h\u00e4tte dich gar nicht erkannt, wenn du mich nicht angesprochen h\u00e4ttest. Du hattest lange Rastalocken, nun l\u00e4ufst du herum mit einem Long Bob mit Pony und tr\u00e4gst eine Brille.\u201d<br \/>\nGeorg beobachtete ihr Gesicht und\u00a0 l\u00e4chelte wieder.<br \/>\n\u201cGef\u00e4llt es dir nicht?\u201d<br \/>\n\u201cDoch! Du siehst super aus, einfach ganz anders als fr\u00fcher.\u201d<br \/>\n\u201cIch bin eine andere Person geworden, ich bin nicht mehr die Petra, die du kanntest.\u201d<br \/>\n\u201cFreust du dich dar\u00fcber?\u201d<br \/>\n\u201cIch wei\u00df es nicht. Die Ver\u00e4nderung war nicht von mir gewollt oder vielleicht doch schon. Ich habe mich ver\u00e4ndern lassen, weil ich selbst nicht die Kraft dazu hatte.\u201d<br \/>\n\u201cDas stimmt aber nicht! Du warst so tapfer und einfallsreich, da hattest du schon die F\u00e4higkeit dazu. Du Petra, wollen wir uns nicht im Wagenrestaurant hinsetzen und dort in Ruhe plaudern? Zu dieser Zeit ist niemand da und wir k\u00f6nnen unsere Ruhe haben. Es ist komisch hier im Flur \u00fcber unsere Leben zu sprechen.\u201d<\/p>\n<p>Petra sp\u00fcrte W\u00e4rme in ihren Gliedern, Angst und Dunkelheit waren weg. Es war wirklich ein Gl\u00fccksfall, Georg begegnet zu sein.<br \/>\n\u201cJa gerne, setzen wir uns ins Restaurant.\u201d<br \/>\nEine kleine Tischlampe beleuchtete ihre Gesichtsz\u00fcge und ihre H\u00e4nde in der Nacht.<br \/>\n\u201cWas hast du denn in den letzten zehn Jahren gemacht, Georg?\u201d<br \/>\n\u201cIch hatte mein Studium abgebrochen, ich war einfach nicht mehr motiviert. Ich war zwei Jahre rund um die Welt mit dem Fahrrad unterwegs. Es war eine tolle Zeit! Mein Vater wurde leider krank und ich wollte ihm zur Seite stehen und so kam ich zur\u00fcck. Er konnte noch drei Jahre leben, aber es wurde f\u00fcr ihn immer anstrengender und so habe ich mir am Ende gew\u00fcnscht, dass er endlich Ruhe findet. Sein Tod war ein herber Schlag. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte ich die Leere um mich und wollte einfach pausenlos besch\u00e4ftigt sein. Ich begann als Schaffner in Nachtz\u00fcgen zu arbeiten, so konnte ich noch ein bisschen reisen und das Gef\u00fchl haben, dynamisch zu sein. Tags\u00fcber schlief ich einige Stunden und sp\u00e4t am Nachmittag besichtigte ich einfach etwas von der Stadt, wo ich war. Es fahren einige Nachtz\u00fcge ab Berlin und so ist mein Berufsleben abwechslungsreich.\u201d<\/p>\n<p>\u201cWas ist mit deinem Privatleben?\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch hatte mich von Anna getrennt, als ich mein Studium abbrach. Ich hatte keine Lust mehr, an der Uni zu sein, und war sehr stur in meinem Vorhaben. Sie hatte sich so vehement durchgesetzt, damit ich die letzten Pr\u00fcfungen machte, dass wir uns am Ende nicht mehr ausstehen konnten. Wir waren beide sehr hartn\u00e4ckig und unsere Beziehung war immer sehr st\u00fcrmisch gewesen. Sie doziert jetzt an der Uni, das Studium hatte f\u00fcr sie eine ganz andere Bedeutung als f\u00fcr mich. Ich war dann zwei Jahre rund um die Welt unterwegs und hatte keine Lust auf eine feste Beziehung. Anna und das Studium waren schon eine starke Bindung f\u00fcr einige Jahre und ich wollte mich einfach mal endlich wieder frei f\u00fchlen. Mein Vater wurde dann krank und ich war damit emotional \u00fcberfordert, so dass es keinen Platz f\u00fcr eine neue Person in meinem Leben gab, und bis heute habe ich noch nicht das Bed\u00fcrfnis gehabt, eine Lebenspartnerin zu finden. Was ist denn mit dir und \u2026 ich wei\u00df seinen Namen nicht mehr, geworden?