{"id":11239,"date":"2020-04-24T14:06:48","date_gmt":"2020-04-24T14:06:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11239"},"modified":"2020-05-02T15:59:33","modified_gmt":"2020-05-02T15:59:33","slug":"corona-hausarrest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11239","title":{"rendered":"Corona-Hausarrest: Tag 36 der Ausgangsbeschr\u00e4nkung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11239&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11239&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als die Krisenregierung immer h\u00e4ufiger den Begriff der \u201eRisikogruppe\u201c gebrauchte und ich feststellte, dass ich allein auf Grund meines Geburtsjahres auch dazugeh\u00f6re, meinte ich, zum ersten Mal in meinem Leben fremddefiniert und in eine Schublade geschoben worden zu sein.<br \/>\nStimmt nicht, fiel mir eines Tages auf. Alles hat\u2019s schon einmal gegeben, und das sehr fr\u00fch, wieder wegen meines Alters. Als Kind und Jugendliche soll ich wild, schlimm und unerziehbar gewesen sein, so die Familienerinnerung, die nur zum geringsten Teil mit meiner eigenen \u00fcbereinstimmt. An das \u201eGfrast\u201c und den \u201eFlederwisch\u201c kann ich mich noch erinnern als Anreden, ein Staubwedel, der an allem dran ist und niemals stillsteht.<\/p>\n<p>Die schlimmen Kinder bekamen einen \u201eHausarrest\u201c. Das war eines der beliebtesten Erziehungs- bzw. Bestrafungsmittel meiner Eltern, die sich streng von k\u00f6rperlicher Z\u00fcchtigung fernhielten. Wie viele Tage oder Wochen meiner Kindheit und Jugend ich in Hausarrest verbracht habe, wei\u00df ich nicht, und es gibt niemanden, den ich fragen oder der das nachrechnen k\u00f6nnte. Am ehesten vielleicht mein j\u00fcngster Bruder F., der angeblich noch schlimmer war als ich und noch viel mehr Zeit in Hausarrest gesessen ist. Die j\u00fcngere Schwester H. bekam meiner Erinnerung nach nie einen Hausarrest, sie war die \u201eSanfte\u201c, von der Mutter \u201edie stille Dulderin\u201c genannt. Eine Brandmarkung.<\/p>\n<p>Eines erinnere ich sehr deutlich \u2013 ich f\u00fchle es sogar bis heute \u2013, dass der Hausarrest f\u00fcr mich keine Strafe war, sondern eine ersehnte Erl\u00f6sung, Befreiung vom Rest der Familie, vor allem von den l\u00e4stigen j\u00fcngeren Geschwistern und den zynischen \u00e4lteren Br\u00fcdern, die ihr M\u00fctchen oft an den kleinen Schwestern k\u00fchlten. Zweifellos herrschten zwischen uns Geschwistern innige, aber sehr komplizierte Beziehungen.<\/p>\n<p>Kontaktsperre \u2013 social distancing oder social containment \u2013 war in unserem Haus nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich. Abstand war ein Luxus. Wir hatten ein sehr kleines Bad, einen ins Vorzimmer eingebauten Holzverschlag von nicht einmal zwei Quadratmetern Ausma\u00df: eine Waschmuschel und eine Tasse mit Sitzbad. Es gab au\u00dfer den Gemeinschaftsr\u00e4umen zwei M\u00e4dchenzimmer f\u00fcr vier und ein Bubenzimmer f\u00fcr zwei. Nur der \u00e4lteste Bruder H. hatte das Privileg eines Einzelzimmers, als er Student der Rechtswissenschaften wurde. Er lebte praktisch in freiwilliger Einzelhaft mit seinen Gesetzes-W\u00e4lzern und Skripten in einer ausgebauten Dachluke, Mansarde genannt, aber immerhin allein. Eine T\u00fcre hinter sich zumachen k\u00f6nnen, das war sein Privileg als vielgeliebter Erstgeborener. Niemand wagte es, den Studenten zu st\u00f6ren. Ich erinnere mich, wie er einmal aus seiner H\u00f6hle im Dach herabstieg unter das Jungvolk und einen Sto\u00df Skripten auf die K\u00fcchenwaage legte: \u201e16 Kilo oder acht Kaiserziegel, das alles muss ich noch in diesem Semester lernen.