{"id":11520,"date":"2020-06-05T15:35:24","date_gmt":"2020-06-05T15:35:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11520"},"modified":"2020-06-08T07:24:28","modified_gmt":"2020-06-08T07:24:28","slug":"abschied-vom-baum-ausreissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11520","title":{"rendered":"Abschied vom \u201eBaum-Ausrei\u00dfen\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11520&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11520&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Irgendwann kommt der Moment, wo man nicht mehr zu den M\u00e4nnern geh\u00f6rt, die H\u00e4user bauen, im Wald Holz machen oder sonstige mit Schwerarbeit verbundene und damit prestigetr\u00e4chtige Projekte bew\u00e4ltigen. Man ist eben \u00e4lter geworden.<\/em><\/p>\n<p>Vor einigen Wochen kuppelte der Pensionist Anton Kurz den kleinen Anh\u00e4nger an sein Auto und fuhr zum nahe gelegenen Kieswerk, um einen viertel Kubikmeter Schotter f\u00fcr seinen Gartenweg zu holen.<\/p>\n<p>Es versprach ein sch\u00f6ner Septembertag zu werden, als er fr\u00fchmorgens gegen sieben Uhr \u00fcber die Feldwege fuhr; die V\u00f6gel sangen in den Hecken und die Sonne hing als orangener Feuerball noch tief am Himmel. Herr Kurz erinnerte sich der vielen Male, die er \u2013 damals als Mittf\u00fcnfziger \u2013 meistens um diese Tageszeit zu seiner Baustelle unterwegs gewesen war.<\/p>\n<p>Ach Gott, war das eine sch\u00f6ne Zeit gewesen, trotz oder \u2013 so denkt er heute dar\u00fcber \u2013 gerade wegen der schweren Arbeit beim Aufmauern seines Hauses im Gr\u00fcng\u00fcrtel au\u00dferhalb Wiens. Ja, es war eine Schinderei, den ganzen Tag bei Wind und K\u00e4lte (er baute gr\u00f6\u00dftenteils im Winter, wenn die bereits abgemeldeten Herren Maurer gerne einen Wochenend-Pfusch annahmen) M\u00f6rtel mischen, Ziegel schleppen, Wasser holen, Ger\u00fcst bauen etc. Aber am Abend, wenn er sich vor dem Heimfahren noch einmal m\u00fcde umdrehte, sah er die Arbeitsleistung des Tages im nunmehr wieder h\u00f6her gewordenen Mauerwerk, in den ausgesparten Fenstern und T\u00fcr\u00f6ffnungen. \u201eHeute ist ganz sch\u00f6n etwas weitergegangen\u201c, dachte er da befriedigt und verga\u00df das Kreuzweh und die zerschundenen H\u00e4nde. Er hatte etwas geleistet, was nicht jeder konnte, er hatte schwere Arbeit getan und war in Gesellschaft von M\u00e4nnern, die als \u201eHand-Werker\u201c (Maurer, Zimmerleute, Elektriker, Installateure oder Dachdecker) H\u00e4user entstehen lie\u00dfen, Grundst\u00fccke planierten, G\u00e4rten anlegten, mit Krampen und Schaufel Wege bauten \u2013 mit einem Wort: Heimst\u00e4tten schufen, aus dem nackten Boden H\u00e4user bauten f\u00fcr ihre Familien und Freunde.<\/p>\n<p>Jeden Sonntag, wenn er nachmittags m\u00fcde und abgerackert in schmutziger Arbeitskleidung vor seinem Wiener Wohnblock aus seinem uralten Auto stieg, standen einige Bewohner in teurer Freizeitkleidung am Parkplatz herum, besprachen ihre Ausfl\u00fcge und die Lokale, in die sie mit ihren Frauen eingekehrt waren, und sahen mitleidig l\u00e4chelnd zu ihm her\u00fcber. Jedoch Anton Kurz grinste nur \u00fcberlegen und winkte ihnen zu, bevor er zu seiner Wohnung hinaufstieg. Die Nachbarn waren zumeist Angestellte oder Beamte in seiner Einkommensklasse, sie gaben ihr Geld f\u00fcr die Annehmlichkeiten des Lebens aus und hatten vielleicht ein kleines Bankkonto, aber kaum einer von ihnen hatte jemals einen Ziegel auf den anderen gelegt \u2013 es waren eben Leute und keine M\u00e4nner. Und offensichtlich sch\u00e4tzten diese Nachbarn ihre Mitbewohner nach Urlaubsreisen, Auto, Tennisklub und dem Outfit ihrer Frauen ein; somit geh\u00f6rte Anton nicht zu den \u201eSch\u00f6nen und Reichen\u201c seines Wohnblocks.