{"id":11678,"date":"2020-07-09T11:43:51","date_gmt":"2020-07-09T11:43:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11678"},"modified":"2020-07-13T08:40:56","modified_gmt":"2020-07-13T08:40:56","slug":"das-museum-der-brentanos-ankunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11678","title":{"rendered":"Das Museum der Brentanos: Ankunft"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11678&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11678&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Einer der beiden Schl\u00fcssel sperrte die Haust\u00fcr, und ich betrat eine kleine Eingangshalle. Dunkelheit empfing mich. Eine Stufe f\u00fchrte nach links in ein enges finsteres Stiegenhaus. Ich fand endlich den Schalter f\u00fcr die Beleuchtung, die den Namen jedoch kaum verdiente. Ein tr\u00fcbes, schwaches Licht ging an. Das Haus schien mir in den F\u00fcnfzigerjahren adaptiert und renoviert worden zu sein. Die Eingangst\u00fcre, der Steinbo\u00adden im Eingangsbereich, Holzkassetten an den W\u00e4nden. Es gab einen Lift, einen Mini-Lift, ich w\u00e4hlte aber die steile Wendeltreppe in den zweiten Stock, um mir vorzumachen, ich bewege mich ausreichend. Deshalb nahm ich zwei Stufen auf einmal. Ohne Atemnot erreichte ich den zweiten Stock. <em>Brentano<\/em> stand an der Wohnungst\u00fcr.<\/p>\n<p>Von Bekannten hatte ich erfahren: Professor Robert Brentano, ein Spezialist f\u00fcr mittelalterliches Englisch und italienische Geschichte und Professor an der University of California, Berkeley, hatte hier eine Zeit lang die Sommer ver\u00adbracht. Eines seiner B\u00fccher, <em>Zwei Kirchen: England und Italien im dreizehnten Jahrhundert<\/em>, gewann 1968 den \u201eJohn Gilmary Shea\u201c-Preis und die Haskins-Medaille. Er, 1926 geboren, hatte die Wohnung auf Giudecca erworben. Die brentanosche Wohnung war v\u00f6llig unbewohnt \u00a0\u2013 der Professor war schon lange tot, 2002 war er gestorben, und von seiner Familie und seinen Nachkommen schien niemand mehr Interesse an ihr zu haben \u2013, durfte ich mich f\u00fcr ein paar Tage einmieten. Der zweite Schl\u00fcssel sperrte die Wohnungst\u00fcr.<\/p>\n<p>Als ich eintrat, empfingen mich ein abgestandener Geruch und Dunkelheit, aber nicht der Eindruck der Leere, vielmehr der Eindruck einer vollst\u00e4ndig eingerichteten Wohnung, deren Bewohner \u00fcberst\u00fcrzt aufgebrochen waren und alles, so wie es war, zur\u00fcckgelassen hatten. Oder vielleicht waren sie nur kurz weg, gingen Besorgungen nach und w\u00fcrden gleich zur\u00fcckkommen und vor mir, dem Eindringling, \u00fcber den man sie nicht verst\u00e4ndigt hatte, erschrecken und mich br\u00fcsk hinauskomplimentieren. Verlassenheit empfing mich und eine Kulisse au\u00dferhalb der Zeit, die in mir, dem fremden Besucher, eine historisie\u00adrende Faszination hervorrief.<\/p>\n<p>In jedem Zimmer schaltete ich die Beleuchtung ein\u00ad, weil die Fensterl\u00e4den geschlossen waren. Die meisten kleinen Zimmerfenster gingen in dunkle Sch\u00e4chte hinaus, die kaum Tageslicht hereinlie\u00dfen, nur die Wohnzimmerfenster, ebenso klein und erh\u00f6ht, schauten zum Canale della Giudecca hinaus. Ich \u00f6ffnete die Fensterl\u00e4den. Zerbr\u00f6ckelnde Insektenschutzgitter konnten ihrer Aufgabe kaum gerecht werden. Gegen\u00fcber, jenseits des Canale della Giudecca, fiel mir die Kirche Santa Maria della Visitazi\u00adone auf, deren graue Fassade an einen griechi\u00adschen Tempel erinnerte. Im Nordos\u00adten ragte die Kuppel von Santa Maria della Salute \u00fcber die D\u00e4cher, und dahinter der Campanile auf der Piazza San Marco.<\/p>\n<p>Die Wohnung, das bemerkte ich nach dem Blick in mehrere Zimmer, war vollst\u00e4ndig m\u00f6bliert, die Re\u00adgale voll mit B\u00fcchern, Kleidungsst\u00fccke hingen \u00fcber Sessel, lagen \u00fcber Lehnen, hingen in den K\u00e4sten. \u00dcber der Lehne des Schreibtischsessels hing eine Weste, auf die der Professor bei k\u00fchlerer Temperatur zur\u00fcckgegriffen hatte. H\u00e4tten mir die Kleidungsst\u00fccke gepasst und h\u00e4tte ich nicht auf den Zeitgeschmack und den Geruch der Vergangenheit geachtet, sie w\u00e4ren mir zur Verf\u00fcgung gestanden. Gerahmte Fotos standen auf Tischen, K\u00e4sten und Schr\u00e4nken.<br \/>\nDer Schreibtisch in dem Zimmer, wo das Bett f\u00fcr mich stand, machte den Eindruck \u2013 wieder kam diese Vorstellung in mir hoch \u2013, als w\u00e4re Professor Brentano \u2013 der dieses Bett wohl benutzt hatte \u2013 nur kurz hinausgegangen, um in einer Bar einzukehren, einzukaufen oder sich Zigaretten zu holen. W\u00fcrde er mich der Wohnung verweisen, wenn er mich in seinem Arbeitszimmer antraf, oder w\u00fcrde er meiner Erkl\u00e4rung Glauben schenken, man hatte mir diese \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit nach bestem Wissen und Gewissen ausnahmsweise angeboten? Ich konnte es ihm erkl\u00e4ren, wie es dazu gekommen war.