{"id":1077,"date":"2014-03-15T13:49:17","date_gmt":"2014-03-15T13:49:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1077"},"modified":"2014-03-25T12:58:51","modified_gmt":"2014-03-25T12:58:51","slug":"irgendwie-jedenfalls","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1077","title":{"rendered":"Irgendwie jedenfalls"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1077&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1077&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><i>Willkommen, der Herr!<br \/>\nIch hoff\u2019, du findest, was wir alle nur suchen.<\/i><\/p>\n<p>Paul sah seinem Liptauerbrot in den Brillengl\u00e4sern seiner Oma beim Zerkautwerden zu. Er mochte das, wie es ihr davor grauste, wie sich ihr Gesicht dabei beim Wegdrehen die ganzen Falten auszog. Gut f\u00fchlte sich das an in den Zehenspitzen, das ganze, und Pauls F\u00fc\u00dfe tanzten dazu unterm Tisch einen Tanz ohne Eins-und-zwei-und-eins-und-zwei, und er lachte mit den Augen. Da dr\u00fcber, wie seiner Oma die lilanen Haare vor dem zergatschten Liptauerbrotbrot auf seiner Zunge bis nach hinter die Ohren flohen, dr\u00fcber, wie sich ihre Lippen spitzten zu einem stummen W\u00e4h. Und \u00fcberhaupt. Wie ihr die Runzeln dann sofort danach gleich wieder von hinter den Ohren zur\u00fcck um die Nase schnalzten, das war schon einfach lustig zum Anschau\u2019n. Da wackelte davon der Oma ja der ganze Kopf hin und her wie ein Flummi, der zwischen zwei W\u00e4nden nicht auskann.<br \/>\n\u201eMit offenem Mund isst man nicht!\u201c<br \/>\nEs war einfach nur lustig zum Anschau\u2019n.<br \/>\nUnd ja.<br \/>\nUnd warum da dann niemand mit offenem Mund essen wollte, wenn die Oma dabei so lustig zum Anschau\u2019n war, da konnte sich Paul nur noch wundern. Wahrscheinlich, dachte er, weil die alle schon zu alt waren oder sowas. Zu alt vielleicht schon, um sich noch zu erinnern dran, wie lustig ihre eigene Oma wegen so was Harmlosem wie einem zergatschten Liptauerbrot nur herumtun hat k\u00f6nnen.<br \/>\nNaja.<br \/>\nSeine Oma war ja auch leider nicht immer dabei beim Heurigen.<br \/>\nNicht so wie jetzt, wo sie die Zwiebel mit ihren d\u00fcnnen langen Fingern von ihrem Grammelschmalzbrot runter klaubte, und dann die runter geklaubten Zwiebel dem Opa auf seins oben drauf klatschte, was auch nicht ganz ungrauslich war eigentlich.<br \/>\nAber ja.<\/p>\n<p>Und Paul hatte ja auch nicht nur gern den Mund offen beim Kauen, er schielte ja auch gern, halt nicht mit so viel Erwachsenen rundherum.\u00a0 Schielen, das tat er dann nur daheim, halt allein in seinem Zimmer, tief und fest, und so weit es nur ging. Ja, so weit schielte Paul da, dass er sich so oft schon so sicher gewesen war, die Augen w\u00e4ren ihm jetzt sicher schon stecken geblieben, und wie er sich schon darauf freute. Wie lustig das dann ausschau\u2019n w\u00fcrde, so, am Klassenfoto, und keiner h\u00e4tte ihm dann mehr sagen k\u00f6nnen, er soll g\u2019f\u00e4lligst jetzt wieder normal schau\u2019n jetzt, so wie die Frau Lehrerin letztes Jahr. Nein, das passierte ihm nicht noch einmal, aber sicher nicht. Wie bl\u00f6d er dann erst drein geschaut hat, wie er vor lauter Konzentrieren aufs Normalschauen dann kurz vorm Blitzlicht erst drauf gekommen war, dass er gar nicht wirklich wusste, wie Normalschauen geht \u00fcberhaupt.