\u201c Da wusste ich schon als Elfj\u00e4hrige, dass ich nienieniemals Jus studieren w\u00fcrde.<br \/>\nWas beinhaltete der Hausarrest? Verbot von allem, was nicht unmittelbar Schule war. Musikunterricht, Jungscharstunden, Radfahren, Turn- und Schwimmverein und nat\u00fcrlich Treffen mit Freundinnen, innerhalb oder au\u00dferhalb des Hauses. Bei den Br\u00fcdern kam noch die Kontaktsperre zu den Pfadfindern und dem Fu\u00dfballclub dazu.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr bekam man einen Hausarrest? F\u00fcr die anderen Geschwister kann ich nicht sprechen. F\u00fcr mich erinnere ich mich vor allem f\u00fcrs Zusp\u00e4tkommen. Zeiten nicht einzuhalten, z. B. zu Mahlzeiten oder zu zugewiesenen Diensten, war ein Sakrileg, fast so schlimm wie die Erbs\u00fcnde. Das brachte die Familienkonstruktion durcheinander. Einmal bekam ich Hausarrest, weil ich das neue Kleid meiner j\u00fcngeren Schwester widerrechtlich angezogen und ausgef\u00fchrt hatte. Ein anderes Mal hatte ich ein Lieblingsbuch vor ihr versteckt, das zu lesen sie meiner Meinung nach wegen ihres Alters nicht berechtigt war.<\/p>\n<p>Unter der Matratze, die Mutter fand es, und ich las andere B\u00fccher weiter im Hausarrest.Widerspr\u00fcchlich war dagegen die Befehlsausgabe zu gemeinsamen Unternehmungen wie etwa Sonntagsmessen oder Ausfl\u00fcgen. Wie gerne w\u00e4re ich da im Hausarrest geblieben, nicht so sehr, weil ich etwas gegen Messen oder Wanderungen gehabt h\u00e4tte. Aber einmal f\u00fcr ein paar Stunden das ganze, gar nicht kleine Haus und den Garten f\u00fcr mich allein zu haben, w\u00e4re ein Traum gewesen, eine Belohnung und keine Strafe. Einmal unbeobachtet im Schreibtisch des Vater zu stirl\u2019n, wo alle Familiendokumente gelagert waren. Einmal in Ruhe den \u201eGiftschrank\u201c mit den verbotenen B\u00fcchern durchsuchen zu k\u00f6nnen, den Index librorum prohibitorum wie die Altphilologeneltern diese versperrbare Abteilung der Bibliothek nannten.<\/p>\n<p>So war\u2019s wahrscheinlich auch von der Erziehungsobrigkeit gedacht, mit ihrem absoluten Credo: Wir sind eine Familie und machen alles gemeinsam, es gibt keine Extratouren. Basta! Bei uns eher wie das Amen im Gebet, so ist es. Keine Widerrede! Das war das letzte Machtwort von Papa, wobei seine Unterlippe und sein Kinn gef\u00e4hrlich zitterten, wovor ich mich entsetzlich f\u00fcrchtete. Es bedeutete, dass er den Zornesausbruch gerade noch unter Kontrolle halten konnte und das gro\u00dfe Donnerwetter vor\u00fcberging. Der alleswissende und allessehende Gott konnte nicht schrecklicher z\u00fcrnen. Wie viele N\u00e4chte habe ich von diesem Auge im goldenen Dreieck mit den Strahlen herum albgetr\u00e4umt, immer pr\u00e4sent \u00fcber dem Hochaltar von St. Stephan.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es den anderen Geschwistern erging, ich zumindest litt st\u00e4ndig unter dem Mangel an Einsamkeit. Wenn es das schon gegeben h\u00e4tte, w\u00fcrde ich Beratung und eine Hotline f\u00fcr das Gegenteil gebraucht haben, obwohl im Haus nicht wirklich r\u00e4umliche Enge herrschte. Aber die st\u00e4ndige Anwesenheit von mindestens neun Personen an einem Ort, das Kommunizierenm\u00fcssen, die geschwisterliche Konkurrenz, die Fraktionsreibereien, das Streiten, das Schergeln \u2013 ober\u00f6sterreichisch f\u00fcr Petzen, Denunzieren \u2013 der hohe L\u00e4rmpegel, das Gewurl und Gerangel, die Streitereien, das Ausgesetzsein dem H\u00e4nseln und den fragw\u00fcrdigen Witzen der \u00e4lteren Br\u00fcder, genannt \u201eAufziehen\u201c, das st\u00e4ndige Nachdenken \u00fcber Durchsetzungsstrategien und Koalitionen. Und dann gab es noch das immerw\u00e4hrende Teilenm\u00fcssen, angefangen bei den Zimmern bis zu Kleidung, B\u00fcchern, Spielsachen, Musikinstrumenten, Sportger\u00e4ten, einer Geburtstagstorte oder einer Tafel Bensdorp-Schokolade durch sieben.