{"id":10907,"date":"2020-02-27T14:07:05","date_gmt":"2020-02-27T14:07:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10907"},"modified":"2020-03-03T09:35:28","modified_gmt":"2020-03-03T09:35:28","slug":"sars-in-der-aeroflot-oder-die-welt-ist-eine-kugel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10907","title":{"rendered":"SARS in der Aeroflot \u2013 oder: Die Welt ist eine Kugel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10907&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10907&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In den Tagen des Coronavirus habe ich mich selbst beobachtet:<br \/>\nWie ich in den \u00d6ffis immer h\u00e4ufiger den Impuls sp\u00fcrte, mich von Asiaten wegzusetzen, oder, den Schal bis zu den Augen hochgezogen, auf der Stra\u00dfe einen Bogen um sie zu machen. Auf dem Nachhauseweg ertappte ich mich einmal dabei, dass ich in meinem Gr\u00e4tzl in drei China-Lokale hineinglotzte, um nachzusehen, wer denn in den Corona-Tagen noch dorthin ginge. Als w\u00fcrden sie dort, wo ich selbst seit Jahren hinzugehen pflege, pl\u00f6tzlich Wildtiere wie Schlangen, Ratten, Flederm\u00e4use, Esel, Hunde oder Krokodile vom Markt in Wuhan beziehen. Zum chinesischen Neujahr nahm ich meinen Mut zusammen und \u00fcberbrachte so wie jedes Jahr den immer freundlichen Kellnerinnen in meinem Stammlokal ein kleines Geschenk und Gl\u00fcckw\u00fcnsche. Zum Jahr der Ratte.<br \/>\n\u00dcbrigens: Das erste China-Lokal an meiner Ecke hat schon zugesperrt. Ich bemerkte an mir selbst, wie einfach es geht, bestimmte Menschen unter Generalverdacht zu stellen und zu stigmatisieren. Es fiel mir auf, wie schnell man aus Angst und Unsicherheit dumm und rassistisch werden kann, was ja das Gleiche ist.<\/p>\n<p>Aber in diesen Tagen der immer fortschreitenden Nachrichten stiegen allm\u00e4hlich Erinnerungen in mir auf, wie ich selbst einmal in den Verdacht geraten war, eine Virus-Tr\u00e4gerin zu sein, vor 17 Jahren. Nie mehr hatte ich daran gedacht, wahrscheinlich verdr\u00e4ngt. Jeden Tag versuchte ich die damaligen Geschehnisse einzufangen, was so schwer war, wie Schatten in der D\u00e4mmerung festzunageln.<\/p>\n<p>Im August 2003 flog ich mit einer Aeroflot-Maschine von Los Angeles zur\u00fcck nach Moskau. Ich hatte mit meiner Tochter einen wunderbaren Monat bei Freunden in Kalifornien verbracht, mit Ausfl\u00fcgen nach Arizona, New Mexico und Utah, nach San Diego, in den Grand Canyon und mehrere Nationalparks. Julia lebte damals in Wien, ich in Moskau. Sie flog mit unserer guten AUA mit zwei Zwischenstops in Atlanta und New York, ich mit Aeroflot Nonstop \u00fcber den Nordpol, Abreise in L.A. um 18 Uhr, Ankunft in Moskau um 6 Uhr fr\u00fch. Als berufsm\u00e4\u00dfige Vielfliegerin meinte ich, schon alle T\u00fccken und Gefahren der Aeroflot-Fl\u00fcge zu kennen \u2013 Aeroschrott, wie meine Tochter zu sagen pflegte. Aber diese zw\u00f6lf Stunden brachten mich in eine bis dahin ungeahnte H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Wohl wissend, wie eng und unbequem die Aeroflot-Sitze sind, hatte ich einen Aufpreis daf\u00fcr bezahlt, dass ich zwei f\u00fcr mich allein bekam, und zwar in der fu\u00dffreien Reihe, gleich hinter der 1. Klasse, beim Durchgang zur Toilette, aber ohne Nachbarn.