{"id":11571,"date":"2020-06-24T13:50:17","date_gmt":"2020-06-24T13:50:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11571"},"modified":"2020-06-27T07:12:48","modified_gmt":"2020-06-27T07:12:48","slug":"apokalypse-reloaded-3-angewandte-geographie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11571","title":{"rendered":"Apokalypse reloaded III: Angewandte Geographie"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11571&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11571&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Noch einmal der selbe Ort und fast die selbe Personage. Wir spielten einmal wie so oft im Hof Weltreisen, Hedi, Franzi und ich. Dazu gruben wir mit St\u00f6ckchen Kan\u00e4le, G\u00e4nge und Gruben in die Erde, durch die wir dann unsere Murmeln laufen lie\u00dfen. Sie waren gewunden und die L\u00f6cher so tief, wie wir nur graben konnten.<br \/>\nWas war der Wettbewerb? So viele Ziele wie m\u00f6glich aufzusagen, wohin die Murmeln rollen sollten.<\/p>\n<p>Als \u00c4lteste von uns Dreien war ich im Vorteil. Ich denke, ich werde etwa neun gewesen sein, Hedi zwei Jahre j\u00fcnger, Franzi noch vor der Einschulung.<br \/>\nEs war wahrscheinlich der neunte Geburtstag, als ich ein Buch geschenkt bekommen habe, damals sehr aktuell, Thor Heyerdahls \u201eAku-Aku\u201c. Sp\u00e4ter kam \u201eKontiki\u201c dazu. Als fr\u00fche Vielleserin waren das meine Lieblinge. Sp\u00e4ter folgten die Reisebeschreibungen von Sven Hedin und Amundsen.<br \/>\nAber da meine Eltern eine Art von verallgemeinernd-verwirtschaftender Kulturerziehung betrieben, bekamen alle Geschwister einmal ihren Moment: Es wurde von meinem Vater in dramatisierter Art das jeweilige Lieblingsbuch vorgelesen, am gro\u00dfen Familientisch nach dem Abendessen und dem Rosenkranz. Bei den \u00e4lteren Geschwistern werden es damals die diversen Karl Mays gewesen sein, f\u00fcr die ich mich nicht interessierte. Endlich kam mein Lieblingsbuch Aku-Aku an die Reihe. Mein Vater hatte ein dramatisches Talent, beim Lesen alles zu rhythmisieren und musikalisieren. Er vertonte Kinderb\u00fccher genauso wie klassische Balladen. Er versetzte mit Aku-Aku alle in Begeisterung, und von nun an sprachen wir \u00fcber nichts mehr anderes als \u00fcber Ozeanien und die Osterinseln. Das hatte gravierende Folgen.<\/p>\n<p>Wie die \u00e4lteren Geschwister das verarbeitet haben, wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht mehr. Aber unter uns J\u00fcngeren war das lange ein Thema. Wie kommen wir von Tulln, K\u00f6nigstetterstra\u00dfe 13, nach Ozeanien, Tahiti, Fidschi, auf die Osterinsel, nach Australien, in die Karibik, nach Tasmanien und Japan? Wir berauschten uns an komplizierten Namen wie Kilimandscharo und Fudschijama, Popokatepetl und Taklamakan, Atakama, Kysyl-Kum und Amur-Darja, Samarkand und Buchara, Ratanui,Tschuktschen, Sulawesi und Sambesi. Wir gruben G\u00e4nge in den Gartenhof, bauten Gruben, so tief wir konnten und tr\u00e4umten vom Durchstich auf die andere Seite der Erdkugel.<\/p>\n<p>Wir hatten unser Vergn\u00fcgen daran, Buchstaben oder Wortteile umzustellen und konnten davon nicht genug kriegen: Fudschi-Kili, Kumm-Kiesel-kumm, Lula-Wasi, Bem-Sasi. Bei den Tschuktschen \u2013 Tschek-tschucktschuck \u2026 w\u00e4re Franzi einmal fast erstickt, weil er seine Zunge verschluckte. Mein Lieblingswort war der Popokatepetl, bei Hedi war es Dshallalabad. Uns konnte man nicht Schuld geben f\u00fcr unsere ungew\u00f6hnlichen Spiele.