{"id":11330,"date":"2020-04-30T14:48:12","date_gmt":"2020-04-30T14:48:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11330"},"modified":"2020-05-02T15:02:53","modified_gmt":"2020-05-02T15:02:53","slug":"zwischen-zwei-gefuehlen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11330","title":{"rendered":"Zwischen zwei Gef\u00fchlen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11330&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11330&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In den vergangenen Stunden hatte Charlotte den Heizungskeller porentief gereinigt, ihren Hund geb\u00fcrstet, alle M\u00f6bel im Wohnzimmer umgestellt, den Hund geb\u00fcrstet, ihren Kleiderschrank aus- und wieder einger\u00e4umt, ihren Hund geb\u00fcrstet, ihre B\u00fccher alphabetisch geordnet, den Hund geb\u00fcrstet \u2013 und 17-mal angefangen, einen Brief an ihren Mann zu schreiben.<br \/>\nJetzt versteckte sich Dackel Hermann hinter dem Sofa und Charlotte sa\u00df verschwitzt und staubig an ihrem Schreibtisch und wusste nicht weiter. Sie las, was sie bisher geschrieben hatte.<br \/>\n\u201eEs gibt einen anderen Mann, den ich traf vor einigen Monaten. Du kennst ihn nicht. Aber ich f\u00fchle, ich muss zu ihm. Es tut dir weh und es tut auch mir weh. Ich liebe ihn, obwohl ich dir geh\u00f6re.\u201c Hier hielt sie inne und starrte vor sich.<br \/>\nWie sollte sie Sebastian klarmachen, was in ihr vorging? Wie sollte er sie verstehen, wo sie sich doch selbst nicht verstand?<\/p>\n<p>Sie las weiter, was sie geschrieben hatte: \u201eEr gibt mir etwas, von dem ich nicht wusste, dass ich es suche. Ich habe bei dir in all den Jahren nie etwas vermisst und doch sp\u00fcre ich, dass etwas fehlte. Du bist das Wichtigste in meinem Leben und alles, was zwischen uns gewesen ist, bleibt wahr und richtig. Er wei\u00df, dass ich nicht frei bin und dass ich es nicht sein m\u00f6chte. Und doch zieht es mich zu ihm.\u201c<br \/>\nDas klang so schw\u00fclstig, so kitschig. Wie sollte sie die richtigen Worte finden, ihre Gef\u00fchle beschreiben, ohne ihm furchtbar weh zu tun?<br \/>\nCharlotte stand wieder auf, ging zum Fenster und starrte blicklos hinaus. Sie kaute an der Nagelhaut ihres Zeigefingers, zog und zupfte mit den Z\u00e4hnen, bis es blutete.<br \/>\nDurch das Fenster drang das Tirilieren eines Vogels, es klang wie: \u201eEntscheide dich, entscheide dich \u2026\u201c<\/p>\n<p>Lukas w\u00fcrde sie mit einem roten Teppich empfangen, er wartete auf sie. Sie f\u00fchlte die W\u00e4rme seiner H\u00e4nde auf ihrer Haut, das Kitzeln seiner Finger, die \u00fcber ihre Wirbels\u00e4ule strichen. Sie roch den Duft nach Tieren und Desinfektionsmitteln, der sie umwehte, wenn er ihr seine Jacke umh\u00e4ngte, sobald er glaubte, ihr w\u00e4re kalt. Seine Stimme war wie ein Kaschmirpullover und seine Umarmung schien ihr wie ein magischer Mantel, der alles B\u00f6se von ihr abwendete.<br \/>\nCharlotte sp\u00fcrte einen Klo\u00df im Hals und schluckte. Sebastian verlassen? Sie liebte ihn doch, sich ein Leben ohne Sebastian vorzustellen, gelang ihr nicht. Es war ihr unendlich schwergefallen, ihn in den letzten Wochen anzul\u00fcgen. Nicht nur deshalb hatte sie sich vorgenommen, eine Entscheidung zu treffen, jetzt, solange er auf Klassenfahrt war. Sie hatte geplant, ihm danach den Brief zu geben, aber heute Abend w\u00fcrde Sebastian nach Hause kommen und der Brief war nicht fertig und sie zu keinem Entschluss gekommen.