{"id":11967,"date":"2020-11-24T12:35:42","date_gmt":"2020-11-24T12:35:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11967"},"modified":"2020-12-13T09:07:07","modified_gmt":"2020-12-13T09:07:07","slug":"19","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11967","title":{"rendered":"19"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11967&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11967&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich bin die Nummer 19. An den Klingelschildern in meinem Wohnblock stehen anstelle der Namen Nummern. Meines Wissens ist das \u00fcberall so. In meinem Fall ist aus Jaroslav Bremak die 19 geworden. Will jemand zu mir, muss er vorher meine Nummer kennen. Es funktioniert solcherart, dass automatisch eine synthetische Stimme \u00fcber die Gegensprechanlage fragt, wen diese Person besuchen will, wenn jemand bei meiner Nummer l\u00e4utet. Dies haupts\u00e4chlich, um Klingelstreichen von Jugendlichen entgegenzuwirken, die oft alle Klingeln dr\u00fccken, oder auch von Unterstandslosen oder potentiellen Einbrechern, die sich Eintritt in einen Wohnblock verschaffen wollen.<br \/>\nDie Person, die gel\u00e4utet hat, nennt dann den Namen dessen, den sie aufsuchen will. Der Wohnende muss diesen oder die Namen angeben. In meinem Fall ist das Jaroslav Bremak. Ich h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch nur Jaroslav oder Bremak oder Jaro Bremak oder nur Jaro registrieren lassen k\u00f6nnen, das habe ich aber nicht, weil ich keinen Wert darauf lege, besucht zu werden.<\/p>\n<p>Ist die Namensangabe des den Klingelknopf Bet\u00e4tigthabenden richtig, l\u00e4utet es erst in der Wohnung des Inhabers oder Mieters. Ist er nicht zuhause, erfolgt eine Umleitung des Klingeltons an sein Fon. Der Wohnende kann nun mit dem Wartenden sprechen, ihm die Haust\u00fcr \u00f6ffnen oder ein Video von ihm anfragen. Tut er Letzteres, fragt den den Klingelknopf bet\u00e4tigt Habenden die synthetische Stimme: \u201eIhr zu Besuchender bittet um ein Video von Ihnen. Sind Sie damit einverstanden?\u201c Im Fall, dass der Wartende auff\u00e4llig w\u00e4re, bedrohlich, verwirrt, Schimpfw\u00f6rter verwendend, wird die Kamera \u00fcber der Gegensprechanlage automatisch aktiviert.<\/p>\n<p>Es ist ganz sch\u00f6n umst\u00e4ndlich, nun in jemandes Wohnung vorzudringen, nicht?<\/p>\n<p>Heutzutage ist die Privatheit eines der wichtigsten G\u00fcter. Sie wird maximal m\u00f6glich gew\u00e4hrleistet. Jeder B\u00fcrger hat das Recht, f\u00fcr sich zu sein.<\/p>\n<p>Noch vor ein paar Jahren war die Situation umgekehrt. Jeder war verpflichtet, einen implantierten GPS-Chip zu tragen, wie noch fr\u00fcher freilaufende Haustiere. Lie\u00df eine Person sich nicht mehr orten, wurde sie sogleich meist \u00fcber ihr Fon dar\u00fcber informiert, sich unverz\u00fcglich in eine Reparatur zu begeben, um den Chip wieder funktionsf\u00e4hig zu machen oder einen neuen einzusetzen. Ebenso waren jede B\u00fcrgerin und jeder B\u00fcrger verpflichtet, ihren oder seinen Namen in mindestens f\u00fcnf Zentimeter hoher roter Leuchtschrift vorn und hinten zu tragen, mittels sehr d\u00fcnner Folien, die auf die Kleidung appliziert waren. Eine weitere Ma\u00dfnahme war, dass von jedem B\u00fcrger Portr\u00e4tfotos aus verschiedenen Blickwinkeln erstellt wurden, was f\u00fcr die Gesichtserkennung eingesetzt wurde.