<br \/>\nWie alle Kinder waren wir nur die Papageien der Eltern. Papa mit seinem dramatischen Vortrag von \u201eWalle walle, manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser flie\u00dfe &#8230;\u201c<br \/>\nEr selbst schien Spa\u00df an Wortverdrehungen zu haben und hat uns zur Nachahmung angeregt. Bei uns ging damals eine Hausschneiderin aus und ein, die kleine Ausbesserungs- und Strickarbeiten \u00fcbernahm, eine Frau Muck aus Muckendorf-Wipfing, das Dorf nach Langenlebebarn und vor Zeiselmauer. Er konnte sich k\u00f6stlich dar\u00fcber am\u00fcsieren, wie wir uns \u00e4rgerten, wenn er die Anfangsbuchstaben verdrehte zu Frau Wick aus Mickendorf-Wupfing. Nein, Papa, protestierten wir, so hei\u00dft sie nicht, sie hei\u00dft Frau Muck aus Muckendorf-Wipfing, und immer wieder andersrum. Aha, die Frau Mick aus Wupfendorf-Mipfing. Ein fr\u00fchzeitiges, kindliches Rappen.<\/p>\n<p>Den Hauptmurmeln, also jenen, die den Anfang machten, gaben wir die Namen unserer Lieblingshelden. Sie waren etwas gr\u00f6\u00dfer als die \u201eArbeiter\u201c und bunter. Die Anf\u00fchrer wurden in die G\u00e4nge geschossen, die Mannschaften folgten ihnen nach, so drangen wir immer weiter zum Erdmittelpunkt vor.<br \/>\nBei mir war es eindeutig Darwin, beim kleinen Franzi einfachheitshalber Thor, Hedi hat sich nie entscheiden k\u00f6nnen und sich in Amundsen, Colombo und Cook gleichzeitig verliebt. Bevor wir die Murmeln in die G\u00e4nge setzten, spuckten wir auf den gro\u00dfen Darwin, Thor und Cook und lie\u00dfen sie los auf ihre Erkundungsfahrten. Wir besa\u00dfen damals als nicht wohlhabende, kinderreiche Familie noch nicht den Luxus eines Globus und daher nur ungef\u00e4hre Vorstellungen von der Weltkugel. Ich war mit Darwin eher auf den S\u00fcden gerichtet, Thor nach Ozeanien, und Cook schiffte dazwischen herum.<\/p>\n<p>In unser Spiel vertieft, bemerkten wir nicht, dass sich unser Vater einmal \u00fcber uns beugte.<br \/>\nWas spielt ihr denn da?<br \/>\nWir spielen nicht. Wir entdecken die Welt und erobern sie.<br \/>\nWo wollt ihr denn hin?<br \/>\nZum Kilimandscharo und zum Fudschijama. Ich als die \u00c4lteste.<br \/>\nWie kommt ihr denn da hin?<br \/>\nDurch die Erdkugel einfach durch und durch.<br \/>\nUnd was ist, wenn ihr dort am anderen Ende rauskommt?<br \/>\nDas wissen wir nicht, wir sind noch nicht so weit. Wei\u00dft du es?<br \/>\nVater war f\u00fcr uns ein Gott und wusste alles.<br \/>\nAlso, wenn ihr in Afrika beim Kilimandscharo herauskommt, h\u00e4ngt ihr in den H\u00f6hlen und B\u00e4umen kopf\u00fcber wie die Flederm\u00e4use. Das sind die Antipoden, die Kopff\u00fc\u00dfler. Sie gehen am Kopf und das nur r\u00fcckw\u00e4rts. Aber passt auf, gejagt und gefuttert wird nur nachts.<br \/>\nWenn ihr beim Fudschijama herauskommt, m\u00fcsst ihr abwechselnd auf den H\u00e4nden und dem Popo gehen. Es gibt dort nur Reis zu essen, manchmal auch Nudeln und Algen.<br \/>\nWir kannten damals weder Reis noch Nudeln noch Algen, nur Erd\u00e4pfel, Grie\u00dfschmarrn und Sterz. Trotzdem wurden wir gro\u00df und stark.<\/p>\n<p>Das Murmelspiel stellten wir bald ein. Daf\u00fcr \u00fcbten wir unerm\u00fcdlich, ohne unsere Kapit\u00e4ne Darwin, Thor und Cook, in unserem heimischen Garten, vom dicksten Ast des Kirschbaumes kopf\u00fcber herunterzuh\u00e4ngen, herunterzufallen, auf den H\u00e4nden zu gehen und auf dem Hintern im Gras herumzurutschen. Eine kleine Affenhorde. Mir war am wichtigsten, nachts m\u00f6glichst nicht zu schlafen, um die Jagd nicht zu verpassen.<br \/>\nAls Franzi im n\u00e4chsten September eingeschult wurde und ihn die Lehrerin fragte, was denn sein Vater so arbeite, antwortete er: Mein Vater ist ein Prophet.<br \/>\n(Er war Mittelschullehrer und wurde als solcher mit Professor angeredet.)<br \/>\nGut. Und was arbeitet deine Mutter?<br \/>\nDie macht gar nichts, die ist immer nur zu Hause.<\/p>\n<p>12.6. 20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 20097<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einmal der selbe Ort und fast die selbe Personage. Wir spielten einmal wie so oft im Hof Weltreisen, Hedi, Franzi und ich. Dazu gruben wir mit St\u00f6ckchen Kan\u00e4le, G\u00e4nge und Gruben in die Erde, durch die wir dann unsere Murmeln laufen lie\u00dfen. 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