<br \/>\nIch erinnere mich ganz genau daran, wie ich zum 13. Geburtstag eine Tafel Schokolade bekommen habe und nach dem Teilen ein halbe Rippe f\u00fcr mich \u00fcbrig blieb. Da beschloss ich, f\u00fcr den Rest meines Lebens auf S\u00fc\u00dfigkeiten zu verzichten, was bis heute anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Keine Geheimnisse, alle wussten immer alles von den anderen, auch wenn wir Kleinen oft nicht interpretieren konnten, was bei den Gro\u00dfen vor sich ging. So wusste ich zum Beispiel lange nicht, was die Mutter meinte, wenn sie die gro\u00dfen Br\u00fcder \u201eSchlurf\u201c oder \u201eB\u00fc\u00fccha\u201c nannte. Noch schlimmer war ihre h\u00f6llische Prophetie, wenn sie ihrer Meinung nach nicht gut genug lernten: \u201eAus dir wird no a Prolet.\u201c Und der Mutter war nichts gut genug als ein Sehr gut.<br \/>\nDie mangelnde Empathie der Mutter mit den Kleinen, die eher \u00fcber den Witz und die Schlagfertigkeit der klugen Br\u00fcder lachte, als dass sie unsere Verletzlichkeit sch\u00fctzte. \u201eGeh, sei ned so ang\u2019r\u00fchrt, du ang\u2019r\u00fchrte Leberwurst, geh, sei ned so empfindlich, du Mimose, du.\u201c<br \/>\nLange dachte ich, Mimose sei ein arges Schimpfwort.<\/p>\n<p>So weit ich mich erinnern kann, hat sich nur meine n\u00e4chst\u00e4ltere Schwester L. diesem verordneten Herdenauftrieb entziehen k\u00f6nnen. Sie blieb immer ruhig und am Rande, mischte sich nie ein in die Massenveranstaltungen oder Massenstreitereien, sondern ging ihren einsamen Vergn\u00fcgungen nach. Man sah sie nie anders als in ein Buch vertieft, wobei sie die beneidenswert dicken Z\u00f6pfe zu Kringeln drehte, oder sie sa\u00df in splendid isolation \u00fcber ihr Strick- oder Stickzeug gebeugt, oder sie machte sich in der K\u00fcche zu schaffen. Sie hatte sich dazu ein Privileg erobert und entwickelte sich zu einer talentierten Konditorin. Ob es ihr Genie war oder Strategie oder eine innere St\u00e4rke, ich wei\u00df es nicht. Sie hatte sich den gro\u00dfen Bruder H. \u2013 sechs Jahre \u00e4lter als sie \u2013 als einzige Ansprechperson auserw\u00e4hlt.<br \/>\nUnd weil der grunds\u00e4tzlich nicht mit den Kleinen kommunizierte oder uns nur wie einen l\u00e4stigen M\u00fcckenschwarm wahrnahm, war L. fein raus. Sie strickte Pullover und Schals f\u00fcr ihn, bestickte Bettdecken und Kissen mit Kreuzerlstichen auf grobem Leinen. Beim Z\u00e4hlen der F\u00e4den bewegte sie die Lippen, leckte den Faden, und niemand kam auf die Idee, sie dabei zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Oder sie bedachte den angebeteten H. mit Kuchen oder sonstigen Extra-Schmankerln. Er lie\u00df ihre Gunst und Anh\u00e4nglichkeit gn\u00e4dig \u00fcber sich ergehen. L. \u00fcbernahm sogar \u201eBubendienste\u201c wie das Schuhputzen f\u00fcr ihn, w\u00e4hrend wir \u00fcbrigen M\u00e4dchen zum K\u00fcchendienst abkommandiert waren. Sie \u00fcbte ihre Rolle so perfekt und selbstverst\u00e4ndlich aus, dass das nie hinterfragt, sondern allgemein akzeptiert wurde. Ich kann mich an keinen Streit mit L. erinnern, weder direkt noch im Rudel. Aber vielleicht war es einfach die Gunst der Geburt; sie befand sich bei sieben Kindern als viertes genau an der Schwelle zwischen den Gro\u00dfen und den Kleinen. Die Geschwisterforschung hat vielleicht eine Antwort darauf. Sie stand auch an einer historischen Zeitschwelle, vor und nach 68. Wie gerne w\u00fcsste ich, wie es L. jetzt unter den Corona-Bedingungen geht, in den Niederlanden, wenn auch sie eingesperrt in ihrem Haus sitzt, mit Mann und Hund, ohne Kontakt zu Kindern und Enkeln. Ob ihr ihre Kindheitsgewohnheiten heute helfen?