{"id":11349,"date":"2020-05-01T07:20:49","date_gmt":"2020-05-01T07:20:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11349"},"modified":"2024-06-26T07:25:41","modified_gmt":"2024-06-26T07:25:41","slug":"lass-die-luft-raus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11349","title":{"rendered":"Lass die Luft raus"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11349&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11349&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lange Zeit habe ich mir \u00fcberhaupt keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, dass man die Luft irgendwo rauslassen muss. Die Luft sieht man ja nicht und wenn sie weg ist, f\u00e4llt es gar nicht auf. So dachte ich.<br \/>\nIch glaube, zum ersten Mal bemerkte ich das Fehlen von Luft im Radlschlauch. Es ist ganz \u00fcbel, weil man ja nicht mehr weiterfahren kann. Wenn man keine Pumpe zur Hand hat, muss man schieben und das ist ganz sch\u00f6n l\u00e4stig.<br \/>\nNach solchen Erfahrungen fing ich an, dar\u00fcber zu r\u00e4sonieren, wie es sich mit entwichener Luft verh\u00e4lt. Sie muss wohl oder \u00fcbel erneut in das daf\u00fcr vorgesehene Beh\u00e4ltnis reingeblasen, -gepumpt oder -gepresst werden.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass am Lebensende meiner Mutter einmal im Rollstuhlreifen die Luft ausgegangen war. Wir sa\u00dfen bei Sonnenschein im Garten des Altenheims. Alles war gut: Die Blumen bl\u00fchten, die Bl\u00e4tter raschelten ein wenig in der flirrenden Sommerhitze und die V\u00f6gel zwitscherten. Nur der Reifen war platt, weil sich die Luft still und heimlich aus dem Staub gemacht hatte. Es war beschwerlich, meine alte Mutter in den Schatten zu schieben. Die Sonne hat sie da schon nicht mehr leiden m\u00f6gen.<br \/>\nDa ist ein netter junger Mann mit einer Luftpumpe gekommen und hat den laschen Reifen aufgepumpt. Wir waren gl\u00fccklich und dankten \u00fcberschw\u00e4nglich. Meine Mutter suchte nach ihrem Portemonnaie, weil sie dem Zivildienstleistenden ein Geldst\u00fcck geben wollte. Der aber sagte: \u201eDie Luft kostet nichts.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Satz ist mir geblieben. Die Luft kostet nichts, aber man ist froh, wenn man sie hat. Auffallen tut einem die Luft nur, wenn sie es geschafft hat, da, wo sie eingesperrt gewesen war, auszukommen. Und die Luft ist erfinderisch, sie verf\u00fcgt \u00fcber Mittel und Wege, ihrem Bed\u00fcrfnis nach Grenzenlosigkeit Gen\u00fcge zu tun. Sie liebt die Freiheit wie alles Lebendige und l\u00e4sst sich nicht gern festbinden.<\/p>\n<p>Der Luftballon ist so ein Gef\u00e4ngnis f\u00fcr die Luft. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungef\u00e4hr, dass von diesem Spielzeug f\u00fcr die Kinder eine solche Faszination ausgeht. Man muss den unscheinbaren Gummisack aufblasen, die Luft aus dem K\u00f6rper rauspressen und in den Ballon hinein. Das geht schwer und besonders am Anfang erfordert es viel Kraft. Der Blaser muss sich total anstrengen und bekommt einen roten Kopf, bis das Teil endlich bereit ist, die fremde Luft in sich hineinzulassen. Dann bl\u00e4st man energisch drauflos und freut sich, dass der Luftballon gro\u00df und gr\u00f6\u00dfer wird.