{"id":11067,"date":"2020-04-03T08:01:00","date_gmt":"2020-04-03T08:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11067"},"modified":"2020-04-05T14:37:05","modified_gmt":"2020-04-05T14:37:05","slug":"boxer-oder-eingriff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11067","title":{"rendered":"Boxer oder Eingriff?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11067&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11067&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Blau war seine Lieblingsfarbe. So viel war klar. Das war einfach.<br \/>\nAber wie viele verschiedene Blaus gab es? Himmelblau, Nachtblau, Marineblau, Veilchenblau usw. Was w\u00fcrde ihm gefallen?<br \/>\nRobert stand auf der Stra\u00dfe und haderte mit sich. Boutique oder Kaufhaus? Amazon oder Otto Versand? Boxer oder Slip? Microfaser oder Feinripp? Eingriff oder Kn\u00f6pfe? Seide oder Spitze? Nein, das dann doch nicht.<\/p>\n<p>Erstmal eine Runde \u00fcber den Marktplatz, eine Tasse Kaffee bei Tante K\u00e4the. Und dann vielleicht Onkel Google fragen.<br \/>\nStrategisch angehen die Sache. So wie er es immer machte, so wie es immer zu guten Ergebnissen f\u00fchrte. Genau. Ein Projektplan musste her, eine Pro-und-Kontra-Liste, ein Gantt-Chart, Milestones definieren, Etat aufstellen, Stakeholder benennen.<br \/>\nRobert atmete auf. Das war der richtige Weg. Das w\u00e4re doch gelacht, wenn Ruth Recht behalten w\u00fcrde. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie die Sache f\u00fcr ihn erledigen k\u00f6nne. Sie traute ihm eben nie etwas zu. Dabei war er der geborene Probleml\u00f6ser. Der Stratege. Der durchsetzungsstarke Strippenzieher.<\/p>\n<p>Wie lange stand die Bedienung schon neben seinem Tisch und wartete auf seine Bestellung?<br \/>\n\u201eEin blauer Kaffee mit Spitze, bitte.\u201d<br \/>\n\u201eSie meinen doch wohl einen schwarzen Kaffee mit Milch, oder?\u201d<br \/>\n\u201eHab ich doch gesagt. Und bringen Sie mir bitte etwas zu schreiben, ja? Einige gro\u00dfe Bl\u00e4tter und mehrere Stifte in verschiedenen Farben.\u201d<br \/>\nAls seine Bestellung kam, der Kaffee und das Schreibzeug, musste Robert erstmal den Platz wechseln. Die plakatgro\u00dfen Bl\u00e4tter, die der Kellner besorgt hatte, passten nicht auf den winzigen Bistrotisch. Robert zog mit allen Sachen in das Nebenzimmer des Caf\u00e9s und entschied: \u201eHier kann ich gut arbeiten.\u201d<\/p>\n<p>Doch ohne Flipchart ging das nicht. Robert schaute sich um und entdeckte den kauenden Kellner: \u201eHe, kommen Sie mal. Geben Sie mir Ihren Kaugummi.\u201c Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Robert juckte es in den Fingern, sich den Kaugummi selbst zu nehmen. Dann zuckte der Kellner mit den Schultern und spuckte den Kaugummi in Roberts Hand.<br \/>\nDer pappte damit den gro\u00dfen Bogen Papier an die Wand und verga\u00df sogar, sich zu ekeln.<br \/>\nDen anderen Bogen riss Robert in etliche kleine St\u00fccke. Nun konnte er seinen Masterplan ausarbeiten.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn Minuten sp\u00e4ter stand Robert in unver\u00e4nderter Haltung vor der wei\u00dfen Wand, nur der Stift in seiner Hand war beinahe durchgenagt. Es war zum M\u00e4usemelken, zum Das-Blaue- \u00a0vom-Himmel-Runterfluchen. Er kam keinen Schritt voran.<br \/>\nAber noch w\u00fcrde er nicht aufgeben. Von vorne denken, nicht mittendrin anfangen. Geplant vorgehen, nicht impulsiv wie Frauen. Er war nicht emotional, er handelte stets rational.<br \/>\nRobert schrieb das Wort \u201eBlau\u201d mit blauem Stift oben auf das Blatt. Darunter mehrere Pfeile: ein roter f\u00fchrte zu Baumwolle, ein gr\u00fcner zu Microfaser, der dritte in Violett zu Satin. Der vierte f\u00fchrte ins Leere, mehr Stoffarten fielen Robert nicht ein.<br \/>\nN\u00e4chste Stufe: Form Fragezeichen. Boxer, Slip oder gro\u00dfes Fragezeichen. Gab es noch andere?<\/p>\n<p>Der Kellner brachte die f\u00fcnfte Tasse Kaffee.<br \/>\n\u201eBitte bringen Sie mir einen Schnaps. Schnell\u201d, flehte Robert.<br \/>\nEr kam nicht weiter. Und dabei war er noch gar nicht zur alles entscheidenden Frage vorgedrungen: Einzelst\u00fcck oder Mehrfachpackung?<br \/>\nDer Schnaps kam und erschien ihm wie ein himmlisches Labsal, wie Manna, wie von G\u00f6ttern gesandter Nektar. Jetzt w\u00fcrde es besser gehen.<br \/>\nJetzt.<br \/>\nJetzt klingelte sein Handy.<br \/>\nRuth.<br \/>\nSie rief so laut, als wollte sie ohne Satellitenhilfe kommunizieren: \u201eWo bleibst du denn? Die Besuchszeit in der Klinik ist fast vor\u00fcber. Hast du die Unterhosen f\u00fcr deinen Vater?\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Renate M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.renas-wortwelt.de\" target=\"_blank\">www.renas-wortwelt.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 20044<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blau war seine Lieblingsfarbe. So viel war klar. Das war einfach. Aber wie viele verschiedene Blaus gab es? Himmelblau, Nachtblau, Marineblau, Veilchenblau usw. Was w\u00fcrde ihm gefallen? Robert stand auf der Stra\u00dfe und haderte mit sich. Boutique oder Kaufhaus? Amazon oder Otto Versand? Boxer oder Slip? Microfaser oder Feinripp? Eingriff oder Kn\u00f6pfe? Seide oder Spitze? 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