{"id":11214,"date":"2020-04-20T09:49:38","date_gmt":"2020-04-20T09:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11214"},"modified":"2020-04-26T06:37:13","modified_gmt":"2020-04-26T06:37:13","slug":"adele-sauerzopf-erbt-ein-schloss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11214","title":{"rendered":"Adele Sauerzopf erbt ein Schloss"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11214&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11214&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Frau Sauerzopf, eine ehrbare Stra\u00dfenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-K\u00fcche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal w\u00f6chentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Caf\u00e9 und hatte sonst keine gro\u00dfen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im Gemeindebau und Gr\u00e4tzel wohlgelitten (sie wohnte seit ihrer Geburt dort) und von abgekl\u00e4rt-heiterer Lebensart, war sie h\u00f6chst \u00fcberrascht, als sie am <strong>Mittwoch<\/strong> <strong>(13.6.) <\/strong>\u2013 vom Einkaufen heimkehrend \u2013 im Briefkasten das Schreiben einer Rechtsanwaltskanzlei fand. Sie wagte es erst gar nicht zu \u00f6ffnen und durchforschte ihr kindlich-reines Gewissen, was denn die Ursache dieses bedrohlichen Briefes sein k\u00f6nnte; noch nie im Leben hatte sie mit Anw\u00e4lten zu tun gehabt, weder hatte sie B\u00f6ses getan, noch jemals selbst Anklage erhoben. Dann fuhr ihr wie ein Blitz die Angst ins Herz, der einzige Sohn (er lebte schon seit Jahren in Amerika) k\u00f6nnte etwas angestellt haben oder \u2013 Gott beh\u00fcte \u2013 es wollte ihn jemand verklagen oder \u00c4hnliches. Mit zitternden H\u00e4nden riss sie den Umschlag auf, aber im Brief stand nur die lakonische Mitteilung, sie m\u00f6ge sich in der Erbschaftssache Ruggenthaler in den n\u00e4chsten Tagen in der Kanzlei einfinden.<\/p>\n<p>\u201eErbschaftssache Ruggenthaler\u201c, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, \u201eich kenn keinen Ruggenthaler, und zu erben gibt\u2019s doch f\u00fcr so ein altes M\u00f6bel wie mich nix mehr?\u201c<\/p>\n<p>Aber der Brief lag gleichwohl am K\u00fcchentisch wie auf der Seele \u2013 und die zu r\u00f6stende Zwiebel f\u00fcrs Erd\u00e4pfelgulasch verkohlte fast, so sehr spukte die unbekannte Erbschaft im Kopf von Frau Sauerzopf. Sie erwog, eine in Purkersorf lebende Nichte zweiten Grades anzurufen, um sich zu erkundigen, ob ihr solch ein Name gel\u00e4ufig sei, kam aber davon ab, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr geh\u00f6rt hatte \u2013 und au\u00dferdem: Sie w\u00fcrde nat\u00fcrlich \u00fcber den Grund ihres Interesses ausgefragt werden, und bevor sie nichts Genaueres wusste, konnte und wollte sie nichts sagen. Es g\u00e4be doch gleich Ger\u00fcchte und Neid und Gerede \u2013 genau das, was sie verabscheute und demnach aktiv wie passiv immer zu vermeiden trachtete.<\/p>\n<p>Der <strong>Donnerstagmorgen (14.6.)