{"id":11385,"date":"2020-05-10T16:33:04","date_gmt":"2020-05-10T16:33:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11385"},"modified":"2020-05-16T07:43:56","modified_gmt":"2020-05-16T07:43:56","slug":"der-weisenrat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11385","title":{"rendered":"Der Weisenrat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11385&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11385&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die L\u00f6cher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark ger\u00f6tet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbr\u00fcche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen, die nicht mehr zu gesunden schienen, entstanden Schwellungen.<br \/>\nEtliche Krankheiten hatte sie \u00fcberstanden, f\u00fcr ihr Alter war es ein Wunder, dass sie \u00fcberhaupt noch lebte. Z\u00e4h war sie und an ein Aufgeben war nicht zu denken. Von Burn-out \u00fcber Dehydration bis hin zu Sepsis und Beinahe-Organversagen, alles hatte sie einstecken m\u00fcssen.<br \/>\nIhre Freunde und Weggef\u00e4hrten machten sich unglaubliche Sorgen.<br \/>\n\u201eLang wird sie das nicht mehr machen, wir m\u00fcssen jetzt einschreiten!\u201c, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter trafen sich die Experten an einem warmen Fr\u00fchlingstag und sa\u00dfen auf der Wiese in einem gro\u00dfen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ergangen war, wurden etliche Punkte er\u00f6rtert.<br \/>\n\u201eEs w\u00e4re gut, wenn jeder f\u00fcr sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschlie\u00dfend k\u00f6nnen wir Vorschl\u00e4ge einbringen, wie wir der Alten endlich zielf\u00fchrend helfen k\u00f6nnen. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps, und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen k\u00f6nnen.\u201c Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichm\u00e4\u00dfiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv gr\u00fcnen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester, und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren sp\u00e4rlich und standen in kleinen, grauen B\u00fcscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren \u00fcppig und schienen, wie dicke Borsten aus Stroh, kaum zu b\u00e4ndigen zu sein.<br \/>\n\u201eMagst du beginnen?\u201c, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.<\/p>\n<p>Der Mann an seiner Seite hob tr\u00e4ge seine alten H\u00e4nde und r\u00e4usperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.<br \/>\n\u201eMeine Beobachtungen? Es hat sich nichts ge\u00e4ndert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause f\u00fcr die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den H\u00e4fen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gew\u00e4sser versinken schon wieder im Dreck, die Ressourcen werden knapp. Ich bef\u00fcrchte, der Countdown l\u00e4uft, und die Tage sind gez\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n<p>Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und sch\u00fcttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren solle.<br \/>\nSie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare gl\u00e4nzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel pr\u00e4chtiger gewesen, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Z\u00fcge, von katzenhaft \u00fcber kr\u00f6ten\u00e4hnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzm\u00fcndigkeit, alles in st\u00e4ndigem Wechsel.<br \/>\n\u201eLeider muss ich auch \u00c4hnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchtr\u00e4ume sind eingeschr\u00e4nkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abgeschlachtet wie vor dem Shutdown, die W\u00fcrde wird uns geraubt, und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.\u201c<\/p>\n<p>Wieder herrschte Unverst\u00e4ndnis, bis ein kaum vernehmliches Kr\u00e4chzen von der n\u00e4chsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.<br \/>\n\u201eHabt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?\u201c, fl\u00fcsterte sie leise, und es schien, als h\u00e4tte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit gro\u00dfer Anstrengung \u00fcber ihre spr\u00f6den Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Str\u00e4hnen \u00fcber den krummen R\u00fccken.<br \/>\n\u201eDie Stadien sind wieder voll, Gro\u00dfveranstaltungen finden wieder statt, die Flugh\u00e4fen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir m\u00fcssen zu unserem letzten Schritt \u00fcbergehen, bevor uns die Alte krepiert.\u201c<br \/>\n\u201eDas Worst-Case-Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein Ernst?\u201c, fragte der Diskussionsleiter.<br \/>\nEin Raunen und Schnauben ging durch die Runde.<br \/>\n\u201eWenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?\u201c, zischte die Atemlose ihre Freunde an.<\/p>\n<p>Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie st\u00fctzte sich auf zwei Kr\u00fccken und hatte gro\u00dfe M\u00fche. Ein erb\u00e4rmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.<br \/>\n\u201eKomm, lass dir helfen\u201c, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kollegen.<br \/>\n\u201eIhr habt wohl gedacht, ihr k\u00f6nnt ohne mich einen Plan aushecken?\u201c Sie schmunzelte, und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wundersch\u00f6ne Frau gewesen war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.<\/p>\n<p>\u201eMeine Liebe, was sind denn deine W\u00fcnsche in Anbetracht der Situation?\u201c, fragte der Vorsitzende.<br \/>\n\u201eIhr kennt meine Meinung\u201c, antwortete sie r\u00f6chelnd. \u201eNoch schl\u00e4gt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gef\u00fcgig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar l\u00e4sst ihre Intelligenz sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft aber, was unser Worst-Case-Szenario bewirken k\u00f6nnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von gro\u00dfer Tragweite\u201c, meldete sich ein Mitglied zu Wort.<br \/>\n\u201eWir m\u00fcssen es versuchen. Um unser aller \u00dcberleben willen!\u201c, zischelte die schlangenhafte Gestalt.<br \/>\n\u201eIch werde euch sagen, was passieren wird\u201c, sprach die Alte weiter. \u201eEine Katastrophe wird \u00fcber die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten w\u00fcrden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospit\u00e4lern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. \u00c4rzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden \u00fcberfallen Krankenh\u00e4user und Superm\u00e4rkte, um Vorr\u00e4te zu rauben. Notunterk\u00fcnfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Pl\u00fcnderer zu erschie\u00dfen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ein Holocaust, aber f\u00fcr uns bedeutet es, dass wir \u00fcberleben!\u201c, setzte der Vorsitzende fort.<\/p>\n<p>Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. F\u00fcr mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rund um den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stie\u00df v\u00f6llig an ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung f\u00fcr Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelsk\u00f6rper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 20084<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die L\u00f6cher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark ger\u00f6tet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbr\u00fcche hatte sie schon erlitten, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[143],"tags":[108],"class_list":["post-11385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-murauer-manuela","tag-fantastiques"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11385"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11385\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11388,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11385\/revisions\/11388"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}