<br \/>\nMan will ihn so prall wie irgend m\u00f6glich und es erfordert ein hohes Ma\u00df an Bescheidenheit und auch an Feingef\u00fchl, den kritischen Punkt nicht zu \u00fcbersehen. Die Luft kann n\u00e4mlich ihren Freiheitsdrang nicht verleugnen. Sie l\u00e4sst sich nicht zusammenquetschen, bis sie nicht mehr kann. Irgendwann wird es ihr zu bl\u00f6d, sie macht von der ihr innewohnenden Explosionskraft Gebrauch und l\u00e4sst den Ballon platzen. Das gibt einen lauten Knall und dem Blaser fliegen die schlappen Gummifetzen um die Ohren. \u2013 So ist das, wenn einem das notwendige Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen fehlt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich den Luftdruck, die Pneumatik, f\u00fcr alle m\u00f6glichen Maschinen zunutze machen. Sie erleichtert uns das Leben. Pneuma ist das griechische Wort f\u00fcr Hauch und Wind. In der abendl\u00e4ndischen Religionsgeschichte spielt es eine gro\u00dfe Rolle und f\u00fcllt ganze Regalw\u00e4nde in Bibliotheken. Man spricht es durch die Nase. So sp\u00fcrt man, dass es etwas mit dem Atmen zu tun haben muss. Nach der ersten Silbe wird die Luftzufuhr gestoppt, und w\u00e4re hier das Wort zu Ende, m\u00fcsste man sterben. Gott sei Dank ist man gezwungen, um die zweite Silbe sprechen zu k\u00f6nnen, wieder Luft zu holen, und wird so vor einem j\u00e4hen Ende bewahrt. Das Zusammenspiel von Aus- und Einatmen wird einem bei diesem Wort bewusst.<\/p>\n<p>Im Hebr\u00e4ischen hei\u00dft ruach Luft. W\u00e4hrend man dieses Wort spricht, schiebt sich am gerollten r der Luftstrom vorbei aus der Mund\u00f6ffnung, und das ch verschlie\u00dft den Rachen. Sofort versp\u00fcrt man das heftige Bed\u00fcrfnis, wieder einzuatmen. Das Sprechen des Wortes ruach verlangt von einem, allen Atem, den man zur Verf\u00fcgung hat, aus der Lunge rauszupressen. Man erf\u00e4hrt die Leere und wei\u00df, dass man sich verausgabt hat. Man muss sofort wieder Luft holen, sonst wird einem schwindelig. Ruach ist ein Zauberwort. Es meint auch den Lebensatem, den Gott Adam eingehaucht hat.<br \/>\nDie aus Erde geformte leblose H\u00fclle hat sich in einen Menschen verwandelt, in dessen Adern sauerstoffhaltiges Blut flie\u00dft. Ruach ist eines der verschl\u00fcsselten W\u00f6rter f\u00fcr Gott, dessen Gegenwart in jedem Luftzug genauso wie im Wind sp\u00fcrbar ist. Die mittelalterlichen Buchmaler haben diesen Gedanken gerne ganz dezent im Wehen eines Kleidungsst\u00fccks angedeutet.<br \/>\nIn der Schule machen wahrscheinlich immer noch die Lehrer den Versuch mit der brennenden Kerze unter dem Glassturz. Nach wenigen Sekunden geht die Flamme aus, weil der Sauerstoff verbraucht ist und das Feuer keine Nahrung mehr aus der leblosen Luft ziehen kann. Man sieht es der Luft nicht an, ob sie tot ist, aber das eingesperrte Feuer merkt es gleich.<\/p>\n<p>Das alles f\u00e4llt mir zur Luft ein. Dabei geht es immer darum, sie irgendwo reinzublasen bzw. sie einzusagen. Der Spruch, der mich aber seit vielen Jahren besch\u00e4ftigt, lautet: Lass die Luft raus!<br \/>\nJe mehr ich dar\u00fcber nachdachte, umso mehr wurde mir bewusst, dass Ein- und Ausatmen zusammengeh\u00f6ren. Eine Binsenweisheit, k\u00f6nnte man sagen, aber bekanntlich sind die einfachsten Dinge die schwersten. Atmen ist der Grundrhythmus jeglichen Lebens. Das vergessen wir h\u00e4ufig, wenn wir uns den Rhythmus von technischen oder elektronischen Ger\u00e4ten diktieren lassen.<br \/>\n\u00c4u\u00dfere Einfl\u00fcsse wie einerseits die Verliebtheit oder andererseits der Kontakt mit Zwiderwurzen bewirken, dass unsere Atemfrequenz schneller oder noch schneller und sogar rasend wird. Manchmal ringen wir aber auch nach Luft.<br \/>\nMusikinstrumente bringen die Luft zum Vibrieren, wodurch T\u00f6ne und Wohlkl\u00e4nge entstehen, die sich wiederum auf unser Befinden auswirken und unweigerlich auch unsere Atmung beeinflussen.