<\/p>\n<p>Aber als ihn \u2013 gegen Ende der Rohbauphase \u2013 ein Nachbar zuf\u00e4llig beim Heurigen traf, wo Anton mit seinem Maurer und einem Helfer zu Mittag a\u00df, ergab sich bei der Theke doch ein kurzes Gespr\u00e4ch, bei dem der erstaunte Mitbewohner erfuhr, dass Anton in dieser prominenten Heurigengegend einen Garten hatte und nun ein Haus baute. Was sich in seinem Wohnblock rasch herumsprach und zur Folge hatte, dass Anton nun von seinen Nachbarn freundlicher gegr\u00fc\u00dft wurde und auch in deren Achtung deutlich gestiegen war. Man bedenke, ein Haus in diesem sch\u00f6nen Vorort Wiens! Aber er k\u00fcmmerte sich nicht viel darum \u2013 wer vorher mit ihm auf gutem Fu\u00df gestanden hatte, blieb es weiterhin, und die \u201eNeu-Freundlichen\u201c begr\u00fc\u00dfte er genauso reserviert wie sie vorher ihn. Nur die Neid erregende Bemerkung, dass er g\u00e4nzlich ohne Kredit baute, hatte er sich doch nicht verkneifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber das war nun Vergangenheit, Anton hatte sein Werk getan: ein Haus gebaut, ein Kind aufgezogen, einen Garten angelegt, und nun war er auch schon aus den Erfordernissen des Berufslebens heraus, wo er 45 Jahre lang flei\u00dfig gearbeitet und manchen Erfolg verbucht hatte. Auch das fehlte ihm, das Bew\u00e4ltigen schwieriger Aufgaben und der Zeitdruck. So manches Mal war er mit einem ungel\u00f6sten Problem zu Bett gegangen und hatte doch kaum Schlaf gefunden, weil er nicht wusste, wie der n\u00e4chste Tag laufen sollte. Manchmal war ihm dann im Morgengrauen eine L\u00f6sung eingefallen, weil er sich bem\u00fcht hatte, die Sachlage alternativ zu sehen, das Problem von anderer Seite zu beleuchten. Oder er hatte seiner Frau auf ihre besorgte R\u00fcckfrage die schwierige Situation m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren versucht, was ihm manchmal einen verbl\u00fcffend einfachen L\u00f6sungsansatz bescherte.<\/p>\n<p>Je nun, vorbei ist vorbei \u2013 jetzt sollte er sich besser seiner noch passablen Gesundheit und der wohlverdienten Pension erfreuen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und an einem so sch\u00f6nen Morgen mit dem Auto unterwegs sein, ein paar Scheibtruhen Schotter holen und anschlie\u00dfend mit der Frau auf der selbst gemauerten Terrasse fr\u00fchst\u00fccken \u2013 gab es was Sch\u00f6neres? Schon war er auf der staubigen Br\u00fcckenwaage, kletterte die Eisenstiege zum Vorarbeiter hinauf, sagte seinen Wunsch und fuhr dann hinunter ins Kieswerk, wo ihm der Baggerfahrer eine viertel Schaufel Kies in den Anh\u00e4nger kippte. Nun wieder zur\u00fcck auf die Br\u00fcckenwaage und ins \u201eB\u00fcro\u201c zum Zahlen. Hier musste er warten, bis die drei Fahrer der riesigen Betonmischer und zwei \u201eH\u00e4uslbauer\u201c abgefertigt waren.<\/p>\n<p>Anton h\u00f6rte sie \u00fcber ihre Arbeit reden, die Zeit- und Materialprobleme, und was sie alles noch vor bzw. bereits geleistet hatten. Als bauerfahrener \u201eHackler\u201c beteiligte er sich an einem Gespr\u00e4ch und riet einem \u201eLeidensgenossen\u201c, der gerade seinen Rohbau fertig hatte und schon einen Weg betonieren wollte, davon ab. Es w\u00e4re \u2013 so Anton \u2013 praktischer, den Zugang zwischen Gartentor und Haus provisorisch mit im Rasen liegenden Trittsteinen anzulegen, bis auch die Fassade fertig sei. Denn es passiert oft genug, dass der \u201eTrampelpfad\u201c, wo die Menschen wirklich zum Haus gehen, nicht immer eine gerade Linie ist. Einer der LKW-Fahrer stimmte zu, er h\u00e4tte auch seinen befestigten, rechteckig angelegten Weg nach einem Jahr wieder m\u00fchsam herausrei\u00dfen m\u00fcssen, weil Frau, Kinder und G\u00e4ste daneben im Gras eine Kurve eingetreten h\u00e4tten. Au\u00dferdem w\u00e4re das viel h\u00fcbscher geworden als die harte gerade Linie. Was den betreffenden \u201eH\u00e4uslbauer\u201c dann nachdenklich stimmte.