<\/p>\n<p>In erster Linie sollten diese Ma\u00dfnahmen dazu dienen, die Kriminalit\u00e4t stark zu senken. Dieses Ziel wurde auch erreicht. Durch das Big-Sister-Is-Watching-You blieb niemand unerkannt. Die Menschen zogen sich daraufhin in ihre Behausungen zur\u00fcck, wie zur Biedermeierzeit unter Staatskanzler Metternich von zweihundert Jahren mit ihren vielen Spionen. Zuhause war es am sichersten. Im Gegenzug, logischerweise, nahm das \u00f6ffentliche Leben massiv ab, mit sehr negativen Folgen f\u00fcr die inner\u00f6sterreichische Wirtschaft. So konnte es nicht weitergehen, daher drehte man die Verh\u00e4ltnisse um, so wie sie jetzt herrschen.<\/p>\n<p>Man w\u00fcrde denken, dass eine rechte Partei die v\u00f6llige \u00d6ffentlichkeit eingef\u00fchrt h\u00e4tte, nicht?<\/p>\n<p>Nein, falsch, es waren die Sozialdemokraten. Bei der folgenden Nationalratswahl verloren sie drastisch Stimmenanteile, und die siegreiche konservative Volkspartei f\u00fchrte die h\u00f6chste Privatheit ein, die denkbar war.<\/p>\n<div id=\"attachment_11961\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Zwei-Ueberwachungsbildschirme.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11961\" class=\"size-full wp-image-11961\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Zwei-Ueberwachungsbildschirme.jpg\" alt=\"Zwei \u00dcberwachungsbildschirme bei einer U-Bahn-Station\" width=\"450\" height=\"600\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Zwei-Ueberwachungsbildschirme.jpg 450w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Zwei-Ueberwachungsbildschirme-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11961\" class=\"wp-caption-text\">Zwei \u00dcberwachungsbildschirme bei einer U-Bahn-Station<\/p><\/div>\n<p>Die totale \u00dcberwachung des Nouveau Biedermeier, wie Kulturschaffende und Politologen diese Zeitspanne nannten, wurde noch durch die sozialen Netzwerke, in welche sich sehr viele B\u00fcrger freiwillig begaben, verst\u00e4rkt. Als ob sie sich selbst Handschellen angelegt und dann den Schl\u00fcssel zu ihnen weggeworfen h\u00e4tten. Die User posten, was sie tun, was sie m\u00f6gen, wo sie sind, unterlegt mit Fotos und Videos. Man kann ihnen folgen wie ein Bluthund einer F\u00e4hrte, es ist ganz einfach. Diese Menschen wollen ja auch gefunden werden. Nur ist es eine Sache, wenn man dies freiwillig tut, und wieder eine andere, wenn man dazu verpflichtet wird. Verst\u00e4ndlicherweise gab es Proteste, Demonstrationen von Sch\u00fclern und Studenten, von denen jeder ausgeforscht wurde und mit empfindlichen Strafen belegt, sodass er oder sie beim n\u00e4chsten Mal zuhause blieb.<\/p>\n<p>Aber ich will nicht alles in der R\u00fcckblende erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Man hatte die Menschen also dazu gebracht, dass sie zuhause blieben. Jetzt musste man sie wieder aus ihren Wohnungen und H\u00e4usern locken, damit sie konsumieren und die Wirtschaft beleben. Eine der Hauptursachen unterwegs zu sein, ist, um einen Partner zu finden. So hat man den Menschen suggeriert, ihr Traummann oder ihre Traumfrau warte geradezu auf sie. Und den ganzen Spa\u00df g\u00e4be es auch nur ausw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Viele wunderten sich, warum die vielen \u00dcberwachungskameras nicht abgebaut wurden. In Verbindung mit einer Software zur Gesichtserkennung bildeten sie nat\u00fcrlich ein sehr effektives System zur T\u00e4terausforschung. Die Kameras filmen nicht mehr, sagten \u00f6ffentliche Vertreter. Aber das ist eine halbherzige Haltung, war fast allen klar, aktiviert sind die Kameras mit einem Klick. Will man ein Ding