<\/p>\n<p>Ich mag etwa zehn oder elf gewesen sein, als ich einen Platz f\u00fcr mich allein fand, in der Pfarrkirche von St. Stephan, genau gesagt im Kreuzweg. Ich setzte mich in die schmale Bankreihe an der rechten Seite, genau zwischen die 5. und 6. Station, zwischen Simon von Kyrene, der Jesus das Kreuz tragen half, und Veronika, die ihm das Schwei\u00dftuch reichte.<br \/>\nIn unserer sehr katholischen Familie spielten die Namenstage eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als die Geburtstage. Es war also sehr wichtig, welchen Namenspatron man hatte und dass er unbedingt ein Heiliger sein musste. Da waren Agnes, Bernhard, Elisabeth und Franz fein raus, weil sie gleich mehrere Heilige hatten. Das war die Adelung. Meine Veronika war nur eine Selige, also dritte Wahl.<br \/>\nSogar Hedwig mit ihrer polnischen Heiligen Jadwiga spielte noch in der zweiten Liga. Wie der heidnisch-germanische Helmut aus dem 40er Jahr dahineinkam, kann ich nicht erkl\u00e4ren, ebenso wenig, wer sich diese Konkurrenz ausgedacht hatte. Aber ich tippe auf die Mama, die mochte solche Spielchen. Also, wenn ich wieder einmal gekr\u00e4nkt war, weil ich geh\u00e4nselt worden war: \u201e\u00c4tsch, du hast ja nicht einmal eine Heilige\u201c, fl\u00fcchtete ich zu ihrem Seligenbild in der 6. Station. Ich fand sie so sch\u00f6n und edel, dass mir alle Heiligen der Geschwister gestohlen bleiben konnten. Nie konnte ich mich entscheiden, wer Jesus mehr geholfen hat, Veronika oder Simon von Kyrene. Diesen einfachen Bauern mochte ich sehr und fand seine Hilfe, wenn auch von den r\u00f6mischen S\u00f6ldnern erzwungen, eine sch\u00f6ne Tat. So verga\u00df ich meinen Kummer und kehrte getr\u00f6stet in unser Massenquartier zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Schon bevor ich Virginia Woolf kennenlernte, wusste ich, dass mein erstes Etappenziel beim Erwachsenwerden ein Zimmer f\u00fcr mich allein sein w\u00fcrde. Ich habe es knapp vor der Matura erreicht, als meine \u00e4lteste Schwester A. heiratete und L. ins Schwesternheim des Spitals zog, wo sie arbeitete. Mit den Hausarresten hatte es ein Ende, als sich herausstellte, dass der J\u00fcngste im Hausarrest noch \u2013 oder erst recht \u2013\u00a0 mehr \u201eangestellt\u201c hat. Was das Substitut f\u00fcr den Hausarrest wurde, wei\u00df ich nicht mehr. Aber vielleicht war es auch so, dass wir allm\u00e4hlich aus dem Alter des Schlimmseins und des Karzers herauswuchsen und sich die Erziehungsobrigkeit einen anderen, altersgem\u00e4\u00dfen Ma\u00dfnahmenvollzug ausdachte. Man kann bei so bildungsaffinen Altphilologen- plus Germanisteneltern davon ausgehen, dass es erzieherisch h\u00f6chst wertvoll war, das Werk eines Klassikers in der bestimmten Karzer-Zeit zu lesen, kurz \u201eDie Perser\u201c, l\u00e4nger \u201eDon Quichotte\u201c oder einen Aufsatz zu schreiben \u00fcber das Problem von \u201eSire, geben Sie Gedankenfreiheit!\u201c oder das \u201eNicht zu hassen, denn mitzulieben bin ich da\u201c der Antigone.