\u201d<br \/>\n\u201cUwe hie\u00df er. Du konntest ihn nicht ausstehen und hast seinen Namen einfach aus deinem Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht. Zum Gl\u00fcck sind wir nicht mehr zusammen, es hat aber zu lange gedauert und die Beziehung hat mich kaputt gemacht. Am Anfang schien er so verliebt in mich, er war f\u00fcr alles bereit und hat mich immer wieder mit tollen Erfindungen \u00fcberrascht. Als wir als Paar eine Routine hatten, hatte er immer mehr meine Freiheit mit seiner Pers\u00f6nlichkeit \u00fcberschwemmt.\u201d<\/p>\n<p>Petra h\u00f6rte zu reden auf, als ob sie keine Kraft mehr dazu h\u00e4tte. Ihr wurde pl\u00f6tzlich bange und sie hatte das Gef\u00fchl, von ihrer Angst verfolgt zu werden. Aber je schneller sie davonlief, desto bedrohlicher wurde das Gef\u00fchl. Sie und ihre Angst rasten in die gleiche Richtung.<br \/>\nGeorg ber\u00fchrte sanft ihre kalte Hand und sagte: \u201cEs ist vorbei, du hast wieder deine Pers\u00f6nlichkeit zur\u00fcck und vor allem du bist frei! Au\u00dferdem haben wir uns jetzt wiedergefunden und du hast einen alten Freund wieder auf deiner Seite. Du bist nicht alleine.\u201d<br \/>\n\u201cW\u00e4rst du mir damals zur Seite gestanden, h\u00e4tte mir das geholfen\u201d, antwortete Petra bitter. Sie sp\u00fcrte auf einmal Wut. Ihr K\u00f6rper wurde schnell wieder warm, unter ihrer Haut brannte ein s\u00fcdl\u00e4ndischer August.<br \/>\n\u201cPetra, es war nicht m\u00f6glich, die Freundschaft mit dir zu pflegen. Uwe war stinkeifers\u00fcchtig auf mich und du wolltest ihn nicht entt\u00e4uschen. Es ist jetzt kein Urteil, ich war selbst mit Anna in einer \u00e4hnlichen Situation und das habe ich erst im Nachhinein verstanden. Sie war nicht auf andere Frauen eifers\u00fcchtig, aber sie war sehr karriereorientiert an der Uni und ihr gegen\u00fcber hatte ich intellektuell ein Minderwertigkeitsgef\u00fchl, das mich an sie band. Ich war genauso gefesselt wie du, einfach in einem anderen Bereich, und es braucht eine Weile, um es loszulassen. Lass dir Zeit und verurteile Uwe, aber vor allem dich selbst nicht.\u201d<br \/>\nPetra sp\u00fcrte eine k\u00fchle Brise im brennenden August und zum ersten Mal nach langer Zeit war nicht mehr die Angst, sondern eine Person an ihrer Seite, die in der gleichen Richtung wie sie ging, ohne ihren Weg zu durchkreuzen.<br \/>\nSie l\u00e4chelte Georg an.<\/p>\n<p>Petra stand an der Bushaltestelle in Wien und wartete auf ihre Verbindung nach Sofia.<br \/>\nEine schwarze Katze schnurrte an ihrer Seite und wurde immer wieder von Petra gestreichelt. Die gro\u00dfen zimtfarbigen Augen des Tieres schimmerten in der Morgend\u00e4mmerung.<\/p>\n<p>Petra hielt ein Billet in ihrer Tasche, das sie immer wieder \u2013 l\u00e4chelnd \u2013 las.<\/p>\n<p><em>Liebe Petra,<br \/>\nhier meine Telefonnummer. Unsere Lebenswege haben sich wieder gekreuzt, jetzt sind wir wie zwei Z\u00fcge, die gleich schnell fahren. Unsere Reise zusammen ist neu gestartet, lass uns die Welt erkunden.<br \/>\nAuf bald!<br \/>\nGeorg<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Die Zikaden zirpten unter Petras Haut und tauten das Eis vom ersten Januar ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Annamaria Bortoletto<br \/>\n<a href=\"https:\/\/laltraidea.wordpress.com\" target=\"_blank\">https:\/\/laltraidea.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 21027<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra stand alleine am Gleis, keine Seele war in ihrer N\u00e4he. Sie wollte den letzten Zug des Jahres nehmen, egal zu welchem Fahrtziel. Einfach weg, irgendwohin und ein neues Jahr beginnen. Sie kam um 23 Uhr zum Bahnhof, um sich die Abfahrten anzuschauen und ein Ticket zu kaufen. 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