{"id":11457,"date":"2020-05-20T08:02:51","date_gmt":"2020-05-20T08:02:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11457"},"modified":"2020-05-23T16:02:23","modified_gmt":"2020-05-23T16:02:23","slug":"its-war-baby","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11457","title":{"rendered":"Verfluchte Tage oder It\u2019s war, baby!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11457&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11457&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eDieses verw\u00fcnschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.\u201c<br \/>\nDiese S\u00e4tze schrieb Ivan Bunin am 1. J\u00e4nner 1918 in sein Tagebuch, noch in Moskau, aber bald danach floh er vor der bolschewistischen Revolution \u00fcber Odessa nach Paris und kehrte nie wieder zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eVerfluchte Tage\u201c nannte der Nobelpreistr\u00e4ger von 1933 seine Aufzeichnungen \u00fcber Revolution und Flucht vor 100 Jahren.<br \/>\n\u201e\u2026 weil eines der auff\u00e4lligsten Erkennungsmerkmale einer Revolution die ungez\u00fcgelte Gier nach Spiel, Verstellung, Pose, Schaubude ist. Im Menschen erwacht der Affe.\u201c<br \/>\nOdessa, 12. April 1919<\/p>\n<p>Als mir im M\u00e4rz 2020 beim Abstauben der B\u00fccherregale dieses Buch in die H\u00e4nde fiel, las ich es in einer schlaflosen Nacht in einem Zug durch und bemerkte, dass ich es schon mehrere Male durchgearbeitet hatte, wie ich an den unterschiedlichen Unterstreichungen und Anmerkungen feststellen konnte. Warum nur? Weil mich Umbr\u00fcche und Weggabelungen schon immer interessiert haben, sowohl bei mir, bei Menschen als auch in der Geschichte, vor allem, wenn sie zeitlich zusammenfallen. Und nun bin ich in einem von solchen F\u00e4llen Lebenszeitzeuge; da holte ich andere Exilliteratur aus dem Russenregal: \u201eTeffy, Champagner aus Teetassen \u2013 Meine letzten Tage in Russland\u201c der Schauspielerin Nadeshda Lochwitzkaja; weiters die Autobiografie von Levon Aslanowitsch Tarassow, der sich im Pariser Exil Henry Troyat nannte und mehr als einhundert historische Romane schrieb; die Biografie von Olga Knipper-Tschechowa, und die von Lew Nussimbaum alias Kurban Said alias Essad Bey, der auf seiner Flucht mit seinem Vater ebenfalls in Konstantinopel h\u00e4ngengeblieben ist.<br \/>\nDieses Warten, dieses H\u00e4ngenbleiben und das Herausfallen aus der Zeit, ich glaube, es ging ihnen allen so wie dem Panther im Jardin des Plantes \u2013 und hinter tausend St\u00e4ben keine Welt. Die russische Psychoanalytikerin Sabina Spielrein erwischte der Kriegsausbruch in ihrem langj\u00e4hrigen Wohnort Berlin, und obwohl sie nicht ausgewiesen wurde, kehrte sie \u2013 aus \u00fcbergro\u00dfer Heimatliebe? \u2013 nach Russland zur\u00fcck. Dort geriet sie zuerst in die Stalin-Falle, die ihrer Karriere ein Ende setzte und sp\u00e4ter in die SS-Falle, die ihr Leben, das ihrer zwei T\u00f6chter, des Vaters und zweier Br\u00fcder ausl\u00f6schte.<\/p>\n<p>Als immer mehr Politiker, angefangen von Macron bis zu Trump, vom \u201eKrieg\u201c gegen das Corona-Virus zu schwafeln begannen, kamen bei mir Erinnerungen auf an die vielen Emigranten, die auf der Flucht irgendwo strandeten oder sich bei Kriegsausbruch pl\u00f6tzlich in Feindesland wiederfanden. Sie wurden entweder expediert oder kehrten aus Patriotismus in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcck. Das kann man in vielen Biografien aus den Zeiten vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nachlesen. Nicht wie jetzt bei der Corona-Krise holten sie ihre Regierungen in Luftflotten nach Hause, 250 000 in Deutschland, 34 000 in \u00d6sterreich, sondern sie haben ihr Leben lang dieses Gestrandetsein nicht mehr vergessen und verwinden k\u00f6nnen. Immer war es ein Wendepunkt in ihren Leben.