<\/p>\n<p>Kugelschreiber, f\u00fcr die n\u00e4chsten Aufzeichnungen bereit, in Wirklichkeit trocken und deshalb unbrauchbar, lagen auf der Schreibfl\u00e4che, Notiz\u00adzettel, einige beschrieben, einige blank. B\u00fc\u00adcher standen in einem Wandregal gleich \u00fcber dem Schreibtisch: eine Geschichte Venedigs, ein Kunstf\u00fchrer, englisch-italienische W\u00f6rterb\u00fccher, lateinische Texte, zahlreiche weitere B\u00fccher, die ich mit Ehrfurcht und Achtung betrachtete. Das eine oder andere nahm ich behutsam zur Hand, Staub l\u00f6ste sich. Ich bl\u00e4tterte darin, roch daran. Wie fast immer lie\u00df der Geruch von B\u00fcchern in mir ein Gl\u00fccksgef\u00fchl, ein Gef\u00fchl der Zufriedenheit entstehen.<br \/>\nIch hatte beinahe das Gef\u00fchl, ich tat etwas Verbotenes, so als schn\u00fcffelte ich in fremden Dingen, als st\u00f6rte ich eine fremde Intimit\u00e4t, indem ich die Abwesenheit des Inhabers ausn\u00fctzte. Der Staub auf den B\u00fcchern verfl\u00fcchtigte sich durch die Entnahme aus dem Regal und durch vorsichtiges Wegblasen. Die Erschei\u00adnungsjahre zeugten von einer vergan\u00adgenen Zeit, einer Zeit, in der ich selber noch jung war: die sp\u00e4ten Siebziger-, fr\u00fchen Achtzi\u00adgerjahre des vorigen Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Da entdeckte ich auf dem Schreibtisch, etwas nach hinten geschoben, ein Kaleidoskop. Staub bedeckte das Rohr, das mit bunten Mustern ver\u00adziert war. Ich blies ihn vorsichtig weg, um nicht in eine Staub\u00adwolke eingeh\u00fcllt zu werden. Es war halb so wild, ich bekam keinen Nies- oder Erstickungsanfall. Mit einem Papiertaschentuch brachte ich das Kaleidoskop zum Gl\u00e4nzen. Ich blickte durch das Kaleidoskop in Richtung Fenster, dessen L\u00e4den ich ge\u00f6ffnet hatte, und war pl\u00f6tz\u00adlich wieder ein Kind, vielleicht zehn Jahre, vielleicht etwas \u00e4lter, und ich fragte mich, ob ich \u00fcberhaupt erwachsen war.<br \/>\nIch drehte am bewegli\u00adchen Teil, und vor mir erstanden ver\u00adschiedenste symmetrische Muster, Sterne in allen m\u00f6gli\u00adchen Farben \u2013 rote, gr\u00fcne, blaue, gelbe, lila Glassteinchen \u2013, ebenso Kreise, Ro\u00adsetten, Ringe, sph\u00e4rische Gebilde, Fraktalen \u00e4hnlich. Die Spiegelungen zauberten Muster in nahezu vollkommener Symmetrie vor meine Augen. Ich war fasziniert. Und diese Muster lebten, \u00e4nderten sich mit jeder Drehung, bildeten Mischfarben, schienen selber Freude an ih\u00adren Metamorphosen zu haben, die jeder statischen Langweiligkeit entge\u00adgenstanden.<\/p>\n<p>Professor Brentano schien wie ich von Zeit zu Zeit mit kindli\u00adchem Gem\u00fct gesegnet gewesen zu sein, je\u00addenfalls was Kaleidoskope betraf. Das best\u00e4tigte sich, indem ich auf dem Schreibtisch einen Bausatz f\u00fcr ein Kaleidoskop entdeckte. Die Verpackung war aufgebrochen, und ich leerte sie auf dem Schreibtisch aus. Offenbar war das funktionierende Kaleidoskop, durch das ich ge\u00adschaut hatte, ein gekauftes Fabrikat. Das andere h\u00e4tte der Professor wohl gerne zusammengebaut.<\/p>\n<p>Am liebsten h\u00e4tte ich mich hinge\u00adsetzt und das Kaleido\u00adskop nach der Bauanleitung gebastelt. Die Anleitung war zwar italienisch, doch gestand ich mir in einem Zustand der Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung so viel Geschick\u00adlichkeit zu, den Zusammenbau zu schaffen, und ein paar Brocken Italienisch konnte ich auch. Au\u00dferdem zeigten Zeichnun\u00adgen, wie man vorzugehen hatte. Die Gegen\u00adst\u00e4nde, die ich auf dem Schreibtisch sah, verf\u00fchr\u00adten mich, mich hinzusetzen, mitten am hell\u00adlichten Sommertag, und zu beginnen: ein Bogen fester Karton im DIN-A4-Format, ein Bogen Pergamentpapier, eine Klarsichtfolie, eine selbstklebende Spiegelfolie, bunte Perlen oder Schmucksteinchen, Lineal und Bleistift, Cutter und Schneideunterlage, Papierschere und Na\u00adgelschere, Klebefilm.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<br \/>\nAuszug aus der Erz\u00e4hlung:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bucherverlag.com\/das-museum-der-brentanos\" target=\"_blank\">Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 20104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der beiden Schl\u00fcssel sperrte die Haust\u00fcr, und ich betrat eine kleine Eingangshalle. 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