<\/strong> kam nach einer unruhigen Nacht, der Kaffee wurde nicht wie gewohnt in Ruhe und dabei Zeitung lesend getrunken, sondern geistesabwesend geschl\u00fcrft. Hier ist zu bemerken, dass Frau Sauerzopfs gesunder Hausverstand und gute Menschenkenntnis keinen Platz f\u00fcr Phantastereien lie\u00dfen \u2013 im Gemeindebau wurde sie manchmal ob ihrer treffend-knappen Ausdrucksweise die Frau Jolesch genannt (nach Torbergs Anekdotensammlung) \u2013, aber ihr Leben war seit ihrer Pensionierung und dem Tod des Gatten arm an Neuigkeiten und Ver\u00e4nderungen, sodass dieser Brief und die damit verbundene Ungewissheit die gewohnte Alltagsroutine st\u00f6rten. \u201eJetzt will ich\u2019s wissen\u201c, sagte sie beim Ankleiden \u2013 was zieht man f\u00fcr einen Rechtsanwalt an? Schon etwas besser, aber halt seri\u00f6s, das Dunkelblaue mit wei\u00dfen Tupfen hat sie sowieso schon lange nicht mehr getragen. Und 10 Minuten nach 9.00 Uhr l\u00e4utete sie energisch bei Mag. Dr. Strnad &amp; DDr. Vlcek im 9. Bezirk.<\/p>\n<p>\u201eNehmenS\u2019Platz, liebe Frau Sauerzopf, ein Schalerl Kaffee gef\u00e4llig \u2013 oder ein Glas G\u00fcssinger? Ja, ein Momenterl, die Frau Srp wird gleich den Akt bringen\u201c, sagte der dicke kleine Anwalt, ein guter F\u00fcnfziger mit goldumrandeter Brille, \u201edas ist aber freundlich, dass S\u2019so schnell kommen sind. WissenS\u2019, der Fall ist ja schon fast ein Jahr im Laufen. Ja ja, eine Verlassenschaft im Ausland und ohne direkte Erben gibt schon ein paar Probleme, da hei\u00dft\u2019s Geduld haben und nicht nachlassen. War gar nicht so leicht, Sie ausfindig zu machen \u2013 danke, Frau Srp, bitte jetzt eine halbe Stunde keine Anrufe \u2013 ja also, liebe Frau Sauerzopf, Sie werden ja schon neugierig sein, wieso wir Sie gebeten haben zu kommen. Kennen Sie eine Familie Ruggenthaler \u2013 eventuell aus der Verwandtschaft Ihres verstorbenen Gatten?\u201c<\/p>\n<p>Frau Sauerzopf sch\u00fcttelte langsam den Kopf: \u201eNein, k\u00f6nnt ich wirklich nicht sagen \u2013 ich denk eh schon seit gestern nach, aber es fallt mir nix ein. Von meine Leut\u2019 sicher nicht, aber mein Seliger war ein uneheliches Kind \u2013 die Mutter war eine Fabriksarbeiterin aus Teesdorf \u2013 und in der Nachkriegszeit hat man wohl andere Sorgen g\u2019habt als die Ahnenforschung.\u201c Sie hob ratlos die Schultern.<\/p>\n<p>\u201eTun S\u2019Ihnen nicht plagen, liebe Frau Sauerzopf, ich kann ein bisserl nachhelfen \u2013 also der Erblasser, ein gewisser Karl Ruggenthaler, ist in der Schweiz verstorben, voriges Jahr \u2013 er war aber ein geb\u00fcrtiger \u00d6sterreicher, besser gesagt, ein Alt-\u00d6sterreicher \u2013 aus Czernowitz in der damaligen Tschechoslowakei. Aber seine Leut\u2019 sind seinerzeit aus Salzburg nach Czernowitz ausg\u2019wandert \u2013 eine richtige Odyssee, nicht wahr? Ja, und besagter Karl ist im Tessin in der Schweiz Konditor gewesen, offenbar ein t\u00fcchtiger Gesch\u00e4ftsmann, und als Witwer kinderlos verstorben \u2013 auch von seiner Gattin waren keine Angeh\u00f6rigen auffindbar \u2013 also hat man begonnen, die Familie des Erblassers auszuforschen. Kurzum, ein Onkel vom Karl Ruggenthaler, ein gewisser Eugen Navratil aus Pressburg, gewesener Mittelschullehrer, soll der Vater Ihres seligen Gatten gewesen sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWartenS\u2019\u201c, sagte Frau Sauerzopf sinnend, \u201eich glaub, ich erinner mich jetzt, dass mein Anton einmal erz\u00e4hlt hat, dass er als Schulbub auf einem Bauernhof im M\u00e4hrischen auf Erholung war \u2013 er hat ein paar Wort\u2019 Tschechisch k\u00f6nnen \u2013 aber das war ja damals nix Seltenes. Dass ich 40 Jahr\u2019 mit an B\u00f6hm\u2019 verheirat\u2019 war, ohne dass ich\u2019s g\u2019wusst hab.