{"id":12016,"date":"2020-12-05T13:57:38","date_gmt":"2020-12-05T13:57:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12016"},"modified":"2020-12-13T09:22:50","modified_gmt":"2020-12-13T09:22:50","slug":"die-frau-im-zug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12016","title":{"rendered":"Die Frau im Zug"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12016&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12016&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie schlief, als ich sie sah.<br \/>\nWir hatten California bereits hinter uns gelassen. Die kleinen Fl\u00fcsse, die neben den Bahnschienen ihre Wege zogen und dem Zug mit Wellen hinterherwinkten, waren lange schon verschwunden. Eine neue Weite begleitete uns nun. Grauer Sand, auf dem sich die Sonne zu spiegeln schien, erstreckte sich kilometerlang au\u00dferhalb der Fenster. Steppengeb\u00fcsch bot die einzige Abwechslung zu den sonst kahlen D\u00fcnen. In meiner Vorstellung w\u00fcrde jede Sekunde Lucky Luke vorbeireiten und seinen Schatten jagen.<br \/>\nStundenlang sah ich aus dem Fenster. In meinem Kopf wiederlebte ich k\u00fcrzlich Erlebtes. Versuchte meine Erinnerungen zu manipulieren und bereiste Orte aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Dann schlief ich ein, wachte auf. Der einzige Hinweis darauf, dass Zeit vergangen war, war die Sonne, die ein St\u00fcck weiter rechts, ein St\u00fcck tiefer als zuvor stand. Doch die Landschaft war dieselbe.<\/p>\n<p>Das und die Frau, die mir nun schr\u00e4g gegen\u00fcber sa\u00df. Mein Blick fiel auf sie und blieb h\u00e4ngen. Wie bei mir wenige Momente zuvor war ihr Kopf seitlich gegen die Lehne ihres Sitzes geneigt. Ihre Augen waren geschlossen. Sanft. Nicht verkrampft, wie bei jemandem, der schlafen m\u00f6chte, jedoch scheitert, sein Bewusstsein zur\u00fcckzulassen. Sanft, wie bei jemandem, auf den der Schlaf bereits gewartet hatte. Ich fragte mich, ob ihre Zunge wohl entspannt in ihrem Mund lag oder an ihren Gaumen gepresst war. Ob sie die letzten Strahlen der Sonne sp\u00fcrte, die ihr Gesicht so z\u00e4rtlich ber\u00fchrten. Sie beleuchteten jedes kleine H\u00e4rchen auf ihrer Wange. Verliehen ihr einen Glanz, einen Schimmer, der sonst nur G\u00f6ttinnen umgibt. Kurz meinte ich, sie w\u00fcrde tats\u00e4chlich leuchten.<br \/>\nEine Haarstr\u00e4hne l\u00f6ste sich von den anderen, die sie hinter ihr Ohr gestrichen hatte, und rutschte nahe an ihre Lippen. Ich hatte Sorge, dass ihr Haar sie kitzeln und aufwecken w\u00fcrde. Ich wollte es f\u00fcr sie zur\u00fcckstreifen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sa\u00df ich neben ihr. Behutsam strich ich ihr die Str\u00e4hne aus ihrem Gesicht. Legte meine Hand auf ihre H\u00e4nde, die \u00fcbereinander in ihrem Scho\u00df ruhten. Ich k\u00fcsste ihren Kopf, der an meinen Oberarm gelehnt war. Vorsichtig. Sie brauchte ihren Schlaf. Wo sie wohl gerade war? Was sie tat? Ob sie mich vermisste?<br \/>\nSie atmete tief ein. Langsam verlie\u00df sie den Ort, an den sie nie wieder zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Ich sah zu, wie sie in sich ankam. Wie sich zu allererst ihr Zeigefinger bewegte. Dann ihre Lippen. Ich sah auf sie hinunter, als sich ihr Kopf und K\u00f6rper langsam in eine aufrechte Position begaben. Kurz fiel mir ihre Brust auf, als sie ihren R\u00fccken durchstreckte, jeden Teil ihres K\u00f6rpers aufweckte.<br \/>\nErst dann \u00f6ffnete sie ihre Augen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Gang hinweg sah ich sie an. Ihre Augen fanden meine. Ich f\u00fchlte mich entbl\u00f6\u00dft, ertappt. Doch ich sah nicht weg. Sie hielt meinen Blick fest.<br \/>\nSie l\u00e4chelte, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Emma Kreska<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 20126<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie schlief, als ich sie sah. Wir hatten California bereits hinter uns gelassen. Die kleinen Fl\u00fcsse, die neben den Bahnschienen ihre Wege zogen und dem Zug mit Wellen hinterherwinkten, waren lange schon verschwunden. Eine neue Weite begleitete uns nun. Grauer Sand, auf dem sich die Sonne zu spiegeln schien, erstreckte sich kilometerlang au\u00dferhalb der Fenster. 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