{"id":10737,"date":"2020-01-21T17:17:56","date_gmt":"2020-01-21T17:17:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10737"},"modified":"2020-01-26T09:19:26","modified_gmt":"2020-01-26T09:19:26","slug":"ehret-die-ahnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10737","title":{"rendered":"Ehret die Ahnen!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10737&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10737&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Fensterl\u00e4den klappern, ein Schneesturm tobt und es wirkt, als k\u00f6nne das kleine, in die Jahre gekommene Bauernhaus dem Get\u00f6se nur schwer standhalten.<\/p>\n<p>Martina liegt schlafend auf dem alten Sofa in der Stube ihrer Gro\u00dfmutter, die Holzscheite im Ofen sind fast niedergebrannt und schicken nur mehr wenig W\u00e4rme und Licht in den dunklen Raum. Zu ihren F\u00fc\u00dfen liegt dicht zusammengerollt eine getigerte Katze. In der K\u00fcche, gleich daneben, pfeift der Wind durch den Kamin herein und das rot karierte Geschirrtuch, das am Griff des Backofens h\u00e4ngt, zittert sachte. Am Herd steht noch das Abendessen von Oma; der gusseisernen Pfanne mit Dampfnudeln und So\u00dfe entstr\u00f6mt ein zarter Duft nach Karamell und Vanille. Irgendwo tropft ein Wasserhahn, und in dem kleinen Stall, der unmittelbar an das Haus grenzt, liegen zwei K\u00fche wiederk\u00e4uend im Stroh.<\/p>\n<p>Der Wind legt zu und ein lautes, \u00e4chzendes Ger\u00e4usch l\u00e4sst Martina aus dem Schlaf hochschrecken.<br \/>\n\u201eHallo? Wer ist da?\u201c Ihre br\u00fcnetten langen Haare sind zerzaust und das wei\u00dfe bodenlange Nachthemd zerknittert. Sie schl\u00fcpft in abgetragene Pantoffeln ihrer Oma und zieht sich einen tannengr\u00fcnen Leinenschal fest um die Schultern. Mit vor K\u00e4lte zittrigen Fingern sucht sie nach dem Lichtschalter der Stehlampe. Die alte Leuchte kann den Raum nur sp\u00e4rlich erhellen. Die Pendeluhr an der Wand tickt im Rhythmus und Martina sieht die Zeiger kurz vor Mitternacht stehen.<br \/>\nDrau\u00dfen tobt der Sturm weiter und r\u00fcttelt an den Dachschindeln. Martina schlurft zum Fenster und dr\u00fcckt ihre Nase an die Scheibe. Durch das dichte Schneetreiben kann sie die naheliegenden Stra\u00dfenlaternen kaum ausmachen. Pl\u00f6tzlich nimmt sie Umrisse wahr!<\/p>\n<p>\u201eWas ist das?\u201c, denkt sie sich und kneift die Augen zusammen. Gro\u00dfe, schwarze Hunde rennen in einem Affentempo durch den Garten, ihre Zungen h\u00e4ngen seitlich aus dem Maul und leuchten dunkelrot ins Schneegest\u00f6ber. Den Hunden folgen in einigem Abstand weitere Gestalten, Martina h\u00e4lt den Atem an.<br \/>\n\u201eUm Himmels willen!\u201c Sie nimmt ihre Hand vor den Mund. Alte Frauen, Kinder, Katzen, Ziegen, Schweine und unfassbar ekelhafte Menschengestalten mit rasselnden Ketten ziehen durch die Nacht. Scheinbar m\u00fchelos halten sie dem Sturm stand und mit lautem Geschrei kommen sie n\u00e4her. Mitten in dem Get\u00fcmmel erblickt sie jetzt ihre Oma. Sie hat ein L\u00e4cheln im Gesicht und marschiert hinter einer h\u00e4sslichen Greisin mit wirren Haaren, gl\u00fchenden roten Augen und einer krummen Nase her. Die Alte hinkt und hat einen gro\u00dfen Buckel, an ihrer Seite l\u00e4uft mit eingezogenem Schwanz ein kl\u00e4ffender, missgebildeter K\u00f6ter.