{"id":12221,"date":"2020-12-29T17:21:47","date_gmt":"2020-12-29T17:21:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12221"},"modified":"2022-03-20T15:42:19","modified_gmt":"2022-03-20T15:42:19","slug":"man-steht-am-fenster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12221","title":{"rendered":"Man steht am Fenster 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12221&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12221&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>von und mit Vinzenz Ludwig Ostry<\/p>\n<p><strong>Radio Rot-Wei\u00df-Rot<\/strong><br \/>\nErinnerungen von V.S.<\/p>\n<p>Es gab f\u00fcr mich viele Gr\u00fcnde, den Samstag im Br\u00e4uhaus zu lieben.<br \/>\nAuch alle Sonntage, Feiertage, Namens- und Geburtstage, sowie alle gew\u00f6hnlichen Tage. Als Kind liebte ich einfach das Leben, und alles, was dazugeh\u00f6rte, Menschen, Tiere und Blumen gleicherweise. Vor manchen Menschen musste man sich in Acht nehmen, hatte ich gelernt, einige Tiere l\u00f6sten gr\u00f6\u00dften Respekt aus, und daher waren mir die Blumen am liebsten. Sie konnten einem nichts B\u00f6ses antun. Warum das so war, dar\u00fcber habe ich erst sp\u00e4ter nachgedacht und meine Privattheorie dazu aufgestellt.<\/p>\n<p>Gegen 6 Uhr abends, am Samstag, kamen alle T\u00e4tigkeiten bei uns und im Br\u00e4uhaus zum Erliegen und m\u00fcndeten in ein sanftes Nichtstun. In den Stunden davor hatte gro\u00dfe Gesch\u00e4ftigkeit geherrscht. An Samstagen wurde im Badhaus der gro\u00dfe Ofen angeheizt, um Warmwasser zu machen. Denn der Samstag war Boddog (= Ober\u00f6sterreichisch f\u00fcr Badetag). Wir in unserem Haus, der Villa Seyr, hatten damals noch kein Flie\u00dfwasser, geschweige denn ein Badezimmer. Daher wurden die kleineren Kinder zu dritt in die gro\u00dfe Badewanne im Badhaus des benachbarten Br\u00e4uhauses gesteckt und so lang abgeschrubbt, dass es f\u00fcr eine Woche reichen musste.<br \/>\nEs war kalt in diesem Raum mit Steinplatten und dunkel wie in einer H\u00f6hle. Im Ofen loderte das Holzfeuer, und im ganzen Raum waberte der Nebel vom hei\u00dfen Wasserdampf. Daneben pl\u00e4tscherte immerw\u00e4hrend das Wasser aus einem Hahn in den gro\u00dfen Grand, ein Steinbecken. Danach wurden wir einzeln in Laken gepackt und \u00fcbers Bergerl nach Hause getragen. Das konnten die Tante Sefi sein, oder die Ida-Tant oder die Omama selbst. Daheim warteten die frischen Pyjamas auf die frischen, nach Hirschseife duftenden rosigen K\u00f6rper, frische Socken und die Badem\u00e4ntel aus Flanell. Meiner war einer aus einem alten Bett\u00fcberwurf, von Mama selbst zusammengen\u00e4ht, dunkelblau mit gelben Girlanden drauf, dazwischen Sterne und Monde in allen Phasen. Ein richtiger Zaubermantel war das, dementsprechend liebte ich ihn und f\u00fchlte mich wichtig.<\/p>\n<p>Warum ich dabei war, als sich die Erwachsenen um das Radio der Gro\u00dfmutter scharten, wei\u00df ich nicht mehr. Vielleicht weil ich einfach immer \u00fcberall dabei sein wollte, weshalb ich von Omama den nur halbwegs schm\u00fcckenden Beinamen \u201eFlederwisch\u201c verliehen bekam. Manchmal kam es mit einem Lachen heraus, manchmal mit einem Staunen oder auch drohend mit gefletschten Z\u00e4hnen. Aber an den Samstagen herrschte Friede. Ich sa\u00df der Omama auf dem Fleckerlteppich zu F\u00fc\u00dfen und besch\u00e4ftigte mich mit den Wollresten in ihrem Korb. Ich durfte damit spielen, sie ordnen, aufwickeln, abwickeln und ihr reichen.