{"id":10794,"date":"2020-02-07T08:45:54","date_gmt":"2020-02-07T08:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10794"},"modified":"2020-02-09T08:51:51","modified_gmt":"2020-02-09T08:51:51","slug":"xx-22","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10794","title":{"rendered":"Zustand, Erinnerung und Ausblick. Mein Nachdenken \u00fcber Emily."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10794&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10794&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>No Coward Soul Is Mine<\/em>: diese Zeilen, nein das ganze Gedicht der anderen, fr\u00fcher geborenen Emily werde ich an meiner bevorstehenden Beerdigung in diesem fr\u00fchlingsfreudigen Mai 1886 vortragen lassen. Man wird meinem letzten Wunsch entsprechen, obwohl er wohl bei den meisten von jenen, die mich zu kennen und an diesem Anlass nicht fehlen zu d\u00fcrfen meinen, ein Stirnrunzeln ausl\u00f6st, vielleicht ein unwilliges L\u00e4cheln hervorbringt. Solche gewaltig t\u00f6nenden Worte letztlich \u00fcber sie, die sich sensibel vor der Welt verbarg, in einer der Erinnerung geweihten Situation? Was soll in einem solchen Moment dieser in Worte gefasste Fremdk\u00f6rper? Nein, der bestimmende K\u00f6rper bin ich selbst, war ich selbst \u2013 wohl von zarter Gestalt, indessen unbeugsam in seinem Ausdruckswillen.<\/p>\n<p>Wer kannte mich schon, die ich, wie man wei\u00df, vornehmlich im Hause, ja im Zimmer lebte? Da sind, da waren der das Heim der Dickinsons in Amherst pr\u00e4gende politisch t\u00e4tige Vater und die Geschwister, also mein Anwaltsbruder mit der prachtvollen Schw\u00e4gerin, meiner Schulfreundin Susan, meine Schwester Lavinia, die nach wie vor um mich in unserer Wohnstatt lebt \u2013 sowie der eine oder die andere gute, freundliche, freundschaftliche, auch liebevoll mir geistig zugewandte Bekannte. Nun, ich schrieb einiges: Zahlreich sind meine Briefe, in denen ich dann nicht allzu viel von mir verbarg, f\u00fcgte ich ihnen eines meiner Gedichte bei. Ansonsten schrieb ergiebig ich nur f\u00fcr mich: Es d\u00fcrften weit mehr als tausend Bl\u00e4tter in etwa f\u00fcnfzig Manuskriptheften sein, die bei mir auf dem, in dem Pult liegen; fast nichts demnach wurde ver\u00f6ffentlicht. Rechne ich meine Umgebung nicht: Wer h\u00e4tte schon die Lyrik einer Frau wahrgenommen, gar gekauft: Soll ich hinter diesen Satz ein Ausrufe- oder ein Fragezeichen setzen?<\/p>\n<p>Ich zog mich zur\u00fcck von der Welt. Ich zog mich zur\u00fcck in mich. Freilich bedeutete das keine Weltferne. Ich nahm teil am Geschehen, gerade der gro\u00dfe grausame B\u00fcrgerkrieg besch\u00e4ftigte mich tief: Nicht dass ich k\u00e4mpferische Passagen verfasste, er wirkte hinein in meine rastlosen Gedanken \u00fcber die Begrenztheit des Lebens und die Sache dessen Endes selbst \u2013 mit, nein: in der Hoffnung, es bleibe vom einzelnen Menschen etwas Greifbares f\u00fcr die Nachwelt zur\u00fcck. Und: Der Liebe gleich, der stetig ich ebenfalls nachsann, von Mann und Frau, von Mann zu Frau und umgekehrt, einer Liebe, die sich \u00fcber die Grenzen hinaus verstr\u00f6men sollte, verlangt meine mich uneingeschr\u00e4nkt zum Ber\u00fchrtsein und Empfinden aufrufende Teilnahme