{"id":1113,"date":"2014-03-24T16:03:07","date_gmt":"2014-03-24T16:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1113"},"modified":"2014-03-25T09:07:01","modified_gmt":"2014-03-25T09:07:01","slug":"und-stefan-stieg-in-den-bus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1113","title":{"rendered":"Und Stefan stieg in den Bus"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1113&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1113&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Und Stefan steigt in den Bus.<br \/>\nEndlich entspannen!<br \/>\nDie t\u00e4gliche Fahrt von seiner Firma nach Hause ist f\u00fcr ihn wie ein Ritual.<br \/>\nWie eine Meditation. \u00dcber eine Stunde hat er Zeit, der Realit\u00e4t zu entfliehen.<br \/>\nDieser Welt mit diesem st\u00e4ndig unter Strom stehenden Chef.<br \/>\nUnd diesen stupiden Arbeitskollegen mit ihren oberfl\u00e4chlichen Witzen.<br \/>\nEr lacht nur mit, weil er nicht als totaler Au\u00dfenseiter gelten will.<br \/>\nStefan zeigt seine Jahreskarte und bewegt sich in Richtung hinteren Teil des Busses, so wie jeden Tag.<br \/>\nEr hasst diese Blicke. Aber er liebt es, andere die einsteigen auch genau zu mustern.<br \/>\nImmer die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen:<br \/>\nDer Typ um die vierzig mit den schicken Klamotten. Der muss irgendwas Besseres sein.<br \/>\nDieser Halbstarke mit seinem Piercing sitzt auch immer am selben Platz.<br \/>\nStefan zieht seinen Bauch ein, als er bei der h\u00fcbschen Blondine vorbeigeht. Wieder sieht sie nicht mal her.<br \/>\nDie alte Oma mit den zwei Taschen f\u00e4hrt nur einmal die Woche, immer dienstags, sicher zu ihren Enkeln.<br \/>\nNat\u00fcrlich setzt er sich rechts ins hintere Drittel, das ist der beste Platz im Bus.<br \/>\nErstens setzen sich nachkommende Sch\u00fcler immer ganz hinten hin, zweitens blendet die Sonne von links, und drittens sieht man, wer hinten so alles wieder aussteigt.<br \/>\nJa, das ist definitiv der beste Platz!<br \/>\nStefan setzt sich entspannt und gl\u00fccklich, als ob es sein Wohnzimmersessel w\u00e4r.<br \/>\nDas ist fast schon ein Teil seines Lebens. Rechts hinten im Bus. Das hat was!<br \/>\nEr nimmt sein Buch heraus und beginnt zu lesen.<br \/>\nDie ersten zwei Haltestationen nimmt er nicht mal wahr, so vertieft ist er in seinen Roman.<br \/>\nInzwischen wechseln die wenigen Fahrg\u00e4ste, so wie \u00fcblich. Der Takt des Lebens. Blinker, Bremsen, T\u00fcr auf PFFFT.<br \/>\nStefan nimmt das gar nicht mehr richtig wahr. Aber diese vertrauten Kl\u00e4nge tragen zu seiner Entspannung bei.<br \/>\nUnd dann passiert das, was ihm immer Unbehagen bereitet. Was ihn immer kurzzeitig aus seiner Konzentration rei\u00dft.<br \/>\nEs setzt sich jemand vor ihn. Und dann auch noch ein Kind.<br \/>\nStefan zuckt kurz mit dem Kopf nach links, ohne hochzuschauen. Eine Art <i>Nein, muss das sein, das ist mein Bereich!<br \/>\n<\/i>Er bl\u00e4ttert um. Weiter gefesselt von dem Buch.<br \/>\nDer Junge um die zehn Jahre dreht sich pl\u00f6tzlich um, kniet sich auf seinen Sitz und sieht ihn an.<br \/>\nStefan schwenkt mit den Augen kurz nach oben, ohne den Kopf zu heben und liest irritiert gleich weiter.<br \/>\nEinfach nicht beachten.<br \/>\nDer Junge schiebt sich einen Kaugummi in den Mund und beginnt laut zu schmatzen, die Augen weiter auf ihn gerichtet.