<\/p>\n<p>Charlotte ging zum Schreibtisch und blickte auf den angefangenen Brief. Was sie hier aufgeschrieben hatte, w\u00fcrde Sebastians Welt zerst\u00f6ren.<br \/>\nSebastian, der nie etwas forderte, sie nie bedr\u00e4ngte. Er war da, wenn sie Halt brauchte und lie\u00df ihr Luft, wenn sie nach Freiraum verlangte. Sebastian, der ihr, sollte sie je einen Mord begehen, unaufgefordert ein Alibi geben w\u00fcrde, \u00fcberzeugt, dass sie stichhaltige Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Tat gehabt h\u00e4tte.<br \/>\nCharlotte blinzelte. Lukas dagegen, dachte sie, w\u00fcrde bedingungslos den Mord f\u00fcr sie begehen.<br \/>\nCharlotte schluckte und drehte das Blatt in den H\u00e4nden. Sie liebte beide M\u00e4nner und doch musste sie sich f\u00fcr einen entscheiden.<\/p>\n<p>\u201eVerdammt\u201c, Dackel Hermann zuckte vor Schreck und stie\u00df sich die Schnauze an der Sofaecke. \u201eVerdammt\u201c, noch einmal fluchte Charlotte und mit einer heftigen Bewegung wischte sie alles vom Schreibtisch. \u201eKomm, Hermann\u201c, rief sie, schnappte sich Handy und Schl\u00fcsselbund und verlie\u00df das Haus durch die T\u00fcr zur Garage. Dort setzte sie Hermann in den Korb am Lenker, schob ihr Fahrrad nach drau\u00dfen, stieg auf und fuhr los.<br \/>\nImmer schneller, immer fester trat sie in die Pedale. Der Wind zerrte an ihren Haaren. Hermanns Ohren flatterten. Ihre Finger umklammerten den Lenker.<br \/>\nSie wollte sich zwingen, das rational zu entscheiden, obwohl sie eher der der Typ f\u00fcr spontane Bauchentscheidungen war.<\/p>\n<p>Charlotte wusste, in der Agentur war sie bei den Kollegen gef\u00fcrchtet f\u00fcr ihre pl\u00f6tzlichen Ideen, mit denen sie die anderen in den Strategiesitzungen oft \u00fcberrollte \u2013 vorsichtiges, taktisches Abw\u00e4gen war nicht ihr Stil.<br \/>\nDoch jetzt f\u00fchlte sie sich eher wie eine Maus, die sich nicht entscheiden konnte, welche K\u00e4seecke sie fressen sollte, als wie der Tsunami, mit dem Sebastian sie so oft verglich.<br \/>\nMittlerweile hatte sie die M\u00fchle im Wald erreicht. Charlotte hob Hermann aus dem Fahrradkorb und lie\u00df ihn laufen, w\u00e4hrend sie ihr Fahrrad vor dem geschlossenen Caf\u00e9 ankettete. Sie ging zum M\u00fchlenbach und setzte sich mit dem R\u00fccken zum Weg auf die Felsbrocken, die quer im Wasser lagen.<br \/>\nAuf der anderen Seite des Baches hatte sich ein Luftballon mit der Schnur im Gestr\u00fcpp verfangen und torkelte im Wind.<\/p>\n<p>Tja, w\u00e4re sie eine Franz\u00f6sin, dann w\u00e4re das nat\u00fcrlich etwas anderes. Dann w\u00fcrde sie ihre Louis-Vuitton-Handtasche schlenkernd auf hohen Prada-Abs\u00e4tzen \u00fcber die Champs-Elys\u00e9e st\u00f6ckeln, auf dem Weg zu ihrem aufregenden Liebhaber, nachdem sie gerade mit ihrem Ehemann eine hei\u00dfe Liebesnacht verbracht h\u00e4tte. Eine Franz\u00f6sin w\u00fcrde nicht zwischen den beiden M\u00e4nnern w\u00e4hlen, sie w\u00fcrde eine solche M\u00e9nage \u00e0 trois wahrscheinlich vollauf genie\u00dfen \u2013 und ihren Freundinnen gegen\u00fcber damit prahlen.<br \/>\nCharlotte meinte, Sebastian lachen zu h\u00f6ren, als sie dies dachte. Sie liebte sein Lachen, in das sie eintauchen konnte wie in einen glitzernden Sonnenstrahl, sein Lachen, das nie v\u00f6llig aus seinen Augen verschwand.<\/p>\n<p>Charlotte knabberte an ihrem Fingernagel und beobachtete den Ballon, der an seiner Schnur auf und ab h\u00fcpfte.