{"id":11013,"date":"2020-03-23T14:12:25","date_gmt":"2020-03-23T14:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11013"},"modified":"2020-03-29T12:39:03","modified_gmt":"2020-03-29T12:39:03","slug":"eine-party-auf-der-wiese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11013","title":{"rendered":"Eine Party auf der Wiese"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11013&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11013&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war ein ungew\u00f6hnlich warmer, sonniger Samstag Anfang M\u00e4rz im n\u00f6rdlichen Allg\u00e4u, als Mark auf die Veranda trat, um eine Zigarette zu rauchen. In Jeans und Polohemd schlenderte er an den gro\u00dfen Blumen- und Kr\u00e4uterbeeten des geschmackvollen, etwas wild wirkenden Gartens vorbei. Seine dunklen Haare waren nass von der Dusche, die er zuvor genommen hatte. Aus der K\u00fcche drang gesch\u00e4ftiges Treiben, das Fenster stand weit offen und Mark beobachtete Maurizio und Sophie, die lachten und sich unterhielten.<\/p>\n<p>Bunte Blumen reckten ihre K\u00f6pfe Richtung Sonne, er erkannte Schneegl\u00f6ckchen, Leberbl\u00fcmchen, M\u00e4rzenbecher, Schl\u00fcsselblumen und L\u00f6wenzahn. Die bl\u00fchenden Kr\u00e4uter waren ihm fremd, aber der Geruch, der von ihnen ausging, war bet\u00f6rend.<\/p>\n<p>\u201eWundersch\u00f6n, nicht wahr?\u201c Chiara, die Tochter von Maurizio, stand pl\u00f6tzlich hinter ihm. Ihr schulterlanges schwarzes Haar gl\u00e4nzte in der Sonne und ihre tiefblauen Augen strahlten Mark an. Sie trug ebenfalls Jeans und eine zartrosa Bluse, die ihren makellosen Teint unterstrich. In einigem Abstand folgte der Hund des Hauses ihr und beobachtete sie.<br \/>\n\u201eJa, bemerkenswert, was hier schon alles bl\u00fcht um diese Jahreszeit\u201c, entgegnete Mark.<br \/>\n\u201eDer Winter heuer war sehr mild, darum ist die Natur schon weit fortgeschritten.\u201c<br \/>\n\u201eAber was ist mit diesen Blumen hier, die sind wohl nicht ganz fit durch den Winter gekommen?\u201c, fragte er und deutete auf einige krokusartige, verwelkte Bl\u00fcten.<br \/>\n\u201eDas ist Crocus sativus. Meine Gro\u00dftante Sophie erntet daraus im Herbst Safran.\u201c<br \/>\nChiara schmunzelte bei dem verbl\u00fcfften Gesichtsausdruck von Mark.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Maurizio und Sophie beobachteten die beiden und grinsten sich an.<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein sch\u00f6nes Paar sie abgeben w\u00fcrden, was?\u201c, meinte Chiaras Vater.<br \/>\n\u201eEs knistert gewaltig bei den beiden, aber sie sind viel zu sch\u00fcchtern. Seit vier Wochen wohnt er nun bei uns hier im G\u00e4stezimmer, aber da r\u00fchrt sich nichts. Ich denke, du wirst mit deinen Kochk\u00fcnsten nachhelfen m\u00fcssen, Maurizio. Immerhin bist du Italiener, also lass dir was einfallen!\u201c<\/p>\n<p>Sophie strich sich ihr langes, widerspenstiges Haar aus dem Gesicht und \u00f6ffnete den K\u00fchlschrank.<br \/>\n\u201eWas f\u00fchrt ihr nun wieder im Schilde, ihr zwei?\u201c Katharina betrat die K\u00fcche und umarmte ihren Mann von hinten.<br \/>\n\u201eAllora, dann lasst uns kochen aphrodisiaco!\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Mark z\u00fcndete sich eine weitere Zigarette an, und seine Gedanken schweiften ab. Er erinnerte sich gut, als er vor vier Wochen hier in Deutschland angekommen war aus Amerika und ein Zimmer suchte. Da war ihm Sophie das erste Mal begegnet. Wie aus dem Nichts stand da ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kam er auf Mark zu und hielt einige Meter vor ihm an, musterte ihn, sein Fellkleid schimmerte in allen Braunt\u00f6nen. Mark nahm befremdliche Duftnoten wahr, es roch intensiv erdig, nach Myrrhe und Moschus. Kalte Schauer liefen ihm \u00fcber den R\u00fccken, ihm wurde \u00fcbel.