<br \/>\nSo vorbereitet, dachte ich, den 12-Stunden-Flug \u00fcberstehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nAber was ich nicht wissen konnte: In der Zwischenzeit war die Seuche SARS aufgekommen. Aus China. Weltweit in den Medien, deren Botschaft wir auf unseren Reisen nicht wahrgenommen hatten. In Las Vegas, im Death Valley und Yosemite haben wir nur nah-, nicht ferngesehen.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz dazu meine Nachbarn rund um mich in der Aeroflot. Alles Russen, haupts\u00e4chlich Russinnen. Sie schwatzten von nichts anderem als von ihren Eink\u00e4ufen. Zuerst nahm ich sie nur als Zischeln und Rascheln wahr, ohne Bedeutung f\u00fcr mich. Sie waren damit besch\u00e4ftigt, einander ihre Schn\u00e4ppchen aus Los Angeles zu zeigen und tauschten sich dar\u00fcber aus, wie sie sie auf den M\u00e4rkten in Russland gewinnbringend losschlagen w\u00fcrden. Die einen hatten sich auf Klamotten und Kosmetika spezialisiert, andere auf Kleinelektronik und Genussmittel. Allm\u00e4hlich fand ich heraus, dass die zwei direkt hinter mir sitzenden Russinnen Ljuba und Galina hie\u00dfen. Sie waren nicht einfache Touristinnen, sondern H\u00e4ndlerinnen, so wie sie sich nach dem Zerfall der Sowjetunion auf allen Auslandsfl\u00fcgen etabliert hatten. Ob Dubai, Charbin, Hongkong oder Wien, und jetzt eben Los Angeles. Nie gab ich zu erkennen, dass ich sie verstand, sondern Englisch war die Verkehrssprache.<\/p>\n<p>Als wir uns von L.A. Richtung Nord-Osten entfernten, war der Abendhimmel atemberaubend sch\u00f6n, er leuchtete in allen Farben von Rot-Orange bis Rosa-Gelb und Lilaviolett, W\u00f6lkchen und Wolkenb\u00e4nke, links in meinem Fenster, weit, so weit und so endlos, dass ich die Erdw\u00f6lbung erkennen konnte. Ein Weltraum-Gef\u00fchl, gro\u00dfe Dankbarkeit f\u00fcr diesen Anblick und die vergangenen Wochen. Vielleicht haben sich Weltraumfahrer so gef\u00fchlt, wenn sie die Erde von ober- und au\u00dferhalb gesehen haben. Ich war gerade dabei, mich in der Erdkugeldrehung mit der Sonne von Westen nach Osten, zu bewegen. Untergang und Aufgang zur gleichen Zeit. Restlos gl\u00fccklich, ein tiefes Aufatmen im Folterstuhl der Aeroflot. Dabei wickelte ich mich in eine Decke ein \u2013 ein Kauf in einem Hopi-Dorf \u2013 und warf mit einem Schluck des gereichten russischen Tees eine halbe Schlaftablette ein, in der Hoffnung, so die zw\u00f6lf Stunden bis Moskau mit Schlaf zu verk\u00fcrzen. Mit dem letzten Blick aus dem Kabinenfenster sah ich ein gl\u00fchendes Sonnen-Scherzel \u00fcber dem Horizont stehen und stellte fest, dass es einen k\u00fchlen Luftzug gab, aber keine Heizung. Ich wollte mir noch nicht vorstellen, was die L\u00fcftung da alles durch die Luft schleuderte.<\/p>\n<p>Wann ich aufgeweckt wurde und wodurch, wei\u00df ich nicht mehr. Ich sp\u00fcrte ein Kratzen im pelzigen Hals und im Kopf das typische Gef\u00fchl eines heraufziehenden Schnupfens. Schnell warf ich eine Aspirin-C-Brause in meine Wasserflasche und trank diese aus. Dann muss ich f\u00fcr eine Zeitlang wieder einged\u00e4mmert sein. Als ich wieder aufwachte, stellte ich fest, dass mein Schnupfen voll aufgebl\u00fcht war. Mein Atem ging schwer, ich nieste etwa alle zehn Sekunden in meinen Schal, gleich zwei- oder dreimal hintereinander. M\u00fchsam kramte ich eine Schachtel Cleenex aus meiner Tasche und stopfte die T\u00fccher in meinen Schal. Da nahm ich ein aufgeregtes Tuscheln in den Reihen hinter mir wahr und eine Unruhe im Mittelgang. Eine postsowjetische GULAG-Stewardess beugte sich zu mir herunter und schnauzte mich mit der landes\u00fcblichen Freundlichkeit an:<br \/>\nAlles in Ordnung mit Ihnen?