<\/p>\n<p>Tschechows Witwe Olga befand sich mit der Truppe des MCHAT, dem Moskauer K\u00fcnstlertheater, gerade auf Gastspiel in Odessa, als die Oktoberrevolution ausbrach.<br \/>\nNach verzweifelten und \u201everfluchten\u201c Wochen, wie Ivan Bunin diese Zeit bezeichnet, gelingt es der Truppe, ein Schiff zu kapern, das sie die Donau aufw\u00e4rts bis nach Wien bringt, wo es im Theater an der Wien sogar zu einer Auff\u00fchrung von \u201eKirschgarten\u201c kommt, mit der ber\u00fchmten Olga Knipper in der Rolle der Ranewskaja. Meine Bibliothek steht mir gerade in meinem Corona- Exil nicht zur Verf\u00fcgung, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob es nicht das \u201eNachtasyl\u201c von Gorki war.<\/p>\n<p>Bunin, der die Bolschewisten verachtete, glaubte noch einige Zeit lang an die Umkehrbarkeit der Revolution und arbeitete in Odessa an einer antibolschewistischen Zeitung mit.<br \/>\nGeschichten vom H\u00e4ngenbleiben, von Schiffbr\u00fcchen und Rettungen hatten in den letzten Wochen auch die Medien zu bieten. Ein Segler vor der t\u00fcrkischen K\u00fcste, der nicht anlegen darf, andere mussten von der Karibik aus den Atlantik \u00fcberqueren, Touristen in Neuseeland und Peru wollten nicht gerettet werden und blieben in Wellington und Medellin.<br \/>\nBesonders am\u00fcsant finde ich die Episode mit Kaiser Wilhelm II., der sich trotz der drohenden Kriegsgefahr im Juli 1914 nicht von seinem allj\u00e4hrlichen Urlaub auf seiner Segeljacht \u201eKiel\u201c abbringen lie\u00df und um ein Haar zur eigenen Kriegserkl\u00e4rung zu sp\u00e4t nach Hause gekommen w\u00e4re. Oskar Potiorek, Oberbefehlshaber der k. u. k Balkanstreitkr\u00e4fte und Verantwortlicher f\u00fcr das verh\u00e4ngnisvolle Man\u00f6ver vom 27. Juni 1914, weilte gerade zur Kur in Karlsbad, als der Krieg ausbrach und musste eiligst in einem plombierten Zug an die Front gebracht werden.<\/p>\n<p>Wissen diese Kriegserkl\u00e4rer von Macron (den ich bis dahin f\u00fcr ziemlich intelligent gehalten habe) bis Trump, wem die da gerade was erkl\u00e4ren?<br \/>\nKrieg. Wo sind die Heere? Wo die Linien? In welchen Formationen? Mit welchen Waffen r\u00fccken sie an? Wie gro\u00df ist die jeweilige Truppenst\u00e4rke? Wen haben sie gegen\u00fcber? Wie sieht der \u201eFeind\u201c aus, den sie vernichtend schlagen wollen? Wie sch\u00f6n dagegen noch die Frontlinien in der Drei-Kaiser-Schlacht von Leipzig. Wie am Rei\u00dfbrett. Oder die gedrechselte Epik des \u201eAn meine V\u00f6lker\u201c.<\/p>\n<p>So unsichtbar war noch nie ein Feind seit der Pest, als man vor allem die Juden und Frauen\/Hexen f\u00fcr die Epidemie verantwortlich machte und sie als Brunnenvergifter, als Milch- und Viehverhexer und Seuchenverbreiter und Wetterhexen verfolgte. So macht es auch Trump, wenn er \u2013 mit Augenbrille \u2013 vom chinesischen Virus oder Wuhan-Virus redet. Da man das Virus nicht zwischen die Finger kriegt, es nicht feuern und ihm nicht den Hals umdrehen kann, auch Kanonenkugeln und Grenzmauern nichts bringen, warum eigentlich nicht stellvertretend die Schuppentiere, Flederm\u00e4use und Schlangen, die Zibethkatze und alle Hunde und wer wei\u00df welche Tiere noch bestrafen, die auch Zwischenwirte sein k\u00f6nnten? Die Liste ist lang: Schleichkatzen, Marderhunde, Nerze, Frettchen f\u00fcr Operation S\u00fcndenbock. Besonders beliebt bei allen Verschw\u00f6rungstheoretikern, Populisten, Nationalisten und Rassisten.