{"id":11944,"date":"2020-11-13T07:37:23","date_gmt":"2020-11-13T07:37:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11944"},"modified":"2020-12-13T09:18:34","modified_gmt":"2020-12-13T09:18:34","slug":"sonnentanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11944","title":{"rendered":"Sonnentanz"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11944&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11944&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In staubigen Mokassins betrat Pa-Akanti den gro\u00dfen Platz, der sich kreisrund inmitten der zahlreich angeordneten Tipis seines Stammesvolkes bildete. Vor der Lagerfeuerstelle machte er Halt. Die langen schwarzen Haare hingen windzerzaust \u00fcber seinen R\u00fccken, die reichverzierte Lederkleidung wirkte etwas mitgenommen. Der Schamane des Kiowa-Stammes mit dem bedeutenden Namen \u201eSt\u00fcrmischer Stier\u201c war ein imposanter Mann mittleren Alters, hochgewachsen, schlank und sein K\u00f6rper durch viele Stunden am Pferder\u00fccken st\u00e4hlern muskul\u00f6s.<br \/>\n\u201eSei gegr\u00fc\u00dft, Pa-Akanti. Endlich bist du zur\u00fcckgekehrt von deinen geheimen Zeremonien!\u201c Dohasan, der H\u00e4uptling des Stammes, trat auf den Schamanen zu und klopfte ihm br\u00fcderlich auf die Schulter. Auch Dohasan machte den Kiowas alle Ehre mit seiner vornehmen Erscheinung.<\/p>\n<p>Hinter den Tipis spielten Kinder, sie liefen um die Wette, manche von den Buben bedienten schon Pfeil und Bogen und wieder andere waren bereits richtig gut im Reiten. Als nun alle Pa-Akanti entdeckten, kamen sie angelaufen und brachten Holz f\u00fcr das Lagerfeuer, sie breiteten Bisonfelle aus, und die Frauen des Stammes k\u00fcmmerten sich um Essen und Getr\u00e4nke. Dohasan holte seine Pfeife aus dem Tipi, und die \u00c4ltesten gesellten sich ebenso zu der Runde.<br \/>\nIm Hintergrund funkelte der Canadian River, der sich ruhig durch die markanten Sandsteinfelsformationen schl\u00e4ngelte. An den H\u00e4ngen in Ufern\u00e4he wuchsen vereinzelt Kieferb\u00e4ume und Wacholderb\u00fcsche, deren Duft st\u00e4ndiger Begleiter des Stammes war.<\/p>\n<p>\u201eHattest du eine Vision w\u00e4hrend deiner Sonnentanz-Zeremonie, Pa-Akanti?\u201c, richtete der H\u00e4uptling das Wort an den Heimgekehrten. Die Stammesmitglieder, die nun alle dicht gedr\u00e4ngt im Kreis am Boden sa\u00dfen, lauschten aufmerksam.<br \/>\n\u201eDiesmal bat ich die Schutzgeister, mir in einer Vision zu zeigen, welche Krankheiten uns heimsuchen k\u00f6nnten in den n\u00e4chsten Wintern und wie ich unser Volk davor besch\u00fctzen k\u00f6nnte. Ich hatte eine ganz besonders anstrengende Visionsreise w\u00e4hrend meines Fastens. Ich wei\u00df nicht, welches wundersame Kraut mir Meda da in die Pfeife gepackt hat?\u201c, er zwinkerte der alten Medizinfrau zu. Sie lachte und entbl\u00f6\u00dfte dabei eine Reihe von Zahnl\u00fccken.<br \/>\n\u201eIch habe in meiner Vision nicht nur die kommenden Jahreszeiten bereist, es wird wohl einige hundert Winter dauern, bis es zu solchen Bedrohungen kommt, wie ich sie gesehen habe. Dort habe ich V\u00f6lker erahnt, die g\u00e4nzlich verschieden leben im Vergleich zu unseren Stammesv\u00f6lkern hier in der Pr\u00e4rie. Es herrschte Angst und Schrecken unter ihnen, sie liefen mit verh\u00fcllten Gesichtern durch den Tag. Ich sah nur ihre Augen, der Rest blieb mir verborgen. Manche hatten \u00e4ngstliche, weit aufgerissene Augen, als w\u00e4re der Grizzly hinter ihnen her. Andere hatten einen verschlagenen, respektlosen Ausdruck. Doch eines war ihnen gemeinsam, sie wurden von einer unsichtbaren Krankheit bedroht, die kein Medizinmann und keine Medizinfrau abwenden konnten. Manche erkrankten so schlimm, dass sie daran starben. Andere hatten nur eine leichte Schw\u00e4che oder etwas Fieber.\u201c<\/p>\n<p>Der kleine Manipi kletterte wendig auf den Scho\u00df des Schamanen, seine schmutzigen H\u00e4nde streichelten \u00fcber Pa-Akantis Gesicht.<br \/>\n\u201eWieso haben sich die kranken Menschen nicht an so einen klugen Mann wie dich gewandt? Er h\u00e4tte ihnen bestimmt helfen k\u00f6nnen, Onkel.