{"id":117,"date":"2013-11-24T16:21:38","date_gmt":"2013-11-24T16:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=117"},"modified":"2014-03-25T16:27:50","modified_gmt":"2014-03-25T16:27:50","slug":"ende-ohne-anfang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=117","title":{"rendered":"Ende ohne Anfang."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts117&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts117&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Also wei\u00dft du, ganz weit oben auf der Wunschliste meiner linken Gehirnh\u00e4lfte stand, Paul nie wieder zu begegnen; aber die rechte hat das aufs Heftigste konterkariert. Denn obwohl ich die Stra\u00dfe, in der er seine Galerie hat, f\u00fcr gew\u00f6hnlich meide, bin ich gestern am fr\u00fchen Abend doch dort gelandet. Automatisch.<br \/>\nAlso, ich mag das klare Licht des Septembers und die Nachsommerstimmung in der Stadt. So ein Gin Tonic im Kreis von Bekannten. Du wei\u00dft schon, \u00fcber den Sommer reden, Herbstpl\u00e4ne skizzieren und so. Sp\u00e4tsommersonnig.<br \/>\nDass mir der Paul eine Abfuhr erteilt hat, war da schon einige Wochen her. Nein, ich wei\u00df auch nicht, was mich da geritten hat, diesen braven Familienvater f\u00fcr eine Aff\u00e4re ins Auge zu fassen. Entbehrlich.<\/p>\n<p>Da stand er also und winkte mich locker zu seinem Stehtisch. Jetzt hie\u00df es, einfach so zu tun, als ob er mir nie interessant erschienen w\u00e4re. Peinlichkeiten haben keinen Platz, denn wir haben gesch\u00e4ftlich immer wieder miteinander zu tun, ja eigentlich sind wir beinahe freundschaftlich verbunden. Der Paul, der ist ja auch ein Kunstbesessener. Ja, genau, zumindest diese Leidenschaft teilen wir. Gemeinsam.<br \/>\nIch sah, dass er schon beim zweiten Drink angelangt war. Eine Woche zuvor hatte ich meine Haare ganz kurz schneiden lassen und ich trug ein knielanges dunkles Kleid, so eines, das meine Arme freilie\u00df. Dazu hatte ich einen gleichfarbigen Bolereo kombiniert, ein recht extravagantes St\u00fcck aus Venedig. Zwei lange \u00c4rmel, am R\u00fccken verbunden, aus hauchd\u00fcnnem, halbtransparentem Strickstoff. Und da gab es diese Stelle, die weder vom Kleid, noch vom Bolero bedeckt wurde, du wei\u00dft schon, ein kleiner Teil der Schulter, meine Achselh\u00f6hle und der Bereich darunter im \u00dcbergang zur Brust blieben frei. Blickfang.<br \/>\nMan k\u00f6nnte meinen, die M\u00e4nner h\u00e4tten sich an leicht bekleideten Frauen \u00fcber den Sommer satt gesehen. So die trockene Theorie. Als ich dann n\u00e4mlich meinen Arm hob, um den Kellner heranzuwinken, wirkte diese kleine unbedeckte Stelle meines K\u00f6rpers anscheinend h\u00f6chst attraktiv auf Paul, der seinen Blick nicht abwenden konnte. Ich habe das nat\u00fcrlich bemerkt, hielt den Arm ein klein wenig l\u00e4nger, als eigentlich n\u00f6tig, in die Luft und st\u00fctzte mich anschlie\u00dfend so auf den Bartisch, dass auch jetzt noch Raum blieb f\u00fcr etwaige K\u00f6rperbetrachtungen. Hautbegutachtungen.