{"id":10733,"date":"2020-01-20T15:53:35","date_gmt":"2020-01-20T15:53:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10733"},"modified":"2024-06-26T07:26:11","modified_gmt":"2024-06-26T07:26:11","slug":"lost-in-space","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10733","title":{"rendered":"Lost in Space"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10733&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10733&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Was geht nicht alles verloren. Meine Mutter hat den Verlust der Kamelhaardecke unendlich bedauert, die ihr ihr Bruder aus Holland mitgebracht hat, wo er w\u00e4hrend des Krieges stationiert gewesen war. Die Kamelhaardecke hat ein besonders tragisches Ende genommen: Mein Bruder hat beim rigorosen Ausmisten der alten Sachen die Decke arglos miteingepackt und zur Sandgrube gebracht, wo sie mit all dem anderen M\u00fcll verbrannt und anschlie\u00dfend mit Erde \u00fcberdeckt worden ist.<\/p>\n<p>Eine Reihe von Fotos, mini-kleine Negativabz\u00fcge mit wellig geschnittenem Rand, habe ich als Kind heimlich aus der Zigarrenschachtel genommen und in meine Hosentasche gesteckt. Ich wollte sie mit meiner Tante gemeinsam anschauen und somit einen Grund f\u00fcr den Besuch haben. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren, auf dem Sattel hin- und hergerutscht. Die Fotos waren in der Ges\u00e4\u00dftasche meiner Jeans. Ich habe wohl auch etwas geschwitzt. Bei der Tante kam es nicht zum Anschauen der Fotos und ich habe vergessen, dass ich sie noch in der Tasche habe. Erst als die Hose in der W\u00e4sche war, wurde meine Freveltat entdeckt. Unwiederbringliche Fotos von l\u00e4ngst verstorbenen Vorfahren waren zerst\u00f6rt. Ich sp\u00fcrte den Schmerz und die Trauer meiner Mutter auf mich \u00fcbertragen, f\u00fchlte mich voller Scham. Der Verlust war nicht wiedergutzumachen.<br \/>\nSo ist es, wenn der Verlust entdeckt wird. Dann gibt es auch den unentdeckten Verlust, der einen zwar auch schmerzt, der andere aber vermutlich noch viel mehr schmerzen w\u00fcrde, und so hofft man, er m\u00f6ge verborgen bleiben und nach M\u00f6glichkeit nicht mit einem in Verbindung gebracht werden. Ja, das sind so Geheimnisse, die man mit sich herumtr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Im vergangenen September habe ich mir eine wundersch\u00f6ne Jeansjacke gekauft, die zu meinem afrikanischen Kleid optimal passen h\u00e4tte sollen. Ich schreibe im Irrealis, weil es nie dazu gekommen ist, dass ich die Jacke \u00fcber dem Kleid tragen konnte. Ich zog die Jeansjacke am Tag nach dem Kauf in die Schule an, ging anschlie\u00dfend in die G\u00e4rtnerei, um Blumenerde zu besorgen, besuchte auf dem Heimweg noch meine Freundin Melanie, sa\u00df eine halbe Stunde auf ihrem Sofa, ohne die Jacke auszuziehen, ging nach Hause, und seither vermisse ich sie. Ich habe alle Orte noch einmal besucht, habe in der Schule beim Hausmeister und den Putzfrauen nachgefragt, habe zu Hause hinter dem Sofa, im Auto unter den Sitzen, in der Garage unter den leeren Bierk\u00e4sten gesucht. Nirgendwo ist die Jacke aufgetaucht. Ein Mysterium! \u2013 Nat\u00fcrlich beobachte ich seither Menschen argw\u00f6hnisch, die eine Jeansjacke tragen. Leider erfolglos. Meine ist verschwunden. Lost in Space, wo sonst.