\u201c Sie kicherte vor sich hin.<\/p>\n<p>Dann gab sie sich einen Ruck und fragte den Anwalt: \u201eAber jetzt sagen S\u2019mir doch endlich, warum ich da bin \u2013 wollenS\u2019blo\u00df eine Auskunft oder soll ich was erben?\u201c Obwohl sie mit resoluter Stimme sprach, klang etwas Unsicheres mit \u2013 schlie\u00dflich ist es ja keine Kleinigkeit, nach einem bescheidenen Leben auf einmal mit einer eventuellen Erbschaft aus der reichen Schweiz konfrontiert zu sein.<\/p>\n<p>\u201eSitzen S\u2019gut, liebe Frau Sauerzopf?\u201c, fragte der Advokat l\u00e4chelnd \u201ees ist zwar fast kein Geld da, aber \u2013 wenn die Formalit\u00e4ten abgeschlossen sind, ich brauch noch ein paar Unterlagen und von Ihnen die Papiere des verstorbenen Gatten, Sie werden ja alles aufgehoben haben, nicht wahr, und wenn sich nicht noch ein anderer Erbberechtigter meldet \u2013 ja, also, dann k\u00f6nnten Sie ein Schloss erben!\u201c<\/p>\n<p>Frau Sauerzopf sa\u00df auf einmal stocksteif und kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet: \u201eWas sagen S\u2019da \u2013 ich soll ein Schloss erben \u2013 ich, die Frau von ein\u2019 Hernalser Stra\u00dfenbahner, soll eine Schlossbesitzerin sein?\u201c Sie drehte sich zur Seite und trank das vorhin abgelehnte Glas G\u00fcssinger in einem Zug aus. Ein paar Sekunden sa\u00df sie kopfsch\u00fcttelnd stumm auf ihrem Sessel, schaute bald den geduldig wartenden Anwalt, bald ihre abgearbeiteten H\u00e4nde an, bis sie wieder reden konnte: \u201eJetzt wei\u00df ich nicht recht, was ich sagen soll \u2013 sowas kommt ja sonst nur im Film vor. Erst gestern hab ich einen neuen Vorzimmerteppich kauft \u2013 und morg\u2019n brauchert ich vielleicht schon so neumodische Rollschuh\u2019 f\u00fcr die endlos langen G\u00e4ng\u2019 im Schloss. Also, wenn mein Seliger das noch erlebt h\u00e4tt \u2013 der h\u00e4tt sch\u00f6n g\u2019schaut. Immer wollt er ein H\u00e4userl hab\u2019m am Stadtrand, aber es hat halt nie g\u2019reicht f\u00fcr was Anst\u00e4ndiges \u2013 und Schulden wollt\u2019 \u00a0er nicht machen. Und jetzt ein Schloss \u2013 aber sagn S\u2019mir, Herr Doktor, wo w\u00e4r denn das Schloss \u2013 in der Schweiz? Weil in mein\u2019 Alter m\u00f6chte ich nimmer ins Ausland \u00fcbersiedeln, nein, das haltert ich nimmer aus, so ein alt\u2019s Leut\u2019 ganz allein in der Fremde! Da nutzt mir auch das sch\u00f6nste Schloss nichts!\u201c<\/p>\n<p>Der erfahrene Anwalt hatte taktvoll die Schockminute abgewartet und mit verst\u00e4ndnisvollem Nicken den Ausbruch von Frau Sauerzopf begleitet: \u201eNein, nein, Frau Sauerzopf, da k\u00f6nnen S\u2019beruhigt sein. Das Schloss liegt im s\u00fcdlichen Nieder\u00f6sterreich, also eine knappe Autostunde von Wien weg. Aber eigentlich ist es kein Schloss, sondern eine mittelalterliche Burg, aus dem 13. Jahrhundert \u2013 und f\u00fcr das Alter noch ganz passabel erhalten. Und ein paar Hinweise muss ich Ihnen schon noch geben, weil so unproblematisch ist so eine Erbschaft auch nicht!