<br \/>\nGanz bl\u00f6d hatte Paul da drein geschaut deshalb.<br \/>\nUnd nie wieder.<br \/>\nUnd da schielte Paul ja lieber, f\u00fcr immer und ewig von ihm aus, da kannte er sich dann wenigstens aus wenigstens.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nSeine Augen, die wollten und wollten ihm beim Schielen aber eh nicht und nicht stecken bleiben. Und das, obwohl ihm der Kopf schon manchmal ordentlich weh getan hat vom Schielen dauernd. Aber trotzdem. Egal, wie lang und wie fest und wie ernst er auch seine Nase von beiden Seiten gleichzeitig angeschaut hatte ausf\u00fchrlichst, sobald er dann damit aufh\u00f6rte, waren seine Augen sofort wieder zur\u00fcck geh\u00fcpft in die Mitte. In die Mitte zur\u00fcck geh\u00fcpft waren die schon, bevor er im Spiegel \u00fcberhaupt erst wieder irgendwas scharf sehen hat k\u00f6nnen irgendwie, wie verhext.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nNaja.<br \/>\nMit dem Spiegel war das ja auch so eine Sache.<br \/>\nSeine Mamma, die sich da grad an ihrem K\u00fcmmelbraten verkutzte, die hatte ja behauptet, wenn er zu lang da rein schaut, dann w\u00fcrde der Teufel irgendwann da drin auftauchen, und ihm dann b\u00f6s\u2019 entgegen schau\u2019n. Mit seinen H\u00f6rnern und mit seinem einen Huf, und dem Schwanz auch, aber wie lang wollte der Teufel sich eigentlich daf\u00fcr genau Zeit lassen genau? So lang wie ein Jahr, oder was? Weil einmal war Paul ja schon fast den halberten Tag vorm Alibert im Badezimmer auf dem rosa Plastikschemel gestanden und hatte auf den Teufel in den zwei Spiegelt\u00fcren gewartet, aber er wollte und wollte nicht rauskommen aus seinem Versteck. Paul hatte da ja so einige Fragen. Zum Beispiel, wie er das ganze Jahr lang brav sein sollte, wenn seine Mamma ihm immer das Allerlustigste verbot dauernd. Und er zum Bravsein sich ja da dran halten musste, oder? Oder wie die Belohnung f\u00fcr das ganze nur drei kleine Schoko-Nikolos sein konnten und sonst lauter Mandarinen und Erdn\u00fcsse? Oder warum er die alle diesmal auch bekommen hat, obwohl er gar nicht brav gewesen ist das ganze Jahr?<br \/>\nWie konnte das sein, bitte?<br \/>\nDa stimmte doch etwas nicht.<br \/>\nUnd Paul hatte dann ja auch schon angefangen, nach dem Teufel zum Suchen vor lauter Warten. Nach fast dem halberten Tag Reinschau\u2019n dann, im Allibert drinnen, zwischen den ganzen Zahnpastas und Dings und Spr\u00fchdingern, aber selbst ein noch so klitzekleines Irgendwas zum Reinkommen in die Spiegel war nirgenst zu finden da hinten. Aber der Teufel, der musste doch aber dort irgendwie rein kommen dort, und sp\u00e4ter wieder raus dann, nur war da nichts in den zwei Spiegeln drin, das Paul auch nur irgendwie gro\u00df genug vorgekommen w\u00e4re, damit der Teufel da durchpasste irgendwie. Und der konnte ja auch nicht im Spiegel bleiben, f\u00fcr immer, der Teufel, weil wenn der Nikolo dann wieder kommt im Dezember, da musste der ja mit seiner Rute hinter dem Nikolo dann vor der Haust\u00fcr steh\u2019n. Wie sollte das dann bitte gehen bitte, wenn der auf ewig im Spiegel da feststeckt und nicht rauskommt, wenn\u2019s dann drau\u00dfen klingelt an der T\u00fcr?<br \/>\nWie bitte?<br \/>\nAber ja.<br \/>\nPaul verstand das nicht.