{"id":11358,"date":"2020-05-06T06:40:44","date_gmt":"2020-05-06T06:40:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11358"},"modified":"2020-05-09T08:03:00","modified_gmt":"2020-05-09T08:03:00","slug":"corona-tagebuch-maskenball-und-taxifahrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11358","title":{"rendered":"Corona-Tagebuch: Maskenball und Taxifahrer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11358&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11358&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>2. Mai 20, der Tag nach der Befreiung<\/em><\/p>\n<p>Wer einen Garten hat, ist meist ein Besessener. Ich dilettiere nur, aber die Leidenschaft ist sicher nicht kleiner. Noch dazu, wenn es M\u00e4rz ist und die Fr\u00fchjahrsarbeit wartet. Schlie\u00dflich h\u00e4ngt der Rest des Jahres davon ab, die Sch\u00f6nheit, die Freude, der Ertrag. In diesem Jahr ohne Winter habe ich schon fr\u00fcher begonnen. Das erste waren Aufr\u00e4umarbeiten, bei mir vor allem der Kampf gegen die \u201eNadelh\u00f6lle\u201c, die mir eine sehr hohe und alte F\u00f6hre auf meinem Grundst\u00fcck bereitet. Der fast immer wehende Westwind sch\u00fcttelt dazu noch viele Bockerl und \u00c4ste vom Baum. Da kam Corona in unser Leben und die staatlich verordnete Ausgangssperre f\u00fcr die \u201eRisikogruppe\u201c, zu der ich altersm\u00e4\u00dfig eingeteilt wurde. Niemand hat gefragt, wie alt ich mich f\u00fchle, wie gesund oder krank ich wirklich bin, ob Krankheit oder Beeintr\u00e4chtigung zu einem erh\u00f6hten Risikofaktor f\u00fchren \u2013 f\u00fcr mich selbst oder andere.<br \/>\nWeil ich gesund bin und keine Vorerkrankung aufweise, habe ich mich keinen einzigen Tag eingeschr\u00e4nkt. Im Rucksack f\u00fchrte ich als Camouflage immer Lebensmittel und Medikamente mit mir, sollte ich polizeilich kontrolliert werden. Also waren schon zwei der vier Ausnahmebedingungen erf\u00fcllt: Lebensmittel einkaufen und zur Apotheke gehen d\u00fcrfen. Vermummt bin ich schon lange vor Covid-19 herumgelaufen, weil ich eine unerkannte Allergie habe, allgemein Rhinitis genannt, mit der die Nase dauerrinnt.<\/p>\n<p>So war das Aufkommen der Masken und die Maskenpflicht geradezu eine Erl\u00f6sung f\u00fcr mich (Motto: Always look on the bright side of life). Die Schals um Nase und Mund rutschten immer und waren entsetzlich hei\u00df und feucht mit dem Ballen von Taschent\u00fcchern darin. Oft dachte ich nach, wie man so etwas wie bei den Teekannen f\u00fcr die Nase machen k\u00f6nnte, einen Tropfenf\u00e4nger, dieses Schaumgummir\u00f6llchen, das bei Tante Paula mit einem Gummiband um den Teekannenschnabel angebracht wurde. Aber meine Nase hat nun einmal nicht die Anatomie eines Teekannenausgusses.<\/p>\n<p>Als zweiten Vorteil der Maskenpflicht empfand ich, dass ich nicht mehr allein mit verh\u00fclltem Gesicht herumlief. Meine albanische \u00c4nderungsschneiderin von nebenan, Miranda Martini \u2013 sie hei\u00dft wirklich so oder es steht zumindest so auf ihrem Gesch\u00e4ftsschild \u2013 stellte sich schnell auf die Produktion von Masken um und bot eine bunte Auswahl von Baumwollmodellen in ihrer Auslage an. Sie hat sie auf einem Baumast aufgeh\u00e4ngt \u2013 die Osterdekoration dieses denkw\u00fcrdigen Jahres. Ich kaufte gleich zehn St\u00fcck zu je 10 \u20ac und hatte die originellsten nicht nur selbst im Gesicht, sondern als Ostergeschenke parat. Nat\u00fcrlich nicht selbst \u00fcbergeben oder im Osternest versteckt, sondern mit der Post verschickt.