\u201c Er hob bedeutsam die rechte Hand mit dem abgewetzten Ehering, um seine mahnenden Worte zu unterstreichen: \u201eDa ist immer wieder was zu reparieren und zu investieren, da sind Auflagen vom Denkmalamt und von der Gemeinde, und schlie\u00dflich ist ja auch noch das Finanzamt da \u2013 gelln\u2019S, Frau Sauerzopf, das sind schon rechte Haifisch\u2019, diese Finanzer. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, ich hab Ihnen g\u2019sagt, was voraussichtlich zu erwarten ist \u2013 und jetzt kommt\u2019s zur entscheidenden Frage \u2013 n\u00e4mlich, ob Sie \u00fcberhaupt interessiert sind, das Erbe anzunehmen. Wie gesagt, es ist noch nichts endg\u00fcltig spruchreif und entschieden, aber nach meiner Erfahrung schaut\u2019s nicht mehr so aus, als ob sich noch was zu Ihren Ungunsten \u00e4ndern k\u00f6nnt. Nein, nein, liebe Frau Sauerzopf, Sie brauchen jetzt noch gar nichts sagen. Ich w\u00fcrd Ihnen raten, Sie schlafen ein paarmal dr\u00fcber, und was das Wichtigste ist \u2013 die Frau Srp hat Ihnen da im Kuvert die Adress\u2019 und einen Lageplan hergerichtet, mit einem alten Foto, und wie Sie mit dem Autobus hinkommen. Schaun S\u2019Ihnen die Sache einmal an, sozusagen unverbindlich und ohne dass wer davon wei\u00df. Wenn jemand fragt, k\u00f6nnen S\u2019ja sagen, dass die Burg nach dem 2. Weltkrieg ein Ferienlager war \u2013 das hab ich im Ort von einer alten B\u00e4uerin g\u2019h\u00f6rt \u2013 und dass S\u2019als jung\u2019s M\u00e4del zwei Wochen dort war\u2019n und neugierig sind, wie\u2019s jetzt ausschaut. Da nehmen S\u2019Ihnen meine Karte mit \u2013 bitte immer bei sich tragen, Sie k\u00f6nnen mich jederzeit anrufen, ich hab die B\u00fcronummer auch am Handy. Also auf Wiedersehen, Frau Sauerzopf \u2013 und rufen S\u2019mich in ein paar Tag\u2019 wieder an, wenn Sie einen ersten Eindruck haben! Und vorm Zur\u00fcckfahren sollten S\u2019unbedingt beim Grabner schr\u00e4g vis-\u00e0-vis von der Autobushaltestelle auf einen Kaffee reinschaun\u201c \u2013 der Anwalt hob wieder die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formend, und schnalzte leise mit der Zunge \u201edas ist die beste Konditorei auf 40 Kilometer Umkreis!\u201c<\/p>\n<p>Frau Sauerzopf erhob sich, noch etwas benommen von der Neuigkeit (man kann schlie\u00dflich auch einen Koffer voll Geld mitten auf den Sch\u00e4del bekommen) und von den vielen gutgemeinten Ratschl\u00e4gen des freundlichen Advokaten. Sie lebte ja schon seit Jahren allein und war so viel konzentrierte Aufmerksamkeit nicht mehr gewohnt. \u201eJa, da wei\u00df ich gar nicht, was ich tun soll, Herr Doktor, es ist alles viel auf einmal \u2013 ich werd wirklich ein paar T\u00e4g\u2019 brauchen, bis ich das begreif. Und danke f\u00fcr die freundliche Beratung \u2013 h\u00e4tt nie geglaubt, dass mir einmal ein Rechtsanwalt sympathisch sein k\u00f6nnt\u2018!