<br \/>\nYes, could I, please, have some more tschai?<br \/>\nIch glaube, Sie brauchen was ganz anderes.<br \/>\nWas denn? Einen Genickschuss vielleicht? Danke, sehr einf\u00fchlsam.<br \/>\nAber ich sagte kein Wort mehr.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall, direkt hinter mir, das waren die Stimmen von Ljuba und Galina. Sie tuschelten jetzt nicht mehr \u00fcber ihre Eink\u00e4ufe in L.A., sondern irgendetwas \u00fcber SARS.<br \/>\nUnd dass man etwas tun m\u00fcsste. Nein, ich f\u00fchlte mich gar nicht wohl. Der Kopf schien aufgeblasen wie eine Melone, die Nase rann, ebenso die Augen, ein st\u00e4ndiges Rasseln entkam der Brust, alles an mir wurde von Sch\u00fcttelfrost gebeutelt. Dabei wusste ich ganz genau, dass ich weder einen stinknormalen Schnupfen hatte noch das SARS-Virus, sondern von der immer wieder auftretenden Aircondition-Unvertr\u00e4glichkeit geplagt wurde. Aber das konnten Ljuba, Galina und die anderen nicht wissen. Sie redeten nun schon ganz offen und laut, dass man mich irgendwie beseitigen m\u00fcsse. Ungeniert diskutierten sie die M\u00f6glichkeiten, auf Russisch, das ich verstand. Einerseits ein Vorteil, weil ich mich wappnen konnte, psychologisch gesehen aber recht unangenehm, wenn einem die Todesarten nur so um die Ohren fliegen.<\/p>\n<p>Ich h\u00fctete mich, das irgendwie zu erkennen zu geben, und sprach meine wenigen Worte in breitestem Amerikanisch. Sie spekulierten \u00fcber meine Herkunft, wahrscheinlich irgendeine Europ\u00e4erin. In all den wunderbaren Tagen und Wochen zwischen San Diego, Hollywood, Yosemite National Park und Death Valley, Las Vegas und Grand Canyon hatte ich keinen einzigen Moment an die neue SARS-Seuche verschwendet. Vor meiner Abreise aus Moskau war das kein gro\u00dfes Thema gewesen, weit weg in China starben Menschen, normal, na und?<br \/>\nAber nun, 10 000 Kilometer \u00fcber dem Nordpol, wurde ich zum Fall, zu einem SARS-Fall, zu einer Gefahr.<\/p>\n<p>Meine schnupfenverhangenen Gedanken in meinem Gehirn begannen zu rasen: Was, wenn ich als eine potentielle SARS-Infizierte in Moskau in die Quarant\u00e4ne gesteckt w\u00fcrde? Vier Wochen dauert sie, irgendwo in diesem Riesenland, wenn schon das beste Spital in Moskau damals eine schwere Bedrohung bedeutete? Wen sollte ich anrufen? Ich hatte mit niemandem eine Abholung verabredet. Ich w\u00fcrde einfach f\u00fcr vier Wochen von der Bildfl\u00e4che verschwinden, Diplomatenstatus hin oder her. Wer sollte mich suchen? Wer eine Gefahr f\u00fcr die Ausbreitung einer Epidemie darstellte, w\u00fcrde gnadenlos eliminiert werden.<\/p>\n<p>Galina und Ljuba berieten sich mit anderen russischen Passagieren hinter und neben mir. Die beiden waren in Panik und verbreiteten Panik. Sie rotteten sich zusammen und drangen auf das Begleitpersonal ein, mich irgendwie zu entfernen. Sie hielten mich f\u00fcr eine Ausl\u00e4nderin, die in ihre geliebte Heimat eine t\u00f6dliche Krankheit einschleppte. Sie waren sogar stolz, dass sie mich enttarnt hatten wie einen Spion. Ausl\u00e4nder waren in Russland historisch immer als irgendwie gef\u00e4hrlich angesehen worden. Als ob wir nicht alle im Himmel \u00fcber der Arktis Ausl\u00e4nder w\u00e4ren. In meinen schleimverklebten Ohren h\u00f6rte ich nun immer bedrohlicher das Zischeln von SARS-SARS-SARS- Severe Acute Respiratory Syndrom.