<\/p>\n<p>Jaja, die Masken, das wird noch einmal ein Thema f\u00fcr Soziologen und Modehistoriker werden, der Maskenball von 2020. Da ich viel mit den \u00d6ffis fahre, sehe ich mir die Modelle gerne an. Abgesehen von den einfachen, t\u00fcrkisen (niemand denkt dabei an die Kanzlerpartei) Supermarktmasken aus China, gibt es viel Individualit\u00e4t zu bemerken. Von den alten Pal\u00e4stinensert\u00fcchern bis zu Rapid-Schals, von Alpenvereins-Bl\u00fcmchent\u00fcchern bis zu den schwarzen Rocker- und Bikermasken \u2013 fast nichts kommt nicht vor. Einige Totenkopfmasken habe ich schon gesehen oder den zugen\u00e4hten Mund von Hannibal Lecter. Dazu Mickey Mouse, Spiderman und Hexenz\u00e4hne, als sei der abgesagte Fasching in den M\u00e4rz und den April verrutscht. Exotisch wirkt auf mich der Anblick von Kopftuchfrauen, besonders wenn sie Brillen tragen, \u00fcber der Maske noch Kopfh\u00f6rer aufhaben und aus den Ohren Kabel baumeln, Riesenameisen nicht un\u00e4hnlich. Einmal sah ich in der U-Bahn einen Typ mit einer Gasmaske.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch die kleine Gruppe der Vermeider, die in den \u00d6ffis die Masken zusammengeschoben unter dem Kinn tragen. Erinnert mich an die Einf\u00fchrung der Gurtenpflicht \u2013 wann war das? \u2013, als manche Autofahrer pro forma den Gurt nur lose um den Oberk\u00f6rper gelegt hatten. Als die polizeilichen Kontrollen in der U-Bahn besonders intensiv wurden \u2013 das Osterwochenende \u2013 stieg ich vollst\u00e4ndig auf Taxi um. Beg\u00fcnstigt durch die Gemeinde Wien \u2013 Wahl steht bevor \u2013, die an die Teilnehmer der Risikogruppe kostenlose Gutscheine f\u00fcr 50 \u20ac ausgab. Mein Nachbar, 85 und Autofahrer, gab mir seine dazu. E-Mail geschrieben und nach vier Tagen zugeschickt bekommen. 20 5-\u20ac-Gutscheine, blassgelb, die irgendwie an Lebensmittelkupons aus historischen Dokumentationen erinnern.<br \/>\nAls diese verbraucht waren, beschloss ich, das leidende Taxi-Gewerbe privat zu unterst\u00fctzen und lie\u00df mich mercedesm\u00e4\u00dfig zu meinem Garten hinausschaukeln. Au\u00dferdem hatte ich immer viel Gep\u00e4ck dabei: \u00dcbersiedlung in die H\u00fctte nach dem Winter, neu gekaufte Pflanzen, Blumenerde, Rasensamen, Schneckenkorn, Konserven, Klopapier.<\/p>\n<p>So kam ich als leidenschaftliche \u00d6ffifahrerin in kurzer Zeit mit dem bunten V\u00f6lkchen der Taxifahrer in Kontakt.<br \/>\nAm Ostermontag, einen Tag vor der Einf\u00fchrung der verpflichtenden Maske, trug einer keine. Ich hielt die T\u00fcre auf und bellte hinein: Maske, bitte!<br \/>\nEr: Erst morgen.<br \/>\nTyp Pakistani, er tippte mit seinem Finger wortlos gegen die Stirn, der Vogel, zumindest so viel Wienerisch hat er schon gelernt.<br \/>\nIch: Okay, dann fahre ich nicht mit Ihnen.