\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem zweischneidigen Kompliment gab sie dem Advokaten die Hand und wollte schon die Kanzlei verlassen, als ihr noch etwas einfiel: \u201cT\u2019schuldigen S\u2019, Herr Doktor, Sie haben da so eine kurze Bemerkung g\u2019macht, es ist fast kein Geld da \u2013 k\u00f6nnen S\u2019nicht einmal ungef\u00e4hr sagen, was das sein k\u00f6nnt?\u201c<\/p>\n<p>Herr DDr. Vlcek drehte sich \u2013 schon im Ledersessel vor dem Schreibtisch sitzend \u2013 mit Schwung um und sagte, dabei die auf den Lehnen liegende H\u00e4nde nach oben \u00f6ffnend: \u201eDas ist noch nicht zu sagen, liebe Frau Sauerzopf, das Bankguthaben ist nicht hoch \u2013 und es k\u00f6nnen noch immer offene Verbindlichkeiten auftauchen \u2013 ich m\u00f6chte Ihnen da wirklich keine Illusionen machen \u2013 w\u00e4r momentan unseri\u00f6s. Und die Gerichtsspesen und Schweizer Anwaltskosten sind auch noch nicht abgerechnet \u2013 ja, also rechnen S\u2019lieber mit sehr wenig bis gar nichts \u2013 da k\u00f6nnen S\u2019nur angenehm entt\u00e4uscht werden.\u201c<\/p>\n<p>Das Telefon l\u00e4utete, und w\u00e4hrend Herr DDr. Vlcek abhob, wurde Frau Sauerzopf von der Sekret\u00e4rin, Frau Srp, hinausgeleitet. Ein guter Vorzimmerdrache hat Augen und Ohren \u00fcberall und tut selbst\u00e4ndig und unauff\u00e4llig seine Pflicht.<\/p>\n<p>So war das nun \u2013 Frau Sauerzopf trat aus dem d\u00fcsteren Treppenhaus in den sonnig-warmen Vormittag und blieb blinzelnd und ratlos auf dem Gehsteig stehen. Nach so einem Ereignis kann man nicht einfach nach Hause gehen und Fensterputzen oder Staubsaugen, als ob nichts geschehen w\u00e4re! Nein, dieser Tag war ein besonderer und sollte auch so durchlebt werden. Sie beschloss also \u2013 es war so angenehm im Freien \u2013 mit dem D-Wagen weiterzufahren bis Nussdorf und sich dort den seit dem Tod des Gatten nicht mehr gemachten Spaziergang zu g\u00f6nnen: vom Nussdorfer Platzl in die Hackhofergasse, an den Spitzbuben und dem nunmehr geschlossenen Heurigen Stift Schotten vorbei \u2013 ewig schade, dieser weitr\u00e4umige Garten mit den gro\u00dfen B\u00e4umen, und den besten Krautstrudel von ganz Wien gab es dort \u2013 links hinauf in die Nussberggasse und deren Verl\u00e4ngerung, den Dennweg, weiter bis zur Kahlenbergerstra\u00dfe. Dort war das dem Heiligen Severin geweihte Wegkreuz die nat\u00fcrliche Wende, um nunmehr gen\u00fcsslich langsam mit dem sch\u00f6nen Ausblick auf Wien und die Donau bergab zu schlendern, im Mai ein paar Stammerln Flieder von einem Gartenzaun oder im Juni vor dem Schweizerh\u00e4usl \u2013 einer alpenl\u00e4ndisch gebauten Villa am Weg \u2013 eine der fantastisch duftenden wei\u00dfrosa Rosen zu stibitzen und ein gutes Wort zu reden, fernab von der h\u00e4uslichen Enge, ohne Druck und Hast. An die 20 Jahre lang war das der w\u00f6chentliche Lieblingsspaziergang ihres seligen Anton gewesen \u2013 und mit ihm wollte sie nun stille Zwiesprache halten \u2013 genau das wollte sie jetzt tun, dort war sie ungest\u00f6rt. Es gibt f\u00fcr jeden Menschen wenigstens einen Platz, wo die Seele Raum zum Atmen hat, wo man Sorgen und Beruf und planendes Denken ablegt, wo man ganz einfach Mensch sein will und darf, wo man Herzbewegendes sagen und Gef\u00fchle empfangen