<\/p>\n<p>Ich muss nicht extra erw\u00e4hnen, dass es an Bord keine Gesichtsmasken gab, weder f\u00fcr mich, die Verd\u00e4chtige, noch f\u00fcr die Mitreisenden.<br \/>\nAlle wollten sich von mir wegsetzen, forderten einen cordon sanitaire. Aber das Flugzeug war rappelvoll bis zum letzten Platz, dazu noch irrsinnig viel Bordgep\u00e4ck. Sie beschworen die Stewardess, mich irgendwie zu isolieren. Auf Russisch hei\u00dft Isolacija \u2013 Einzelzelle \u2013 in Gef\u00e4ngnissen und GULAGs die schwersten Bedingungen und oft ein Todesurteil. Eliminacija, Isolacija, Likwidacija \u2013 das waren die Steigerungsstufen. Was w\u00fcrde mit mir passieren? Werde ich jetzt in das Bord-WC eingesperrt? Aus dem Notausgang gekippt? Oder in den Frachtraum zum Gep\u00e4ck? Erschlagen? Erdrosselt? Erstickt?<\/p>\n<p>Eine m\u00e4nnliche Stimme schlug vor, \u00fcber mir ein Zelt aus Notplanen zu errichten. Klang geradezu menschlich. Zu Zeiten der Schreckensherrschaft des NKWD stie\u00df man die Opfer oft aus dem fahrenden Zug. Meist in der Mitte der Strecke zwischen Moskau und Leningrad, wenn der \u201eRote Pfeil\u201c bei Kalinin langsamer fuhr. Wie mich retten? Keine Version verhie\u00df Gutes f\u00fcr mich. Alle Menschen sind in Panik zu allem f\u00e4hig, besonders die Russen mit ihrer kollektiven Gewaltgeschichte. Ich zermarterte mir den Kopf auf der Suche nach einem Ausweg. Einer in die Ecke getriebenen Maus muss es ungef\u00e4hr so gegangen sein wie mir jetzt.<\/p>\n<p>Wenn schon Geschichte, dann wollte ich sie bem\u00fchen. Sollte ich verr\u00fccktspielen? Der Narr in Christo ist eine allen Russen bekannte Figur. Ich, die Gottesn\u00e4rrin. Der Gottesnarr in Boris Godunow rettet sein Leben durch eine gute Prophezeiung, wenn man ihn schonte. Aber das konnte auch nach hinten losgehen, denn ich m\u00fcsste meine Identit\u00e4t preisgeben. Oder w\u00fcrde es vielleicht helfen, die reuige S\u00fcnderin, die Verbrecherin geben, die in der russischen Literatur oft zu Mitleid und zur Barmherzigkeit anregt? Aber w\u00fcrden sie mich dann nicht noch eher in eine Zwangsjacke stecken oder mich mit den Kissen ersticken? Russische Witze erz\u00e4hlen, Lieder singen, Pushkin-Gedichte rezitieren, Putin loben, um zu zeigen, dass ich eh eine von ihnen bin? Aus Erfahrung wusste ich, dass es zum russischen Nationalcharakter geh\u00f6rt, deutlich zwischen den \u201eNaschi\u201c, den Unseren, und den Anderen zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Alle Optionen bargen ein Risiko, weil bei Menschen in Panik oft das Schlechteste ans Tageslicht kommt. Im besten Fall, sollte ich den Flug \u00fcberleben, w\u00fcrde ich am Flughafen Sheremetjewo II den Beh\u00f6rden \u00fcbergeben und f\u00fcr vier Wochen in den Niederungen des postsowjetischen Gesundheitssystems verschwinden. Schreck l\u00e4hmte mich, als mir einfiel, dass in Russland die Quarant\u00e4ne-Stationen in psychiatrischen Kliniken untergebracht sind. Viele Bilder rasten gleichzeitig durch meinen Kopf, und alle waren gleich bedrohlich.