{"id":1115,"date":"2014-03-24T16:11:35","date_gmt":"2014-03-24T16:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1115"},"modified":"2014-03-25T16:12:48","modified_gmt":"2014-03-25T16:12:48","slug":"welt-am-draht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1115","title":{"rendered":"Welt am Draht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1115&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1115&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In die Stra\u00dfenbahn t\u00f6lpelt ein Sch\u00fcler mit geschultertem Ranzen, fl\u00e4zt sich auf einen gerade frei gewordenen Sitzplatz und fuchtelt das elektronische <strong>Brett<\/strong> aus seiner Hosentasche. Eine Sch\u00fclerin tapst klumpf\u00fc\u00dfig mit ihrem <strong>Brett<\/strong> als tr\u00fcge sie Lehm an den Schuhen. Ein Kind spielt auf dem <strong>Brett<\/strong> ein Spiel, das Figuren an Hindernissen vorbeihampeln l\u00e4sst, was wiederkehrende Effektger\u00e4usche erzeugt. Ein Handwerker im verklecksten Blaumann steigt zu und zupft das <strong>Brett<\/strong> mit links aus der Oberschenkeltasche. Eine Frau greift zum <strong>Brett,<\/strong> als die Kreuzritter-Fanfare geschmettert wird. Ein Mann schaut fasziniert auf das <strong>Brett<\/strong>. Ein anderer betrachtet das <strong>Brett<\/strong> irritiert und sch\u00fcttelt den Kopf. Eine junge Frau schiebt mit einer Hand einen Kinderwagen, mit der anderen versenkt sie sich in die Widerspiegelungen des <strong>Bretts<\/strong>. Der Stra\u00dfenbahnfahrer greift w\u00e4hrend eines Halts an der Kreuzung zum <strong>Brett<\/strong>. Ein Jugendlicher steigt ein und beugt seinen Kopf \u00fcber das <strong>Brett<\/strong>. Ein Mann im Anzug greift nach dem <strong>Brett<\/strong>. Aufgebracht nestelt eine Frau in ihrer Handtasche nach dem <strong>Brett<\/strong>. Ein M\u00e4dchen erkl\u00e4rt dem <strong>Brett<\/strong>, es m\u00fcsse jetzt Schluss machen, der Akku. Ein Knabe zeigt einem anderen Knaben, was er auf dem <strong>Brett<\/strong> sieht. Der andere wendet sich ab und schmollt \u00fcber seinem <strong>Brett<\/strong>. Ein Halbstarker mit nahezu heruntergelassenen Hosen l\u00e4sst beflissen den Daumen \u00fcber das <strong>Brett<\/strong> wischen. Zwei Menschen sitzen einander gegen\u00fcber, jeder von ihnen starrt auf das <strong>Brett<\/strong>. Es steigt jemand aus, das <strong>Brett<\/strong> vor sich herhaltend wie eine gezogene Stichwaffe und rempelt gegen einen Gleichaltrigen, der zwar auf sein <strong>Brett<\/strong> achtet, nicht jedoch auf seine Umgebung. Es steigt jemand ein und gleich greift er nach dem <strong>Brett<\/strong>. Einer fingert das <strong>Brett<\/strong> angestrengt in ein starres Etui, dann holt er es daraus gleich wieder hervor. Eine Frau l\u00e4sst das <strong>Brett<\/strong> fallen. Es poltert wie ein Brocken aus Guss. Ein Mann h\u00e4lt das <strong>Brett<\/strong> ans Ohr. Zwei Koreanerinnen stecken die K\u00f6pfe \u00fcber einem <strong>Brett<\/strong> zusammen und gicksen; sie f\u00fchren noch andere Exemplare mit sich. Eine Frau mit hochquellender Frisur spricht mit dem <strong>Brett<\/strong> \u00fcber die Praktikabilit\u00e4t von Botox-Injektionen an K\u00f6rperstellen, die man daf\u00fcr gar nicht vorgesehen glaubt. Einer der zusteigt, gibt sich traumh\u00e4uptig wie ein Schlafkranker, er entspannt sich erst, als er nach dem <strong>Brett<\/strong> greift. Wieder steigen Sch\u00fcler ein. Ein jeder und eine jede hat ein <strong>Brett<\/strong> dabei. Manch einer scheint damit wie verwachsen. Ein hagerer Mann steigt aus. Drau\u00dfen holt er das <strong>Brett<\/strong> aus der Innentasche seines Staubmantels hervor. An der Haltestelle h\u00e4lt einer gebannt das <strong>Brett<\/strong> fixiert, sodass er das Eintreffen der Stra\u00dfenbahn gar nicht bemerkt. Der eine liest auf dem <strong>Brett<\/strong> die Uhrzeit ab, der andere die Wettervorhersage in Luzern. Ein Sch\u00fcler schie\u00dft Fotos mit dem <strong>Brett<\/strong>, der n\u00e4chste filmt, was drau\u00dfen an allen vor\u00fcberzieht. Jemand versucht sein Gegen\u00fcber in ein Gespr\u00e4ch zu verwickeln, dieses aber greift nach dem <strong>Brett<\/strong>. Wieder ein anderer himmelt ganz offensichtlich das <strong>Brett<\/strong> an, nicht