{"id":11809,"date":"2020-09-25T06:58:26","date_gmt":"2020-09-25T06:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11809"},"modified":"2020-09-27T07:06:11","modified_gmt":"2020-09-27T07:06:11","slug":"die-letzte-fahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11809","title":{"rendered":"Die letzte Fahrt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11809&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11809&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Er stand am Bug des Schiffes und hielt sich mit einer Hand am Tau der Takelage fest. Der Wind peitschte ihm erbarmungslos die Gischt ins Gesicht, seine dunklen Locken klebten auf der Haut. Seinen Kopf gegen den Himmel gerichtet, flehte er die G\u00f6tter an, die Meeresbewohner zu beruhigen.<br \/>\nDie Ruderer an Bord kamen schwer voran, manche riefen ihm zu:<br \/>\n\u201eOrpheus, hilf uns doch! Musiziere und beruhige die G\u00f6tter!\u201c Mit M\u00fche kletterte er auf den rutschigen Dielen zu seiner Lyra und begann zu musizieren. Im Rhythmus gab er den Seem\u00e4nnern den Takt vor, bes\u00e4nftigte das w\u00fctend gewordene Meer und endlich konnten sie bei ruhiger See durch die \u00c4g\u00e4is segeln.<br \/>\n\u201eDas war knapp\u201c, meinte ein Ruderer sp\u00e4ter und klopfte Orpheus freundschaftlich auf die Schulter. Die Sonne erhellte wieder das Firmament und trocknete die Kleidung der Seefahrer, die bis auf die Haut nass geworden waren. Zum Dank spielte er weiter auf seiner Lyra und bald erreichten sie die Insel Lesbos.<\/p>\n<p>Reges Treiben herrschte im Hafen und nach einem kurzen Marsch kamen sie in eine kleine Stadt. Sie wollten sich st\u00e4rken nach der anstrengenden Fahrt, und entlang der Stadtmauer wurden die ersten Waren feilgeboten.<br \/>\nOrpheus fiel eine bedr\u00fcckte Stimmung auf, ganz anders als auf den anderen Inseln, die sie bisher erreicht hatten. Die Landwirte mit ihren Eselskarren, T\u00f6pfer und Schmiede, die Frauen an den St\u00e4nden, in k\u00fcmmerliche Kleider geh\u00fcllt, hatten alle einen abweisenden Gesichtsausdruck. Oder war es gar Trauer, die Orpheus in ihren Augen sah?<br \/>\n\u201eWas ist den Menschen hier widerfahren?\u201c, wandte er sich fragend an einen Mannschaftskollegen.<br \/>\n\u201eLesbos ist bekannt daf\u00fcr, dass die Menschen hier sehr arm und ungl\u00fccklich sind. Es fehlt ihnen an den sch\u00f6nen Dingen des Lebens. An Musik, Kunst, Vergn\u00fcgen.\u201c<br \/>\nSie sa\u00dfen an einem kleinen, wackeligen Holztisch, verspeisten Oliven und Schafsk\u00e4se und tranken jeder einen Becher Wein. Die ged\u00e4mpften Stimmen der H\u00e4ndler im Hintergrund boten Waren feil und wurden nur wenig von den Vorbeimarschierenden beachtet, die alle mit gesenkten K\u00f6pfen ihren Blick auf die staubige Stra\u00dfe richteten.<\/p>\n<p>\u201eMeiner Frau Eurydike, die G\u00f6tter m\u00f6gen sie selig ins Reich aufgenommen haben, versprach ich am Sterbebett, meine Musik weiterzuf\u00fchren und Gutes zu tun. Meint ihr, ich k\u00f6nnte hier auf der Insel mit meiner Lyra die Leute wieder fr\u00f6hlicher stimmen?\u201c<br \/>\nDie Seeleute erhoben ihre Weinbecher und prosteten ihm zu:<br \/>\n\u201eJa, Orpheus! Wunderbar!\u201c Ein junger Matrose sprang auf eine kleine Steinmauer und rief den Menschen zu:<br \/>\n\u201eSo kommt und h\u00f6rt! Orpheus ist auf eurer Insel und wird euch mit seinem Gesang den Tag erhellen und ertr\u00e4glicher machen. Kommt herbei!\u201c Euphorisch die H\u00e4nde schwingend, bedeutete er den Bewohnern, n\u00e4herzutreten. Orpheus nahm seine neunsaitige Harfe und begann zu musizieren.<br \/>\nBald dr\u00e4ngten M\u00e4nner, Frauen und Kinder mitsamt Eseln und Ochsen um den kleinen Platz und lauschten seiner Stimme. Manche hatten Tr\u00e4nen in den Augen, andere tanzten zur Musik, wieder andere nahmen ihre Mitb\u00fcrger bei der Hand oder fielen einander in die Arme. Den ganzen Nachmittag erfreuten sich die Bewohner der Stadt an der Darbietung von Orpheus.