<\/p>\n<p>Da machte ich zum ersten Mal die erstaunliche Feststellung, dass einem vor lauter Angst auch hei\u00df werden kann \u2013 es gibt nicht nur den kalten Schauer! Die H\u00f6llenglut der Wut befeuerte mich jetzt, machte mir Mut und lie\u00df mich zur Gegenwehr \u00fcbergehen. Ich wickelte mich noch fester in meinen Hopi-Teppich, zurrte den Seidenschal eng um Kopf und Hals, stopfte Cleenex-T\u00fccher in meine Nasenl\u00f6cher \u2013 und h\u00f6rte auf zu atmen. Unter dem Tuch sperrte ich den Mund weit auf, versuchte kein Ger\u00e4usch und keine Bewegung zu machen, mit einem Wort \u2013 ich stellte mich tot. Wahrscheinlich schlief ich doch eine Weile, und als ich aufwachte und links von mir aus dem Fenster sah, stellte ich fest, dass wir uns schon \u00fcber russischem Territorium befanden, vielleicht auch erst am Zusammentreffen von Norwegen, Schweden und Finnland. Die Sonne stand noch immer genauso halbhoch wie beim Abflug in L.A., war aber heller, wir flogen ja nach Osten. 10 000 Kilometer unter mir eine Schnee- und Eislandschaft, einige dunkle Flecken an den Abh\u00e4ngen, helle Flecken, wahrscheinlich das offene Meer, es war ja noch Sommer, Anfang August \u00fcber dem Nordpol.<\/p>\n<p>Einmal dachte ich, den Schatten unseres Flugzeugs \u00fcber einen Schneeberg gleiten zu sehen, wahrscheinlich eine T\u00e4uschung oder ein Fiebertraum. Das muss die fast kreisrunde Bucht der Barentsee sein, Murmanks, Archangelsk, dann die Halbinsel Komi. Schlafen, tr\u00e4umen, Flug, Aufwachen, und im Blick nach unten \u2013 Nowaja Zemlja, das Franz-Josef-Land, von Payer und Weyprecht entdeckt und vermessen, einmal eine kuriose Au\u00dfenstation \u00d6sterreichs, eine doppelte Inselformation, \u00e4hnlich der von Neuseeland. Helden meiner Jugendb\u00fccher. Unter der Morgensonne eine nie gesehene Sch\u00f6nheit, die ich in diesen Stunden leider zu wenig genie\u00dfen konnte. Grad nur kurz im Ged\u00e4chtnis aufgezeichnet \u2013 hierher muss ich noch einmal zur\u00fcckkehren. Aber jetzt, bitte, nur noch steil nach S\u00fcden, nach Moskau, flehte ich die Piloten der Aeroflot im Geiste an.<\/p>\n<p>All die Galinas und Ljubas hinter mir schnarchten friedlich vor sich hin. Ich war gerettet. Die Taktik des Totstellens ist ja auch im Tierreich oft erfolgreich. Die Passagiere waren mit der bevorstehenden Ankunft besch\u00e4ftigt und k\u00fcmmerten sich nicht weiter um mich, und auch am Flughafen Sheremejewo II hielt mich keine Sanitarnaja Komissia fest. Keine vierw\u00f6chige GULAG-Quarant\u00e4ne, und im Weiteren blieb ich pumperlgsund, bis heute, nur die Aircondition-Unvertr\u00e4glichkeit ist mir geblieben.<\/p>\n<p>Ich nahm mir vor, diese Reise \u00fcber den Nordpol irgendwann noch einmal zu unternehmen, sicherheitshalber nicht mehr mit Aeroflot, denn ich bin \u00fcberzeugt, dass ich auf diesem Flug \u00fcber den Nordpol viel vers\u00e4umt habe. Und doch meine ich, dass ich zuerst zu den Hopis reisen und ihnen danken sollte, denn es war wahrscheinlich ihre Decke, die mich gerettet hat.<\/p>\n<p>Wien, 17.2.20<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 20029<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Tagen des Coronavirus habe ich mich selbst beobachtet: Wie ich in den \u00d6ffis immer h\u00e4ufiger den Impuls sp\u00fcrte, mich von Asiaten wegzusetzen, oder, den Schal bis zu den Augen hochgezogen, auf der Stra\u00dfe einen Bogen um sie zu machen. 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