<br \/>\nEr verstand auch nicht, warum sein Papa fragte, \u201eWos is\u2019 da jetz\u2019 mit da Kellnarin?\u201c, weil die eh da dr\u00fcben war und grad jemand anders bediente.<br \/>\nNaja.<\/p>\n<p>Paul schluckte aber auch gern Kaugummis.<br \/>\nJa, und seinen Magen verkleben, das w\u00e4re doch schon einmal was gewesen, oder? Da w\u00fcrden dann alle schau\u2019n, wenn er mit dem Kaugummi dann Blasen machen k\u00f6nnte, noch mit was anderem als mit dem Mund. Also so stellte Paul sich das halt vor so beim Kaugummischlucken. So in die Hocke gehen und die Hose runter und dann, dann h\u00e4tte das ja auch was Gutes gehabt dann. Da h\u00e4tte es dann ja nicht nur mehr gestunken vielleicht, wenn wieder mal hinten was raus muss. Da w\u00fcrde dann allen auch der Bauch vielleicht wehtun vor lauter Lachen, wenn Paul da eine Kaugummiblase von hinten dann raus kommt. Und wenn einem der Bauch wehtut vor lauter Lachen, ja, das war ja dann auch das einzige Wehtun, das sich irgendwie auszahlt, oder?, nur Pauls Magen verklebte und verklebte sich nicht. Nicht bei einem, nicht bei zwei, und auch nicht bei allen Kaugummis da in der Stange drin, und Paul begann dann schon dran zu zweifeln ein bissi, ob das geht \u00fcberhaupt mit dem Magenverkleben. Wie viel Kaugummis sollte er denn da jetzt noch schlucken daf\u00fcr genau? Wie viele? Einer sollte doch reichen und schwupps w\u00e4r\u2019 sein Magen verklebt, hat sein Papa gesagt zumindest mit dem Zeigefinger oben, aber jetzt?<br \/>\nIrgendwas musste Pauls Bauch da wohl nicht richtig verstanden haben irgendwie.<br \/>\nUnd nicht nur das mit dem Kaugummischlucken.<\/p>\n<p>Auch das mit den Kirschkernen.<br \/>\nWenn er die n\u00e4mlich einfach so schlucken w\u00fcrde anstatt ausspucken, da w\u00fcrde dann ein Kirschbaum aus ihm rauswachsen, hat sein Opa erz\u00e4hlt, und Paul hatte es ja kaum noch erwarten k\u00f6nnen. Ein Kirschbaum, so aus ihm raus, das w\u00e4re ja praktisch gewesen. Da h\u00e4tte er ja dann ganz umsonst ganz viele Kirschen gehabt, und mit all seinen Freunden dann teilen k\u00f6nnen. Und Paul hat dann gewartet und gewartet, und jeden Tag in der Fr\u00fch im Nabel drin nach den \u00c4sten gesucht, aber aus dem Kern in seinem Bauch wollte irgendwie kein Baum werden. Wie konnte das sein \u00fcberhaupt? In Sachgeschichte hatte Paul ja grad erst lernen m\u00fcssen, dass so ein Baum aus den Kernen kommt, aber vielleicht war es in seinem Bauch drin ja auch zu gem\u00fctlich und zu warm zum Rauskommen. Vielleicht wollte der Baum ja eben nur deshalb nicht aus ihm raus, so wie er normal selbst nicht von unter der Decke raus wollte, wenn seine Mamma ihn aufweckte in der Fr\u00fch und es war schon wieder Mathematikschularbeit gleich in der ersten Stunde. Aber bei den Kirschkernen, da war f\u00fcr die da ja aber gar kein Grund zum Rechnen, die h\u00e4tten ja dann auch als Baum niemals zu drei vier dazuz\u00e4hlen k\u00f6nnen m\u00fcssen. Die h\u00e4tten sich ja keine Sorgen machen m\u00fcssen, dass dann beim Zur\u00fcckbekommen dann wieder alles ganz rot durchgestrichen daher kommt, die h\u00e4tten ja nur Kirschen machen m\u00fcssen, und die hat ja eh jeder gern.<br \/>\nPaul kratzte sich am Kopf.<br \/>\nNaja.<br \/>\n\u201eEin Acht\u2019l noch!\u201c, sagte sein Papa.