kann wie sonst nirgendwo. F\u00fcr sie war das am Nussberg in Wien. So fuhr Frau Sauerzopf im D-Wagen gem\u00e4chlich an der Glasfassade der Wirtschafts-Uni in der Augasse vorbei, die Heiligenst\u00e4dter Stra\u00dfe stadtausw\u00e4rts \u2013 beim Karl-Marx-Hof gedachte sie seufzend der Steffi, einer jung verstorbenen Schulfreundin, die zuletzt dort gewohnt hatte \u2013 und schlie\u00dflich stieg sie am Nussdorfer Platz aus. Es war alles wie gewohnt, als ob die Zeit stillgestanden sei, nur, dass ihr geliebter Mann nicht mehr an ihrer Seite war. \u201eToni, was sagst \u2013 jetzt w\u00e4r\u2019n wir auf einmal Schlossbesitzer \u2013 so was Verruckt\u2019s \u2013 jahrzehntelang h\u00e4tt\u2019st so gern ein Schrebergartenh\u00e4userl g\u2019habt \u2013 grad ein paar Obstb\u00e4um\u2019 und Rosenst\u00f6ck\u2019 und ein Fleckerl Wies\u2019n f\u00fcr einen Sitzplatz zum Jausenkaffee oder zum Grillen am Abend \u2013 nicht und nicht hat\u2019s g\u2019reicht zu so was \u2013 und jetzt das!\u201c<\/p>\n<p>Ja, wie redet man mit einem verstorbenen lieben Menschen \u2013 Frau Sauerzopf hatte eine Mischung aus abwechselndem Denken und Murmeln entwickelt, was nicht sonderlich auffiel, wenn niemand in unmittelbarer N\u00e4he war. Sie bog um die mit abbr\u00f6ckelndem Putz und Efeu bedeckte Ziegelmauer des ehemaligen Schotten-Heurigen \u2013 \u201eZwettler Hof, erbaut 1730\u201c stand auf einer Tafel neben dem Tor \u2013 in die Nussberggasse hinauf, welche tats\u00e4chlich eine schmale Allee von Nussb\u00e4umen war. Im September hatte sie mit ihrem Anton gerne ein paar abgefallene N\u00fcsse zusammengeklaubt, um diesen wohlfeilen Schatz, ausgel\u00f6st und kleingehackt, in den n\u00e4chsten handgezogenen Apfelstrudel zu mischen \u2013 ihr Strudel war im Freundeskreis ber\u00fchmt und begehrt. Auch das kam ihr jetzt in den Sinn, als sie nach ein paar entgegenkommenden Passanten wieder in ihrem einsamen Zwiegespr\u00e4ch fortfuhr: \u201eIst ja kaum noch wer da, f\u00fcr den ich was bachen k\u00f6nnt \u2013 die Charwats sind schon im Altersheim, die Frau G\u00f6d vom 3. Stock ham s\u2019vor vier Wochen eingrab\u2019n, und unser Bua kommt h\u00f6chstens alle zwei Jahr einmal auf Besuch \u2013 meiner Seel, ich verlern ja noch \u2019s Kochen und \u2019s Reden. Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s schon, stell dir vor, ich k\u00f6nnt in der Fr\u00fch in ein\u2019 gro\u00dfen Himmelbett aufwachen, die Sonn\u2019 scheint ins Schlafzimmer, was so gro\u00df ist wie mei\u2019 ganze Wohnung, und dann t\u00e4t ich durch die Verandat\u00fcr auf die Terrasse mit den Oleanderk\u00fcbeln gehn und in Schlosspark rausschaun, wo alles so frisch und gr\u00fcn ist und nach Blumen und Gras riecht. Und dann kommt die Wirtschafterin und fragt mich, ob ich drau\u00dfen fr\u00fchst\u00fccken will, wo die Vogerl singen und wo kein Autol\u00e4rm und kein Auspuffg\u2019stank is! Da m\u00fcsst ich mir halt so einen sch\u00f6nen w\u00e4rmeren Schlafrock kaufen aus dem ganz dicken Frottee \u2013 aber nein, Frottee ist ein Armeleut\u2019stoff, es g\u2019h\u00f6rert einer aus g\u2019f\u00fctterter Seide, so ein lichter mit gro\u00dfe Blumen drauf!