kein feminin sittsames Betragen, kein weiblich zur\u00fcckhaltendes Auftreten, keine stille Bescheidenheit. Eine derartige, aus den starren Gesellschaftsregeln resultierende Haltung mag f\u00fcr das sich Auff\u00fchren in und au\u00dferhalb des Hauses Geltung besitzen. Bei welchem Benehmen, sollte ich nicht auffallen respektive wollte ich nicht anecken, ich eine bestimmte Rolle einzunehmen, sprich: im vorgegebenen Rahmen zu spielen hatte \u2013 wodurch in solchem Vollzug das Angepasste buchst\u00e4blich sich ver\u00e4u\u00dferlicht.<\/p>\n<p>Die innere Haltung ist eine ganz andere Sache: Hier verblasst, bin ich, wenn ehrlich, ganz bei mir selbst, die b\u00fcrgerliche, die puritanische, die kirchlich gepr\u00e4gte Soziet\u00e4t, wird zu Schattierungen des Gef\u00fchlten, wenn nicht gar zu immer st\u00e4rker verblassenden Schatten degradiert. Hier ist die ewig kindliche Emotion erlaubt, das ewig kindliche Fragen ja Nachfragen angebracht, das ewig kindliche Aufbegehren legitim: im steten Verlangen erneut, neu aufbrechen zu k\u00f6nnen: wie im buntfrohen Aufbl\u00fchen die Natur, welche mir in ihrer auf Entdeckung wartenden Sinnhaftigkeit unendlich viel bedeutet; wie zu kaum bekannten, dunstig gr\u00fcnen oder graubraunen Ufern, welche das Empfinden bereith\u00e4lt; wie in die herrliche fr\u00fche Helle oder die sanfte abendliche K\u00fchle eines Maientags, wie in die angesichts der ungebunden strahlenden F\u00fclle des die Jahreszeiten zusammenfassenden Indian Summer ausschwingende Seele: <em>Not knowing when the Dawn will come, \/ I open every Door, \/ Or has it Feathers, like a Bird, \/ Or Billows, like a Shore \u2013 <\/em>Doch ich formulierte ebenso: <em>It would never be Common \u2013 more \u2013 I said \u2013 \/ Difference \u2013 had begun \u2013 \/ Many a bitterness \u2013 had been \u2013 \/ But that old sort \u2013 was done<\/em> \u2013 Mein geistlicher Freund, inzwischen weit entfernt, weil hin\u00fcber an den Pazifischen Ozean \u00fcbersiedelt, und die meisten all der anderen h\u00e4tten wohl in dieser verknappten Struktur, in diesen Auslassungen, im frei gelassenen Schluss kaum das zum Weiterspinnen Aufgegebene, nur eine zumindest zum Teil ins Stocken geratene, reduzierte Beobachtung empfunden: nicht aber den Ausdruck einer eindringlichen Suche nach klarer Festigkeit.<\/p>\n<p>Und ich ahne, nein ich wei\u00df es, auch in Zukunft werden, nach der mutma\u00dflichen Publikation meiner Texte, viele Leser dieses Gebaren einer emanzipierten Bestimmtheit nicht nur schwerlich begreifen, sondern zugleich im umgekehrten Sinn r\u00e4tseln, welche Beziehung sich darin ausdr\u00fccken sollte, dabei namentlich werwei\u00dfend, welcher Mann, welche Frau angesprochen sein m\u00f6chte. Im Bewusstsein, wie sehr die Lyrik, wie sehr meine Poetik in der Verdichtung vieles in Andeutungen verborgen, Geheimnisvolles undeklariert l\u00e4sst, wie sehr Empfindungen, selbst wenn in unmissverst\u00e4ndlichen Ausdr\u00fccken vorgelegt, in einer Echowirkung zugleich verst\u00e4rkt zur\u00fcckkommend wie abgeschw\u00e4cht verhallend aufscheinen \u2013 muss ich l\u00e4cheln: Bleibt doch mein Formuliertes offen, so offen, dass ich oft und gerne auf das Geschriebene zur\u00fcckgreife, um es zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>No Coward Soul Is Mine<\/em>: Durch diese mir eigene Kraft einer ebenso vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden wie Ungewohntes aufwerfenden, vermeintlich hart anmutenden Verk\u00fcrzung wird: \u201eWar ihr, unerkannt, ein wildes, gar ein geheimes rebellisches Wesen eigen?