<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich auch\u201c, seine Mamma.<br \/>\n\u201eUnd f\u00fcr mich\u201c, der Opa.<br \/>\n\u201eAlso drei insgesamt?\u201c<br \/>\nUnd von der Oma ein \u201eJa\u201c.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nVielleicht machte Paul ja auch einfach nur irgendwas falsch.<\/p>\n<p>Wie, wenn er seine F\u00fc\u00dfe nicht g\u2019scheit hob beim Spazierengeh\u2019n. Noch nie war er dabei gestolpert \u00fcber den Randstein, und noch nie war Paul dabei unabsichtlich pl\u00f6tzlich im Donaukanal, weil er das Ende vom Kai \u00fcbersehen hatte vom Indieluftschau\u2019n. Paul war ja auch nicht bl\u00f6d. Er wusste ja immer, dass da links oder rechts dann das Wasser kam, und er konnte ja auch gleichzeitig in die Luft schau\u2019n und gleichzeitig noch wissen, wo er gerade war. Und au\u00dferdem: Was wenn da ein Vogel pl\u00f6tzlich da \u00fcber ihn dr\u00fcber geflogen w\u00e4re und er das nicht mitbekommt? Oder eine Wolke, die nach irgendwas ausschaut? Oder sonst was Wichtiges? Der Beton vom Gehsteig, der war ja eh immer gleich, den kannte Paul ja schon auswendig. Und, ja, und zweitens war ja dann da auch so ein Gef\u00fchl immer. So eins, das Paul bis jetzt immer gleich dann verraten hatte, wenn irgendwas komisch war. Wenn er den n\u00e4chsten Schritt lieber nicht macht, bevor er nicht vorher schaut, ob da \u00fcberhaupt noch ein Boden war vor ihm da vorn, ob da schon nur noch Luft war, oder nicht.<br \/>\nAlso eigentlich ganz einfach alles.<br \/>\nNoch nie war Paul was Schlimmes passiert beim Spazierengeh\u2019n.<br \/>\nNoch nie.<\/p>\n<p>Und auch wenn Paul mit der Schere daheim durch die Wohnung rannte, hatte er sich da noch nie damit aufgespie\u00dft, so wie seine Mamma ihm das dann immer gleich nachbr\u00fcllte. Noch nicht einmal nur ein bissi geschnitten irgendwo hatte Paul sich dabei, kein einziges Pflaster hatte \u00fcberhaupt je einmal erst aus der Verpackung kommen m\u00fcssen wegen dem Herumrennen mit der Schere. Paul rannte ja auch nicht einfach nur mit der Schere herum, weil ihm grad so fad war. Er musste da ja immer schnell irgendwo hin und irgendwas aus- oder abschneiden, und Paul rannte ja nicht wie ein Irrer. Er rannte ja nur so schnell, dass er noch stehen bleiben konnte, falls da ein Hindernis war auf einmal in der Kurve nach der K\u00fcche, und selbst wenn. Selbst wenn er \u00fcber irgendein pl\u00f6tzliches Chaos da dr\u00fcber geflogen w\u00e4re pl\u00f6tzlich, er rannte ja so und so immer mit der Schere nach unten in der Faust. So, dass die Spitze, die ihn ja aufspie\u00dfen h\u00e4tte k\u00f6nnen sollen, einen Polster aus Fingern drumherum hatte, also wenn er sich da so damit aufspie\u00dfte, dann war da sowieso kein Weg dran vorbei wahrscheinlich. Da h\u00e4tte er auch in Zeitlupe die Schere irgendwo drin stecken gehabt, und da war ja das Rennen dann ja gar nicht der Grund dann f\u00fcrs Aufspie\u00dfen am Schluss.<br \/>\nDaweil aber noch kein Blut und gar nichts.<br \/>\nNaja.<br \/>\nDie Kellnerin machte drei Stricherl dazu auf den Zett\u2019l und steckte ihn zur\u00fcck in sein Glas und dann \u201eProst!\u201c.<br \/>\nAber ja.