\u201c<\/p>\n<p>Frau Sauerzopf verlor sich in schw\u00e4rmerischen Gedanken und spann diese behagliche Vision mit Genuss weiter, bis ihr wieder etwas dem Toni Mitteilenswertes einfiel: \u201eJa freilich, da m\u00fcsst\u2019n auch ein paar Zimmern herg\u2019richt werdn f\u00fcr unsern Buam und seine ganze Familie \u2013 da t\u00e4ten s\u2019gern alle Jahr drei Wochen auf Urlaub kommen \u2013 das w\u00e4r eine Freud und ein Leben in den alten Mauern, und die Zwilling\u2019 k\u00f6nnten die ganzen Ferien bei mir bleiben und Ritter spiel\u2019n und auf d\u2019Nacht im Kamin ein Feuer machen, da lernetens\u2019wenigstens wieder ein g\u2019scheit\u2018s Deutsch und w\u00fcrden von ihren Schulkameraden beneidet. Allein w\u00e4r ich da bestimmt nimmer so viel, da h\u00e4tt ich Besuch, so oft ich wollt\u2019 \u2013 aber da brauchert ich nat\u00fcrlich wen, der die ganze Arbeit macht \u2013 was hat der DDr. Vlcek g\u2019sagt, ich soll mit kein\u2019 Geld rechnen \u2013 ja wie soll man denn ein Schloss \u2013 oder in Gott\u2019s Nam\u2019 eine mittelalterliche Burg erhalten ohne Geld \u2013 mit meiner Rent\u2019n komm ich zwar selber ganz gut aus, was brauch ich denn schon, aber f\u00fcr eine Burg brauchert ich ja mindestens zehnmal so viel, oder?\u201c Frau Sauerzopfs vordem euphorische Stimmung fiel zusammen wie ein Germteig im kalten Zug \u2013 und zunehmend kamen ihr h\u00f6chst beunruhigende Gedanken: \u201eJa, und \u00fcberhaupt, wer t\u00e4t\u2019 sich denn um alles k\u00fcmmern \u2013 ich bin schon fast siebz\u2019g, und so ein Schloss ist doch riesengro\u00df \u2013 da m\u00fcsst ich ja eine Hausbesorgerin und eine Putzfrau f\u00fcrs Grobe und noch eine Wirtschafterin anstell\u2019n, und die Hausverwaltung mit die Reparaturen und die Beh\u00f6rden \u2013 wer machert das nachher? Ich kann doch net alles selber machen \u2013 und au\u00dferdem \u2013 bin ich deppert, dass ich mir so ein\u2019 Binkel Arbeit und Sorgen antu in mein\u2019 Alter \u2013 da leb ich ja in Hernals in meiner Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung viel besser! Toni, was soll ich da machen, ich wei\u00df mir nimmer ein und aus? Was hast immer g\u2019sagt, wenn ich nerv\u00f6s war \u2013 ich soll erst einmal bis zehne z\u00e4hl\u2019n und dann nachdenken, was hintereinander g\u2019macht g\u2019h\u00f6rt \u2013 die \u00dcbersicht ist das Wichtigste, die Arbeit rennt dann ganz allein. Also gut, eins, zwei, drei, &#8230;. achte, neune, zehne \u2013 so, also was ist es Wichtigste \u2013 Toni, nat\u00fcrlich, vor lauter Luftschl\u00f6sser bau\u2019n\u201c, hier musste Frau Sauerzopf nun wirklich lachen, \u201ees ist ja gar kein Luftschloss \u2013 die Burg steht ja schon seit ein paar hundert Jahr\u2019, hat der DDr. Vlcek g\u2019sagt \u2013 also jetzt hab ich\u2019s wieder \u2013 ich hab ja noch gar nicht ins Kuvert g\u2019schaut \u2013 da ist eh gleich ein Bankerl \u2013 vis-\u00e0-vis vom Friedhof, das passt grad \u2013 jetzt schau ich mir\u2019s einmal an, mein Luftschloss, hihi!