wirklich weghaben, r\u00e4umt man es weg. Und was ist mit den Portr\u00e4tfotos? Sie wurden alle gel\u00f6scht, wurde von Amts wegen verlautbart. Es reicht aber eine einzige Kopie von ihnen, um sie wieder verwenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine weitere Ursache, sein Zuhause zu verlassen, sind eben diese sozialen Netzwerke. Jeder will zeigen, welch aufregendes Leben er f\u00fchrt, daf\u00fcr braucht er Videos oder Fotos von Partys, Diskotheken, angesagten Leuten, die sich um ihn scharen. Deshalb muss er hinausgehen. Es ist eine Aufforderung, wo sich der Aufgeforderte selbst auffordert, etwas, das automatisch geschieht, ein Selbstl\u00e4ufer.<\/p>\n<p>Wozu braucht eine durchschnittlich intelligente Frau einen Selfie-Stick? F\u00fcr ein Weitwinkel-Selbstbildnis, klar. Man muss es entspannt sehen, hei\u00dft es. Wenn er dazu gut ist, dass sie dadurch Menschen animiert, Geld auszugeben, ist es gut, sagen die \u00d6konomen.<\/p>\n<p>Die Zeit des neuen Biedermeiers dauerte nur vier Jahre, aber sie f\u00fchrte dazu, dass die Menschen k\u00f6rperlichen Kontakt besonders mit Fremden anfangs mieden und sp\u00e4ter regelrecht f\u00fcrchteten. Ein Zeichen daf\u00fcr sind die \u00fcberall im Eingangsbereich von \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden montierten Desinfektionsmittelspender. Bei denen verlangt niemand, dass sie entfernt werden, im Gegenteil, hinter der Eingangst\u00fcr der meisten Wohnungen und H\u00e4user ist heutzutage ein privater Desinfektionsmittelspender angebracht.<\/p>\n<p>In meiner Wohnung allerdings befindet sich kein Desinfektionsmittelspender. Sie umfasst nur siebenunddrei\u00dfig Quadratmeter, ein relativ gro\u00dfes Zimmer, ein kleines rechteckiges mit schmaler Breite, darin steht meine K\u00fcche, Bad, WC und Vorraum plus einem Balkon, der mir sehr wichtig ist, aus dem sechsten Stock habe ich einen tollen Ausblick. Ich bin eigentlich immer allein in meiner Wohnung, genau genommen kann man das \u201eEigentlich\u201c streichen, ich bin immer allein in ihr, mein letzter Besuch war meine Schwester vor mehr als sieben Jahren. In meiner Wohnung ist alles, was ich brauche, ich f\u00fchle mich sehr wohl in ihr. Leider bin ich nicht ihr Eigent\u00fcmer, sondern muss Miete zahlen.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcbrigens Sammler, ich werfe nicht viel weg. Das meiste, was ich aufhebe, besteht aus Papier, Zeitungen, Magazine, Werbeprospekte, Museumsf\u00fchrer. Es ist doch interessant zu sehen, was eine Zeitung vor zw\u00f6lf Jahren titelte, nicht? Bestimmt w\u00fcrden manche sagen: \u201eAber es gibt doch jetzt das Internet, das alles konserviert.\u201c Dazu sage ich: \u201eJa, das stimmt schon, aber Websites werden ver\u00e4ndert. Habe ich hingegen etwas in gedruckter Form, ist es beweiskr\u00e4ftig.\u201c<\/p>\n<p>Ich verbringe viel Zeit damit, meine Sammlung zu erweitern. Sie ist mir sehr wichtig. Ich sehe mich als Chronist. Ich halte fest, ich bewahre, ich zeige die Wirklichkeit. Ich gehe viel zu Fu\u00df und mache Fotos, beispielsweise heute von einem Platz, dann wieder eine Woche sp\u00e4ter von demselben Platz, wieder neue Fotos eine Woche sp\u00e4ter und so weiter. Damit halte ich die Ver\u00e4nderung fest. In meiner Stadt sind viele Gesch\u00e4fte aufgelassen worden, immer mehr Leerstand bemerkt der Fu\u00dfg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Ich bin gelernter Einzelhandelskaufmann, also Ladenverk\u00e4ufer, die Verringerung an Gesch\u00e4ften