<br \/>\nAuch n\u00e4chsten Tag und \u00fcbern\u00e4chsten Tag konnten es die Menschen kaum erwarten, ihn zu h\u00f6ren. Er hatte gro\u00dfe Freude daran, die Einwohner gl\u00fccklich zu sehen, und in Gedanken war er bei seiner verstorbenen Frau Eurydike.<br \/>\nDie Bewohner sprachen mit leiser Stimme:<br \/>\n\u201eMit seinem Gesang und der Dichtkunst kann er G\u00f6tter bet\u00f6ren, auch Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. B\u00e4ume neigen ihm sich zu, wenn er spielt, und die wilden Tiere scharen sich friedlich um ihn.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer Woche stand Orpheus im Hafen und verabschiedete sich von seinen Seefahrern.<br \/>\n\u201eDies war meine letzte Fahrt. Ich werde hier bleiben, es ist wohl meine Bestimmung.\u201c<br \/>\n\u201eWir werden wiederkommen, Orpheus. Dann lass uns die Weinbecher erheben und uns deiner Gesangskunst lauschen.\u201c Die Mannschaft bestieg das gro\u00dfe Schiff, nahm an den Rudern Platz und verlie\u00df den Hafen.<\/p>\n<p>Bei seinem n\u00e4chsten Auftritt bemerkte Orpheus unter den Zuh\u00f6rern eine Frau, sie verweilte in der hintersten Reihe und beobachtete das Treiben. In einem ultramarinblauen seidenen Kleid mit aufgestickten f\u00fcnfzackigen Sternen aus feinsten Goldf\u00e4den stand sie reglos in der Menge, mit versteinerter Miene. Ihr blondes langes Haar wehte im Wind und sie wirkte erhaben und elegant. Sie tanzte nicht, lachte nicht und sie sprach auch nicht mit den anderen. Manchmal blickte sie Orpheus tief in die Augen, als wolle sie ihn verf\u00fchren. Entgegnete er mit einem L\u00e4cheln diesen Blick, wandte sie den Kopf ab und verschwand.<\/p>\n<p>Jeden Tag kam sie auf den Vorplatz an der Stadtmauer, und w\u00e4hrend einer Mittagspause, als es unertr\u00e4glich hei\u00df wurde, dr\u00e4ngte er sich durch die Menge auf die bet\u00f6rend sch\u00f6ne Frau zu. Mit einer leichten Verbeugung stellte er sich vor und fragte nach ihrem Namen.<br \/>\n\u201eIch hei\u00dfe Europ\u0113\u201c, entgegnete sie mit kr\u00e4ftiger Stimme.<br \/>\n\u201eNun, Europ\u0113, wie kommt es, dass du t\u00e4glich meiner Darbietung lauschst, obwohl sie dir augenscheinlich nicht gefallen mag?\u201c, fragte er gutm\u00fctig. Sie verzog ihren Mund zu einem abscheulichen L\u00e4cheln. Schlagartig war ihr Gesichtsausdruck nicht mehr feminin und zart, er glich eher einer Fratze. Mit spitzer Zunge und bebender Stimme antwortete sie:<br \/>\n\u201eIch bin lediglich hier um zu beobachten. Es interessiert mich nicht, wie du Menschen bet\u00f6rst und ihnen den Kopf verdrehst. Auf mich wirkt das nicht, es ist geheuchelt und ich harre der Dinge, die da kommen m\u00f6gen!\u201c, fauchte sie ihn an. Bei ihren Worten wich Orpheus j\u00e4h zur\u00fcck und er konnte nicht fassen, was er geh\u00f6rt hatte.<br \/>\n\u201eAber ist es denn so schlimm, Gutes zu tun? Den Menschen wieder Zuversicht, Freude und Gl\u00fcck zukommen zu lassen? Viele Bewohner hier leiden Hunger und sind von Kriegsfahrten heimgekehrt, haben schreckliches Elend gesehen. Was ist verkehrt daran, ihnen mit ein wenig Gesang, Musik und Dichtkunst den Weg zu ebnen nach den reinen, feingeistigen Freuden und nach der Liebe?\u201c<\/p>\n<p>Lange Zeit starrte sie ihm in die Augen. Der Wind schien stillzustehen und es war, trotz der Mittagshitze, eine frostige K\u00e4lte zu sp\u00fcren. Die Menschen, die vorher den Platz ges\u00e4umt hatten, hatten die Worte von Europ\u0113 geh\u00f6rt und liefen eilig weg aus Angst.<\/p>\n<p>\u201eLiebe, Mitgef\u00fchl, Empathie kann man nicht erzwingen, du Narr!\u201c, entgegnete sie giftig und verlie\u00df den Platz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 20111<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er stand am Bug des Schiffes und hielt sich mit einer Hand am Tau der Takelage fest. Der Wind peitschte ihm erbarmungslos die Gischt ins Gesicht, seine dunklen Locken klebten auf der Haut. 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