{"id":11528,"date":"2020-06-05T15:48:40","date_gmt":"2020-06-05T15:48:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11528"},"modified":"2020-06-14T16:47:56","modified_gmt":"2020-06-14T16:47:56","slug":"apokalypse-reloaded-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11528","title":{"rendered":"Apokalypse reloaded II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11528&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11528&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich wuchs in einer patriarchalischen Familie auf, in jedem Fall war das das Modell meiner Kindheits- und Jugendjahre. So gab es das ungeschriebene Gesetz, dass ohne den Vater nicht mit dem Abendessen begonnen werden durfte. Das war die einzige gemeinsame Zusammenkunft, bei der alle wichtigen Dinge erz\u00e4hlt, diskutiert, beurteilt und sanktioniert wurden. Fr\u00fchst\u00fccks- und Mittagessens-Zeiten waren wegen der unterschiedlichen Schultermine Variable. Abendessen um 19 Uhr unter Vorsitz des Vaters \u2013 das war eine eiserne Regel.<\/p>\n<p>Aber einmal passierte es, dass der Stadtpfarrer am sp\u00e4ten Nachmittag zum Vater zu Besuch kam, mit dem er einen Gedankenaustausch pflegte. Es war die Zeit der St\u00fcrme, die das II. Vatikanische Konzil mit sich brachte. Mein Vater war ein unerm\u00fcdlicher Trommler f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Reformwerk in der r\u00f6misch-katholischen Kirche seit der Reformation. Es wurde zwischen den Eltern vor uns Kindern sogar am Esstisch heftig diskutiert, sodass ihn meine Mutter einmal einen \u201elutherischen Ketzer\u201c nannte. Schnaubend meinte sie: \u201eDa kannst du ja gleich zu den Protestanten gehen!\u201c<br \/>\nEine besonders pikante Aussage, war sie doch nach dem Zusammentreffen mit meinem Vater von den Evangelischen zu den Katholischen konvertiert.<\/p>\n<p>Der Dechant von St. Stephan war eine kreuzfromme, aber leicht einf\u00e4ltige und \u00e4ngstliche Person, die sich gern von meinem Vater beraten und im Glauben best\u00e4rken lie\u00df. Das II. Vatikanum wirbelte alle Glaubensgrunds\u00e4tze und die fast 2000 Jahre alten Regeln so durcheinander, dass der Gute manchmal ganz verzagt in der Seele war, ob das noch seine vielgeliebte, heilige r\u00f6misch-katholische Kirche und Papst Johannes Paul II nicht ein verkleideter Luther oder, noch schlimmer, eine Ausgeburt der H\u00f6lle auf Petri Stuhl sei.<br \/>\nDas vertraute er aber nicht einmal meinem Vater an, sondern nur seinem geistlichen Beichtvater als \u201eS\u00fcnde wider den Heiligen Geist\u201c, und das ist die allerschlimmste unter den Tods\u00fcnden.<\/p>\n<p>Eine Messe in der Volkssprache, der zum Volk gewendete Tisch, demokratische Strukturen wie Pfarrgemeinder\u00e4te, Ministrantinnen, Diakoninnen \u2013 alles nicht auszudenken. Das kann nur das Ende der Kirche sein, alles Ideen des Antichrist.<br \/>\nIch meine mich erinnern zu k\u00f6nnen, dass der Pfarrer meinem Vater seine Entw\u00fcrfe f\u00fcr die Sonntagspredigten vorlegte und sie mit ihm nach didaktischen und rhetorischen Gesichtspunkten durchnahm. War der Vater doch ein Professor und P\u00e4dagoge.<\/p>\n<p>Es wird schon etwas Wichtiges gewesen sein, das den Stadtpfarrer so sp\u00e4t am Nachmittag hereinschneien lie\u00df. Was wusste ein Kleriker mit Pfarrerk\u00f6chin schon von den ehernen Gesetzen eines zehnk\u00f6pfigen Haushalts. Der Abendtisch war gedeckt, wir sa\u00dfen reihum mit knurrenden M\u00e4gen, auf dem Herd k\u00f6chelte das Essen vor sich hin, aber aus dem Arbeitszimmer drang noch immer das Gemurmel der zwei M\u00e4nnerstimmen. Es wurde sp\u00e4t und sp\u00e4ter. Meine Mutter, bei der alle Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten, vor allem Verst\u00f6\u00dfe gegen die Zeitregeln, einen heiligen Zorn hervorriefen, war schon am Explodieren und stie\u00df allerlei unchristliche Verw\u00fcnschungen gegen den Stadtpfarrer aus. Aber sie konnte ihn ja nicht selbst vertreiben. In diesem Dilemma scharrte sie mit den Vorderhufen wie ein ungez\u00e4hmter Mustang und schnaubte:<br \/>\n\u201eDem sag ich einmal richtig meine Meinung, dem alten Depp!\u201c<\/p>\n<p>Da kam irgendjemand auf die Idee, den j\u00fcngsten Bruder Franzi vorzuschicken. Wahrscheinlich die \u00e4lteren Br\u00fcder, die den Kleinen gern ins offene Messer laufen lie\u00dfen. Franzi sollte heimlich erkunden, wie weit die beiden M\u00e4nner mit der Verabschiedung seien. Freudig \u00fcber seine Rolle als Kundschafter, warf der sich in die Schlacht. Anstatt nur an der T\u00fcr zu lauschen, \u00f6ffnete er sie einen Spalt breit, steckte den Kopf durch und verk\u00fcndete, was er im v\u00e4terlichen Arbeitszimmer sah. Mit laut kr\u00e4hender Stimme meldete er an den im Esszimmer wartenden Rest der Familie triumphal zur\u00fcck:<br \/>\n\u201eJa, der alte Depp ist noch immer da!\u201c<\/p>\n<p>So schnell konnten wir gar nicht schauen, raffte der Geistliche seine R\u00f6cke, die Papiere und den Hut zusammen und huschte schnell wie der Schatten eines schwarzen Katers durch die Haust\u00fcr hinaus in die Nacht. Selten wurde der J\u00fcngste dieser hierarchischen Familie so unisono als Held gefeiert wie an diesem Abend.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Das \u201eAbendmahl\u201c, auf das wir so lange hatten warten m\u00fcssen, bestand aus einer Stosuppe mit heurigen Erd\u00e4pfeln, K\u00fcmmel drin und Schnittlauch drauf, ein St\u00fcck Schwarzbrot dazu. Herrlich, diese Erinnerung. Noch heute zerknacke ich jedes einzelne K\u00fcmmelk\u00f6rnchen mit Genuss zwischen den Z\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Pfingstsonntag, 31.5.20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 20095<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wuchs in einer patriarchalischen Familie auf, in jedem Fall war das das Modell meiner Kindheits- und Jugendjahre. So gab es das ungeschriebene Gesetz, dass ohne den Vater nicht mit dem Abendessen begonnen werden durfte. Das war die einzige gemeinsame Zusammenkunft, bei der alle wichtigen Dinge erz\u00e4hlt, diskutiert, beurteilt und sanktioniert wurden. 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