<\/p>\n<p>Und dasselbe in gr\u00fcn mit dem Nasebohren. Gehei\u00dfen hatte es ja, dass Paul die Nasenl\u00f6cher davon ausleiern w\u00fcrden, ganz gro\u00df w\u00fcrden die werden, und er dann auch h\u00e4sslich. Und Paul hatte gebohrt und gebohrt und gebohrt, aber nichts, trotzdem passte da noch nicht einmal der Mittelfinger noch rein in die Nasenl\u00f6cher, egal, wie sehr er ihn auch reindr\u00fcckte von unten. Und das gro\u00dfe Ziel war ja der Daumen eigentlich. Der, der ja noch um einiges gr\u00f6\u00dfer war als der Mittelfinger, und, weil mit dem Daumen in der Nase bohren, das hatte Paul sich ja auch schon ganz lustig vorgestellt. Vor allem jetzt zum Beispiel, wieder was Neues zum Grausen f\u00fcr die Oma, nur war da noch immer nicht Platz genug in seiner Nase drin, und das wurmte ihn. War da was falsch mit seiner Nase?, so dachte er, und ob da ein Arzt besser reinschaut? Vielleicht war da ja schon was drin in seiner Nase, was, das Paul sich beim Nasebohren langsam immer noch weiter nach oben bohrte, und irgendwann rein in den Kopf von ihm. Vielleicht. Vielleicht ja der eine kleine Lego-Stein von der Ritterburg, den er nirgenst mehr finden konnte. Vielleicht hat sich der ja da in der Nase versteckt in der Nacht irgendwann, und ja, aber im Kopf konnte Paul den ja ganz sicher nicht brauchen, oder? Der war ja f\u00fcr ganz oben, oben am linken Turm von der Ritterburg, und sein Kopf war ja nur f\u00fcrs Gehirn gedacht. Und wer wusste denn, was da was anderes als ein Gehirn alles anstellen konnte, so in seinem Kopf drinnen, wusste das wer \u00fcberhaupt?<br \/>\nWusste das wer?<br \/>\nWahrscheinlich nur Leute mit Lego-Steinen im Kopf oder sowas.<br \/>\nNaja.<br \/>\n\u201eUnd ja. Also ja, und heutzutage. Aber wirklich!\u201c<br \/>\nSein Opa nickte seinem Rotwein zu, als w\u00fcrde da wer drin ertrinken irgendwo und er w\u00fcnscht ihm dabei viel Gl\u00fcck.<br \/>\nAber ja.<\/p>\n<p>Aber Paul schaute ja auch genau so \u00e4hnlich, wenn er sich seine Augen eckig machen wollte endlich. Aber die Augen schon wieder. Die, die ihm zuerst beim Schielen nicht und nicht stecken bleiben wollten, und eckig wollten sie auch nicht werden anscheinend. Wie als h\u00e4tten seine Augen irgendwas gegen alles, wie als w\u00fcrde er sie nicht gut genug f\u00fcttern oder so. Weil ganz nah, wirklich knapp, fast mit der Nasenspitze ist Paul ja schon angesto\u00dfen am Glas vorn am Fernseher, aber egal, wie lang er auch zu nah am Fernseher nichts mehr vom Fernseh\u2019n gesehen hatte, seine Augen, die waren immer noch rund. Ganz rund, und nur in den Ecken spitz, aber die spitzen Ecken waren ja auch vorher schon da immer und da war ja dann nichts allzu viel neu dann an dem. Aber die anderen Ecken. Die anderen Ecken, die wollten und wollten nicht und nicht raus kommen von irgendwo anders aus seinen Augen, auch nach vier Folgen Bravestarr nicht. Dabei w\u00e4ren eckige Augen doch ein bissi einmal was anderes gewesen einmal, aber eh trotzdem immer noch Augen. Und was war denn da \u00fcberhaupt so schlimm dran eigentlich an so eckigen Augen? Weil rund oder eckig, das war ja nur, wie Sachen nur ausschau\u2019n, und das war ja egal dann, wenn sonst alles gleich war, oder? \u00dcber eckige Eier, da w\u00fcrde sich ja auch keiner beschweren kommen, dachte Paul sich mit einem sprudelnden Soletti im Almdudler, und dann ist Schluss endlich mit dem ewigen Davonrollen wegen dem Rundsein. Und, ja, und dann entkommt auch seiner Mamma nie mehr ein Ei vom Schneidbrett und platsch. Weil so ein rohes Ei da zwischen den Fliesen zum Rausbekommen, das war ja auch nichts, was irgendwer gern macht, und sowieso:<br \/>\nWas war da jetzt so schlecht an so eckigen Augen?