<\/p>\n<p>Dann vernahm er ein leises Zischen hinter ihm. Pl\u00f6tzlich stand sie da, ihre Augen geschlossen, ihre langen grauen Haare wehten im Wind, sie kr\u00e4uselte fast unmerklich die Nase, ihre Nasenfl\u00fcgel bebten \u2013 als w\u00fcrde sie an Mark riechen, zog sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht ge\u00f6ffneten Mund ein. Dann l\u00e4chelte sie und \u00f6ffnete die Augen. Mark wich vor Schreck zur\u00fcck, er hatte nie in seinem Leben solche Augen bei einem Menschen gesehen, bernsteinfarben!<\/p>\n<p>\u201eDeine Gro\u00dftante ist eine sehr &#8230;, wie sagt man, eigenartige Person? Mir f\u00e4llt das richtige Wort nicht ein.\u201c<br \/>\n\u201eIst sie dir unheimlich?\u201c, fragte Chiara am\u00fcsiert.<br \/>\n\u201eAm Anfang schon, ja. Aber nun wirkt sie eher geheimnisvoll auf mich. Vor allem ihre Augen, die st\u00e4ndig die Farbe zu wechseln scheinen. Und ich frage mich, wie alt sie sein mag. Manchmal wirkt sie beinahe jugendlich, dann wieder ziemlich alt.\u201c<br \/>\n\u201eManchmal Elfe, manchmal Hexe. So ist sie, unsere liebe Sophie\u201c, entgegnete Chiara.<\/p>\n<p>\u201eHey, Americano, hilf mal den Tisch rauszutragen, wir essen heute in der Sonne, sui prati!\u201c, rief Maurizio aus der K\u00fcche. Schnell wurden Tisch, B\u00e4nke, St\u00fchle auf die Wiese getragen, eine wei\u00dfe Leinentischdecke glattgestrichen und Katharina brachte gro\u00dfe Teller und Weingl\u00e4ser.<br \/>\n\u201eKommen G\u00e4ste?\u201c, wollte Mark wissen, als er die Anzahl der Gedecke sah.<br \/>\n\u201eGanz sicher\u201c, entgegnete Chiara.<br \/>\n\u201eWas feiert ihr denn?\u201c, fragte er.<br \/>\n\u201eLa dolce vita, Mark! Wer wei\u00df, wie lange uns das noch m\u00f6glich ist? Es k\u00f6nnte ganz schnell anders sein.\u201c Sophie richtete ihren Blick Richtung Himmel und ein paar Sorgenfalten waren auf ihrer Stirn zu erkennen.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter trafen tats\u00e4chlich G\u00e4ste ein. Nachbarn, Bekannte, Freunde. Sie brachten selbstgebackenes Brot und S\u00fc\u00dfigkeiten mit. Wie selbstverst\u00e4ndlich nahmen sie am Tisch Platz und unterhielten sich. Einige von ihnen musterten Mark und Chiara, die nun nebeneinander auf einer der B\u00e4nke sa\u00dfen. Die ersten Platten wurden von Katharina und Maurizio rausgetragen, marinierte Erdbeeren, frittierte Artischocken, Sellerie mit Frischk\u00e4se, s\u00fc\u00dfsaurer Orangensalat mit Basilikum und noch vieles mehr, die Primi Piatti nahmen den gesamten Tisch ein. Sophie brachte gek\u00fchlten Vermentino Wein und reichte den G\u00e4sten die Flasche. Sie war barfu\u00df und ihr bodenlanges orangefarbenes Kleid wehte im Fr\u00fchlingswind. Um ihre Taille war ein breiter Lederg\u00fcrtel geschlungen, an dem mehrere kleine Leinenbeutel mit Kordel hingen. Sie griff in einen hinein und verteilte unbekannte Gew\u00fcrze auf den Gerichten.<\/p>\n<p>\u201eEsst und trinkt, Freunde! Ich habe alles letzte Woche frisch aus meiner Heimat Ligurien geholt!\u201c Maurizio hielt ein Glas Wein in die H\u00f6he und prostete in die Runde. Dann holte er tief Luft und begann zu singen:<br \/>\n\u201eUna festa sui prati<br \/>\nuna bella compagnia<br \/>\npanini, vino un sacco di risate<br \/>\ne luminosi sguardi di ragazze innamorate<br \/>\nma che bella giornata<br \/>\nsiamo tutti buoni amici \u2026\u201c<\/p>\n<p>Mark genoss diese herrliche Stimmung am Tisch, er f\u00fchlte sich nach Italien versetzt und blickte in die gesellige Runde.<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte wissen, was er singt? Alle lachen und ich kann nichts verstehen.\u201c Mark beugte sich zu Chiara und nahm ihren verf\u00fchrerischen Duft wahr. Ihre Lippen gl\u00e4nzten vom Oliven\u00f6l und Aceto Balsamico.