<\/p>\n<p>Wenn sich die Omama in ihrem riesigen Lehnsessel zurechtsetzte, verstand man, wer die eigentliche Herrin des Hauses war. Nicht Tante Sofie, die Frau des Alleinerben, meines vielgeliebten Onkels Klaus. Auch nicht der \u00c4lteste, Onkel Karl. Er machte sich am guten Philips zu schaffen, bis er zum Strich 15 1265 UKW bei Linz-Freinberg kam.<\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Stube stand in der fensterseitigen rechten Ecke \u00fcber der Singer-N\u00e4hmschine auf einem an der Wand befestigten Brett ein gro\u00dfer Philips-Radioapparat, umrahmt von einer gro\u00dfen Zimmerlinde und anderen verschlungenen Pflanzen. Omama nahm in ihrem Lehnsessel Platz, in dem sie ansonsten nienie, die ganze Woche \u00fcber, nicht sa\u00df. Sie hatte aus einem Korb ihr Stopfzeug herausgenommen und begann mit dem ersten Socken. Der ganze Korb war voll davon, ein buntes V\u00f6lkchen. Die h\u00e4renen vom Knecht Sepp, die eleganteren meines Vaters oder von Onkel Klaus. Kindersocken- oder -str\u00fcmpfe waren meiner Erinnerung nach nicht dabei, die stopften die M\u00fctter oder Tanten. Die der im Haushalt lebenden K\u00f6chin Nannerl und der Haushaltshilfe Berta machten diese sich selbst. Der Ukrainer Ivan trug keine Socken, sondern Stiefelt\u00fccher, die am Montag, dem Waschtag, mit den Bettt\u00fcchern der ganzen Gro\u00dffamilie auf der Leine flatterten.<\/p>\n<p>Man hatte sich versammelt, um der Radiosendung \u201eMan steht am Fenster\u201c von Radio Rot- Wei\u00df-Rot aus Linz zu lauschen. Die beschwerliche Arbeitswoche ging zu Ende. Es herrschte fast so eine feierliche Stimmung wie am Sonntag in der Kirche. Die Signation in den schicksalstr\u00e4chtigen Bumm-bummbumm \u2013 bumm, den dumpfen Glockenschl\u00e4gen der F\u00fcnften. Eine unertr\u00e4gliche lange Pause, dann kam es aus dem Apparat: \u201eMan steht am Fenster. Es spricht Vinzenz Ludwig Ostry.\u201c<br \/>\nOmama setzte sich im Lehnstuhl zurecht, straffte ihren krummen R\u00fccken, steckte ihre Haarnadeln um den Dutt herum fest und widmete sich ab nun nur noch ihrem Stopfzeug. Im weit ausladenden Ohrensessel, grau-rot-gr\u00fcn, ein kleiner, vogelartiger Kopf mit feinen Linien und L\u00f6ckchen um die Stirn. Ihr R\u00fccken hatte schon damals begonnen, sich zu kr\u00fcmmen.<\/p>\n<p>Die anderen Erwachsenen sa\u00dfen um den gro\u00dfen Esstisch, der Knecht Sepp hockte schief am Bankerl vor dem Kachelofen, die Ida-Tant, Omamas Schwester, hatte ihren eigenen Lehnstuhl unter der Treppe.<br \/>\nPapa war am Samstagnachmittag aus Tulln gekommen und sa\u00df am dritten Fenster, der Hausherr Onkel Klaus nahm das Kopfende ein. Seine Frau, Tante Sofie, machte sich zusammen mit Nannerl und der Berta in der K\u00fcche zu schaffen. Durch die offene T\u00fcr lie\u00df sich leises Klingeln und Scheppern vernehmen. Sie bem\u00fchten sich, die feierliche Stille nicht zu st\u00f6ren. Es war so still wie bei der Wandlung in der Kirche.<\/p>\n<p>Allein schon der Name Vinzenz Ludwig Ostry war eine Botschaft wie aus einer anderen Galaxie. Niemand hie\u00df bei uns Vinzenz oder Ludwig noch Ostry. Es gab nur die Kaisernamen. Ich war \u00fcberzeugt, dass er in Wirklichkeit \u00d6sterreich hie\u00df und aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden verk\u00fcrzt ausgesprochen wurde. Die m\u00e4nnliche Stimme war tief und knarrig wie eine alte Eichent\u00fcr mit einem Geheimnis dahinter. Sie klang so wie die Balken und Sparren auf den weitl\u00e4ufigen Dachb\u00f6den \u00fcber dem riesigen Br\u00e4uhaus.