<br \/>\nSchlug die T\u00fcr zu und holte meine Bagage wieder aus seinem Kofferraum heraus und ging zum hinter ihm stehenden Wagen. Der war leider kein Mercedes, sondern ein klappriger Japaner. Auch dieser Driver trug keine Maske. Also zum dritten, ein ger\u00e4umiger VW, geht auch. Der hatte die Maske unterm Kinn und die Sonnenbrille \u00fcber der Stirn. Auf der bunten Gratiszeitung, die er neben sich liegen hatte, stand in Riesenlettern \u201eAb morgen \u2013 \u00d6sterreich maskiert!\u201c Ein paar Tage sp\u00e4ter traf ich wieder auf den Pakistani, jetzt hatte er schon eine Maske auf.<\/p>\n<p>Eine andere Taxi-Fahrt von H\u00fctteldorf zu mir nach Hause brachte mir hohen Gewinn.<br \/>\nEin junger, asiatisch aussehender Mann konnte relativ gut Deutsch, und wir kamen ins Gespr\u00e4ch. Ich frage immer ausl\u00e4ndische Taxifahrer nach ihrer Herkunft, mir wurscht, ob political correct oder nicht, ich bin neugierig. Einmal Journalistin, immer Journalistin. Und meistens freuen sie sich, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, das ist meine subjektive Beobachtung.<br \/>\nDas Gespr\u00e4ch begann mit meinem Garten, wo ich gerade ein paar Heidelbeerstr\u00e4ucher gepflanzt hatte.<br \/>\nAh, Heidelbeeren, die macht meine Frau auch immer, gut f\u00fcr Blut und noch viel mehr.<br \/>\nEr kicherte und griff sich zwischen die Beine.<br \/>\nEr bezeichnete sich als Ainu. Zuf\u00e4llig wusste ich, was die Ainu sind. Doch zuf\u00e4llig ist nichts, aber ich wusste, dass die Ainu die Urbev\u00f6lkerung der n\u00f6rdlichsten Insel Japans Hokkaido sind und auch der Kurilen. Dass der Zweite Weltkrieg zwischen Russland und Japan wegen der Kurilen offiziell noch immer nicht beendet ist. Noch dazu hatte ich kurz davor auf arte eine Doku \u00fcber \u201eJapans wilde Inseln\u201c gesehen, Hokkaido im Mittelpunkt. Als ich auch noch die Erinnerungen und die Bilder auspackte, die Fernseh-Bilder von den in warmen Naturbecken planschenden Makaken, den japanischen Schneeaffen, die einander lausen und kosen, und auch noch von den aus Sibirien einfliegenden Kranichen und ihren Brautt\u00e4nzen erz\u00e4hlen konnte, da lie\u00df er das Lenkrad los und klatschte vor Freude in die H\u00e4nde, dass er fast die scharfe Linkskurve beim Amtshaus in der Sch\u00f6nbrunnerstra\u00dfe zur Pilgrambr\u00fccke nicht geschafft h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wegen des Kurilen-Problems zwischen Russland und Japan habe ich mich mit den Ainu besch\u00e4ftigt und wusste, dass sie nach der sowjetischen Besetzung versklavt und fast v\u00f6llig ausgerottet wurden. Als ich ihm meine Erinnerungen an die TV-Bilder schilderte, war er so begeistert von seinem Fahrgast, dass er kein Geld verlangen wollte und mich zu sich, seiner Frau und zu Heidelbeersaft einlud. Aber ich entstieg seinem Gef\u00e4hrt an der Waaggasse und zahlte ihm dagegen den doppelten Fuhrpreis. Schei\u00df drauf, das muss auch noch drin sein in diesen ungew\u00f6hnlichen Zeiten. Er war schlie\u00dflich der erste Ainu meines Lebens.<br \/>\nEr hat mir noch gesagt, dass er vier Stunden am Platz gestanden ist ohne einen einzigen Fahrgast. Jetzt f\u00e4hrt er nach Hause.<\/p>\n<p>Wieder eine Fahrt zur\u00fcck ins Zentrum. Zwar kein Mercedes, daf\u00fcr aber ein junger Mann, Wiener T\u00fcrke mit Maske. Er spricht perfekt Wienerisch, sch\u00e4tze Ottakring.