<\/p>\n<p>Meine Eltern waren davon \u00fcberzeugt und hatten es sich zum Programm gemacht, dass Erziehung hilft und Wissen Macht ist. Als Jugendliche rebellierte ich heftig dagegen, aber inzwischen habe ich eingesehen, dass sie uns nichts Besseres mitgeben h\u00e4tten k\u00f6nnen.<br \/>\nNun w\u00fcnsche ich mir auch so ein \u201eHerauswachsen\u201c aus der Corona-Krise, aus dem Corona-Hausarrest, mit allen Kurzarbeitern und Arbeitslosen, allen Eltern, Sportlern, mit dem Buchhandel und der Gastronomie.<br \/>\nUnd was hilft mir bei alledem? Schon vor Corona habe ich mir \u00fcberlegt, ob das Aufwachsen in einer Gro\u00dffamilie nicht nur den Vorteil hat, dass man sp\u00e4ter, wenn man \u00e4lter ist und das sch\u00e4tzen kann, nicht nur viele Verwandte hat, sondern in der Kindheit und Jugend schon so viel \u00a0\u2013 oder zu viel \u2013 Familie bekommen hat, dass man sp\u00e4ter weniger braucht. Ich denk mir, das ist so \u00e4hnlich wie mit der Milch, die brauche und trinke ich auch nicht mehr seit Jugendtagen, oder nur in Milchkaffeedosen.<\/p>\n<p>Aber ich gebe zu, dass es in meiner Geschwisterschar auch das gegenteilige Beispiel gibt \u2013 die, die gar nicht genug von Familie bekommen k\u00f6nnen, viel eigene gemacht haben und nun zwischen zw\u00f6lf und vier Enkel haben, die sie seit f\u00fcnf Wochen nicht mehr sehen d\u00fcrfen. Interessant finde ich, dass es die Vor-Achtundsechziger sind, die das elterliche Familienmodell \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p>Und bei mir die Best\u00e4rkung meiner Jugenderfahrung, dass das Alleinsein nie Einsamkeit war, sondern etwas Erstrebenswertes, Positives, ein Privileg. Ich werde nie eine Hotline brauchen, au\u00dfer f\u00fcr mein Handy oder das TV-Ger\u00e4t. Noch dazu, wenn man den Gro\u00dfteil seines Tages ohnedies damit zubringt, allein an seinem PC zu sitzen, zu schreiben und zu lesen. Lange vor der Krise hatte ich schon den Corona-Blick, schaute schon aus dem Fenster auf die Kastanien und Ahorne im Hof. Das ist nicht nur ein Genuss, sondern geradezu Notwendigkeit, Arbeitsvoraussetzung, in absoluter Stille, ohne \u00e4u\u00dfere Ablenkungen, in notorischer Sauberkeit und Ordnung rund um den Schreibtisch. Bei mir darf h\u00f6chstens \u00d61 an den Schreibtisch.<\/p>\n<p>Neulich \u2013 aber noch vor Corona \u2013 fragte mich eine freundliche Gartennachbarin \u00fcber den Zaun hinweg, als sie mich wieder einmal allein in der Erde buddeln, j\u00e4ten und Blumenzwiebel eingraben sah, warum ich denn nie Besuch habe. Oh Gott, diese Vorstellung jagte mir so einen Schreck durch die Glieder, dass mir die Gartenkralle aus der Hand fiel. Leute, Freund, Freunde, Familie in meinem G\u00e4rtchen? Unvorstellbar. Die k\u00f6nnten mich ja von der Arbeit abhalten, bewirtet werden oder gar mitreden wollen, alles besser wissen, diskutieren und Vorschl\u00e4ge machen. Es schauderte mich so sehr, dass ich mich in meine Schrebergartenh\u00fctte verzog und zur Beruhigung einen tiefen Zug aus der Zigarette nahm, die ich eigentlich abgelegt hatte.<br \/>\nIch erlaube das ja auch niemandem beim Schreiben. Und da gibt es bei mir fast keinen Unterschied. Das Schreiben ist meine Lebensform ebenso wie das Garteln. Erst das jeweilige Ergebnis kann und will ich pr\u00e4sentieren und mit anderen teilen. Zum Schreiben lade ich ja auch niemanden ein, das Schreiben diskutiere ich ja auch mit niemandem au\u00dfer meinen inneren Ichs. Das sind viele, und mir wird nie langweilig mit ihnen.