<\/p>\n<p>Oma hat eines ihrer beiden H\u00f6rger\u00e4te verloren. Unauffindbar. Nicht in der Sch\u00fcrzltasche und auch nicht auf dem Sofa zwischen den Polstern, nicht im Kopftuch eingewickelt und auch nicht im Handtascherl neben dem Gebetbuch, nicht im Rosenkranzschachterl und nicht im Portemonnaie. Verloren f\u00fcr immer! \u2013 Das zweite H\u00f6rger\u00e4t war nach einigen Wochen auch pl\u00f6tzlich verschwunden. Das regte aber jetzt schon niemanden mehr besonders auf. Man gew\u00f6hnt sich an Verluste. Umso gr\u00f6\u00dfer war die \u00dcberraschung, als das kleine Wunderwerk der Technik v\u00f6llig unerwartet im Lockenwickler-Beutel, gut verpackt im Haarnadelschachterl, wieder zum Vorschein kam. Blo\u00df inzwischen hatte sich die Oma schon daran gew\u00f6hnt, ohne H\u00f6rger\u00e4t auszukommen. Es h\u00e4tte also ruhig verloren bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Tina hat nach dem Konzertausflug nach M\u00fcnchen das Handy verloren. \u2013 Nun ist ja ein Handy was anderes als eine Jeansjacke oder ein H\u00f6rger\u00e4t. Ohne Handy ist man aufgeschmissen. Einen einzigen Tag zu \u00fcberbr\u00fccken, verlangt ein unvorstellbar gro\u00dfes Ma\u00df an Selbst\u00fcberwindung. Eine Demuts\u00fcbung. So ein Handy ist praktisch ein Teil der eigenen Festplatte, des Gehirns, der Seele. Der angeborene Speicherplatz reicht ja l\u00e4ngst nicht mehr aus. Sim-Karte, Guthaben, Vertrag sind das Eine, pers\u00f6nliche Daten, Telefonnummern, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten, gespeicherte Musikvorlieben, eventuell ureigenste Kompositionen, Fotos, Videos sind das Andere. Beim Handy ist es quasi so, als h\u00e4tte man sich selber verloren. Wahrscheinlich kann man nur einen winzig kleinen Bruchteil davon wieder rekonstruieren. \u2013 Bitter, zum Weinen! Ich finde keine Worte.<\/p>\n<p>Tina hat gesucht: vor der B\u00e4ckerei, wo sie zum Brezen-Kaufen ausgestiegen ist. \u2013 Fehlanzeige! Im fremden Auto, in dem sie mitgefahren ist, mehrmals und besonders gr\u00fcndlich. \u2013 Fehlanzeige! Im Tascherl, in der Hosentasche, im Winterstiefel, zwischen den Notizb\u00fccherln, unter dem Kopfkissen, im Schminktascherl, im Hut. \u00dcberall Fehlanzeige! Keine Chance! Lost in Space! Definitiv.<br \/>\nDas hei\u00dft jetzt praktisch, ein neuer Lebensabschnitt muss wohl oder \u00fcbel beginnen. Gewisserma\u00dfen eine F\u00fcgung von oben, aus dem Space.<br \/>\nTina packt es erstaunlich gelassen an. Gar nicht schlecht ohne Handy, auch ohne Uhrzeit. Ein neuartiges Gef\u00fchl von Freiheit. Ein unbeschriebenes Blatt. Ein paar Tage ohne Handy, unerreichbar f\u00fcr missliebige Zeitgenossen. Tina kann selber entscheiden, wen sie kontaktieren kann und will. Mich ruft sie auf dem Festnetz an. Eine schon fast vergessene Gewohnheit aus dem letzten Jahrtausend. Vor allem beklagt Tina die auf dem Handy gespeicherte Musik. Sie kann ihre Musik nicht mehr h\u00f6ren. Bitter. Aber das Leben geht weiter.<\/p>\n<p>Was verlieren wir nicht alles im Lauf unseres Lebens. Mit der Datenmenge, die auf einem Handy, einem Laptop, einem Stick Platz hat, ist die Kamelhaardecke vom Anfang der Geschichte nat\u00fcrlich in keinster Weise vergleichbar, aber auch diese Datenmenge ist verschmerzbar. Irgendwo wird sie ja auch noch da sein, irgendwo im Space, wenn wir auch keinen Zugriff mehr darauf haben.<\/p>\n<p>Oma verliert die Erinnerung. Menschen, Orte, R\u00e4ume, Sicherheiten werden undeutlich, vage und verschwinden. Nur die Hitler-Verserl aus der Lesefibel von 1934 und das \u201eLied an die Glocke\u201c bleiben noch eine Weile.<\/p>\n<p>Ich habe nicht nur die Eltern, sondern auch mein Elternhaus verloren. Manche Beziehung zu einem einst nahestehenden Menschen hat sich aufgel\u00f6st. Nur diffuse Spinnweben bleiben.<\/p>\n<p>Aber andere verlieren ihren Namen und ihre Identit\u00e4t, wie wir aus Krimis wissen.