<br \/>\nAber ein Gutes hat die Corona-Krise auch: Sie zeigt \u00fcberdeutlich, dass diese Leute, wenn sie in der Politik mitmischen, nichts drauf haben. Keine L\u00f6sungen, nur dumme Phrasen, vielf\u00e4ltiger Schwachsinn und Popanz. Wenn nicht das Ged\u00e4chtnis der Menschen so kurz und l\u00fcckenhaft w\u00e4re, k\u00f6nnten wir sie dank Corona endg\u00fcltig loswerden. So ist es unwahrscheinlich, dass sich die Kurve der Dummheit schnell abflachen wird.<\/p>\n<p>Mir kam einmal bei der Aufz\u00e4hlung all der m\u00f6glichen Schuldigen die Erinnerung an das Lieblingsbuch meiner Kindheit, an K\u00e4stners \u201eKonferenz der Tiere\u201c hoch, an den L\u00f6wen Alois, den Elefanten Oskar und die Giraffe Leopold: \u201eEs geht um die Kinder!\u201c Die Tiere schlagen zur\u00fcck. Ihr habt uns gefressen und ausgerottet, jetzt seid ihr dran!<br \/>\nWahrscheinlich Corona-verseuchte, n\u00e4chtliche Gehirngespinste. Wer w\u00e4re in unserer Gegenwart der erfolglose Sonderermittler Zornm\u00fcller, den die Tiere in die Flucht schlagen?<br \/>\nIn der FAZ lese ich ein Interview mit dem Berliner Inselmakler (so was gibt\u2019s) Farhad Vladi, der von seinem derzeit florierenden Gesch\u00e4ft schw\u00e4rmt, und meine Buchh\u00e4ndlerin erz\u00e4hlt mir, als ich wieder ins Ladeninnere reindarf und nicht mehr durch den T\u00fcrspalt die B\u00fccher gereicht bekomme, dass ewige Ladenh\u00fcter wie Decamerone und Robinson Crusoe hoch im Kurs st\u00fcnden.<\/p>\n<p>So hat eine jede Krise punktuell auch ihre guten Seiten. \u201eAlways look on the bright side of life\u201c. Wegen \u00fcbergro\u00dfer Nachfrage geht Mexicos Brauereien das Corona-Bier aus, und das idyllische D\u00f6rfchen St. Corona am Wechsel schafft es sogar auf CNN mit einem Reporter-Bild vor der Ortstafel. Wie sie Wechsel wohl \u00fcbersetzt haben?<\/p>\n<p>Aber eines der gr\u00f6\u00dften Opfer in Kriegs-, Revolutions- und Corona-Zeiten ist die Sprache.<br \/>\nKarl Kraus l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, h\u00e4tte seine Freud gehabt und ganze Fackeln damit f\u00fcllen k\u00f6nnen. In meinen Containment- und Social-Distancing-Wochen habe ich es mir zum Sport gemacht, bei den Nachrichten mitzuschreiben. Als Erstes bekamen wir english lessons: News, Topnews, Morning News, BREAKING NEWS schreit es in abscheulicher Dekoration mit dicken, alten, h\u00e4sslichen M\u00e4nnern und d\u00fcmmlichen, sp\u00e4rlich bekleideten, oft piefkinesisch mit piepsenden Stimmen sprechenden TV-Schnepfen in Lockenpracht. Echt sexy, trotz shutdown, lockdown, containment, social distancing, cluster, no kiss, no hug, no stop, just go and keep distance.<br \/>\nOh Gott, wie sind die gebildet. Je mehr geredet, erkl\u00e4rt, kommentiert werden musste (Einschaltquoten!), desto mehr kommt die deutsche Sprache unter die R\u00e4der.<\/p>\n<p>Die medialen Erkl\u00e4rer haben es zustande gebracht, die sehr, sehr wortreiche und variable deutsche Sprache \u2013 der Horror aller Deutsch-Lernenden \u2013 zu einem pigeon-german verk\u00fcmmern zu lassen.<br \/>\nBitte sehr, eine kleine Auswahl aus den sprachlichen Folterwerkzeugen, manche unfreiwillig lustig:<br \/>\nMan soll die Lanze nicht auf die Goldwaage legen.<br \/>\nDas Rennen um die Impfstoff l\u00e4uft.<br \/>\nCorona kommt der Natur sehr zugegen.<br \/>\nWaren die Warnungen \u00fcbergeschossen? Als Variante im Bericht gab\u2019s noch:<br \/>\nHaben die Warnungen \u00fcbergeschossen?