{"id":11082,"date":"2020-04-05T14:04:45","date_gmt":"2020-04-05T14:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11082"},"modified":"2021-09-29T09:12:55","modified_gmt":"2021-09-29T09:12:55","slug":"vom-genuss-der-kleinen-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11082","title":{"rendered":"Vom Genuss der kleinen Dinge"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11082&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11082&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Aus der Druckerei kommen stampfende, schlingernde Ger\u00e4usche. Die T\u00fcre steht einen Spalt offen. Ein Plotter wirft gro\u00dfformatige gl\u00e4nzende Plakatb\u00f6gen aus. Eingangs befindet sich eine rostige alte Schranke, sie sperrt den Weg in die Hofeinfahrt, doch diese Barriere ist h\u00f6chstens symbolischer Natur, denn sie ist lediglich angelehnt. Es ist ein unscheinbares Anwesen, mit unansehnlichen niedrigen Hofgeb\u00e4uden, wovon einige Mansarden schm\u00fccken, Relikte aus besseren Tagen. In der Luft liegt die s\u00fc\u00dfe Frische von Vorfr\u00fchling, doch die Botschaft ist tr\u00fcgerisch, es ist doch erst Ende Januar. Schr\u00e4nkung!, hatte Herr Friedrich notiert: Alles nur eine Frage der Schr\u00e4nkung! <em>Zur Kurz-Info an mich selbst: ab sofort keine Softdrinks in der Betriebskantine.<\/em><\/p>\n<p>Irene M\u00fcller hatte diese Notiz ihres Chefs aufgest\u00f6bert, zwischen den Bl\u00e4ttern. Sie fand das gut. Gerade trat sie aus der Druckerei mit einem Stapel frischer B\u00f6gen im Arm. Irene lebte schon seit geraumer Zeit, seit einigen Jahren, in einem eigent\u00fcmlichen Zustand von begnadeter Bitterkeit, den sie als ihr pers\u00f6nliches Streben nach Reinheit und Perfektion zu bezeichnen pflegte. Sie durchlebte ein befl\u00fcgelndes Gef\u00fchl der s\u00fc\u00dfen Entsagung: W\u00e4sser statt Limonaden. Roggen, Dinkel und Gerstenschrot in selbstgebackenen steinharten Laiben. Allenfalls aromatische Wohlf\u00fchl-Tees. Danach strebte Irene M\u00fcller, das war ihre Vorstellung von der Vollkommenheit, nur dass sie davon noch weit entfernt war, denn eigentlich \u2026 versp\u00fcrte sie gerade im Moment ein heftiges Begehren.<\/p>\n<p>Um es sich anschlie\u00dfend gleich wieder zu versagen: Irene tr\u00e4umt von einem gro\u00dfen saftigen Kebab. Heute Abend. Vor ihrem inneren Auge erblickt sie die Imbissbude an der Ecke, sie leuchtet in der D\u00e4mmerung. Der Verk\u00e4ufer ist ein gro\u00dfer starker Mann, mit einer kleinen wei\u00dfen, etwas infantil wirkenden M\u00fctze auf dem Kopf. Er nimmt sein Fleischmesser und zieht es \u00fcber den Schleifstock, die Klinge schwingt und zurrt unter jedem Streich. Die Schneide singt wie eine gespannte Saite, sie bebt, so wie Irene, die, ihre Schritte \u00fcber das l\u00f6chrige Pflaster im Hof der Druckerei lenkend, auf einem Luftkissen aus Vorfreude schwebt. Halb die Augen geschlossen, l\u00e4sst sie die Bilder an sich vorbeiziehen: Endlich ist der Moment gekommen! Der Meister tritt an den hei\u00dfen, dampfenden Kegel heran, das Messer gleitet in die Tiefe, teilt die Massen von Fleisch und l\u00f6st feine Scheibchen ab, innen noch rosa und au\u00dfen herrlich kross. Hauchzart, in Blattst\u00e4rke, gekr\u00e4uselt wie die Ringellocken, kullern