<br \/>\nK\u00f6nnen die sich dann eckig nicht mehr dreh\u2019n, oder was?<br \/>\nOder gehen die dann nicht mehr so sch\u00f6n zu dann?<br \/>\nOder nicht mehr so leicht?<br \/>\nNaja.<br \/>\n\u201eWas isn mit da Kellnarin scho wieda?\u201c<br \/>\nAber ja.<\/p>\n<p>Paul kam da einfach nicht dahinter, wo da genau das Problem sein sollte, aber das war er ja schon gewohnt langsam. Nichts wollte so einfach gehn, wie die ganzen Erwachsenen das dauernd so sagten ganz einfach, und auch das Wetter gehorchte Paul nicht. Und drei Tage, drei ganze lange Tage hintereinander hatte er ja extra deswegen absichtlich beim Essen immer zumindest ein bissi was stehen lassen. Und bei den Erbsen am Montag, da war ja das noch wie bei den Fliegen und dem tapferen Schneiderlein, aber beim Schnitzel gestern, wie er da die drei Pommes, also, und nur damit es morgen dann endlich endlich regnet, und Paul mit seinen neuen Gummistiefeln dann endlich endlich in die erste Lacke reinh\u00fcpfen kann. Weil seit \u00fcber eine Woche sind die ja jetzt schon leer im Vorzimmer herum gestanden und haben sich fadisiert. Die Gummistiefel, sch\u00f6n gelb, und mit Marienk\u00e4fern drauf, und noch nie hatte Paul die anziehen d\u00fcrfen, weil, wie zuflei\u00df, war es seit dem ja sch\u00f6ner als sch\u00f6n gewesen. Und wieder nur Sonne wieder. Und, ehrlich gesagt, hatte Paul sich da schon ein bissi mehr erwartet von seinem Pommes-Opfer da gestern. Weil es war ja fast, dachte er, als g\u00e4b\u2019 es da jemand irgendwo, der da dauernd extra-extra-genau seinen Teller abschleckt, weil der vielleicht neue Sandalen bekommen hat, und keine Gummistiefel. Und Sandalen konnte man sich ja nicht anziehen, wenn es Lacken gab drau\u00dfen, aber irgendwann musste Paul doch auch irgendwann dran sein, oder? Sonst w\u00e4r\u2019 das ja alles unfair alles, und wie viele Leute konnten sich \u00fcberhaupt da dauernd neue Sandalen kaufen im Herbst? Oder kurze Hosen. Oder vielleicht gab es da aber ja auch so Regeln daf\u00fcr, also so, wie er die Erbsen mit der Gabel von sich wegschieben h\u00e4tte m\u00fcssen, damit das Stehenlassen f\u00fcrs Wetter erst gilt vielleicht. Aber wo war dann genau, wo dann drin stand, wie das alles jetzt geht genau? Und warum hatten seine Eltern dann so viel Angst vor dem, dass es morgen schirch wird, wenn Paul von seinem Essen was \u00fcberlasst, wenn er eh gar nicht wusste, wie man das richtig macht.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nSo war das halt.<br \/>\nNichts wird einem g\u2019scheit erkl\u00e4rt richtig, und seine Oma zeigte auf und rief, \u201eZahlen bitte!\u201c, obwohl es schon so ausgeschaut hatte, als h\u00e4tten alle andren viel lieber noch was bestellen wollen.<br \/>\nNaja.