<br \/>\nPauls Blick fiel immer wieder genau dort hin, sein Redefluss jedoch war ungebrochen. Ja, er referierte geradezu unaufh\u00f6rlich \u00fcber einen neuen K\u00fcnstler. Unbeeindruckt.<br \/>\n<i>Louisa, das musst du sehen. Ich habe ihn gleich unter Vertrag genommen, im November pr\u00e4sentiere ich ihn. Er ist jung und st\u00f6rrisch und so derart von sich eingenommen. Stell dir vor, anstatt dankbar zu sein, hat er um die H\u00f6he der Provision gefeilscht. Aber er ist gut, so expressiv mit seinen Arbeiten im XXL-Format. Du wirst ihn m\u00f6gen<\/i>. Unverwechselbar.<br \/>\nUnd als ich dann meinen Gin Tonic zum Mund f\u00fchrte und somit meine nackte Achselh\u00f6hle erneut ein St\u00fcck weit \u00f6ffnete, stell dir vor, da schnellte Pauls Hand pl\u00f6tzlich vor und fuhr wie beil\u00e4ufig kurz mit den Handr\u00fccken dar\u00fcber, wobei er unger\u00fchrt weitersprach. Fast h\u00e4tte ich meinen Drink versch\u00fcttet. Unerwartet.<br \/>\nDoch so schnell seine Hand gekommen war, so rasch war sie auch wieder verschwunden. Und wenn ich seine kurze, sehr sachte Ber\u00fchrung nicht noch immer deutlich nach-gesp\u00fcrt h\u00e4tte, so w\u00e4re ich gar nicht mehr sicher gewesen, dass das eben tats\u00e4chlich passiert war. Eigentlich war es ja nur eine kleine Geste, so als ob er den aufdringlichen Gedanken an meine Haut wie eine l\u00e4stige Fliege verjagt h\u00e4tte. K\u00fchn!<\/p>\n<p>Paul zeigte mir Fotos der Werke des jungen K\u00fcnstlers, und wir sahen einander \u00fcber unsere Lesebrillen hinweg zum ersten Mal l\u00e4nger in die Augen. Konzentriert.<br \/>\nUnd dann fragt er mich: <i>Und jetzt, Louisa, erz\u00e4hl du mal von eurem Urlaub, du warst ja bei der Biennale? Wie fandest du die Ausstellung im Palazzo Fortuny? Und \u2013 ehrlich gesagt interessiert mich das mindestens so wie die Kunst \u2013 war\u2019s denn auch romantisch? Immerhin Venedig! \u00a0<\/i>Keck.<br \/>\nNa warte, \u00fcberlegte ich, diese Frage kann doch kein Zufall sein! Ich sah ihm forschend in die Augen, die sich aber unbewegt zeigten. Pl\u00f6tzlich war ich \u00fcberzeugt davon, dass er sich doch f\u00fcr meine Avancen erw\u00e4rmen w\u00fcrde und fuhr fort: <i>Romantisch? Venedig? Tja, wenn man von den tausenden Menschen absieht, die auch die Romantik suchen. <\/i>Paul blieb neugierig: <i>Nein, du wei\u00dft schon, du und dein Sebastian in der Gondel, Sonnenuntergang, o sole mio, Aperol am Markusplatz und so weiter. <\/i>Hartn\u00e4ckig.<br \/>\nIch dachte, da will es einer aber genau wissen. Nach meinem dritten Gin Tonic zweifelte ich nicht im Mindesten daran, dem Gespr\u00e4ch noch gewachsen zu sein und entgegnete unbek\u00fcmmert. <i>Paul, du wei\u00dft doch, Sebastian und ich sind seit mehr als zehn Jahren verheiratet. Aber du hast Recht, wir sind z\u00e4rtlich zueinander, wir lieben uns, und ja, wir haben Sex.<\/i> Dich krieg ich noch, hab ich gedacht und fuhr fort; nicht ohne seine unbewegte Miene aus den Augen zu lassen. <i>So zwei Mal pro Woche durchschnittlich, im Winter seltener, im Sommer \u00f6fter, im Urlaub viel \u00f6fter. <\/i>Pokerface.<br \/>\nF\u00fcr einen kurzen Augenblick glaubte ich, ein Aufblitzen in seinen Augen zu bemerken. Sp\u00f6ttisch.