<br \/>\n\u201eMein Vater singt von einer Party auf der Wiese, von einer netten Gesellschaft bei Essen und Wein, von strahlenden Blicken verliebter M\u00e4dchen, von guten Freunden, \u2026!\u201c<br \/>\n\u201eUnd weiter?\u201c, Mark sah ihr an, dass sie absichtlich nicht alles \u00fcbersetzte.<br \/>\n\u201eNun ja, von diesem Fest, das nicht enden soll, es solle das ganze Leben lang dauern, denn ist ein Fest der Liebe und der Liebenden \u2026.\u201c Chiara senkte ihren Blick auf den Teller, ein zartes L\u00e4cheln umspielte ihren Mund.<\/p>\n<p>Mark r\u00fcckte n\u00e4her an sie heran, er wusste nicht, warum er pl\u00f6tzlich so beschwingt war. Vom Wein? Von Maurizios Gesang? Oder von Chiaras Anblick, der ihn mehr und mehr verzauberte. Eine wohlige W\u00e4rme erfasste ihn, und mit jedem Bissen dieser aromatischen Gerichte und mit jedem Glas Wein f\u00fchlte er sich gl\u00fccklicher. So eine innere Zufriedenheit hatte er schon lange nicht mehr gesp\u00fcrt, dennoch war ihm auch etwas mulmig zumute.<br \/>\n\u201eOb sie \u00e4hnlich empfindet?\u201c, fragte er sich. Um seine Beine schmiegte sich nun Sophies Hund, langsam legte er sich ins Gras, seinen Kopf auf Marks Turnschuh gebettet rollte er sich zusammen und schlief.<\/p>\n<p>Nach einer Weile wurde feinstes Risotto Milanese gebracht. Sophie streute ihren selbst geernteten Safran \u00fcber den Inhalt der riesigen Pfanne und aus einem anderen Beutel entnahm sie weitere Gew\u00fcrze. Der Duft von Paprika, Kardamom, Chili, Ingwer und Koriander schwebte durch die L\u00fcfte und die G\u00e4ste genossen mit \u201eAaah\u201c und \u201eOoooh\u201c-Lauten und geschlossenen Augen dieses Aroma.<br \/>\n\u201eScharfe Sache!\u201c, entfuhr es Mark, als er den ersten Bissen nahm und sich beinahe verschluckte.<br \/>\n\u201eOoooh ja, vorsichtig genie\u00dfen, Mark. Sophie ist nicht zu untersch\u00e4tzen\u201c, fl\u00fcsterte Chiara und zwinkerte ihm zu.<\/p>\n<p>Immer n\u00e4her r\u00fcckten die beiden zusammen, zu fortgeschrittener Stunde, und nach einer bet\u00f6renden Panna Cotta mit frischer Vanilleschote und Dessertwein betrachteten alle den pr\u00e4chtigen Sonnenuntergang.<br \/>\n\u201eWann ist dein R\u00fcckflug eigentlich geplant, Mark?\u201c, wollte Katharina wissen.<br \/>\n\u201eMeine Heimreise ist in zwei Tagen.\u201c<\/p>\n<p>Katharina reichte ihm eine Zeitung.<br \/>\n\u201eIch glaube nicht, dass das was wird. Dein Mister Pr\u00e4sident l\u00e4sst keinen mehr ins Land reisen, der mit L\u00e4ndern in Kontakt war, wo das Coronavirus umgeht.\u201c<br \/>\nMark \u00fcberflog die Schlagzeile auf der Titelseite und musste l\u00e4cheln.<br \/>\n\u201eWillst du nicht hierbleiben, bei uns? Was h\u00e4lt dich in Amerika?\u201c, fragte Sophie \u00fcber den Tisch hinweg.<br \/>\n\u201eWas mich h\u00e4lt? Wenn ich so recht \u00fcberlege, h\u00e4lt mich dort gar nichts mehr. Mein Heimatland wird mir zunehmend fremd.\u201c<br \/>\nPl\u00f6tzlich sp\u00fcrte Mark die Hand von Chiara auf seinem Knie. Sie blickte ihm tief in die Augen:<br \/>\n\u201eBleibst du hier? Bei uns?\u201c, fl\u00fcsterte sie.<br \/>\nMark legte seinen Arm um ihre Schultern und erwiderte ihren Blick.<br \/>\nUnd aus dem Tiefblau ihrer Augen wurde unverhofft ein sattes Smaragdgr\u00fcn mit einem bernsteinfarbenen Ring um den Rand der schwarzen Pupille.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 20039<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein ungew\u00f6hnlich warmer, sonniger Samstag Anfang M\u00e4rz im n\u00f6rdlichen Allg\u00e4u, als Mark auf die Veranda trat, um eine Zigarette zu rauchen. In Jeans und Polohemd schlenderte er an den gro\u00dfen Blumen- und Kr\u00e4uterbeeten des geschmackvollen, etwas wild wirkenden Gartens vorbei. 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