{"id":11523,"date":"2020-06-05T15:40:59","date_gmt":"2020-06-05T15:40:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11523"},"modified":"2020-06-08T07:31:46","modified_gmt":"2020-06-08T07:31:46","slug":"apokalypse-reloaded-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11523","title":{"rendered":"Apokalypse reloaded I"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11523&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11523&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als es am Gartentor klingelt, h\u00e4lt sich Mama gerade im Schlafzimmer auf, das zwei Fenster zur Stra\u00dfe hat. Sie sieht dort einen Mann und eine Frau stehen, die ein B\u00fcndel Zeitschriften vor der Brust tragen. Das oberste Exemplar ist in durchsichtiges Plastik eingepackt und h\u00e4ngt an einer Schnur um den Hals, \u201eDer Wachturm\u201c. So stehen sie auch jeden Samstag auf dem Hauptplatz unter der Marienstatue. Ah, das sind wieder einmal die Zeugen Jehovas, denkt sie, die schick ich zum Papa, der diskutiert ja so gerne. Sie verachtet die Sektierer aus tiefster Seele und ist in ihren Ansichten, wie alle Konvertiten, p\u00e4pstlicher als der Papst. Bettler und Hausierer bekommen immer etwas, aber Missionare schickt sie gnadenlos weg, wenn der Vater nicht zu Hause ist. Sie \u00f6ffnet das Gartentor, l\u00e4sst die beiden in den Vorgarten eintreten und leitet sie weiter an ihren Ehemann. Der sitzt gerade einmal nicht an seinem Schreibtisch, sondern ist mit einem Kanalarbeiter damit besch\u00e4ftigt, die \u00fcbergeflossene Senkgrube zu entleeren. Die beiden Missionare stapfen durch die Einfahrt in den Hof, stellen sich h\u00f6flich mit Namen vor und beginnen das Gespr\u00e4ch mit dem Stehsatz:<br \/>\n\u201eWir m\u00f6chten gern mit Ihnen \u00fcber Gott sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Mein Vater, in Gummistiefeln und ledernem Arbeitsschurz, wendet sich ihnen zu, unterbricht aber seine Arbeit nicht. Er schaufelt mit einer langstieligen Kelle die Verdauungsreste einer zehnk\u00f6pfigen Familie in Eimer und Bottiche, die der Arbeiter zu einem h\u00f6lzernen Kastenwagen in der Einfahrt tr\u00e4gt. Es ereignete sich also zu einer Zeit, die noch weit entfernt war von geruch- und ger\u00e4uschlosen Pumpen und Absaugger\u00e4ten.<br \/>\n\u201eJa, bitte, Sie k\u00f6nnen mit mir reden.\u201c<\/p>\n<p>Die Zeugen sind freundliche, gesittete und geduldige Leute, denen es nicht in den Sinn kommt, das einmal gefundene Opfer zu bitten, die Arbeit einzustellen und sie vielleicht in ein Zimmer einzuladen. So stehen sie mit ihrem Propaganda-Organ \u201eDer Wachturm\u201c am Rand der offenen Senkgrube, ein tiefer Schacht an der Mauer zum Klo. Wie dem Schlund der H\u00f6lle entsteigt ihm ein unbeschreiblicher Gestank und verbreitet \u00fcber den ganzen Hof eine undurchdringliche Wolke. Der Situation entsprechend h\u00e4tte man sagen k\u00f6nnen: bestialisch, teuflisch, h\u00f6llisch. Dabei handelt es sich nur um allzu menschliche Dinge. Es ist ein hei\u00dfer Sommertag, und die Schwaden der H\u00f6lle h\u00e4ngen br\u00fctend \u00fcber der kleinen Gruppe.<\/p>\n<p>Die Apostel der letzten Tage sind nicht nur bibelfeste, sondern auch tief \u00fcberzeugte und standhafte Gl\u00e4ubige. Au\u00dferdem werden sie nicht alle Tage in ein gro\u00dfes Haus gebeten, sondern meistens von der Schwelle weggescheucht. Sie schicken einander ermutigende Blicke zu, richten ihre R\u00fcstung vor der Brust zurecht und spulen die Standards\u00e4tze ab. Sie k\u00fcndigen den Ungl\u00e4ubigen an, im ewigen H\u00f6llenfeuer zu schmoren. Wer Gott nicht gehorcht, wird alle Schmerzen dieser Welt erleiden. Alle Feinde Gottes werden am J\u00fcngsten Tag vernichtet, wie der Prophet Jeremias, Jesaja 43, Vers 10 und 11, sagte:<br \/>\n\u201eIhr seid meine Zeugen (\u2026) Ich \u2013 ich bin Jehova, und au\u00dfer mir gibt es keinen Retter.\u201c<br \/>\nSie rattern ganze Bibelabs\u00e4tze samt Strophen- und Versezahlen fehlerlos herunter wie eine aufgezogene Uhr, aus der immer wie ein Kuckuck der Name Jahwe hervorspringt. Sie werden fast zu Poeten, wenn sie in bunten, saftigen Bildern die H\u00f6llenqualen schildern. Eine wahrhaft hoffnungsfrohe Religion.<\/p>\n<p>Mein Vater, ein nicht minder sattelfester Bibelkenner, erkl\u00e4rt ihnen geduldig, dass sie da etwas missverstanden haben m\u00fcssen. Man k\u00f6nne nicht eine ganze Religion auf einen einzigen Prophetensatz gr\u00fcnden. Man m\u00fcsse das Gesamtpaket der Bibel hernehmen, das ganze Alte Testament, da g\u00e4be es viele Propheten mit vielen verschiedenen Aussagen. Vor allem aber sei f\u00fcr ihn als katholischer Christ das Neue Testament ausschlaggebend, Christus und seine Botschaft der Liebe. Das Christentum sei eine Religion der Liebe. Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. \u00dcberhaupt m\u00fcsse man seit dem II. Vatikanischen Konzil die neuen Interpretationen des Bibelwortes ber\u00fccksichtigen und das neue Christus-Bild als Vorbild f\u00fcr sein eigenes christliches Leben nehmen. Nachfolge Christi nennt man das. Wir glauben an einen Gott der Liebe und nicht der Rache.<br \/>\nAu\u00dferdem m\u00fcsse man die Bibel in einem historischen Kontext sehen und d\u00fcrfe nicht alles wortw\u00f6rtlich nehmen, so wie etwa die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Das sind Sinnbilder. Auch habe sich die Wissenschaft seit Bibelzeiten weiterentwickelt. Darwin, zum Beispiel \u2026 Bei der Erw\u00e4hnung dieses Namens fallen sie vor schwer unterdr\u00fcckter Emp\u00f6rung fast in die Grube. Darwin, ein Name wie der leibhaftige Gottseibeiuns! Menschen, die von Affen abstammen \u2026<br \/>\nVor allem verurteilt der Vater die Scheidung in Gl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige, denen von den Zeugen Jehovas die schlimmsten Strafen angedroht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mit der Spaltung in wahre Zeugen, die Auserw\u00e4hlten, und in die s\u00fcndigen Schafe, die am J\u00fcngsten Tag zur Schlachtbank gef\u00fchrt w\u00fcrden, sei er keinesfalls einverstanden. Das sei absolut unchristlich und widerspreche der Bergpredigt. Er ist nicht faul, den Aposteln der Letzten Tage die ganze Bergpredigt auswendig herzudeklamieren, w\u00e4hrend die H\u00f6llend\u00e4mpfe sie umwabern. Er h\u00e4lt inne und st\u00fctzt sich auf den Stiel seiner Schaufel. \u201eSelig ist, wer \u2026 \u00a0Selig ist, wer \u2026 Das ist der Sinn der Bibel, mein Credo.\u201c<br \/>\nDiskussion ist das nat\u00fcrlich keine, eher eine Begegnung wie von zwei Mauern, die gegeneinander anrennen.<br \/>\nMein Vater und der Arbeiter sind mit einer solchen Arbeit vertraut, geht doch die Senkgrube regelm\u00e4\u00dfig einmal im Jahr \u00fcber. Die Zeugen Jehovas jedoch, bibeltechnisch und rhetorisch exzellent geschult, sind mit dieser Situation \u00fcberfordert und schnappen nach Luft. Da n\u00fctzt ihnen auch die ganze antrainierte Bibelrhetorik nichts mehr. Sie k\u00e4mpfen sichtlich mit unbezwingbarem Brechreiz, nicht mehr um seelisches, sondern statisches Gleichgewicht am Rande der Grube bem\u00fcht, unternehmen sie nicht einmal einen Versuch, den \u201eWachturm\u201c zu verscherbeln, wie \u00a0jedes Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott enden muss.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, dass nicht die schl\u00fcssige Argumentation meines Vaters sie in die Flucht geschlagen hat. Die B\u00fcndel mit den Zeitschriften vors Gesicht gepresst, nahmen sie freiwillig Rei\u00dfaus und beendeten den Missionierungsversuch an einem seltenen Redewilligen. Unter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tten sie ihn erst nach langer Qu\u00e4lerei aus ihren Krallen gelassen. Unser Haus bekam ein unsichtbares jehovisches Kruckenkreuz an die Wand gemalt wie von Hausierern und Bettlern: Hier ist nichts zu holen. Sie kamen nie wieder. Mama gab den Bettlern und Hausierern weiter eine Kleinigkeit, kaufte den Sieberl- und Ranftlmachern etwas ab und lie\u00df die vazierenden Messerschleifer unsere Messer und Scheren sch\u00e4rfen.<br \/>\nJauche schl\u00e4gt Jahwe.<\/p>\n<p>Warum ich das alles wei\u00df? Ich stand im WC auf dem Klodeckel und lauschte beim Guckfenster hinaus. Warum ich das alles erinnere? Ich hab\u2019s getr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Pfingstsonntag, 31.5.20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 20094<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als es am Gartentor klingelt, h\u00e4lt sich Mama gerade im Schlafzimmer auf, das zwei Fenster zur Stra\u00dfe hat. Sie sieht dort einen Mann und eine Frau stehen, die ein B\u00fcndel Zeitschriften vor der Brust tragen. Das oberste Exemplar ist in durchsichtiges Plastik eingepackt und h\u00e4ngt an einer Schnur um den Hals, \u201eDer Wachturm\u201c. So stehen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[102],"class_list":["post-11523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-anno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11523"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11541,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11523\/revisions\/11541"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}