<\/p>\n<p>Paul hatte ja auch noch nie herausgefunden, wer da grad an ihn dachte, wenn er grad wieder Schluckauf hat. Und das war gar nicht so sch\u00f6n manchmal. Und er hat ja immer seine gro\u00dfe Schwester meistens gleich in Verdacht gehabt, \u00fcberhaupt, wenn das Schluckauf dann \u00fcberhaupt nicht mehr weggehen wollte, und sie ihn deswegen auslachte mit ihrer Zahnspange. Da konnte er dann noch so viel die Luft anhalten, und kaum dachte Paul sich, es w\u00e4re vorbei endlich, fing alles nur wieder von vorne an. Und das war dann sowas, das irgendwie komisch war. Weil es war ja dann auch so, dass das Schluckauf ja dann das Einzige war, woran Paul \u00fcberhaupt noch denken konnte, also dass es aufh\u00f6rt endlich. Aber wenn er jetzt an das Schluckauf dachte, bekam ja das Schluckauf dann auch davon Schluckauf, oder nicht? Vielleicht hatte seine Schwester ja schon l\u00e4ngst wieder aufgeh\u00f6rt, da komisch an ihn zu denken, und sein Schluckauf borgte sich nur seinen K\u00f6rper aus. Ja, weil ja das Schluckauf ja selbst keinen K\u00f6rper hat so wirklich, aber Schluckauf haben musste, weil Paul selbst ja wieder nur an sein Schluckauf dachte beim n\u00e4chsten Versuch mit dem Luftanhalten.<br \/>\nIhm war das aber alles ja schon viel zu kompliziert schon.<br \/>\nEr h\u00e4tte das ja auch viel lieber gehabt, wenn das Schluckauf halt einfach da war manchmal, und es niemand geben h\u00e4tte m\u00fcssen, der da schuld dran war, nur weil er an irgendwas dachte.<br \/>\nNaja.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nSo ging das halt nicht.<\/p>\n<p>Genauso wenig, wie es nicht ging, dass Paul ins Bett machte. Ja, gut, absichtlich w\u00e4r\u2019 das schon locker gegangen irgendwie, aber ins Bett macht ja niemand einfach so nur zum Spa\u00df, oder? Da wird ja dann alles kalt am Bauch und so unten herum, und wenn seine Mamma dann das Bett abziehen kommen muss mitten in der Nacht dann, da war dann ja sowieso alles, also. Da konnte sich Paul ja noch gut dran erinnern, wie das war damals mit den Blicken und allem, aber jetzt war er ja schon gr\u00f6\u00dfer als fr\u00fcher, und trotzdem: In die Kerze reinschau\u2019n durfte er immer noch nicht. Weil er dann ja ins Bett machen w\u00fcrde, von seinem Papa aus, was aber nie passierte. Alles trocken beim Aufstehen, da konnte er noch so lang reinschau\u2019n in die Kerze beim Heurigen jetzt, w\u00e4hrend drum herum sich niemand vom anderen einladen lassen wollte.<br \/>\n\u201eNein, kommt ja \u00fcberhaupt nicht in Frage! Komm, Ewald! Wir zahlen!\u201c<br \/>\n\u201eKommt ja gar nicht in Frage! Da Opa und ich zahlen, und Ende der Diskussion!\u201c<br \/>\nNaja.<br \/>\nPaul trank mit seinem Strohhalm daweil noch den lautesten Rest aus von seinem Almdudler, weil er ja wusste, dass seine Mamma dann nur wieder so tun w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eAuf dreihundert!\u201c<br \/>\nMit Trinkgeld und allem.<br \/>\nUnd Paul sa\u00df da auf der Heurigenbank und schaukelte mit den F\u00fc\u00dfen. Hin und her und hin und her, w\u00e4hrend der Opa der Kellnerin das Geld hinhielt, und seine Mamma dann dasselbe Geld dem Opa dann heimlich in die Jackentasche steckte wie jedes Mal.<br \/>\nAber ja.<\/p>\n<p>Und er hatte da auch so eine Idee, wie ihm die Luft da so schnell an den Kn\u00f6cheln vorbei kam.<br \/>\nWeil eines war da ja noch.<br \/>\nEin so ein Ding, dass er noch gar nicht probiert hatte, weil da hatte er ja schon ein bissi Angst davor.<br \/>\nVor dem mit den nassen Haaren.