betrifft mich jedoch nicht direkt, da ich eine Arbeitsstelle habe, ich bin Telefonist in einem Callcenter. Ich arbeite f\u00fcr drei verschiedene Firmen. Im Fall eines Anrufs blinkt ein rotes Licht auf meinem Apparat neben der jeweiligen Firma, von der jede eine andere Telefonnummer hat, w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs leuchtet es. Ich will die Firmen Happy Cow, ModernX und Schunkelstimmung nennen, ihre wahren Namen kann ich wegen der Geheimhaltungsklausel in meinem Dienstvertrag nicht angeben.<\/p>\n<p>Ich arbeite in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro. Wir sind insgesamt vierzig Telefonisten. Die Arbeitspl\u00e4tze sind durch wei\u00dfe Trennw\u00e4nde voneinander abgegrenzt. Jede dieser Platten misst 1,5 Meter, demnach betr\u00e4gt mein pers\u00f6nlicher Bereich 1,5 x 1,5, also 2,25 Quadratmeter. Die Arbeit ist anstrengend \u2013 ich lege mein Headset nur ab, wenn ich auf das WC gehe \u2013, jedoch nicht gut bezahlt, weil meine Arbeitgeber der Meinung sind, man brauche keine spezielle Qualifikation, um sie verrichten zu k\u00f6nnen. Leider habe ich nicht einmal die Matura, ich habe auch keine Lehre absolviert, bin somit eine ungelernte Kraft, aber ich bin nicht dumm, und man braucht eine gewisse Intelligenz, um hier t\u00e4tig sein zu k\u00f6nnen. Zudem ist der Dienst anstrengend und nervenzehrend. Ist der Anrufer besonders ver\u00e4rgert, stehe ich oft auf, nicht nur, um mehr Volumen in meine Stimme zu bringen, sondern in erster Linie, um mich, bildlich gesehen, meinem Gegner zu stellen, der in Wahrheit ein Kunde ist und nicht mein Gegner.<br \/>\nTr\u00e4gt mir der Anrufer ein kompliziertes Problem vor, bleibt mir auch nicht viel l\u00e4nger Zeit, es zu l\u00f6sen, als bei einem einfachen. Ich muss den Anrufer mit freundlichen Worten bei Laune halten, w\u00e4hrend ich mittels meines Computers die M\u00f6glichkeit zur Beseitigung des Problems finden muss.<br \/>\nEine spezielle Herausforderung stellt es dar, wenn einem Anrufer ein seltenes und gravierendes Problem widerfahren und er deswegen w\u00fctend ist. Stehe ich in diesem Fall auf, kann ich meinen Computer nicht bedienen. Was soll ich dann tun? Ich reagiere intuitiv, und habe fast immer damit Erfolg. Im Durchschnitt habe ich einmal t\u00e4glich diese Mischung von schwierigem Kunden und diffizilem Problem. Noch dazu wird man immer \u00f6fter von den Kunden dar\u00fcber bewertet, wie man sich beim Gespr\u00e4ch verhalten hat, auf einer Skala von eins bis zehn, wobei eins Totalausfall bedeutet und zehn die Superkompetenz.<\/p>\n<p>So viele M\u00fchseligkeiten, und dann gehe ich jeden Tag mit ein paar Euros nach Hause, denke ich mir, doch genauso ist mir klar, dass ich keine Wahl habe. Welcher anderen Arbeit sollte ich denn nachgehen? Ich entstamme keiner einflussreichen Familie. Mein Vater ist Installateur und meine Mutter Kassiererin beim BAUHAUS, meine Schwester Anna ist Friseurin. Niemand von ihnen kann mir zu einer Anstellung als niederrangige Arbeitskraft beim Magistrat verhelfen. Andererseits \u2013 und das ist die positive Vorderseite der Medaille \u2013 sage ich mir nach jedem Dienstschluss: \u201eIch habe es wieder geschafft.\u201c Ich habe diesen Tag \u00fcberstanden, wie jeden anderen seit vier Jahren und f\u00fcnf Monaten. Damit bin ich ein Oldie im Kollegenkreis.