<br \/>\nIhre Mutter hatte Kn\u00f6pfe abgez\u00e4hlt, wenn sie sich nicht entscheiden konnte.<br \/>\nAls Teenager hatte Charlotte mit ihren Freundinnen Bl\u00fctenbl\u00e4tter abgezupft: \u201eEr liebt mich, er liebt mich nicht \u2026\u201c Ein Orakel.<br \/>\nEin Orakel? Ein Orakel!<br \/>\nSie hatte gar nicht gemerkt, dass sie laut gesprochen hatte. Hermann kam angerannt und legte sich hechelnd neben sie.<br \/>\nIhr Handy pfiff. Als sie es aus der Tasche zog und sah, dass eine SMS eingegangen war, fiel es ihr ein. Sie hatte eine Verabredung vergessen, eine Verabredung mit Lukas. Das war ihr noch nie passiert. Mit keiner Windung ihres Hirns hatte sie daran gedacht, dass sie ihm versprochen hatte, ihn heute Nachmittag in der Galerie zu treffen. \u201eWo bist du\u201c, schrieb er, \u201eich warte auf dich. Ist dir etwas passiert?\u201c Sie stellte sich vor, wie er durch die Ausstellung wanderte auf der Suche nach ihr, wie immer um sie besorgt, nie ver\u00e4rgert. Charlotte schaltete ihr Telefon stumm und steckte es zur\u00fcck in die Hosentasche, ohne zu antworten.<\/p>\n<p>Ein Windsto\u00df zerrte an dem Ballon und blies ihn flach \u00fcber das Wasser, ohne ihn vom Busch zu befreien.<br \/>\nEin Orakel. Sollte sie eine Margeritenbl\u00fcte abzupfen: ein Bl\u00fctenblatt f\u00fcr Sebastian, ein Blatt f\u00fcr Lukas, das n\u00e4chste f\u00fcr Sebastian \u2026? Sie k\u00f6nnte auch eine M\u00fcnze werfen, Kopf f\u00fcr Lukas, Zahl f\u00fcr Sebastian. Oder Hermann das Orakel sein lassen: Hebt er beim Pinkeln das rechte Bein, bleibt sie bei Sebastian, hebt er das linke &#8230;<br \/>\nAlles nicht das Richtige, Charlotte st\u00f6hnte, Hermann blickte sie an, seufzte tr\u00f6stend und \u2026 pinkelte. Dabei senkte er sein Hinterteil und alle Pfoten blieben fest auf der Erde. Charlotte prustete und zupfte Hermann am Ohr.<\/p>\n<p>Da h\u00f6rte sie, wie sich auf dem Weg hinter ihr Schritte n\u00e4herten. Hermann legte den Kopf schief und lauschte ihr interessiert, als sie ihm zufl\u00fcsterte:<br \/>\n\u201eJetzt oder nie, Hermann. Wenn das ein Mann ist, der da kommt, bleib ich bei Sebastian, ist es eine Frau, gehe ich zu Lukas.\u201c Hermann sah ihr in die Augen und schien zu fragen: \u201eUnd wenn es ein Paar ist?\u201c Dann lerne ich Franz\u00f6sisch, dachte sie.<br \/>\nHermann lugte um sie herum. Charlotte starrte ihn an, holte tief Luft, hielt den Atem an.<br \/>\nUnd da wusste sie es, in diesem Moment wusste sie, was sie tun w\u00fcrde.<br \/>\nCharlotte stie\u00df den Atem aus, stand auf, nahm Hermann auf den Arm und ging, ohne sich umzusehen, den Weg zur\u00fcck, den sie gekommen war.<br \/>\nAuf der anderen Seite des Baches l\u00f6ste sich der Ballon und flog \u00fcber dem Wasser davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Renate M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.renas-wortwelt.de\" target=\"_blank\">www.renas-wortwelt.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 20080<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Stunden hatte Charlotte den Heizungskeller porentief gereinigt, ihren Hund geb\u00fcrstet, alle M\u00f6bel im Wohnzimmer umgestellt, den Hund geb\u00fcrstet, ihren Kleiderschrank aus- und wieder einger\u00e4umt, ihren Hund geb\u00fcrstet, ihre B\u00fccher alphabetisch geordnet, den Hund geb\u00fcrstet \u2013 und 17-mal angefangen, einen Brief an ihren Mann zu schreiben. 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