{"id":12120,"date":"2020-12-18T08:01:29","date_gmt":"2020-12-18T08:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12120"},"modified":"2020-12-20T14:34:51","modified_gmt":"2020-12-20T14:34:51","slug":"internationaler-sockentag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12120","title":{"rendered":"Internationaler Sockentag"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12120&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12120&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Meine Bettler-Galerie \u2013 4. Dezember, internationaler Sockentag<\/em><\/p>\n<p>Dass der 4. Dezember als internationaler Sockentag eingetragen ist, war mir bis gestern nicht bekannt. Ich bin damit gro\u00df und alt geworden, dass das der Barbara-Tag ist. Aber ich bin ja immer offen f\u00fcr das Neue.<\/p>\n<p>Genau an diesem 4. Dezember 2020 ging mir die rum\u00e4nische Bettlerin vor meinem Spar-Gourmet so sehr auf die Nerven, dass ich zur Tat schritt.<br \/>\nIch kaufte aus dem Laden alles heraus, was ich f\u00fcr die n\u00e4chsten vier Tage zu brauchen glaubte.<br \/>\nFast alles Unsinn, das hei\u00dft so viel, dass ich das nicht verkochen, geschweige denn alles allein verdr\u00fccken w\u00fcrde k\u00f6nnen. G\u00e4ste? No chance.<br \/>\nEine Riesenscheibe vom Hokkaido-K\u00fcrbis, Zwiebel, Knoblauch, Salat, Paradeiser in jeder Form, dazu Gew\u00fcrze, Trockenfr\u00fcchte und einige Konserven f\u00fcr die n\u00e4chsten zwanzig Jahre.<br \/>\nIch bin keine Tr\u00fcmmlerin, sondern wollte nur \u00fcber meine Grippeperiode dr\u00fcber kommen, ohne auf die Stra\u00dfe gehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als ich mit den Taschen aus dem Spar-Gourmet auf die Wiedner Hauptstra\u00dfe heraustrat, begr\u00fc\u00dfte mich diese Bettlerin wieder mit ihrem Danke, guten Tag, alles Gute. Ich habe es mir seit langem zur Gewohnheit gemacht, nur direkt an Projekte zu spenden oder ehrenamtlich Hand anzulegen.<br \/>\nDiese Frau sitzt nun schon drei Jahre vor meinem Laden, immer, ob Sommer oder Winter, in Fetzen eingeh\u00fcllt, gr\u00e4sslich, absto\u00dfend, unansehnlich, mit einer unangenehm blechernen Stimme sagt sie ihre eingelernten Spr\u00fccherl auf. Nat\u00fcrlich habe ich beobachtet, dass immer wieder M\u00e4nner vorbeikommen, die sie wahrscheinlich abkassieren.<br \/>\nIch habe ihr noch nie Geld gegeben, wie andere die Wechselm\u00fcnzen in ihren ausgestreckten Becher reinwerfen. Gar nicht so wenige Wiener machen sich so ihr Gewissen leichter.<br \/>\nIch denke viel dar\u00fcber nach, warum sie und ich nicht.<\/p>\n<p>Was mich packte, wei\u00df ich nicht mehr. Jedenfalls lief ich in einiger Gef\u00fchlsaufwallung in meine Wohnung schr\u00e4g gegen\u00fcber und packte alles, was ich f\u00fcr die n\u00e4chste Lieferung zur Caritas-Sammelstelle am Mittersteig ausgesondert hatte. Ein eigener Sack war eine Sammlung von Socken, zum teil historische, aus Russland, Bosnien, Albanien, der T\u00fcrkei und Mazedonien. Die meisten Frauen, mit denen ich als ITV-erin in Ber\u00fchrung kam, beschenkten mich mit ihren Handarbeiten: Socken, Satteltaschen, P\u00f6lster, Kissen, Decken und gestickte Deckchen, Stick- und Strickwerk. Das meiste habe ich selbst getragen, gepflegt und hochgehalten, sogar ausgelegt, zum Teil bis heute. Zum Beispiel Deckchen von vergewaltigten Frauen aus dem Moraca-Lager.<\/p>\n<p>Die CARLA ist seit dem Lockdown leider auch geschlossen.<br \/>\nWurscht, dachte ich mir, und lief wieder auf die Stra\u00dfe zum Spar-Gourmet, zur h\u00e4sslichen, schlecht t\u00f6nenden, alten Bettlerin. Ich stellte die zwei Taschen vor ihr ab und ging wieder in den Spar hinein, weil ich Eier, Obers und Topfen vergessen hatte. Eine Tasche war voll mit Socken, keine aus der balkanischen Strickung, sondern neumodisch.<br \/>\nAls ich kurz danach zur\u00fcckkam, sah ich sie, wie sie als Erstes eine Wollm\u00fctze \u00fcber die alten Kopft\u00fccher zog, an den H\u00e4nden meine Handschuhe, und an den F\u00fc\u00dfen probierte sie gerade die Socken.<br \/>\nDa konnte ich nur fl\u00fcchten. Wohin nur?<\/p>\n<p><em>4. Dezember, internationaler Tag der Socken.<\/em><\/p>\n<p>Wien, 6.12.20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 20129<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Bettler-Galerie \u2013 4. Dezember, internationaler Sockentag Dass der 4. Dezember als internationaler Sockentag eingetragen ist, war mir bis gestern nicht bekannt. Ich bin damit gro\u00df und alt geworden, dass das der Barbara-Tag ist. Aber ich bin ja immer offen f\u00fcr das Neue. Genau an diesem 4. 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