\u201c, \u00a0man wom\u00f6glich fragen, nimmt man sich dereinst meine Gedichte vor. Ja, bis hin\u00fcber zum Pazifik ist der Wilde Westen hinausgezogen, von dem mich eine mittlerweile ver\u00e4nderte Welt zu trennen scheint. War hier im Staate Massachusetts jemals ein Westen, den es lohnte zu bezwingen? Ich erlaube mir die Gegenfrage, was denn ein S\u00e4kulum sei? Hundert Jahre vor meiner Geburt entstand an diesem Ort im Indianerland die erste Siedlung in einer, wie wir heute sagen w\u00fcrden, romantischen Landschaft mit hohen Erhebungen, mit tiefen Farben und ausgreifender Sicht.<br \/>\nEin Rundumblick, stieg ich, wenngleich selten, hinauf. Dann allemal meinte ich ihn zu schmecken \u2013 den Anhauch der Weite, welcher die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten ebenso wie die menschlichen Eingriffe enth\u00e4lt, vom Rauch der Feuer dort drau\u00dfen seit alters her bis zum Rauch der Industrie aus j\u00fcngster Zeit unter mir \u2013 jene Luft, welche berichtet von den Interventionen der letzten Generationen in der N\u00e4he, doch zugleich von dem fernen Geschehen in der Zeit und im Raum eines vermeintlich freien Lands.<br \/>\nDer Atem der Vergangenheit ist nicht mehr direkt fassbar: Wo sind sie hin, die Indianer und die Siedler, die Sp\u00e4her und die K\u00e4mpfer ebenso wie die Aufbauenden und die Kultivierenden? Ja, in meinem Sehnen \u00fcberwinde ich die Vergangenheit, sp\u00fcre ich die Unendlichkeit, obgleich der Weg zu ihr durch die starken Umformungen erschwert, wenn nicht verbarrikadiert ist \u2013 w\u00e4re da nicht das stete kleinteilige Leben, das in seinem Tagwerk nachweist, wie Grenzen den Tr\u00e4umen gleich \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen: <em>To make a prairie it takes a clover and one bee, \/ One clover, and a bee, \/ And revery. \/ The revery alone will do, \/ If bees are few \u2013<\/em><\/p>\n<p>Das eine ist die Prairie, ihr Gegenpol die See; ich kann sie, so ich wollte, erreichen im Atlantik, er liegt nicht allzu entfernt von hier. Ihn mir zu vergegenw\u00e4rtigen, gen\u00fcgt derweil meine Erinnerung und meine Phantasie \u2013 ewig bewegt in ein rauschendes Hinaus, das sich mittels der Horizontlinie wieder zu uns zur\u00fcckbeugt: <em>Land, ho! Eternity! \/ Ashore at last! <\/em>Nicht nur hierbei, in einer R\u00fcckkoppelung, mir seit unendlichen Kindheitstagen vertraut, fuhr ich fort: <em>There is no Frigate like a Book <\/em>\u2013<em> \/ To take us Lands away<\/em> \u2013<\/p>\n<p><em>I dwell in Possibility \/ A fairer Hause than Prose<\/em>: Selbst wenn ich letztlich doch nicht alles niederschrieb von den Stimmen, T\u00f6nen, Worten, denen ich in mir nachging \u2013 es soll, es wird von meinen be-, von meinen verarbeiteten M\u00f6glichkeiten gleichwohl etwas bleiben. Da ist sie, die Stimme des Ewigen von vor der Zeit bis \u00fcber die Zeit hinaus, wie, um darauf