<br \/>\nF\u00fcr mein Kinderhirn klang \u201eVinzenz Ludwig Ostry\u201c \u00fcberhaupt nicht wie ein Name, sondern eher wie ein Ort \u2013 das einzige Wort, das ich verstand, war Fenster. Das Br\u00e4uhaus hatte viele Fenster, die gro\u00dfen auf die Stra\u00dfe und die Donau hinaus. Nach hinten hin, zum Hang, in dem das Haus stand, waren es nur noch Luken. \u201eMan steht am Fenster\u201c \u2013 eine Zauberformel, mit der alles in Erstarrung verfiel: Die Zeit, die Luft, die Menschen, nicht einmal die immer zitternden Blattenden der Zimmerlinde wagten eine Bewegung.<\/p>\n<p>An den Inhalt dieser Radiosendungen habe ich nat\u00fcrlich keine Erinnerung und sicher nichts davon verstanden. Radio Rot-Wei\u00df-Rot Salzburg-Linz-Freinberg wurde kurz nach dem Staatsvertrag eingestellt. Der Sender war kurz nach Kriegsende von der amerikanischen Besatzungsmacht in ihrem Bereich eingerichtet worden und diente der \u201eErziehung der \u00d6sterreicher zu einem m\u00fcndigen, gut informierten Volk\u201c. Kant l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen in der Er\u00f6ffnungsansprache des amerikanischen Generalmajors Walter M.<\/p>\n<p>Wir lebten in St. Nikola, nach Mauthausen waren es 25 Kilometer, nach Braunau weniger als 100.<br \/>\nSp\u00e4ter, als wir schon in Tulln wohnten, hatten wir wieder einen Philips, etwas kleiner als der im Br\u00e4uhaus, aber wieder auf einem Brett an der Stirnwand des Esszimmers thronend, rechts dar\u00fcber das Kruzifix, darunter der Sitzplatz meines Vaters. Rechts davon billige Kopien der betenden H\u00e4nde von D\u00fcrer und des M\u00e4dchens mit dem Vogel von Rubens (?), welchem wir auf allen Kinderfotos \u00e4hnlich sahen.<\/p>\n<p>Wenn die Signation zur \u201eLieben Familie\u201c ert\u00f6nte, str\u00f6mten alle Bewohner unter dem Philips zusammen, lie\u00dfen alles liegen und stehen, um den Florianis zu folgen \u2013 ein Hausfeger sozusagen. Da war ich schon alt genug, um der Sendung inhaltlich zu folgen. Das Tr\u00f6stliche daran war, dass es auch in einer hochoffiziellen Radiofamilie viel Streit und Turbulenzen gab, nicht nur in unserer.<\/p>\n<p>Vinzenz Ludwig Ostry war von den Amis engagiert worden als au\u00dfenpolitischer Kommentator und analysierte in der Sendung \u201eMan steht am Fenster\u201c jeden Samstagabend die internationale Situation. Es herrschte der Kalte Krieg, und \u00d6sterreich war von den vier alliierten M\u00e4chten besetzt. Wir lebten in der Russen-Zone. Im Vordergrund des Kommentars stand nat\u00fcrlich immer \u00d6sterreich in seinem Kampf um die Wiedererlangung seiner Unabh\u00e4ngigkeit. Verhandlungen in Moskau, Chruschtschow, Figl, Raab, Kreisky, die Amerikaner, die Sowjets, die Amis und der Ivan. Diese Namen fielen immer wieder. Als 1953 Stalin starb, klang die Spannung ab und Hoffnung kam auf. Ostry wird wieder \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Warum meine Familie einer L\u00f6sung so besonders entgegenfieberte? Oder tat das ohnedies jeder \u00d6sterreicher und jede \u00d6sterreicherin in diesen Jahren? Meine Familie lebte im Unteren M\u00fchlviertel, im Grenzgebiet zwischen der sowjetischen und amerikanischen Zone. Onkel Klaus und seine Fuhrleute mussten jeden Montag auf der Enns-Br\u00fccke die gef\u00e4hrliche Zonengrenze \u00fcberqueren \u2013 der Nabel des Kalten Krieges \u2013, um aus der Linzer Brauerei Bier heranzuschaffen, das sie dann zu den Wirten im M\u00fchlviertel ausf\u00fchrten.