<\/p>\n<p>Zur Luftzirkulation im K\u00f6rper lie\u00dfe sich auch noch eine Menge sagen, soweit ich sie begriffen habe. Die Luft sucht sich alle m\u00f6glichen unkonventionellen Wege, um an die schwesterliche Luft im Au\u00dfen zu kommen und sich austauschen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMir geht es aber jetzt vor allem darum, der Tiefe jenes denkw\u00fcrdigen Satzes nachzusp\u00fcren, der vom Rauslassen der Luft spricht. Es ist nicht so einfach, dem banal klingenden Spruch auf den Grund zu gehen. Dazu muss ich noch etwas weiter ausholen.<br \/>\nAus dem Hinduismus kenne ich Statuen vom tanzenden Shiva, der mit seinen H\u00e4nden eine kleine Trommel schl\u00e4gt. Es hei\u00dft, dass diese Gottheit so den Rhythmus der Welt vorgibt, nach dem alles Leben sich regt. H\u00f6rt Shiva auf zu trommeln und zu tanzen, kommt die Welt zum Stillstand und wir mit ihr. \u2013 Zuerst erstarrt die Luft, es gibt kein Ein- und Ausatmen mehr, der Rhythmus kommt zum Erliegen und mit ihm jegliche Bewegung. Aus ist es mit dem anmutigen Tanz, dem grazilen Einherschreiten, aber nat\u00fcrlich auch mit dem Daher- watscheln und -trampeln und allem anderen. \u2013 Eine friedliche Vorstellung vom Ende der Welt, wie ich finde. Shiva hat es in der Hand. Er h\u00e4lt die Luft an, schl\u00e4gt ein letztes Mal seine Trommel, und seine tanzenden F\u00fc\u00dfe verharren f\u00fcr immer in Bewegung. Shiva h\u00e4lt die Luft an, es hei\u00dft nicht, dass er die Luft rausl\u00e4sst. Er kann also jederzeit wieder anfangen zu atmen, und damit beg\u00e4nnen auch erneut der Trommelrhythmus und das Tanzen und das bewegte Leben der Menschen und Tiere und Pflanzen. Das Rad des Lebens drehte sich weiter.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich dem Satz schon recht nahe gekommen. \u201eLass die Luft raus!\u201c ist etwas anderes, als die Luft anzuhalten. Ich habe es mit einer eindeutigen Aufforderung zu tun, mit einem h\u00f6rbaren Ausrufezeichen. Wo soll ich die Luft rauslassen? Aus mir? Mich nicht so aufbl\u00e4hen, mich zur\u00fccknehmen, mich beruhigen? Auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckkommen? \u00dcberfl\u00fcssigen Dampf ablassen? Das k\u00f6nnte gemeint sein. Dampf ist aber etwas anderes als Luft. Es ist nicht so einfach, wie es scheint.<br \/>\nDer Satz ist mit einer bestimmten Geste verbunden, die ich bisher noch nicht angesprochen habe. Es handelt sich um eine erhobene Hand, wobei nach meiner Beobachtung vornehmlich die linke daf\u00fcr hergenommen wird. Die Finger umklammern eine leere Bierflasche, die dem Angesprochenen in Kombination mit dem Spruch entgegengehalten wird. Lass doch mal die Luft raus! \u2013 Ratlos blickte ich auf die Flasche, als ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde, und hatte keine Ahnung.<\/p>\n<p>So ist das mit den Handwerkerspr\u00fcchen. Inzwischen ist dieser Satz in unserer Familie zum gefl\u00fcgelten Wort geworden und wird nicht mehr nur vom Papa gebraucht, wenn ihm jemand eine zweite Bierflasche bringen soll. Jeder Eingeweihte m\u00f6chte gern den anderen auf diese Art und Weise zu seinem Bediensteten machen.<\/p>\n<p>28.02.2020<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> |Inventarnummer: 20081<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit habe ich mir \u00fcberhaupt keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, dass man die Luft irgendwo rauslassen muss. Die Luft sieht man ja nicht und wenn sie weg ist, f\u00e4llt es gar nicht auf. So dachte ich. Ich glaube, zum ersten Mal bemerkte ich das Fehlen von Luft im Radlschlauch. 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