<\/p>\n<p>Ich lebe ja allein, umgeben von meinen Sammelst\u00fccken. In meiner Wohnung ist genaugenommen auch nur Platz f\u00fcr eine Person, und die bin eben ich. Eine Frau oder wenigstens eine Freundin zu haben, w\u00fcrde mich sehr gefallen, doch in meiner Wohnung k\u00f6nnte sie sich nicht aufhalten, w\u00fcrde sie vermutlich auch nicht wollen. Ich m\u00fcsste ziemlich sicher meine Sammlung aufl\u00f6sen, um eine Frau an mich binden zu k\u00f6nnen, doch wer sagt mir denn, dass mich eine mit supertoll aufger\u00e4umter Wohnung will? Ich merke jedenfalls nie, dass eine Frau mit mir in Kontakt kommen will.<\/p>\n<p>Das letzte Mal in einer Bar fielen mir zwei junge Frauen auf, die in meine Richtung blickten und \u00fcber mich tuschelten. \u201eSie dir mal den an\u201c, sagte die eine, \u201eer bewegt sich so abgehackt, als w\u00e4re er darauf programmiert, ein Cola zu trinken. Er k\u00f6nnte R2-D2 sein.\u201c \u201eNa, sagen wir lieber C-3PO\u201c, sagte die andere, \u201eweil er ja nicht so klein ist.\u201c Dann lachten sie und wandten mir ihre R\u00fccken zu.<br \/>\nIch nehme so etwas nicht als Niederlage. Will eine Frau nichts mit mir zu tun haben, ist das ihr gutes Recht. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich den Fehler bei mir suchen, aber bringt mich das weiter? Es verhagelt mir blo\u00df die Stimmung. Ich will nicht schuld sein, auch wenn ich es w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eIch bin hier, ich stehe und ich falle nicht. Auch der st\u00e4rkste Sturm kann mich nicht umwerfen. Ich bin v\u00f6llig gesund, Viren und Bakterien k\u00f6nnen nicht in mich eindringen. Ich werde \u00e4lter, wie jeder, doch wei\u00df ich nicht, ob ich \u00fcberhaupt sterben muss.\u201c<br \/>\nDas war mein Motto, ich trage es in meinem Herzen. Und dann ist da noch ein f\u00fcr mich wichtiger Sinnspruch: \u201eIch brauche niemanden, ich komme sehr gut allein zurecht.\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe es wirklich so: In allem, was ich tue, bin ich gut. W\u00fcrde ich Baseball spielen, w\u00fcrde ich darin gl\u00e4nzen. W\u00fcrde ich malen, w\u00fcrden sich Galerien darum rei\u00dfen, meine Gem\u00e4lde auszustellen.<br \/>\nMein Selbstbewusstsein ist durchaus gefestigt. Mein Abwehrschild gegen Beleidigungen und Nichtbeachten ist intakt.<br \/>\n\u201eDu spielst nicht Baseball, wie willst du dann wissen, dass du darin gut w\u00e4rst?\u201c, k\u00f6nnte mich jemand fragen. Genauso wie: \u201eDu hast das letzte Mal in der Hauptschule gemalt, warst du damals herausragend?\u201c Was sollte ich antworten? Dass ich es einfach wei\u00df, dass ich im Zeichenunterricht sehr viel Potential zeigte.<\/p>\n<p>Ich bin die wandelnde Privatheit. Wenn ich gehe, umgibt mich eine Blase, die durchsichtig ist, damit ich aus ihr hinaussehen kann. Mein Gesichtsausdruck ist meist reserviert, meine K\u00f6rperhaltung recht steif \u2013 die beiden jungen Frauen lagen nicht ganz falsch mit ihrem Urteil \u00fcber mich.<br \/>\nHabe ich frei, bin ich oft unterwegs. Ich gehe weite Strecken. Ist ein Ziel von mir zu weit entfernt, fahre ich mit dem Bus. Auf meinem R\u00fccken befindet sich stets ein schwarzer Rucksack. Auf meinen Touren f\u00fcllt sich dieser Rucksack. Sehe ich etwas zur freien Entnahme, nehme ich es fast immer an mich.<\/p>\n<p>Mich haben Plastiksackerl sehr interessiert, schade, dass bei uns fast keine mehr im Umlauf sind. Sie wiesen kr\u00e4ftige Farben und gut einpr\u00e4gsame Logos auf. Ich kam auch selbst schon auf den Gedanken, sie aus Gr\u00fcnden der Platzersparnis zu fotografieren, aber ein Foto auf dem Computer vom einem Plastiksackerl ersetzt nicht das echte, weil man es nicht angreifen kann.