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Windb\u00f6 r\u00fcttelt wieder an den Fensterl\u00e4den und die Gestalten n\u00e4hern sich mit Gerassel, Schreien, Johlen, Jammern und \u00c4chzen der Haust\u00fcr. Martina stockt der Atem, sie starrt entsetzt auf die T\u00fcrklinke. Ein paar Mal h\u00e4mmert es kr\u00e4ftig, dann gibt die alte Holzt\u00fcr nach und mit Get\u00f6se betreten Menschen und Tiere das Haus. Martina ist wie erstarrt, ihr Herz rast und ihre Knie zittern. Die Hunde zerren an ihrem Nachthemd, stinkender Speichel tropft aus ihren M\u00e4ulern auf den Boden und die alte, grauenhafte Frau kommt n\u00e4her.<br \/>\n\u201eOma! Was ist hier los? So hilf mir doch!\u201c, schreit Martina heiser. Ihre Gro\u00dfmutter legt l\u00e4chelnd eine Hand auf den Buckel der Alten.<br \/>\n\u201eSei milde mit meiner Enkelin, Perchta!\u201c, fl\u00fcstert sie dem Weib ins Ohr. Die Alte schaut zuerst noch grimmig drein, aber dann entbl\u00f6\u00dft ein boshaftes Grinsen lange, gelbe Z\u00e4hne. Martina dreht sich angewidert um und schl\u00e4gt die H\u00e4nde vors Gesicht.<br \/>\n\u201eWehe dem Weib, welches die Ahninnen nicht ehrt!\u201c, kr\u00e4chzt Perchta.<br \/>\n\u201eSchlie\u00dfe Frieden und verabschiede dich von dem faulen Geruch nach Hass, Neid, Missgunst. Ansonsten wird dich die Wilde Jagd noch \u00f6fter heimsuchen!\u201c Die Greisin sch\u00fcttelt langsam den Kopf, geht einige Schritte zur\u00fcck, b\u00fcckt sich und mit Anlauf springt sie Martina in den R\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eNeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">****<\/p>\n<p>\u201eHey, Liebes, das war nur ein Traum!\u201c Ralf nimmt Martina in die Arme. Schwei\u00dfgebadet sitzt sie in dem schicken Boxspringbett und ringt nach Luft. Drau\u00dfen ist es schon hell und durch die Terrassent\u00fcr der Penthousewohnung sieht sie dichten Nebel \u00fcber den D\u00e4chern der Stadt h\u00e4ngen.<br \/>\n\u201eWir h\u00e4tten das Haus von Oma nicht verkaufen d\u00fcrfen, Ralf! Das war nicht richtig!\u201c<br \/>\n\u201eWas, die alte Bude? Hattest du wegen dem Haus einen Alptraum, oder wie?\u201c, fragt er kopfsch\u00fcttelnd, schl\u00e4gt die Decke zur\u00fcck und steigt aus dem Bett.<br \/>\n\u201eSie hat es mir in gutem Glauben vererbt. Es war doch alles so liebevoll und wohnlich bei ihr und ich war als Kind so gerne dort am Land. Wieso haben wir es nicht restauriert?\u201c Sie schwingt ihre Beine Richtung Bettrand und m\u00f6chte sich aufrichten.<br \/>\n\u201eAaaaaaah!\u201c Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt ihre Lendenwirbels\u00e4ule und sie f\u00e4llt zur\u00fcck ins Bett.<br \/>\n\u201eIst dir die Hexe eingefahren?\u201c, fragt er sie verbl\u00fcfft. Martina legt eine Hand sachte in ihren R\u00fccken und massiert die Stelle. Bei dem Gedanken an die Hexe muss sie schmunzeln und sie denkt an die grauenhaften Gestalten aus dem Traum.<br \/>\n\u201eDie Hexe? Ja, die alte Perchta. Sie ist mir letzte Nacht ins Kreuz gesprungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Eine \u00fcberarbeitete Version ist im <a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-januar-2020\/ehret-die-ahnen\" target=\"_blank\">Schreiblust-Verlag<\/a> erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 20013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fensterl\u00e4den klappern, ein Schneesturm tobt und es wirkt, als k\u00f6nne das kleine, in die Jahre gekommene Bauernhaus dem Get\u00f6se nur schwer standhalten. 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