\u201c Ein L\u00e4cheln huschte \u00fcber die Indianergesichter.<br \/>\n\u201eIn meiner Vision schien es, dass niemand diese unsichtbare Bedrohung abwenden konnte. Diese Krankheit schlich sich leise und unsichtbar an wie ein Puma, um dann wie ein Tornado durch das Land zu fegen.\u201c<br \/>\nMeda, die alte Medizinfrau, nahm einen tiefen Zug aus ihrer Pfeife und entgegnete mit kr\u00e4chzender Stimme.<br \/>\n\u201eGegen Fieber wird es doch immer ein Heilkraut geben?\u201c<\/p>\n<p>Es wurde still um das Lagerfeuer, nur das Knistern des Holzes und der rauschende Fluss waren zu h\u00f6ren.<br \/>\nLangsam erhoben sich einige Frauen des Stammes und holten Maisbrot und getrocknetes B\u00fcffelfleisch. Die Kinder bevorzugten Wildbeeren, welche in Holzschalen herumgereicht wurden. Mit einem behutsamen Nicken bedankten sich die M\u00e4nner und \u00c4ltesten bei den Frauen f\u00fcr die F\u00fcrsorge.<br \/>\n\u201eKonnten denn keine H\u00e4uptlinge und Krieger diese Gefahr abwenden?\u201c, erkundigte sich aus den hinteren Reihen eine junge Indianerin mit pechschwarzen Haaren, die kunstvoll geflochten ihren R\u00fccken bedeckten. Pa-Akanti blickte ihr tief in die Augen und dachte lange \u00fcber die Frage nach.<br \/>\n\u201eIhre Pferde waren nicht schnell genug und sie konnten sie nicht reiten, Niyaha!\u201c, antwortete der Schamane schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>Eine lange Pause entstand. Der Schamane schloss die Augen und summte eine leise Melodie. Sein Oberk\u00f6rper bewegte sich im Rhythmus der Flammen, mit der ge\u00f6ffneten rechten Handfl\u00e4che f\u00e4chelte er sich Rauch \u00fcber Gesicht und Haupt. Sein Ausdruck war gequ\u00e4lt und angestrengt. Immer lauter wurde sein Summen und Singen, seine Hand zitterte kaum merklich.<br \/>\n\u201eNicht die unsichtbare Bedrohung der Krankheit wird diese Menschen zerst\u00f6ren. Nein, es ist ihre Lebensart, die viel gef\u00e4hrlicher ist. In der Fr\u00fch verlassen sie ihre Behausungen, in alle Himmelsrichtungen verstreuen sie sich. Die Kinder verbringen den Tag \u00fcber unter ihresgleichen, die Alten leben in extra f\u00fcr sie vorgesehenen Einrichtungen und nicht, wie bei uns hier, hochgeachtet unter uns. Alle scheinen sie auf der Flucht zu sein, wie eine Herde ungest\u00fcmer Pferde! Nichts geschieht behutsam und bedacht bei ihnen, ihre Herzen schlagen laut und beinahe rasend, wie eine B\u00fcffelherde. Es wird eine schreckliche Zeit werden, sage ich euch.\u201c<\/p>\n<p>Der kleine Manipi, der an der Seite seines Onkels aufmerksam zugeh\u00f6rt hatte, beugte sich \u00fcber das Feuer und stocherte mit einem Stock die Flammen erneut an.<br \/>\n\u201eWas suchen sie denn nur? Sind sie J\u00e4ger?\u201c, fragte er kopfsch\u00fcttelnd.<br \/>\n\u201eJa, sie werden auf der Jagd sein. Nach Gold und Silber und Reichtum. Damit sie es eintauschen k\u00f6nnen in immer gr\u00f6\u00dfere Behausungen mit immer kleiner werdenden Clans. Sie werden einsame W\u00f6lfe sein und jaulen die halbe Nacht. Und niemand wird sie h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Langsam zog die Nacht \u00fcber die Pr\u00e4rie und vereinzelt war das Rufen der Coyoten zu h\u00f6ren. Die Sonne tauchte den Canadian River in ein dunkles Orange und die Pferdeherde des Stammes zog langsam und stetig das Ufer entlang auf der Suche nach Futter.<br \/>\nNach und nach verlie\u00dfen die Stammesmitglieder das Feuer und zogen sich zur\u00fcck in ihre Tipis. Nur Meda, Dohasan und Pa-Akanti sa\u00dfen zuletzt noch am Lagerfeuer und hingen ihren Gedanken nach.<br \/>\n\u201eDer Letzte macht das Feuer aus\u201c, fl\u00fcsterte Meda und erhob sich etwas schwerf\u00e4llig von ihrem Platz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a>\u00a0 Inventarnummer: 20123<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In staubigen Mokassins betrat Pa-Akanti den gro\u00dfen Platz, der sich kreisrund inmitten der zahlreich angeordneten Tipis seines Stammesvolkes bildete. Vor der Lagerfeuerstelle machte er Halt. 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