\u201c<\/p>\n<p>Und genau das tat sie auch \u2013 kramte aus der Handtasche das alte Foto heraus, welches Frau Srp vorsorglich hergerichtet hatte: \u201eJ\u00f6, ist das was Romantisches \u2013 wie im Film, so eine sch\u00f6ne Burg mitten im Wald auf an klein Kuvert Mugl, mit einer Schlosskapell\u2019n und einer Fahne drauf \u2013 ich werd narrisch \u2013 so was gibt\u2019s doch net. Toni, das muss ich mir anschaun \u2013 wo ist denn das Blatt\u2019l mit\u2019n Autobusfahrplan \u2013 wart, da brauch ich die Aug\u2019ngl\u00e4ser, das ist so klein\u2019druckt \u2013 also, wo sind die Abfahrtszeiten \u2013 da hammas \u2013 was ist denn heut \u2013 <strong>Donnerstag<\/strong> \u2013 aha, Montag bis Freitag um 7:30, 10, 12:30 und 17 Uhr \u2013 wie sp\u00e4t ist\u2019s denn eigentlich \u2013 elfe, da k\u00f6nnt ich noch zum Mittagsbus z\u2019rechtkommen, aber wann geht der z\u2019ruck, und wie lang fahr ich denn da \u2013 aha, Ankunft 14:20 \u2013 und der n\u00e4chste nach Wien geht um 16:30 \u2013 nein, nein, das wurd\u2019 eine Hudlerei, das mag ich net. F\u00fcr so was Wichtiges muss Zeit sein, da g\u2019h\u00f6rt es sich vorbereitet und anst\u00e4ndig anzog\u2019n, Schirm hab ich auch kein\u2019 mit \u2013 und \u00fcberhaupt, mei\u2019 selige Mutter hat immer g\u2019sagt, fr\u00fcher derwart\u2019 man sich was als dass man sich\u2019s derrennt. Hihi, ein Schloss h\u00e4tt ich mir mein Lebtag nie derrennt \u2013 aber derwart\u2019 hab ich eins! Also, Toni, morg\u2019n geh ich\u2019s an, da schau ich mir\u2019s an, unser Schloss! Muss ich halt z\u2019Mittag wo essen gehn, das muss drin sein, hoffentlich halt es Wetter, g\u2019sagt haben\u2019s es im Fernsehen.\u201c<\/p>\n<p>Mit den letzten Worten erhob sich Frau Sauerzopf \u2013 und obwohl der Zweck erreicht war \u2013 sie hatte mit ihrem Anton gesprochen und wieder einen klaren Kopf \u2013 lenkte sie automatisch ihre Schritte weiter bergan in den Dennweg, wo sie tr\u00e4umerisch links die H\u00e4user \u2013 aha, da war auf dem jahrelang verwilderten Grundst\u00fcck gerade ein Rohbau hingestellt worden, aber viel zu gro\u00df f\u00fcr das schneuzt\u00fcchelkleine Grundst\u00fcck, d\u00fcnkte es ihr \u2013 und rechts die Weing\u00e4rten betrachtete, bis sie oben an der Kahlenbergerstra\u00dfe war und wie gewohnt das Severin-Marterl umrundete zum Abstieg.<\/p>\n<p style=\"margin-top: 0cm; text-align: right; vertical-align: baseline;\" align=\"right\">Robert M\u00fcller<br \/>\nRomanauszug aus &#8222;Adele Sauerzopf erbt ein Schloss&#8220; &#8211; in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 20064<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Sauerzopf, eine ehrbare Stra\u00dfenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-K\u00fcche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal w\u00f6chentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Caf\u00e9 und hatte sonst keine gro\u00dfen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[74],"tags":[26],"class_list":["post-11214","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mueller-robert","tag-auszugsweise"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11214"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11296,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11214\/revisions\/11296"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}