<br \/>\nMit ausladender, entbl\u00f6\u00dfender Armbewegung bestellte ich f\u00fcr uns beide neue Drinks, um gleich darauf unerschrocken fortzufahren. <i>Im schlechtesten Fall denke ich dabei dann an die Erledigungen des n\u00e4chsten Tages, aber das wird wohl bei deiner Frau nicht anders sein. <\/i>Gnadenlos.<br \/>\nJetzt, jetzt! Paul zog die Augenbrauen hoch. Ich beugte mich \u00fcber den Tisch n\u00e4her zu ihm und fl\u00fcsterte unverdrossen: <i>In besseren Momenten habe ich irgendeinen muskul\u00f6sen Kerl vor Augen und manchmal, ja manchmal, da hat er sogar ein Gesicht. <\/i>Ich erhob am Ende des Satzes meine Stimme, ein wenig schmeichelnd und theatralisch und sah ihm unverwandt in die Augen. Einladend.<br \/>\n<i>Na dann, Prost, auf Venedig und die Romantik!, s<\/i>agte der Paul daraufhin und leerte sein Glas in einem Zug. <i>Und was bitte wolltest du dann eigentlich von mir? Mit einem imposanten Sixpack kann ich nun wirklich nicht dienen. <\/i>Er konnte mir nur ganz kurz in die Augen sehen. Indigniert.<br \/>\nMir wurde daraufhin sehr hei\u00df und ich sp\u00fcrte den Alkohol, glaubte aber, noch weiter gehen zu m\u00fcssen und so sage ich dann unversch\u00e4mt: <i>Ich wollte halt pl\u00f6tzlich wissen, wie du dich anf\u00fchlst und wie du k\u00fcsst. <\/i>Schlicht.<\/p>\n<p>Jetzt blieb dem Paul der Mund offen und gerade als ich beharrlich weitersprechen wollte, stand sie pl\u00f6tzlich da. Ja, seine Frau, ich kenne sie nur fl\u00fcchtig. Sie schob ihr Fahrrad an unseren Tisch, sah auf die leeren Gl\u00e4ser und sagte kurz angebunden <i>Hallo<\/i>. Wei\u00dft du, die Frau sah richtig abgek\u00e4mpft aus, trug ihren kleinen Jungen auf dem Arm, ihr Zopf hatte sich halb aufgel\u00f6st, Schwei\u00dftropfen \u00fcber der Oberlippe, eine schwere Einkaufstasche hing am Rad. Das Kind begann zu kreischen. Ich sah ihr an, dass sie w\u00fctend gegen die Tr\u00e4nen ank\u00e4mpfte. <i>Paul, du wolltest doch Melanie abholen vom Training, weil du doch heute das Auto hast. Jetzt glaub ich fast, du kannst gar nicht mehr fahren, wenn ich so auf die Anzahl der Gl\u00e4ser schaue und in deine Augen. Gibst du mir den Schl\u00fcssel, damit ich das erledigen kann, das Fahrrad lasse ich dir hier. <\/i>Fatal.<br \/>\nUnd der Paul, der bekam so einen leeren Blick. Glaub mir, ich hab mich pl\u00f6tzlich so gesch\u00e4mt, wie ich da stehe und diesen Mann mit meiner nackten Achselh\u00f6hle verwirre. Unertr\u00e4glich!<br \/>\nDas war\u2019s dann auch schon mit meiner kl\u00e4glichen Anbahnungsgeschichte, so was von erb\u00e4rmlich. Gescheitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 13011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also wei\u00dft du, ganz weit oben auf der Wunschliste meiner linken Gehirnh\u00e4lfte stand, Paul nie wieder zu begegnen; aber die rechte hat das aufs Heftigste konterkariert. Denn obwohl ich die Stra\u00dfe, in der er seine Galerie hat, f\u00fcr gew\u00f6hnlich meide, bin ich gestern am fr\u00fchen Abend doch dort gelandet. Automatisch. 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