<br \/>\nMit denen durfte er ja nicht ins Bett gehen ohne F\u00f6hnen vorher. Da w\u00fcrde er ja davon am Morgen dann mit Gesichtsl\u00e4hmung aufwachen, und das war ja nicht so unbedingt das Idealste so. So, wo das ganze Gesicht sich dann nicht mehr bewegen kann, und Paul dann dalag und ja, sein Gesicht halt gel\u00e4hmt war. Da konnte er dann ja keine Grimassen mehr schneiden, und um die Wette spucken ja vielleicht auch nicht mehr, oder Schlimmeres. Was ja auch der einzige Grund war, warum er sich von seiner Mamma dann immer doch die Haare f\u00f6hnen hat lassen, weil das war ja eigentlich nur lang und fad und hei\u00df und bl\u00f6d.<br \/>\nAber was, wenn das auch gar nicht stimmte vielleicht?<br \/>\nDas mit der Gesichtsl\u00e4hmung und allem?<br \/>\nDann war das ja alles umsonst alles, das Haaref\u00f6hnen, da war dann ja gar nichts, warum das so wichtig war, au\u00dfer seiner Mamma vielleicht.<br \/>\nAber die war ja auch seine Mamma.<br \/>\nUnd die musste ihn ja lieb haben, auch mit nassen Haaren, und auch mit Gesichtsl\u00e4hmung falls.<br \/>\nSchon oder?<br \/>\nAber Paul hatte da jedenfalls so eine Idee.<br \/>\nSo einen Idee hatte er da, dass er heute nach dem Schlafengeh\u2019n noch einmal aufstand. Ganz leise, und so auf Zehenspitzen, und dann machte er sich die Haare nach dem F\u00f6hnen einfach noch einmal nass, und dann w\u00fcrde er ja sehen. Weil, ja, an seiner Mamma, da kam er mit den nassen Haaren ja so und so nicht vorbei ins Bett, aber so? Ja, so machte Paul das, und er lie\u00df das Bussi auf den Mund von seiner Oma brav \u00fcber sich ergehen, und er winkte ihr und dem Opa aus dem Auto nach, l\u00e4nger als die zwei das \u00fcberhaupt sehen haben k\u00f6nnen wahrscheinlich.<br \/>\nPaul mochte das ja.<br \/>\nEr mochte ja seine Oma und seinen Opa.<br \/>\nUnd seine Mamma und seinen Papa auch.<br \/>\nAber ja.<br \/>\nNaja.<br \/>\nNur das mit den nassen Haaren, das musste er halt ausprobier\u2019n, trotzdem, und die Sonne schien ihm warm auf die Wangen am Morgen dann.<br \/>\nWas Paul auch gleich dann auch sagte, dass sein Gesicht nicht gel\u00e4hmt war, trotz all der nassen Haare.<br \/>\nUnd, dass er nicht alles einfach so glauben durfte auch gleich.<br \/>\nUnd, dass alles einfach so glauben vielleicht auch das Einzige war, das er nicht d\u00fcrfen d\u00fcrfen sollte eigentlich.<br \/>\nOder so halt zumindest.<br \/>\nIrgendwie jedenfalls.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 14031<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen, der Herr! Ich hoff\u2019, du findest, was wir alle nur suchen. Paul sah seinem Liptauerbrot in den Brillengl\u00e4sern seiner Oma beim Zerkautwerden zu. Er mochte das, wie es ihr davor grauste, wie sich ihr Gesicht dabei beim Wegdrehen die ganzen Falten auszog. Gut f\u00fchlte sich das an in den Zehenspitzen, das ganze, und Pauls [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30],"tags":[11],"class_list":["post-1077","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-peyerl-markus","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1077"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1094,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077\/revisions\/1094"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}