<br \/>\nStefan wird nerv\u00f6s. Er tut nur so als ob er liest, denn nat\u00fcrlich kann er sich nicht mehr konzentrieren.<br \/>\nUnd es kommt so wie es kommen muss, der kleine Mann formt mit seinem Kaugummi eine gro\u00dfe Blase \u2013 BFLOBB.<br \/>\nWenn er nicht grundlegend sch\u00fcchtern w\u00e4re, w\u00fcrde Stefan ihn anreden, aber ignorieren ist besser, irgendwann muss er sich doch wieder hinsetzen.<br \/>\nStefan sp\u00fcrt, wie er verkrampft. Dieser Tag ist anders!<br \/>\nDer Bus bleibt stehen und tats\u00e4chlich, der dumme Bengel steigt wortlos aus.<br \/>\nEin leises, siegreiches JA kommt \u00fcber seine Lippen.<br \/>\nStefan sp\u00fcrt, wie er wieder entspannt in den Sitz zur\u00fccksinkt.<br \/>\nDoch seine Augen treffen zwangsl\u00e4ufig auf den gerade eingestiegenen dicken Typen mit der Lederjacke, der nach hinten trottet.<br \/>\nLos, setzt dich doch, ist alles frei. Wieso geht der so weit nach hinten?<br \/>\nBei seinen Schritten sp\u00fcrt Stefan, wie sich der Boden bewegt. Er mag keine dicken Menschen.<br \/>\nSport hat er nie wirklich gemacht, es m\u00fcssen seine Gene sein oder seine Schilddr\u00fcse, warum er immer so d\u00fcnn war.<br \/>\nWieso, verdammt, setzt der sich nicht einfach irgendwo da vorne hin?<br \/>\nKlar, nat\u00fcrlich setzt er sich genau hinter Stefan.<br \/>\nEr zieht die Mundwinkel nach unten und runzelt die Stirn. So ein Schei\u00dftag!<br \/>\nNa wenigstens hat er sein Buch. Wieder versetzt ihn seine Phantasie in eine andere Welt, als er pl\u00f6tzlich von lautem Gehuste aufgeschreckt wird.<br \/>\nDas darf doch nicht wahr sein, der fette Typ hinter ihm hustet herum, verbreitet seine Bazillen und h\u00e4lt sich vermutlich nicht mal die Hand vor den Mund.<br \/>\nStefan \u00fcberlegt kurz, den Sitz zu wechseln, aber das w\u00e4r einfach zu auff\u00e4llig.<br \/>\nDiese verdammte Sch\u00fcchternheit! Er hat das nie verstanden, wie andere Menschen das so locker nehmen k\u00f6nnen, einfach so aufzustehen.<br \/>\nDer dicke Mann mit der Lederjacke hustet weiter und beginnt, sich auch noch zu schn\u00e4uzen.<br \/>\nStefan klappt frustriert das Buch zu. So macht das einfach keinen Sinn.<br \/>\nZum ersten Mal blickt er aus dem Fenster&#8230; und&#8230; und ein Schock durchf\u00e4hrt ihn.<br \/>\nWas ist das f\u00fcr eine Gegend? Hier war er ja noch nie!<br \/>\nEr ist in einer Zehntel Sekunde hell wach.<br \/>\nSein Gesicht zieht sich nach unten und G\u00e4nsehaut \u00fcberzieht seinen ganzen K\u00f6rper.<br \/>\nStefans Puls rast hoch und hundert Fragen schie\u00dfen ihm durch den Kopf.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich schreit der Busfahrer laut nach hinten: &#8222;Endstation&#8220;<br \/>\nRobert h\u00f6rt auf zu lesen, klappt sein Buch zu und steigt aus dem Bus.<br \/>\nEr freut sich schon, morgen weiter zu lesen.<br \/>\nDer arme Stefan, wo ist er blo\u00df gelandet?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Habibi777<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=432\">Vorhang auf f\u00fcr den Nachwuchs<\/a> | Inventarnummer: 14033<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und Stefan steigt in den Bus. Endlich entspannen! Die t\u00e4gliche Fahrt von seiner Firma nach Hause ist f\u00fcr ihn wie ein Ritual. 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