<br \/>\nEigentlich hat er Architektur studiert. Warum nicht weiter? Familie, geheiratet, gleich Kind, brauchte Geld. Aber er will immer noch Architekt werden, vielleicht aber auch erst mein Sohn, lacht er. Die Art und Weise, wie er das Lenkrad ber\u00fchrte, unmerklich mit den Fingerkuppen lenkte, als w\u00fcrde er einen Kinderkopf streicheln, da sah ich ihn mit Bleistift , Zirkel und Lineal, den Architekten.<br \/>\nWor\u00fcber wir zu reden angefangen haben, wei\u00df ich nicht mehr so genau, ich glaube, ich lobte ihn f\u00fcr seine gute und intelligente Fahrweise, geschmeidig und flott, ohne dass er jemals die Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkung von 50 \u00fcberschritten h\u00e4tte. Alle Kanaldeckel und Schienen \u00fcberfuhr er ohne Ersch\u00fctterungen. Ich hatte ja nun schon gen\u00fcgend Driver auf meinen Wegen dahin und dorthin erlebt, aber dieser war genial. Er schaffte die Strecke nicht nur in viel k\u00fcrzerer Zeit, schl\u00e4ngelte sich elegant durch den m\u00e4\u00dfigen Verkehr wie ein Fisch im Schwarm, sondern schaffte es auch noch auf den Niedrigstpreis von 15,20 \u20ac, w\u00e4hrend die anderen immer um die 20 verlangten.<\/p>\n<p>Ein Fahrer aus Sri Lanka mit Sikkh-Turban, der in Simmering wohnt, war noch nie so weit im Westen von Wien.<br \/>\nGar nicht sattsehen konnte ich mich an seinem Aussehen. Er trug einen himmelblauen Turban und eine gelbe Jacke, wie sie Krone-Verk\u00e4ufer anhaben, ein Paradiesvogel. Das Gesicht war fast vollst\u00e4ndig zugewachsen mit einem graumelierten Bart, der ihm weit auf die Brust reichte. Vor Mund und Nase hatte er vorschriftsm\u00e4\u00dfig die Maske gespannt, die musste aber zwergnasem\u00e4\u00dfig gro\u00df sein, weil aus den Falten ein Riesenh\u00f6cker ragte. Sein Bart war so breit, dass die Nase erweiterte Fl\u00fcgel zu haben schien.<br \/>\nAber je weiter wir ins Rosental fuhren, desto unruhiger wurde er.<\/p>\n<p>Sind wir wirklich noch in Wien?<br \/>\nEr hatte Angst, der Tarif ins Bundesland ist anders.<br \/>\nJa, das ist Penzing, H\u00fctteldorf, 14. Bezirk, das Rosental.<br \/>\nEr manipulierte an seinem GPS am Mini-Bildschirm herum und fand das Rosental nicht.<br \/>\nSeines sagt ihm Rosentalstra\u00dfe, ich sage Rosentalgasse.<br \/>\nIch immer nur Simmering und Donaustadt.<br \/>\nIch bem\u00fche mich: Linzerstra\u00dfe, Rosental, Dehnepark, Satzberg und links steil hinauf ein paar Kurven in eine Gartensiedlung.<br \/>\nNicht Nieder\u00f6sterreich? Immer Wien?<br \/>\nJa, immer Wien, 14. Bezirk, der ist so gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Als ich am Rosenhang seinem Gef\u00e4hrt entstieg und er mir mit dem Gep\u00e4ck half, schaute er sich um, all die bl\u00fchenden Obstb\u00e4ume, der Flieder, die Forsythien in den G\u00e4rten, hellgr\u00fcne H\u00fcgel, die schmucken H\u00e4uschen, Villen und Pools, er drehte sich mehrmals um sich selbst und kam aus dem Staunen nicht heraus.<br \/>\nIst teuer hier?<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ich miete.<br \/>\nGl\u00fcck gehabt.