aber seine Begleitung. Die tippt ihre Entt\u00e4uschung dar\u00fcber in das <strong>Brett<\/strong>. Ein Mann scheint auf dem <strong>Brett<\/strong> etwas zu suchen, ein anderer scheint es gefunden und grinst, als w\u00fcsste er nun \u00fcber einiges Bescheid. Ein Mittzwanziger z\u00fcckt das <strong>Brett<\/strong> und zuckt, als er beim Aufstehen gegen Halteschlaufen st\u00f6\u00dft. Ein bulliger Kerl h\u00e4lt das <strong>Brett<\/strong> fest umschlossen wie einen Faustkeil. Eine Dame runzelt erst ihre Stirn angesichts des <strong>Bretts<\/strong>, dann heben sich ihre Augenbrauen und der Ausdruck von Erleichterung entspannt ihre Z\u00fcge. Ein Mann klappt seinen Aktenkoffer auf und klaubt zwischen Mappen nach dem <strong>Brett<\/strong>. Dann betrachtet er es wie ein Juwel. Eine Betagte vertieft sich in die Anzeige des <strong>Bretts<\/strong> wie in ein Brevier. Ein junger Mann befingert unabl\u00e4ssig das <strong>Brett<\/strong>, ohne es dabei anzusehen. Eine junge Frau ist mit dem <strong>Brett<\/strong> verdrahtet und wiegt ihren Kopf im Rhythmus einer dumpf wummernden Musik. Ein <strong>Brett<\/strong> f\u00e4ngt zu bellen an und jemand wei\u00df, dass ein Freund versucht, ihn zu kontaktieren. Das j\u00e4he, gackernde Ger\u00e4usch eines <strong>Bretts<\/strong> verr\u00e4t den Eingang einer E-Mail oder das <em>Posting<\/em> eines Kurznachrichtendienstes, den Erhalt eines Tweets oder wei\u00df der Geier. Aus einem <strong>Brett<\/strong> f\u00e4ngt in t\u00fcrkischem Herz-Schmerz-Pathos ein Liebeslied-Intro zu jaulen an, das mit einem Wort im Befehlston abgew\u00fcrgt wird. Eine Frau mit Kopftuch und Rocks\u00e4umen, die beim Gehen den Boden fegen, dr\u00fcckt versonnen auf ihr <strong>Brett<\/strong>. Ein Schwarzer spricht in das <strong>Brett<\/strong> in einer Sprache, die Englisch sein k\u00f6nnte. In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone stelzt ein Polizist vorbei, der sich seines <strong>Bretts<\/strong> in der Brusttasche kurz versichert, ehe er es wieder zur\u00fccksteckt. Ein Kleinkind an der Hand eines Vaters versucht, dessen Aufmerksamkeit f\u00fcr die Auslage eines Spielzeuggesch\u00e4fts zu gewinnen, der jedoch widmet seine ganze Konzentration der verzweifelten Inbetriebsetzung des <strong>Bretts<\/strong>. Ein Eilender mit bemerkenswert kurzen Beinen h\u00e4lt das <strong>Brett<\/strong> zwischen rechter Wange und Schulter geklemmt, w\u00e4hrend er links und rechts Henkeltaschen schleppt. Ein Radfahrer mit flatternder Jacke slalomiert freih\u00e4ndig zwischen den Fu\u00dfg\u00e4ngern und guckt immer wieder auf das <strong>Brett<\/strong>. Eine Halsbrecher-Nummer f\u00fcr die Artistenmanege b\u00f6te sich an: <em>Salto mortale mit gleichzeitiger Smartphone-Bedienung<\/em>. Eine Sch\u00fclerin spricht in das <strong>Brett<\/strong> und wehrt ihre Mutter ab, die sich Schulnoten zu erfragen bem\u00fcht. Eine Sch\u00fclerin spricht in das <strong>Brett<\/strong> mit einer Schulkollegin, die unmittelbar neben ihr zu sitzen scheint. Es stellt sich aber heraus, dass sich die Angerufene am anderen Ende der Stra\u00dfenbahn niedergelassen hat. Jetzt k\u00e4mpft sie sich mit dem <strong>Brett<\/strong> am Ohr und Boxerfaust zu ihren Freundinnen durch. Eine Frau motzt ein energisches NEIN in das <strong>Brett<\/strong>. Ein Mann nimmt das <strong>Brett<\/strong> und sagt JA. Einer h\u00e4lt das <strong>Brett<\/strong> wie eine Fernbedienung und zappt. Jemand schaut sich auf dem <strong>Brett<\/strong> einen Film an. Oder es sind Fernsehnachrichten. Oder ein YouTube-Video. Oder eine Botschaft der <em>Klingonen<\/em>. Ein Sonderling sitzt nur so da. Der hat kein <strong>Brett<\/strong> dabei, er schn\u00e4uzt sich lediglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Hatmanstorfer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 14034<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In die Stra\u00dfenbahn t\u00f6lpelt ein Sch\u00fcler mit geschultertem Ranzen, fl\u00e4zt sich auf einen gerade frei gewordenen Sitzplatz und fuchtelt das elektronische Brett aus seiner Hosentasche. Eine Sch\u00fclerin tapst klumpf\u00fc\u00dfig mit ihrem Brett als tr\u00fcge sie Lehm an den Schuhen. 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