{"id":11848,"date":"2020-10-09T07:06:42","date_gmt":"2020-10-09T07:06:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11848"},"modified":"2020-10-11T07:13:06","modified_gmt":"2020-10-11T07:13:06","slug":"die-amethyst-kette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11848","title":{"rendered":"Die Amethyst-Kette"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11848&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11848&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Frau Elfriede Buchta, 79, lag im Krankenhaus. Es war abzusehen, dass es zu Ende ging. Ihr tapferes Herz w\u00fcrde wohl nicht mehr lange durchhalten, meinte der behandelnde Arzt nach der ersten Untersuchung, und zu seinem Erstaunen breitete sich auf ihrem Gesicht ein befreites L\u00e4cheln aus: \u201eGott sei Dank\u201c, sagte sie, \u201ejetzt muss ich mich nicht mehr vor jahrelangem Siechtum und totaler Hilflosigkeit f\u00fcrchten. Ja, das ist gut so.\u201c<\/p>\n<p>In der ersten Woche hatte Frau Buchta das Gl\u00fcck, mit der Bettnachbarin, einer Altb\u00e4uerin aus dem Marchfeld, eine verst\u00e4ndige und angenehme Gespr\u00e4chspartnerin \u00fcber den Spitalsalltag und sp\u00e4ter auch \u00fcber \u201eernstere\u201c Belange gefunden zu haben. Und in stillen Stunden \u2013 vorwiegend nachts, denn in einem Spital durchzuschlafen ist kaum m\u00f6glich \u2013 \u00fcberdachte sie die Stationen ihres Lebens:<\/p>\n<p>Die Kindheit im Wiener Gemeindebau Schlingerhof, wo sie mit Schulfreundinnen im Hof gespielt hatte, mit der Mutter jeden Samstag den Markt besucht und von der Frau Stipic oft ein St\u00fcck Obst bekommen hatte. In einem T\u00fcmpel des \u00dcberschwemmungsgebietes hatte sie Schwimmen und im Winter Eislaufen gelernt. Als Lehrm\u00e4dchen hatte sie im n\u00e4chtlichen Haustor den ersten Kuss von einem jungen Arbeitskollegen bekommen. Die s\u00fc\u00dfen Irrungen und Abenteuer der Liebe zogen in der Erinnerung vorbei, Gott, war sie jung, naiv und selig gewesen. Und wie sie bei einem Ball ihren sp\u00e4teren Mann kennengelernt und bald nach der bescheidenen Hochzeit ihr M\u00e4dchen zur Welt gebracht hatte. Nun war dieses auch schon Gro\u00dfmutter eines kleinen Buben, dr\u00fcben in Australien. Weit, weit weg, viel zu weit.<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen wurde sie in ein kleines Einzelzimmer verlegt, intern das \u201eSterbezimmer\u201c genannt. Dort wurde sie von der jungen Schwester Mira aufmerksam umsorgt. Als Mira einmal anzusehen war, dass sie Kummer hatte, sagte Frau Buchta zu ihr: \u201eKommen Sie, erz\u00e4hlen Sie mir was Sie bedr\u00fcckt, bei mir brauchen Sie wohl keine Angst mehr haben, dass ich es weitersage.\u201c Es war Mira eine gro\u00dfe Erleichterung, ihre Sorgen und Unsicherheiten der erfahrenen Frau am Rand des Lebens mitzuteilen, manchen guten Rat und tr\u00f6stliche Einsicht bekam sie da mit nach Hause. Auch der junge Stationsarzt Dr. Nemec besuchte sie t\u00e4glich, mehr aus \u00e4rztlicher Neugier, weil der Organismus dieser Patientin eigentlich schon seit Tagen nicht mehr funktionieren konnte \u2013 aber eine unbewusste leise Unruhe hielt sie ganz einfach noch in dieser Welt fest.<\/p>\n<p>Als sie einmal den Wunsch nach einem Schluck Wein \u00e4u\u00dferte, schmuggelte Schwester Mira ein Stifterl gek\u00fchlten Wei\u00dfwein ins Zimmer, Frau Buchta trank ein Glas davon und drehte sich dann behaglich auf die Einschlaf-Seite. In dieser Nacht tr\u00e4umte sie von ihrem verstorbenen Mann, und wie sie sp\u00e4ter von der Caritas seine Sachen abholen lie\u00df. Beim Aufwachen erinnerte sie sich, dass sie danach ihre goldene Halskette mit Amethysten, ein Geschenk von ihrem Karl zur Silberhochzeit, vermisste. Es musste sie wohl einer der Caritas-Arbeiter \u201emitgehen\u201c lassen haben, vermutlich der gr\u00f6\u00dfere der beiden, Bogdan genannt, weil er die Kleidung aus dem Schlafzimmer getragen hatte. Sie hatte damals geweint, aber keine Anzeige gemacht. Den ganzen Tag und auch am n\u00e4chsten kamen ihr diese Bilder in den Sinn, und was sie mit den M\u00e4nnern gesprochen hatte, dass sie ihnen einen Kaffee serviert und ein sch\u00f6nes Trinkgeld gegeben hatte. Hatte da dieser Bogdan nicht ein wenig verlegen gewirkt? Immer wieder musste sie daran denken, und dass sie trotz ihrer Anst\u00e4ndigkeit bestohlen worden war.