<br \/>\nIch schie\u00dfe Fotos und mache Videos und Audioaufnahmen nicht nur mit meinem Fon, sondern habe auch eine kleine, aber gute Kamera und einen digitalen Audiorekorder im Einsatz. Mein Fon funktioniert mit soliden 4G, mein Desktop-Computer ist mit dem Internet mit einer \u00dcbertragungsgeschwindigkeit von bis zu hundert Megabits pro Sekunde verbunden.<\/p>\n<p>Treffe ich dann zuhause ein, gebe ich den Inhalt meines Rucksacks auf den Wohnzimmertisch, der der einzige Tisch in meiner Wohnung ist, es w\u00fcrde reichen, ihn blo\u00df als Tisch zu bezeichnen. Ist er nicht aufger\u00e4umt, weiche ich auf die kleine Ablage in der K\u00fcche aus. Herrscht auch auf dieser Unordnung, mache ich einen der Tische sauber, bevor ich damit beginnen kann, meine Fundst\u00fccke zu sichten.<br \/>\nWas mir bedeutungsvoll erscheint, schlichte ich auf einen der Stapel in meiner Wohnung. An manchen guten Tagen wird dieser Stapel ungef\u00e4hr um sieben Zentimeter h\u00f6her. Die nutzlosen Fundst\u00fccke entsorge ich. \u00dcblicherweise hebe ich weit mehr auf, als ich wegwerfe. Dann \u00fcberspiele ich die Dateien meiner transportablen elektronischen Ger\u00e4te auf meinen Desktop-Computer. Ich kann sagen, dass ich immer gut zu tun habe.<\/p>\n<p>Die Durchg\u00e4nge in meiner Wohnung sind fast einen Meter breit. Mir sind keine Insekten aufgefallen. Der Geruch ist neutral. In meiner Wohnung ist hygienisch alles topp. Keiner meiner Nachbarn h\u00e4tte einen Grund, sich \u00fcber mich zu beschweren.<br \/>\nMeine Schwester konfrontiert mich manchmal mit dem Ansinnen, ich solle eine Therapie machen. \u201eEine Therapie, wogegen denn\u201c, beliebe ich dann gern zu sagen. \u201eDagegen, dass ich einen anderen Ordnungssinn als andere Menschen habe?\u201c<\/p>\n<p>Heute ist der 6. Mai an einem Samstag um genau 12 Uhr. Gerade heulen die Sirenen. Drau\u00dfen scheint es warm zu sein, der Sommer ist schon nah. Heute habe ich ausgeschlafen, dann Kaffee getrunken und die Kleine Zeitung gelesen. Jetzt bin ich fertig, der Rucksack ist auf meinem R\u00fccken, meine transportablen elektronischen Ger\u00e4te habe ich bei mir, sicherheitshalber ist im Rucksack auch ein Knirps-Regenschirm. Der Himmel ist nur sehr leicht bew\u00f6lkt, doch ich bin immer auf alles vorbereitet.<br \/>\nIch beginne damit, die Bahnhofsstra\u00dfe abzugehen, auf der rechten Seite zum Bahnhof und auf der linken Seite wieder zur\u00fcck. heute sind die Menschen recht luftig angezogen, besonders bei den Frauen f\u00e4llt mir das auf. Danach fotografiere ich eine Porr-Baustelle. Die Leute von dieser Firma sind ziemlich auf Zack, stets sind viele Vorarbeiter vor Ort. Dieses Geb\u00e4ude soll bis zum Dezember bezugsfertig sein. Das m\u00fcsste sich ausgehen.<br \/>\nIch bin immer sehr schnell mit meiner Kamera. Viele Leute st\u00f6ren sich am Fotografieren, auch wenn es nicht um sie geht. Sie p\u00f6beln oder auch mehr, mir wurden schon einige Male Schl\u00e4ge angedroht. W\u00e4hrend ich Fotos schie\u00dfe, h\u00f6re ich genau auf die Ger\u00e4usche. Kommt jemand von hinten? Ehrlich gesagt w\u00fcrde es mich auch st\u00f6ren, aber in diesem Fall bin ich es, der fotografiert.