<br \/>\nDiese Menschen lebten in der sowjetischen Zone nahe der Grenze, als sich in der Tschechoslowakei am 23. Februar 1948 der kommunistische Putsch ereignete. Sie lebten in st\u00e4ndiger Angst vor den Kommunisten, so viele Jahre lang schon, warteten auf jeden Hoffnungsschimmer und lechzten nach jedem Wort der Erleichterung. In dieser meiner Erinnerungszeit von 1953 und 1954 konnte Vinzenz Ludwig Ostry wahrscheinlich schon mit einigen positiven Perspektiven aufwarten.<\/p>\n<p>Tante Sofie und ihre Helferinnen haben nach dem Abspann das Abendessen auf den Tisch gestellt, dampfende Sch\u00fcsseln mit Stosuppe und Erd\u00e4pfeln, K\u00fcmmel drin und Schnittlauch drauf. Das Zerknacken der K\u00fcmmelk\u00f6rnchen zwischen den Z\u00e4hnen, die Omama schneidet einen neuen Brotlaib an, davor ein mit dem Messer gezeichnetes Kreuz am unteren Boden, sich selbst bekreuzigen und das allgemeine Dankgebet. Die M\u00e4nner bekommen ihr Bier, die Spannung flaut ab. Es folgt aus der fernen Ecke das Radio mit der Musiksendung \u201eSch\u00f6ne Stimmen, feine Weisen\u201c. Schubert. Sch\u00f6ne M\u00fcllerin oder Wintereise. Fremd bin ich ausgezogen, fremd komm ich wieder heim. Onkel Klaus war gerade erst aus der russischen Gefangenschaft nach Hause gekommen, er wog 48 Kilogramm. Die Wangen so d\u00fcnn, dass die Kiefer durchschienen.<\/p>\n<p>War\u2019s der innige Schubert? Irgendwann lodert ein Fl\u00e4mmchen auf. Ein Wort, eine Bemerkung. Onkel Karl gegen Onkel Klaus. Beide Br\u00fcder meines Vaters waren an der Ostfront und haben unterschiedlich alle Kriegsjahre durchgemacht. Karl war Nazi geworden, illegaler, schon vor 1938, als Lehrling in der Kaufmannschaft war er eine leichte Beute. Er konnte nach 38 ein arisiertes Kolonialwarengesch\u00e4ft in Sarmingstein erwerben und zog lustig in den Krieg gegen Kommunisten und Juden. Klaus wurde als 18-J\u00e4hriger einberufen, war immer mit der Wehrmacht irgendwo im Osten bis nach Stalingrad, danach f\u00fcnf Jahre Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern. Er hat nie dar\u00fcber gesprochen, ist aber jedes Jahr zu einem \u201eKameradentreffen\u201c nach Deutschland gefahren. Wahrscheinlich eine Art von Therapie, sich untereinander auszusprechen, das Unaussprechliche, das sonst nirgendwo Platz fand. Onkel Klaus war der Lustigste von allen Verwandten, immer zu Sp\u00e4\u00dfen und Scherzen bereit, den Kindern hat er alles erlaubt und verziehen. Ich glaube, ich habe ihn mehr geliebt als meinen Vater. Der war ja fast nie zu Hause, und wenn er da war, hatten wir gr\u00f6\u00dfere Angst vor ihm als vor dem lieben Gott.<\/p>\n<p>\u201eWo warst du?\u201c<br \/>\n\u201eWir lagen im Kursker Bogen.\u201c<br \/>\nStosuppe, Erd\u00e4pfel, K\u00fcmmel, Schnittlauchbrot und Bier.<br \/>\n\u201eUnd warum seid ihr nicht abger\u00fcckt nach S\u00fcden? Uns entlasten im Kursker Bogen? In den Kaukasus, in den Kuban, auf die Krim?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht, wir hatten keine Ahnung von der Gesamtlage. Nur Befehle. Ich war \u00fcberall.\u201c<br \/>\n\u201eDu Feigling. Du hast nicht an die Sache geglaubt.\u201c<\/p>\n<p>Sie liefen in der langgestreckten Stube auf und ab, in gegens\u00e4tzlichen Richtungen, und warfen sich russische Ortsnamen an den Kopf: Minsk, Pinsk, Smolensk, Rschewsk, Moskau, Kursk, Sewastopol und immer wieder Stalingrad.