{"id":11247,"date":"2020-04-24T05:55:44","date_gmt":"2020-04-24T05:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11247"},"modified":"2020-04-26T06:31:41","modified_gmt":"2020-04-26T06:31:41","slug":"das-bisschen-mensch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11247","title":{"rendered":"Das bisschen Mensch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11247&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11247&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Etwas war in ihm verloren gegangen. Eine Art Antwort auf alles, was ihm das Leben entgegengeworfen hatte. Es war nichts Konkretes gewesen, kein festgelegtes Mantra oder durchdachte \u00dcberzeugung, mehr ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Dinge. Er hatte es immer in sich getragen, manchmal hatte es st\u00e4rker, manchmal schw\u00e4cher in ihm gehallt. Nun war es verschwunden.<\/p>\n<p>Es hatte nichts damit zu tun, dass er unzufrieden war. Er war schon \u00f6fters unzufrieden gewesen, war traurig, war verletzt und \u00e4ngstlich gewesen, hatte sich manchmal unzureichend und ungeliebt gef\u00fchlt. Aber nun gab es eben neben all diesen Regungen kein Gegengewicht, das ihn in Balance gehalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Im Nachhinein dachte er, dass es so gewesen sein muss, als ob man etwas verliert, wenn man am Strand spazieren geht. So ganz nebenbei. Man ist mit dem Partner oder Hund besch\u00e4ftigt, mit dem Tosen der Natur und all den Dingen, die einem durch den Kopf gehen. Eigentlich ist man ganz bei sich, aufmerksam, und trotzdem verliert man etwas. Vielleicht ist es ein Schl\u00fcssel, der aus der Hosentasche gerutscht ist. Vielleicht ein Haarband oder ein Feuerzeug. Man merkt es erst gar nicht, weil es so viele andere Sachen gibt, die einen umgeben. Wenn es etwas Wichtiges war, merkt man es hinterher, wahrscheinlich sogar sehr rasch. Manchmal hat man Gl\u00fcck und kann seine Schritte zur\u00fcckverfolgen und findet es wieder, wenn es noch nicht von der Flut mitgerissen worden ist.<\/p>\n<p>Er hatte kein Gl\u00fcck gehabt. Obwohl er seine Schritte zur\u00fcckverfolgte, nachdachte, was schiefgelaufen war und wo es angefangen hatte, fand er es nicht wieder. Sein Hausarzt schrieb ihn krank, gab ihm Antidepressiva, empfahl ihm einen Psychotherapeuten und besprach die M\u00f6glichkeit einer Kur.<\/p>\n<p>Am ersten Tag zuhause tat er das, was er immer tat, wenn er etwas verloren hatte: Er ging zusammen mit seinem Hund am Strand spazieren. Er vergrub seine H\u00e4nde tief in den Jackentaschen, zog die Schultern hoch und stapfte los. Der schneidend kalte Wind trieb ihm die gewohnten Tr\u00e4nen in die Augen, und er sah nur verschwommen die brachliegende Weite vor sich. Meer, Himmel, Strand \u2013 alles grau, alles kalt und verlassen. Nur das bisschen Mensch mit seinem Hund.<\/p>\n<p>Er bemerkte es erst, als er fast davorstand. Etwas Rotes mit etwas Wei\u00dfem. Er b\u00fcckte sich und hob den Turnschuh auf. Weinrotes Leder, abgewetzt und abgetragen. Die lose herabh\u00e4ngenden Schn\u00fcrsenkel waren mehr beige als wei\u00df, wie er nun sah. Reflexhaft sah er sich um. Doch nat\u00fcrlich war da niemand, bis auf seinen treuen Gef\u00e4hrten, der den Wellen nachjagte. Keine Fu\u00dfspuren am Boden, kein zweiter Schuh.<\/p>\n<p>Das Leder war innen wie au\u00dfen trocken. Also war der Turnschuh weder vom Meer angesp\u00fclt worden noch konnte er l\u00e4nger als ein paar Stunden hier gelegen haben. Gestern Abend hatte es geregnet, danach nicht mehr. An der Sohle klebte etwas Sand.<\/p>\n<p>Er blickte in die endlosen Wellen hinaus. Wie konnte man einen Schuh verlieren? Ging man einfach so mit nur einem Schuh weiter, gedankenverloren und ohne es zu merken? Oder hatte das Meer den Rest bereits verschluckt? Und wie viel Rest mochte da noch gewesen sein?<\/p>\n<p>Inzwischen war ihm kalt geworden, er f\u00fchlte, wie seine Finger klamm wurden. Er stopfte den Turnschuh in eine Jackentasche und sah noch eine Weile aufs Meer hinaus. Dann pfiff er nach seinem Hund und trat den R\u00fcckweg an.<\/p>\n<p>Zuhause setzte er Tee auf und rief die K\u00fcstenwache an, die im Winter nur Notbetrieb hatte. Z\u00f6gerlich sprach er ihnen aufs Band, auch wenn er nicht genau wusste, was er eigentlich sagen wollte. Er berichtete von seinem Fund und der Tatsache, dass ihm das alles sehr merkw\u00fcrdig vorkam. Es war schlie\u00dflich nicht der gelegentliche Krempel, den das Meer anschwemmte, weil manche Leute ihren Dreck dort abluden. Es war auch keine Geldb\u00f6rse, kein Ring oder Buch, nichts, was einem aus der Tasche fallen k\u00f6nnte. Es war ein Schuh.<\/p>\n<p>Als er aufgelegt hatte, setzte er sich aufs Sofa und stellte den Turnschuh vor sich auf den Tisch. Er hatte etwas gefunden, auch wenn es nicht das war, wonach er gesucht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 20068<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwas war in ihm verloren gegangen. Eine Art Antwort auf alles, was ihm das Leben entgegengeworfen hatte. Es war nichts Konkretes gewesen, kein festgelegtes Mantra oder durchdachte \u00dcberzeugung, mehr ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Dinge. Er hatte es immer in sich getragen, manchmal hatte es st\u00e4rker, manchmal schw\u00e4cher in ihm gehallt. Nun war es verschwunden. 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