<\/p>\n<p>Da rief ihn der Vorarbeiter zur Kassa, Anton legte den kleinen Geldschein hin und warf die Wechselgeld-M\u00fcnzen in die \u201eKaffee-Kasse\u201c, ein abgesto\u00dfenes Keramik-Sparschwein neben dem Bildschirm. Mit \u201eAlsdann pf\u00fcat euch\u201c kletterte er dann die Gitterstufen zum Auto hinunter und fuhr langsam nach Hause. Es rumorte noch immer leise in ihm, dass er jetzt nicht mehr zu den \u201eproduktiven, Schwerarbeit leistenden\u201c M\u00e4nnern geh\u00f6rte, sondern ein \u201enicht mehr viel n\u00fctzer\u201c und daher, wie er es empfand, auch weniger geachteter Pensionist war. Nat\u00fcrlich sagte er sich beim Heimfahren selbst mehrmals, dass er doch das Seine geleistet und viel geschafft hatte, mit Arbeit Tag und Nacht und allen dazugeh\u00f6rigen \u201eRanderscheinungen\u201c wie Kreuzweh, Sorgen, Stress, eiserner Sparsamkeit und kaum \u201eFreizeitvergn\u00fcgen\u201c. Ja, alles in Ordnung, er war stolz auf das Erreichte, auch Familie und Freunde anerkannten das.<\/p>\n<p>Warum dann diese wehm\u00fctige Stimmung, wenn er andere dem Ziel zustreben sah, das er schon erreicht hatte? Traf f\u00fcr ihn die Redewendung \u201eDer Weg ist das Ziel\u201c zu? Nein, Herrgott nochmal, sicher nicht! Er hatte geackert, um etwas zu erreichen und nicht, um ewig weiter ackern zu m\u00fcssen! Ja, das war\u2019s, er hatte seine Ziele erreicht und war damit zufrieden. Also warum zum Kuckuck beneidete er die noch aktiven H\u00e4uslbauer? Vielleicht, weil sie ein Ziel hatten, das ihm nun fehlte? Ja, das auch, gestand er sich ein. Aber da war noch was, etwas nicht so leicht zu Greifendes, das ihm keine Ruhe lie\u00df.<\/p>\n<p>Wieder zu Hause stellte er den Wagen in die Garage und den Anh\u00e4nger zum Gartenweg, dann rief die Gattin schon: \u201eKaffee ist fertig!\u201c Anton liebte diese wichtigste Mahlzeit des Tages, in einem sonnigen sch\u00f6nen Garten am liebevoll gedeckten Tisch Platz zu nehmen und den ersten Schluck Kaffee zu genie\u00dfen. \u201eWas ist mit dir \u2013 du siehst irgendwie bedr\u00fcckt aus?\u201c, ermunterte ihn die Frau zum Sprechen.<br \/>\nAls Anton ihr von seinen Gef\u00fchlen erz\u00e4hlte, wie er die noch aktiven \u201eH\u00e4uslbauer\u201c beneidet h\u00e4tte und eigentlich nicht wusste warum, blickte sie eine Weile sinnend in die Luft und meinte dann: \u201eIch glaube, du beneidest sie nicht um die Arbeit, nein, du beneidest sie um das K\u00f6nnen, dass sie dazu noch k\u00f6rperlich imstande sind. Ja, mein Lieber, wir sind \u00e4lter geworden und das m\u00fcssen wir akzeptieren! Heimweh ist ja auch nicht die Sehnsucht nach dem Ort, sondern nach der Zeit, als wir dort waren. Diese schwer arbeitenden \u201eH\u00e4uslbauer\u201c w\u00fcrden dich beneiden, wenn sie dein Haus und den Garten sehen k\u00f6nnten, sie w\u00fcrden gerne mit dir tauschen und sich viel lieber an den gedeckten Tisch setzen, als schon wieder die Schaufel und die Scheibtruhe in die Hand zu nehmen, glaubst du nicht auch?\u201c<\/p>\n<p>Da stand Anton von seinem Platz auf, ging um den Tisch herum und gab ihr einen Kuss: \u201eJa, du hast recht, ich sollte das jetzt genie\u00dfen und nach vorne schauen. Ich werde dann die Nachbarn fragen, ob sie nachmittags Zeit f\u00fcr eine Tarockpartie h\u00e4tten, was meinst du?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 20093<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann kommt der Moment, wo man nicht mehr zu den M\u00e4nnern geh\u00f6rt, die H\u00e4user bauen, im Wald Holz machen oder sonstige mit Schwerarbeit verbundene und damit prestigetr\u00e4chtige Projekte bew\u00e4ltigen. Man ist eben \u00e4lter geworden. 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