<\/p>\n<p>Als Doktor Nemec zu Beginn der Nachtschicht beim Pulsmessen ungl\u00e4ubig l\u00e4chelnd fragte, was sie denn noch am Leben hielte, kam die leise Antwort: \u201eWissen Sie, ich habe da noch eine Rechnung offen, dann erst kann ich die Augen zumachen.\u201c Da sch\u00fcttelte der junge Arzt den Kopf: \u201eLiebe Frau Buchta, was wollen, ja was k\u00f6nnen Sie in Ihrer Lage denn noch unternehmen?\u201c Da atmete sie tief ein und sagte: \u201eWissenS\u2019, vielleicht kommt doch der Berg zum Propheten. Es geh\u00f6ren ja immer zwei dazu.\u201c Der Doktor ging kopfsch\u00fcttelnd.<\/p>\n<p>Gegen 21 Uhr gab es beim Spitalseingang Streit, denn ein Besucher beharrte darauf, jetzt noch einen Besuch zu machen. Der Nachtportier rief den diensthabenden Arzt, weil der Mann beteuerte, es w\u00e4re sehr dringend und er w\u00fcrde danach auch gleich wieder gehen. Als Doktor Nemec um den Namen des Patienten fragte, stammelte der Gastarbeiter den Namen \u201eFrau Ruchter\u201c oder \u201eBuchter.\u201c Sinnend blickte der Arzt in die H\u00f6he: \u201eVielleicht kommt doch der Berg zum Propheten\u201c, hatte Frau Buchta gesagt. Er beruhigte den Portier und nahm den Mann mit ins Krankenzimmer.<\/p>\n<p>Frau Buchta war hellwach, als h\u00e4tte sie den Besuch erwartet. Der Mann st\u00fcrzte zum Bett, fiel in die Knie und reichte ihr ein Stoffsackerl, dabei unter Tr\u00e4nen beteuernd: \u201eBitte, Frau, bitte nicht b\u00f6se sein, hab ich damals kein Geld, nix gehabt, wollte auch einmal Geld in Tasche haben und lustig sein, nicht nur arbeiten und schlafen. Hab ich das nicht mehr gefunden in Zimmer, bin wieder nach Zagreb heimgefahren. Erst heute habe ich alten Rock mit Loch in Tasche wieder angezogen und ist Kette rausgefallen. Nachbarin hat gesagt, Sie im Spital. Bitte nicht mehr b\u00f6se sein, tut mir leid, hat mir das kein Gl\u00fcck gebracht. Bitte wieder nehmen und alles wieder in Ordnung, ja?\u201c Frau Buchta nahm ihre goldene Halskette mit den lila Steinen heraus und hielt sie in die H\u00f6he: \u201eJa, Bogdan, jetzt ist alles in Ordnung, du hast mir das zur\u00fcckgebracht. Wenn man etwas gutmacht, hat man wieder Gl\u00fcck im Leben, ich trage dir nichts nach. Lass es gut sein und fahr nach Hause.\u201c Sie legte die Kette aufs Nachtkasterl und strich ihm tr\u00f6stend mit der Hand \u00fcber den Kopf wie einem Kleinkind. Der Mann stand auf, verbeugte sich mit nassen Augen noch einmal und ging.<\/p>\n<p>Als Doktor Nemec, der diese Szene im T\u00fcrrahmen staunend beobachtet hatte, wieder gehen wollte, bat ihn Frau Buchta, noch kurz dazubleiben und Schwester Mira zu rufen. Als diese eintrat, winkte die Patientin sie ans Bett und legte ihr die Kette in die Hand: \u201eLiebe Mira, du hast mich so liebevoll gepflegt, bitte behalt das als Dank und Andenken an mich.\u201c Die junge Schwester wollte verlegen ablehnen, das h\u00e4tte sie nicht verdient und k\u00f6nne sie nicht annehmen, aber Frau Buchta erwiderte: \u201eDort wo ich jetzt hingehe, brauche ich sie nicht mehr, und wem sonst sollte ich sie geben? Nimm sie nur und freue dich daran. Der Herr Doktor hat ja gesehen, dass ich sie dir geschenkt habe.\u201c Verlegen err\u00f6tend bedankte sich Mira und verlie\u00df mit dem Arzt das Zimmer.<\/p>\n<p>Als sie um Mitternacht noch einmal zu Frau Buchta ins Zimmer kam, atmete diese nicht mehr. Aber auf ihrem Gesicht lag ein friedliches L\u00e4cheln.<\/p>\n<p><em><strong>Epilog:<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Das echt Mystische an dieser Geschichte ist aber, dass der Autor am Ende in Wikipedia nachsah, ob man Amethyst wirklich mit \u201eth\u201c schreibt, und dort las, dass diesem Stein eine (apotrop\u00e4ische) Negativwirkung auf den Dieb nachgesagt wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 20115<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Elfriede Buchta, 79, lag im Krankenhaus. Es war abzusehen, dass es zu Ende ging. 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