<\/p>\n<p>Gegen 13:20 Uhr h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich: \u201eSchaut mal, was der anhat. Das ist so ein Recht-und-Ordnungs-Typ\u201c. Ich drehe mich um, es sind drei jugendliche Burschen. Ich k\u00f6nnte sie jetzt beschimpfen oder mich erkl\u00e4ren. Aber weshalb sollte ich mich erkl\u00e4ren? Daf\u00fcr, dass ich eine khakifarbene Weste und ebensolche Shorts trage, sowie ein wei\u00dfes Hemd mit zwei Brusttaschen und einen hellgrauen Schlapphut? Au\u00dferdem finde ich nicht, dass das etwas ist, weshalb ich mich sch\u00e4men m\u00fcsste. Besser Recht und Ordnung als Unrecht und Unordnung. Ich lasse es damit auf sich beruhen, dass ich den jungen Leuten einen b\u00f6sen Blick zuwerfe. Es ist auch im Fall einer Schl\u00e4gerei so, dass man gegen drei Kontrahenten kaum eine Chance hat \u2013 weil sie im 120\u00b0-Winkel um einen stehen \u2013, au\u00dfer man ist Karate- oder Taekwondo-Weltmeister.<\/p>\n<p>Im Schillerpark treffe ich auf eine Frau mittleren Alters, die auf einer Bank sitzt und in ihrer Handtasche kramt. Sie ist stark angetrunken. Vielleicht sucht sie ihr Fon oder ihre Brieftasche, jedenfalls findet sie nicht, was sie sucht. Sie hat diesen stieren Blick. Sie wirkt, als w\u00e4re sie nur zur H\u00e4lfte hier und mit ihrer anderen H\u00e4lfte ganz woanders. Ich k\u00f6nnte mich zu ihr setzen und nett mit ihr plaudern, das Ziel verfolgend, sie mit zu mir zu nehmen. Aber, kommt mir gleich der Gedanke, wo sollte sie dort sitzen? Es ist alles angekramt. Als Anna bei mir zu Besuch war, umfasste meine Sammlung noch weniger St\u00fccke, und f\u00fcr zwei Personen war immer ein Sitzplatz vorhanden. Doch macht es nicht Sinn, dass eine Sammlung immer gr\u00f6\u00dfer wird?<\/p>\n<p>Ich kehre nicht oft wo ein, weil ich kein Vielverdiener bin, aber jetzt, nach zweieinhalb Stunden Drau\u00dfensein, g\u00f6nne ich mir einen Latte macchiato in einem Lokal, in dem sich viele junge Leute aufhalten. Dort findet man sich auch gleich j\u00fcnger, meine ich.<br \/>\nGegen 18:30 Uhr trinke ich woanders noch einen Pfefferminztee. Mein Rucksack hat einiges an Gewicht zugelegt. Ich war wieder erfolgreich auf der Pirsch. Ich bin der Steinzeitmensch, und die Stadt ist mein Jagdrevier.<br \/>\nAls ich kurz nach 21 Uhr wieder zuhause vor dem Tisch mit meinen gesammelten St\u00fccken sitze, bin ich so zufrieden wie jemand wie ich es nur sein kann. Neben Papieren, wie einer Postkarte mit einem Inselmotiv, liegen da ein Kugelschreiber, der noch schwarz schreibt, und ein geradezu schon antikes Klapphandy, das leider nicht mehr funktioniert, aber ein einzigartiges Design aufweist.<\/p>\n<p>Mein Traum w\u00e4re es, dass meine Sammlung in einem Museum ausgestellt werden w\u00fcrde, auf der wohl hundertfachen Fl\u00e4che meiner Wohnung, auf 3700 Quadratmetern also. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn man meine Arbeit w\u00fcrdigen w\u00fcrde, meine Preisvergleiche \u00fcber mehr als zwanzig Jahre, meine Fotos von haupts\u00e4chlich dieser Stadt, wo man erkennt, wie sich nicht nur die Architektur, sondern auch die Bev\u00f6lkerungszusammensetzung ver\u00e4ndert, meine datierte Zusammenstellung von Witzen, ich habe auch Kursb\u00fccher des WIFIs und der Volkshochschule dahingehend ausgewertet, was eine bestimmte Ausbildung kostet, meist mit dem Ergebnis, dass es ziemlich viel ist.