<br \/>\nEine Pandemie oder Hyperinflation gab es ebenfalls mit dem Wort: Zukunft.<br \/>\nWir m\u00fcssen die Zukunft neu ausrichten.<br \/>\nDie Zukunft wird neu.<br \/>\nWir brauchen mehr Zukunft!<br \/>\nMeine Zukunft geh\u00f6rt mir!<br \/>\nGeht jetzt die Zukunft in den Ruhestand?<br \/>\nWann kehrt meine Zukunft zu mir zur\u00fcck?<br \/>\nDie Reparatur der Zukunft.<br \/>\nDen Entt\u00e4uschten schl\u00e4gt es jetzt Hohn und Spott in die Augen.<br \/>\nEs hungert uns nach Haut.<br \/>\nGriechisch-orthodoxe Kirche verschiebt Ostern.<br \/>\nAfrika schottet sich von Europa ab.<br \/>\nSommmersaison der Wiener B\u00e4der f\u00e4llt ins Wasser.<br \/>\nDie Intensivbetten gehen zur Neige.<br \/>\nMeine Brille (ein Pferd?) wird beschlagen.<br \/>\nDie Politiker sollen Zuversicht sch\u00fcren.<br \/>\nNotre Dame (der Wiederaufbau) liegt auf Eis.<br \/>\nObertilliach hegt auch das zweite Standbein Landwirtschaft.<br \/>\nDie K-Zeitung verr\u00e4t am Ostersonntag in dicken Lettern am Titelblatt, warum \u201esich das Ostergeheimnis auch von schweren Zeiten nicht unterkriegen l\u00e4sst\u201c.<\/p>\n<p>Unter einem mittelalterlichen Gem\u00e4lde eines dornengekr\u00f6nten Christus. Das nenn ich Pornographie, grenzt schon an Poesie, poetische Pornografie, \u00fcberhaupt wenn man noch einmal hochschaut auf die Gro\u00dfbuchstaben mit AUFERSTEHUNG, die das urspr\u00fcngliche I.N.R.I. verdecken und erkl\u00e4ren, \u201ewarum uns in diesen Zeiten unser Glaube besonders wichtig ist\u201c. Welcher Glaube ist damit gemeint? Der des Pakistani? Des Trump an sich selbst?<br \/>\nDes Hofer Norbertl an die \u201eleichte Grippe\u201c?<br \/>\nNachdem ich wahrscheinlich zum gef\u00fchlt 3000stenmal \u201eHerausforderung\u201c und \u201eherausfordernd\u201c geh\u00f6rt habe, in Zeiten wie diesen, das Hochfahren der Wirtschaft, eines Theaters oder sogar des ganzen Landes, hat mich das erste der vier Corona-Fr\u00fchsyndrome erfasst \u2013 Brechdurchfall. Erst lief ich hin und her, dann stellte ich einen Kotzk\u00fcbel neben meine Fernsehcouch und gesundete erst, als ich die Echtw\u00f6rter f\u00fcr die Verschleierungs- i. e. Maskenw\u00f6rter beisammenhatte. Hochfahren, das bringe ich seit circa 30 Jahren mit dem Computer in Verbindung, mit einem oder einigen wenigen Tastendr\u00fcckern das Ding wieder zum Laufen zu bringen. Was f\u00fcr ein verbl\u00f6detes Wortbild. Ein hochfahrender Mensch, ein altert\u00fcmliches Wort aus Goethe, Theodor Fontane vielleicht, oder Jean Paul. Und da gibt\u2019s noch das \u201ezum Hochfahren bringen\u201c, \u201edas Hochfahren erleichtern und bef\u00f6rdern\u201c. Das erst bringt einen wirklich zum Hochfahren, \u00fcberhaupt als unfreiwilliges Mitglied der Risikogruppe.<\/p>\n<p>Probleme, verdammt viele Probleme, Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden, koste es, was es wolle, niemand wird zur\u00fcckgelassen. Warum reden sie nicht Klartext, es ist alles viel schlimmer, als es darzustellen ist. Und am Ende kriegen, wie in der Finanzkrise, wieder die Gro\u00dfen das ganz gro\u00dfe Geld. Alles echte, tiefe Schei\u00dfe, in der wir alle bis \u00fcber die Ohren sitzen, die keine Insel besitzen, keine atlantiktaugliche Jacht oder ein Landhaus in der Toskana. Russische Million\u00e4re wollen sich im Permafrost von Sibirien einfrieren lassen, berichtet neuerdings die Ex-Au\u00dfenministerin, die im Dirndl knicksende Karin K., auf dem ganz neutralen, objektiven TV-Sender RT. Das Tauen des Permafrosts samt Methan kommt fr\u00fcher, als ihr erstes Gehalt eintrifft. In welches H\u00f6llental uns der Kapitalismus hineingeritten hat. Ich kann nicht garantieren, ob ich beim n\u00e4chsten Mal nicht einen Schreikrampf kriege und alle Blument\u00f6pfe aus dem Fenster werfe. Das ist die eigentliche Qual der Quarant\u00e4ne. Der Tsunami an schiefem und fauligem Wortm\u00fcll.