<br \/>\nAber erkl\u00e4ren konnte ich das der empathischen Nachbarin nicht, einer jungen Frau mit zwei Kleinkindern zu Hause, noch in Karenz. Da \u00fcbt sie sich schon lange in Isolation, in einem schmucken Haus in einer Gartensiedlung, hoch oben am H\u00fcttelberg \u00fcber dem Stadtrand, ein Rosental und ungef\u00e4hr vier Kilometer von jeder Zivilisation entfernt.<\/p>\n<p>Unter meinen pers\u00f6nlichen historischen Voraussetzungen ist also die neu gewonnene Zugeh\u00f6rigkeit zu einer \u201eRisikogruppe\u201c mit all ihren verordneten Einschr\u00e4nkungen kein Problem f\u00fcr mich, keine Herausforderung, wie man neuerdings sagt, sondern ein Privileg. Endlich keine Einladungen mehr oder Termine, die mich immer zu l\u00e4stigen \u00dcberlegungen und Abw\u00e4gungen f\u00fchren: hingehen oder nicht, wahrnehmen oder nicht, brauch ich das oder nicht, freut mich das oder nicht, n\u00fctzt oder schadet mir das? Beleidige und entt\u00e4usche ich jemanden? Was anziehen und welche Frisur? Die vier Wochen der strengen Ausgangssperre \u00fcberlebte ich gut, indem ich das fantastische Angebot der Gemeinde Wien zu kostenlosen Taxi-Gutscheinen nutzte und sp\u00e4ter das leidende Taxigewerbe privat unterst\u00fctzte, indem ich mich meist mercedesm\u00e4\u00dfig zu meinem Garten hinauskutschieren lie\u00df. Jetzt fahre ich wieder ganz legal mit der U-Bahn und f\u00fcrchte keine Polizeikontrollen mehr \u00a0\u2013 Risikogruppenrazzia.<\/p>\n<p>Vielleicht ist aber alles ganz anders, nix Kindheitstrauma, nix Familiensch\u00e4digung, sondern es kommt alles nur daher, dass ich schon lange in einer Art von Homeoffice arbeite, nicht arbeitslos oder in Kurzarbeit bin, zum Gl\u00fcck auch keine Selbst\u00e4ndige mit abgrundtiefen Existenz\u00e4ngsten, auch keinen Marathon laufe und nicht Fu\u00dfball spiele, weil ich schon lange komisch aussehe mit einem mit Cleenex ausgestopften Schal um den Kopf, seit ich an Heuschnupfen oder sonstwas leide und nun alle so herumlaufen und bis heute in Enkellosigkeit lebe.<\/p>\n<p>Always look on the bright side of life.<br \/>\nAls ich heute fr\u00fch, erfrischt und wohlig unter einer hellen Sonne aufwachte, stand mir mein kindlicher \u201eHausarrest\u201c deutlich vor Augen, und er f\u00fchlte sich genauso an, wie ich ihn erlebt hatte. Hach, geht\u2019s mir gut! Vor den Fenstern frischgr\u00fcne Ahorne, und die Kastanien haben ihre ersten wei\u00dfen Kerzen angesteckt. Und ich allein in der gro\u00dfen Wohnung! Absolute Ruhe, bis auf das Morgenfl\u00f6ten der Amseln. Eine ber\u00fchmte Traumforscherin sagte k\u00fcrzlich in einem Interview, dass die Menschen seit Corona l\u00e4nger schlafen und mehr tr\u00e4umen. No na ned, wenn sie nicht mehr um 5 oder 6 vom Wecker aus der REM-Phase gerissen werden und nicht mit den Kindern zu Kindergarten, Schule und danach zur Arbeit st\u00fcrzen m\u00fcssen. Vorausgesetzt nat\u00fcrlich, dass sie nicht in Kurzarbeit, arbeitslos oder albtraumm\u00e4\u00dfig selbst\u00e4ndig sind, nicht an Heuschnupfen und Enkellosigkeit leiden. So viel Wissenschaft muss schon sein.<\/p>\n<p>Wien, 20.4.20 , 36. Tag mit Ausgangsbeschr\u00e4nkung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 20067<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Krisenregierung immer h\u00e4ufiger den Begriff der \u201eRisikogruppe\u201c gebrauchte und ich feststellte, dass ich allein auf Grund meines Geburtsjahres auch dazugeh\u00f6re, meinte ich, zum ersten Mal in meinem Leben fremddefiniert und in eine Schublade geschoben worden zu sein. Stimmt nicht, fiel mir eines Tages auf. 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