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich macht es bupp! Im Zimmer ist es dunkel. Der von der Decke baumelnde Leuchtk\u00f6rper, der aussieht wie eine alte Gl\u00fchbirne, ist durchgebrannt. Das ist schlecht, denn ich verf\u00fcge wohl \u00fcber Ersatzleuchtk\u00f6rper, doch werde ich sie so schnell nicht finden. Der Deckenfluter im Zimmer wird mittels mit Beinchen versehener Leuchtdioden betrieben, im Bad und im WC sind jeweils drei Leuchtdioden zu einem Strahler vereinigt, im Vorraum leuchten Kerzenbirnen, die keine E27-Fassung wie bei der Zimmerdeckenlampe aufweisen, in meiner Minik\u00fcche sind eine kleinere und eine noch kleinere Leuchtstoffr\u00f6hre montiert, und die Lampe an der Balkondecke weist eine E27-Fassung auf, doch ihr Leuchtk\u00f6rper ist schon vor ein paar Tagen durchgebrannt. Die Option, einen anderen Leuchtk\u00f6rper aus seiner Fassung zu schrauben und ihn hier einzusetzen, besteht demnach nicht.<br \/>\nZum Gl\u00fcck befindet sich in meinen Rucksack eine Taschenlampe mit vollen Batterien. Ich halte sie in der linken Hand und r\u00e4ume mit der rechten die Couch, auf der ich vorhin sa\u00df, ab. Dann lege ich die Taschenlampe auf den Tisch und drehe den Lichtkegel in Richtung Couch, dieich zu einem Bett ausziehe, da ich hierf\u00fcr zwei H\u00e4nde brauche. Die Bettw\u00e4sche ist im Fach unterhalb.<\/p>\n<p>Soll ich nun beschreiben, wie ich den Inhalt einer Fischdose esse, aufs WC gehe, mir die Z\u00e4hne putze? \u00a0Nein, das tue ich nicht, weil es nicht relevant ist.<br \/>\nAls ich in meinem Couchbett liege, f\u00e4llt mir ein, wie die Nachbarn manchmal \u00fcber mir als den \u201eSpinner mit den Zetteln\u201c sprechen, als jener, \u201eder die Krabbeltiere z\u00fcchtet\u201c, wie sie sagen.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t wird sich wohl anders gestalten, als dass ich als Sammler wichtiger Dinge entdeckt werde.<br \/>\nEs ist ja auch so, dass es die Wayback Machine gibt, die alte Websites anzeigt, nicht nur ein paar, sondern viele Milliarden mit stark steigender Tendenz, wodurch fast die meisten \u2013 richtig weh tut es mir, das zu sagen \u2013 meiner gesammelten Daten unn\u00f6tig sind. Erst seit Kurzem wei\u00df ich von ihrer Existenz.<\/p>\n<p>Doch tats\u00e4chlich entscheidend ist etwas anderes:<br \/>\nIrgendwann wird es bei mir l\u00e4uten, ich werde sehen, was vor der Haust\u00fcr los ist und werde ein Video verlangen, aber es wird nichts n\u00fctzen. Ein Aufr\u00e4umtrupp, bestehend aus mindestens vier M\u00e4nnern in wei\u00dfen luftdichten Ganzk\u00f6peranz\u00fcgen mit Kunststoffvisier und eigener Sauerstoffversorgung, wird, falls ich meine Wohnungst\u00fcr nicht rechtzeitig \u00f6ffnen werde, sie zerst\u00f6ren und \u201eim Auftrag des Vermieters\u201c bei mir eindringen.<br \/>\nDas wird das Ende von Nummer 19 sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 20101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin die Nummer 19. An den Klingelschildern in meinem Wohnblock stehen anstelle der Namen Nummern. Meines Wissens ist das \u00fcberall so. In meinem Fall ist aus Jaroslav Bremak die 19 geworden. 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Es funktioniert solcherart, dass automatisch eine synthetische Stimme \u00fcber die Gegensprechanlage fragt, wen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[117],"tags":[93],"class_list":["post-11967","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tosin-johannes","tag-que-sera-sera"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11967","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11967"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12084,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11967\/revisions\/12084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11967"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11967"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}