<br \/>\nKarl, der \u00dcberzeugte, wurde verletzt und kam aus dem Kursker Kessel heraus, Klaus, der jung Verheizte ohne \u00dcberzeugung, geriet in die Falle von Stalingrad und erlitt eine lange sowjetische Gefangenschaft. Es gibt ein Foto von Onkel Klaus aus der Zeit der R\u00fcckkehr, als er angeblich nur 48 Kilo gewogen haben soll und Monate zur Erholung brauchte. Immer wieder schauderten wir bei den Erz\u00e4hlungen \u00fcber die halb verhungerten Heimkehrer, die gestorben waren, weil sie gleich Schweinsbraten und Kn\u00f6del in sich reingestopft haben, anstatt sich mit Grie\u00dfkoch oder Hafersuppe langsam aufp\u00e4ppeln zu lassen.<\/p>\n<p>Mein Vater sa\u00df auf der Fensterbank, verschanzte sich hinter St\u00f6\u00dfen von Schularbeitsheften, der Wiener Kirchenzeitung und der Presse. Und schwieg.<br \/>\n\u201eUnd du, Franzl, sog a wos.\u201c<br \/>\nEr hatte nichts zu sagen, mein Vater. Er war eine Art von christlichem Wehrdienstverweigerer. Er wurde zwar auch 1940 in die Wehrmacht einberufen, hat sich aber bis 1943 innerhalb der Wehrmacht verstecken k\u00f6nnen \u2013 so das Familien-Narrativ.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter die Botschaft: Er hat nie einen Schuss abgegeben und nie jemanden get\u00f6tet. Das war sein gr\u00f6\u00dfter Stolz, der sich auf uns \u00fcbertrug. Wir waren reingewaschen und fragten nicht weiter. Damit begn\u00fcgte ich mich und setzte nie tiefer.<br \/>\nDas hei\u00dft, ich fragte nach, aber mit den 68ern mit der Nazi-Keule, wogegen die Eltern wehrlos waren und immer schweigsamer wurden. Wir waren ungerecht und haben uns damit viel verpatzt.<br \/>\nWas hat der Ostry gesagt? Er meint, dass Figl und Kreisky gut verhandeln in Moskau. Helfst God, meine Gro\u00dfmutter, lie\u00df die Stricknadeln fallen und bekreuzigte sich dreimal. Karl und Klaus, die Streith\u00e4hne von der Ostfront, blieben bei ihren gegenseitigen Vorw\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Omama, aus ihrem Lehnsessel heraus, ermahnte die Br\u00fcder:<br \/>\n\u201eJessamarantana, still bist, Karl!<br \/>\nDie Gro\u00dfmutter schlug ein Kreuz \u00fcber sich.<br \/>\n\u201eTuats ned streiten, Buam. Es is vorbei, laung scho, Godseidaunk. Und mia san olle am Lebm bliem.\u201c<br \/>\nSie legte das Strickzeug mit den Socken in den Scho\u00df, reckte sich auf zum Weihwasserkessel und bespr\u00fchte alle Anwesenden mit einem Palmzweig.<br \/>\nIch sehe mich noch immer zu ihren F\u00fc\u00dfen lagern, bekam einen sanften Nieselregen ab und f\u00fchlte mich geborgen: Mir kann im Leben nie etwas passieren.<br \/>\nOb andere Geschwister und Cousinen so etwas miterlebt haben, wie so einen Samstagabend mit Vinzenz Ludwig Ostry, kann ich auf diesem Tableau nicht erkennen.<\/p>\n<p>Die Kampfh\u00e4hne Karl und Klaus wollten sich nicht beruhigen.<br \/>\n\u201eMia san am Lebm bliem, aber die Burner, die ham zwoa S\u00f6hne im Feld lossn. F\u00fca die Heimat. Die ham f\u00fca die Heimat gek\u00e4mpft und sind ehrenhaft gefallen.\u201c<br \/>\nKarl lie\u00df nicht locker.<br \/>\nDie Bauernfamilie Schmutz mit dem Hofnamen Burner hat 16 Kinder durchgebracht auf den kargen B\u00f6den des M\u00fchlviertels, bis ihnen der Krieg die zwei \u00e4lteren S\u00f6hne raubte. \u201eJo, die die ham oba 16 ghabt\u201c, wirft Karl ein.