sie in die Tiefe, wo der beherzte Fleisches Schnitter sie virtuos auf einer flachen Schaufel auff\u00e4ngt zwischen Wogen aus Dampf. W\u00e4hrend des Meisters Gehilfe, ein schlanker Bursche mit dunklen feurigen Augen, mit sanften langen Wimpern, das warme Wei\u00dfbrot zerschneidet, mit frischen Zwiebeln bedeckt, aus Tomaten und in Streifen zerteilten gr\u00fcnen Paprika, ein Bett bereitet f\u00fcr das weiche dampfende Fleisch &#8230;<\/p>\n<p>Irene M\u00fcller sch\u00fcttelt den Kopf. Zur Kurz-Info, sagt sie harsch, an mich selbst! Schluss, ein f\u00fcr alle Mal, mit diesem ganzen Fast-Food-Mist!<\/p>\n<p>Kurz-Info, das hatte Friedrich geschrieben: <em>an mich selbst! Keine Limos mehr. Kein Zucker. Schr\u00e4nkung ist geboten.<\/em> Auf ein kleines Memobl\u00e4ttchen hatte er die Worte gekritzelt. Eine winzige Blattst\u00e4rke nur zwischen dem Sto\u00df aus Flugbl\u00e4ttern, war es versehentlich haften geblieben, wo es nicht sollte. Dort hatte Irene M\u00fcller die Botschaft entdeckt, sie war nicht f\u00fcr sie bestimmt, aber sie mochte das. Sie, die sich so gerne Dinge ausmalte, um anschlie\u00dfend mit Nachdruck darauf zu verzichten: ihre pers\u00f6nliche, in Wollust getr\u00e4nkte Bitterkeit. Hei\u00dfes dampfendes Fleisch. Irene M\u00fcller leckte sich mit der Zungenspitze \u00fcber die Lippen, ohne das es ihr bewusst wurde. Sie spitzte den Mund: heute Abend! Sie schwelgte in Vorfreude auf ihren Kebab. Er wird so riesengro\u00df sein wie ein Vollmond, innen weich und au\u00dfen knusprig, sie versp\u00fcrt schon den Duft von Salbei und Thymian. Nach Bratfett, und dazu der Geruch von Grillgew\u00fcrz. Grillgew\u00fcrz!<\/p>\n<p>J\u00e4hlings h\u00e4lt Irene M\u00fcller im Schritt ein, so abrupt, dass die Papierst\u00f6\u00dfe auf ihrem Arm gef\u00e4hrlich in Schieflage geraten. Wie grauenhaft! Sie sch\u00fcttelt sich vor Ekel: Grillgew\u00fcrz. Mit einem Schlag ist ihr eingefallen, wie sehr sie das Zeug schon immer verabscheute, diese gr\u00e4sslichste Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Konservendose. Der Tod aller Sinnlichkeit, geistlose Einheitsgeschmacksbegl\u00fcckung auf den Papptellern dieser Welt, zwischen pampigen Brotscheiben und fettiger Mayonnaise. Widerlich. Hastig ordnet sie den Stapel, die frischen gl\u00e4nzenden Plakate, die sie gerade noch in den Tiefen ihrer Armbeuge balanciert hatte. Aus der Mitte der Bl\u00e4tter hat sich ein gelbes Zettelchen gel\u00f6st. Die Botschaft, die Herr Friedrich nie an sie schrieb, gleitet sanft zu Boden und flattert wie ein Falter in der Fr\u00fchjahrssonne \u00fcber dem l\u00f6chrigen Hofpflaster dahin. Irene achtet nicht darauf, sie ist begl\u00fcckt. Dar\u00fcber, dass sie widerstanden hat.<\/p>\n<p>M\u00e4rz 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 20045<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Druckerei kommen stampfende, schlingernde Ger\u00e4usche. Die T\u00fcre steht einen Spalt offen. Ein Plotter wirft gro\u00dfformatige gl\u00e4nzende Plakatb\u00f6gen aus. Eingangs befindet sich eine rostige alte Schranke, sie sperrt den Weg in die Hofeinfahrt, doch diese Barriere ist h\u00f6chstens symbolischer Natur, denn sie ist lediglich angelehnt. 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