<\/p>\n<p>Besonders h\u00fcbsche Ausrei\u00dfer liefern die Corona-Maulhelden Trump, Lukashenko und Bolsonaro. Der erste r\u00e4t mit Plexiglasbrille vor den Augen, Desinfektionsmittel einzunehmen und Haarbleichmittel zu injizieren (vielleicht spricht er aus eigener Erfahrung und macht das ja schon l\u00e4nger?); Luka empfiehlt Wodkatrinken, Feldpfl\u00fcgen und Fu\u00dfballspielen. Bolsonaro meint, dass er als ehemaliger Milit\u00e4rathlet vom Virus nichts sp\u00fcren w\u00fcrde, au\u00dferdem sei sein zweiter Vorname Messias (mit dem ersten hat\u2019s aber kein gutes Ende genommen). B. leugnet, dass die Todesf\u00e4lle etwas mit Corona zu tun h\u00e4tten. Womit denn? Mit gepanschtem Schnaps? Erdogan wiederum singt ein Loblied auf den Raki. Also wieder eine Kriegserkl\u00e4rung: Raki gegen Wodka. \u201eBehaltet euren Virus\u201c (ihr im kapitalistischen, imperialistischen, dekadenten Westen) schreit der kleine, dumme Luka unter seiner wagenradgro\u00dfen Milit\u00e4rm\u00fctze im vollbesetzten Fu\u00dfballstadion von Minsk hervor, der in seinem fr\u00fcheren Leben nie Milit\u00e4r war, sondern Friedhofsverwalter. Idiotie kennt keine Grenzen, Nationen oder Religionen, wie mir ein aus Pakistan stammender Taxifahrer in der Waaggasse bewies, der sich am 13. April, einen Tag vor der Pflicht, weigerte, eine Maske aufzusetzen. Er braucht sie nicht, Allah sch\u00fctzt die Muslime. Ich bin nicht bei ihm eingestiegen, weil ich offenbar den falschen Glauben habe und trotz Corona nicht konvertieren werde.<\/p>\n<p>Sogar die coolen Briten haben sich an der Kriegsrhetorik vergriffen, von Boris Johnson bis zur Queen haben sie zumindest an den Krieg erinnert mit dem very charming \u201eKeep calm and carry on\u201c, als es galt, einen sehr b\u00f6sen, m\u00e4chtigen und sichtbaren Feind zu besiegen.<br \/>\nUnd Peng! Dann hat\u2019s ausgerechnet Johnson und Prince Charles erwischt, der unsichtbare Feind hat hinterh\u00e4ltig zugeschlagen. \u201ePrince Charles coronatet, finally\u201c, titelte die Sun. B\u00f6seb\u00f6s. Orban f\u00fchrt die Riege der Unmenschen an: Er schafft gleich das ganze Parlament ab, regiert per Dekret und l\u00e4sst Kritiker von der Polizei abf\u00fchren.<br \/>\nWenn aus Br\u00fcssel wieder einmal eine halbwarme Mahnung kommt, lacht er sich eins, weil er wei\u00df, dass Ungarn nicht aus der EU geworfen werden kann. Vielleicht sollte man ihn doch einmal mit der finanziellen Zange anfassen.<br \/>\nWas uns die Touristiker so gerne verkauften, die Bilder von der trauten Einsamkeit am Strand von Mont Saint Michel im Sonnenuntergang, in Hallstatt, vor dem Tadsch Mahal oder am Times Square \u2013 nun sind sie pl\u00f6tzlich Wirklichkeit geworden und f\u00fcr sie zum Albtraum. Denn die Touristiker leben auf Teufel komm raus nicht von der individuellen Einsamkeit, sondern von den Massen. Und schon fangen sie wieder an zu hyperventilieren und schwafeln von Luftbr\u00fccken an die kroatischen, griechischen und ballerm\u00e4nnerischen Str\u00e4nde. Mit und ohne Gutscheine, mit und ohne Mittelpl\u00e4tze. Luftbr\u00fccken? Wie die Rosinenbomber, die Berlin halfen zu \u00fcberleben, als Stalin es zu erw\u00fcrgen drohte.