<br \/>\nDabei hat er nicht einmal die dramatischen Felsenklippen und den Silbersee am Satzberg gesehen, nicht den \u201eVatikan des Wienerwaldes\u201c, die \u00fcber dem Waldrand thronende goldene Kuppel der Otto-Wagner-Kirche, die ihn vielleicht an eine Pagode seiner Heimat erinnert h\u00e4tte.<br \/>\nJa, wirklich Gl\u00fcck gehabt, denke ich, als ich mein Gep\u00e4ck zu meiner H\u00fctte schleppe.<\/p>\n<p>Die gespr\u00e4chigste Fahrt machte ich mit einem Bosnier, als der er sich sofort vorstellte.<br \/>\nOdakle ste?<br \/>\nDa riss es ihn herum, als h\u00e4tte ihn jemand ins Genick geschlagen.<br \/>\nEr klappte den R\u00fcckspiegel herunter und holte einige Fotos hervor.<br \/>\nDas ist mein Haus in Velika Kladuscha.<br \/>\nEin gro\u00dfes, dreist\u00f6ckiges, noch unverputztes Haus mit rotem Ziegeldach zwischen gr\u00fcnen H\u00fcgeln, im Tal ein Fluss, das ist die Una, dort gibt es viele Fische, wunderbare W\u00e4lder, er kommt ins Schw\u00e4rmen, Heimat eben.<br \/>\nDas Haus hab ich selbst gebaut. Jetzt leben nur meine Eltern dort. Aber ich komme oft auf Besuch, muss noch weiterbauen. Frage mich, nur f\u00fcr wen? Werden seine Kinder dorthin zur\u00fcckkehren und dort leben wollen?<br \/>\nEr sprach fast perfektes Deutsch. Knapp nach Ausbruch des Krieges 1991 ist er nach Deutschland gegangen und hat am Bau gearbeitet, erz\u00e4hlt er, sp\u00e4ter nach Wien und ist schon lange Fahrer bei 40 100.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle ihm, dass ich Erinnerungen an Velika Kladuscha habe, ein Gro\u00dfdorf gleich hinter der kroatisch-bosnischen Grenze. Der Krieg war noch nicht voll ausgebrochen, aber Velika Kladuscha hatte sich schon in drei Zonen geteilt. Am Dorfrand, von Norden kommend, hatten sich kroatische Einheiten festgesetzt, die Mitte mit Burg und Moschee wurde von Bosniaken gehalten, der s\u00fcdliche Rand von den Serben. Wir mussten dreimal verhandeln, um weiter nach Sarajewo zu kommen. Sp\u00e4ter kam noch eine vierte Front dazu, die Truppen von Fikret Abdic, dem fr\u00fcheren Direktor des m\u00e4chtigen Konzers \u201eAgrokomerz\u201c.<\/p>\n<p>Mein Fahrer schnaubte. Ja, alle waren verr\u00fcckt, damals. Ich wollte da nicht mitmachen und bin abgehauen. Alle sind L\u00fcgner, alle betr\u00fcgen einander und die ganze Welt. Glauben Sie nie etwas, was Ihnen ein Jugo sagt. Ihm auch nicht? Wie oft habe ich solche Schutzbehauptungen schon geh\u00f6rt. So richtet sich jeder seine Vergangenheit zurecht, damit er irgendwie weiterleben kann. Vom Alter und der Statur her k\u00f6nnte er ein K\u00e4mpfer gewesen sein, auf welcher Seite auch immer.<br \/>\nDas war meine bisher letzte Fahrt ins Rosental hinaus, mit einem Taxi, da wir aus der Quarant\u00e4ne entlassen worden sind. Zumindest meine Kulturstudien werde ich vermissen.<\/p>\n<p>Wien, 2. Mai 20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 20082<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Mai 20, der Tag nach der Befreiung Wer einen Garten hat, ist meist ein Besessener. Ich dilettiere nur, aber die Leidenschaft ist sicher nicht kleiner. Noch dazu, wenn es M\u00e4rz ist und die Fr\u00fchjahrsarbeit wartet. Schlie\u00dflich h\u00e4ngt der Rest des Jahres davon ab, die Sch\u00f6nheit, die Freude, der Ertrag. 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