<br \/>\n\u201eDu Bua, tua di ned vers\u00fcndigen, wir warn a amol siebm. Deine Zwillingsschwestern Rosina und Fritzi san vor dir gstorbn, und dann no der Josef von der Spanischen Gripp im 18er-Joa. Der Zusammenbruch der Monarchie, die Spanische Grippe, die Inflation, die Brauerei und die Seilerei sind den Bach runtergegangen. Wir ham grad noch das Br\u00e4uhaus halten k\u00f6nnen, den Wald und die Landwirtschaft.\u201c<\/p>\n<p>In der linken Ecke des Schlafzimmers meiner Gro\u00dfmutter stand hinter der T\u00fcr ein gro\u00dfer Schranktresor. Dreimal so hoch wie ich damals. Ein schwarzes Monstrum, h\u00e4sslich, dick, schwarz-gr\u00fcn mit gro\u00dfen, goldenen Lettern. Manchmal sperrte sie ihn auf, und ich sah B\u00fcndel von riesigen Geldscheinen liegen, dick wie H\u00fchnerbr\u00fcste. Kriegsanleihen von 1914 und 1915. Ich durfte damit spielen, aber sie sagte immer: \u201eDas war einmal ein Verm\u00f6gen, sp\u00e4ter hat man einen Teller mit d\u00fcnner H\u00fchnersuppe und eine Schachtel Z\u00fcndh\u00f6lzer daf\u00fcr bekommen. Vergiss das nie, wie schnell das gehen kann.\u201c<\/p>\n<p>Es brauchte noch mein ganzes halbes Leben, damit ich verstand, wie die Gro\u00dfmutter zu diesem unvermittelten Gedankensprung kam, vom Zweiten Weltkrieg zur\u00fcck zum Ende der Monarchie, dem Zerfall des Landes, dem Verschwinden des Kaiserhauses und der Hyperinflation. F\u00fcr sie brachte all das mehr Schrecken als das Verschwinden \u00d6sterreichs im Deutschen Reich und der Zweite Weltkrieg. F\u00fcr sie waren der Erste Weltkrieg und seine Folgen das viel gr\u00f6\u00dfere Trauma, \u00fcber das nichts hinausgehen konnte. Auch nicht, dass drei ihrer S\u00f6hne, ein Schwiegersohn und ein Schwiegerenkel im Krieg waren, einer verschollen, einer drei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Ihr Mann war Anfang des Krieges pl\u00f6tzlich verstorben, und sie musste die Familiengesch\u00e4fte \u00fcbernehmen ohne eine m\u00e4nnliche Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Ich kann nicht wissen, warum das so war, nur Vermutungen anstellen:<br \/>\nWeil sie nach 1914 noch relativ jung war mit vielen Perspektiven, das Leben vor ihr lag mit allen seinen M\u00f6glichkeiten. Sie war eine Sch\u00f6nheit, die Familie war wohlhabend, wuchs und entwickelte sich, der Mann an ihrer Seite, ein erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann und angesehener Lokalpolitiker. Sie waren absolute Kaisertreue, das Haus Habsburg und das Reich gaben dem Leben einen festen Rahmen. Die Weltverh\u00e4ltnisse schienen unverr\u00fcckbar. Als diese in Tr\u00fcmmern auseinanderfiel, das musste das Trauma gewesen sein, von dem sich meine Gro\u00dfmutter nie wieder erholte und wogegen alle sp\u00e4teren Schrecken verblassten. So wie meiner Gro\u00dfmutter muss es vielen ihrer Generation gegangen sein. Vielleicht erkl\u00e4rt das unter anderem die geringe Widerstandskraft gegen die Hitler-Barbarei. Mein Vater zumindest hat immer behauptet, dass es nur zwei M\u00f6glichkeiten gab, der Nazi-Ideologie zu entgehen: Entweder man war \u00fcberzeugter Kommunist oder gl\u00e4ubiger Christ.<\/p>\n<p>Teil 1: 28. &#8211; 30.5.20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 21023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von und mit Vinzenz Ludwig Ostry Radio Rot-Wei\u00df-Rot Erinnerungen von V.S. Es gab f\u00fcr mich viele Gr\u00fcnde, den Samstag im Br\u00e4uhaus zu lieben. Auch alle Sonntage, Feiertage, Namens- und Geburtstage, sowie alle gew\u00f6hnlichen Tage. 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