<\/p>\n<p>Fast dem\u00fctig buhlt die Touristikministerin um \u00f6sterreichische Touristen, die lieben Landsleute \u2013 wenn die Piefkes ausbleiben, ohne deren Geld gar nichts geht \u2013, doch in \u00d6sterreich Urlaub zu machen. Die Heimat ist doch auch sch\u00f6n, nicht nur die Malediven, der Strand von Antalya und Luxor. Die un\u00fcbersehbaren Reihen von Flugzeugen am Boden sprechen ihre eigene Sprache und strafen die munteren Lockangebote L\u00fcgen.<br \/>\nWien macht das gro\u00dfartig, zuerst die Taxigutscheine f\u00fcr Risikogr\u00fcppler, jetzt bekommt jede Familie Gastrogutscheine. Es sind schlie\u00dflich nicht nur Corona- sondern auch Vorwahlzeiten.<br \/>\nNeben dem realen, aber unsichtbaren Virus meine ich auch eine Seuche der Geistesverwirrung wahrzunehmen. Man kann auch political incorrect Schwachsinn sagen. In der Kindheit sangen wir gerne einen Reim: \u201eSchwachsinn, oh Schwachsinn, du mein Vergn\u00fcgen. Schwachsinn, Schwachsinn, du meine Lust!\u201c und lachten und br\u00fcllten dabei, bis wir heiser waren.<br \/>\nAngesichts der zunehmenden Anti-Corona -Demonstrationen habe ich mich schon gefragt, ob bei denen, die andere \u201eCovidioten\u201c nennen, neben Bronchien und Lungen nicht auch ein h\u00f6her liegendes Organ angegriffen ist. Haben die alle Trumps Treatments ein- und seine Taktik angenommen?<br \/>\nUnd dazu Umarmen und H\u00e4ndesch\u00fctteln, was das Zeug h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der schlimmste Angriff aller Zeiten, schlimmer als Pearl Harbour und 9\/11 zusammen, nuschelt der Idiot im Wei\u00dfen Haus. Aber die Botschaft ist klar: It\u2019s war, baby.<br \/>\nWas ist drin f\u00fcr mich? Zum Teufel mit allen anderen. Egoismus und Feinddenken k\u00f6nnen auch eine Pandemie sein, konstatiert der immerkluge Ex-Pr\u00e4sident Obama.<br \/>\nNachgelesen habe ich das in den letzten Wochen wieder einmal in Manzonis Gro\u00dfroman \u201eDie Verlobten\u201c, der die Pestzeiten in der Lombardei (!) vor etwa 400 Jahren so gut wie kein anderer beschreibt. Nat\u00fcrlich auch Decamerone in der Toskana.<br \/>\nAlso: It\u2019s war, baby!<br \/>\nDer neueste Gesundheitsschrei, habe ich gerade gelesen: eine Kurkuma-Kur mit Goji-Beeren.<br \/>\nOje, ob das gut geht? Das eine kommt aus Persien, das andere aus China.<br \/>\nZusammen mit Allah, Wodka\/Raki und Bleichmittel. Alles Gute!<\/p>\n<p>Nachsatz: Was ich hier mit meinem Corona-Tagebuch betreibe, ist Pal\u00e4ontologie, Urzeitforschung, vielleicht auch Arch\u00e4ologie.<br \/>\nDenn was gestern geschehen ist, entzieht sich uns schon heute, geht ein ins Geschichtliche, in eine Vorzeit. Das Vorgestern ist schon blasse Vorgeschichte, die vergangenen Wochen sind schon Mythologie.<br \/>\n\u201eIch muss mir auf der Spur bleiben. Ich merke es sogar schon im Jetzt, dieses Verrieseln, das Murmeln der Nornen und Schamanen, unaufhaltsam und unerbittlich.<br \/>\nDass etwas gewesen ist, davon zeugt einzig, was sich davon erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Alles Gewesene ist gewesen wie die Saurier. Es war einmal.\u201c Gregor von Rezzori in \u201eMir auf der Spur\u201c<\/p>\n<p><em>13.5. 20<\/em><br \/>\n<em>(Zufall? Am 13. Mai 1914 wurde Gregor von Rezzori in Czernowitz geboren.)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 20090<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDieses verw\u00fcnschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.\u201c Diese S\u00e4tze schrieb Ivan Bunin am 1. 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