zur\u00fcckzukommen, unser Indian Summer in seiner Endlosigkeit \u00fcber die H\u00f6hen und T\u00e4ler das Wesen des Ganzen enth\u00e4lt, Kraft und Verg\u00e4nglichkeit, Reichtum und Vergehen, Zusammenbruch der Farbf\u00fclle und Aufbruch zu erneuertem Leben. Er ist als die wichtige Alternative zum, ich sprach es an, von mir gleich stark empfundenen Fr\u00fchlingserwachen seinerseits nur in seinem Erscheinen zu erkennen; da galt es dann: <em>The low Grass loaded with the Dew \u2013 \/ The Twilight stood, as Strangers do \u2013 \/ With Hat in Hand, polite and new \u2013 \/ To stay as if, or go<\/em> \u2013 Was ist fremd, was bleibt uns fremd? Was ist gewohnt, was steigt nur aus uns hervor? Was bleibt, was vergeht? <em>We never know we go when we are going \/ We jest and shut the Door \/ Fate \u2013 following \u2013 behind us bolts it \u2013\u00a0\/ And we accost no more \u2013<\/em>\u00a0Nicht nur das Schreiben, auch das Erkennen ist, ich begriff es wohl, ein einsamer Prozess.<\/p>\n<p>Gleichwohl, allein f\u00fchlte ich mich niemals: Die Religion gab mir den sicheren Standort. Es ist nicht mehr genug Platz und Zeit, Genaueres auszuf\u00fchren, die Thematik ist ohnehin schlussendlich unerh\u00f6rt pers\u00f6nlich, nur dem, der Einzelnen eigen. Jedoch ich wusste immer: Gott sah mich! Indes, welcher Gott? Ich komme auf mein Wunschgedicht zur\u00fcck: <em>O God within my breast \/ Almighty ever-present Deity \/ Life, that in me hast rest, \/ As I Undying Life, have power in Thee<\/em> hei\u00dft es dort in der n\u00e4chsten Strophe. Ja, diese zweite, nein: Diese erste Emily schrieb es mir vor einem Vierteljahrhundert bereits aus dem Herzen. So ist Er, obgleich nicht greifbar, mithin hier, findet Raum selbst in der Enge des Zimmers mit Bett und Pult, weil in meinem das Umfassende des Seins suchenden Gem\u00fct. Ich formulierte die Erkenntnis st\u00e4rker von einem scheinbaren Punkt au\u00dferhalb meiner Person: <em>Prayer is the little implement \/ Through which men reach \/ Where presence is denied them<\/em>. Wobei ich betonen m\u00f6chte, Er neigte sich mir pers\u00f6nlich zu, zu mir, wandte sich nicht zuletzt zu mir auch als bewusst weiblich empfindendem Wesen.<\/p>\n<p>Ach Emily Bront\u00eb, so vieles Weiteres verbindet uns, hingesehen oder besser: hingelesen. Wir ben\u00f6tigen keinen Wechsel: Der unaufhaltsame Wandel ist ja, wenngleich f\u00fcr uns auf fester Grundlage, stets um und in uns. Die Farbe deines dortigen Moors und meiner weiten W\u00e4lder. Die Verbundenheit mit dem in allem Kreat\u00fcrlichen zu ersp\u00fcrenden Leben \u2013 das \u00fcber sich hinausweist \u2013 im immerw\u00e4hrenden Kreislauf \u2013 der ewige heraufziehende Nebel \u2013 ich \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">ver\u00f6ffentlicht in: Literarisches \u00d6sterreich 2020\/2\u00a0 \u00abFreiheit\u00bb, S. 93-97<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 20018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>No Coward Soul Is Mine: diese Zeilen, nein das ganze Gedicht der anderen, fr\u00fcher geborenen Emily werde ich an meiner bevorstehenden Beerdigung in diesem fr\u00fchlingsfreudigen Mai 1886 vortragen lassen. 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