<\/p>\n<p>Khushal hat seine Heimat verloren, wer wei\u00df f\u00fcr wie lange.<\/p>\n<p>Tina hat die Meerschweinchen, die ihr ans Herz gewachsen waren, schon vor langer Zeit verloren. Schuld war die Mordlust des Fuchses.<br \/>\nAuch die Oma hat sie verloren.<\/p>\n<p>Jakob hat den Anschluss im Studium verloren und die Freundin.<\/p>\n<p>Jonas hat das Rennrad verloren, die Rain und sein bescheidenes Platzerl in der Weltmetropole Berlin. \u2013 Neuerdings hat er sein Herz verloren in Arresting.<\/p>\n<p>Josef hat schon mehrere Handys verloren, aber Gott sei Dank nicht den Arbeitsplatz und auch nicht Mona. Die Zigarettensucht verliert er hoffentlich noch ganz.<\/p>\n<p>Sebastian hat eigentlich noch gar nichts verloren, au\u00dfer seine Unschuld. \u2013 Ja, so geht\u2019s den Menschen, die mit einer Gl\u00fcckshaut und an einem Sonntag geboren sind.<\/p>\n<p>Sepp hat auch noch nichts Nennenswertes verloren, nur den orangefarbenen Capri, der nach Sommer und S\u00fcden und mehr roch, und den imposanten Schl\u00fcsselanh\u00e4nger aus Fuchsfell, der einst elegant aus der Hosentasche baumelte. Alles andere war nur um Haaresbreite verloren. Nicht einmal die Sterndldecke aus Poly\u00e4thylen ist verloren gegangen in den Wirren der Zeit. Dabei w\u00e4re ihr Verlust in meinen Augen leichter zu ertragen gewesen, als der der kostbaren Kamelhaardecke. Aber daran sehen wir, dass wir unser Herz manchmal ungerechtfertigt an Dinge heften. Wir m\u00fcssen manches verlieren, um es im Herzen bewahren zu k\u00f6nnen. Und im Space wartet ja ohnehin alles auf uns. Das wird eine Wiedersehensfreude geben.<\/p>\n<p>So verlieren wir unabl\u00e4ssig etwas und leben trotzdem weiter. Und selbst wenn wir das Leben verlieren, wird es irgendwo weitergehen, dort, wo all die verlorenen Sachen auch aufgehoben sein m\u00fcssen. \u2013 Das Haus verliert bekannterma\u00dfen nichts und das Weltall schon gar nicht. Lost in Space, verloren im Nirgendwo, verloren in der Unendlichkeit des Universums braucht also keinem von uns Angst machen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir uns geborgen f\u00fchlen im B\u00fcndel des Lebens. Lost in Space ist ein anderes Wort \u00a0f\u00fcr die Ewigkeit. Bestimmt ist dort meine Jeansjacke aufgehoben und Tinas Handy und alles andere auch, an das wir schon gar keine Erinnerung mehr haben. Und ich glaube, dieser ferne Ort geht keinem von uns verloren.<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen habe ich mir einen Teppich gekauft, von dem greisen Herrn Reza Gohari, der vor mehr als siebzig Jahren seine Heimat Teheran verloren hat, mitsamt dem Schah Reza Pahlevi und dem Persien seiner gro\u00dfen Familiendynastie. Seither lebt er mit all seinen geretteten Kostbarkeiten in M\u00fcnchen, in einem Ein-Zimmer-Appartement. Es ist kein fliegender Teppich, aber vielleicht bekommt er diese verlorene F\u00e4higkeit zur\u00fcck. Ich glaube daran. In Isfahan ist er vor mehr als siebzig Jahren kunstfertig gekn\u00fcpft worden. Geschickte Frauenh\u00e4nde haben ein Tor zum Paradies aus Seiden- und Wollf\u00e4den geknotet, das mit Blumen geschm\u00fcckt und von lebensfrohen V\u00f6gelchen umrahmt ist. Das Paradies l\u00e4dt dich und mich und uns alle ein, mit den Augen durchzuschreiten und dorthin zu gelangen, wo all unser Verloren-Geglaubtes sicher verwahrt ist. Alles B\u00f6se wird von den kampflustigen H\u00e4hnen, die \u00fcber dem Torbogen Wache halten, sofort verschlungen. So gelangt nur das Gel\u00e4uterte, Reine, Sch\u00f6ne und Gute hinein. In den Space, wie Tina sagt, ins Paradies, oder wie auch immer wir diese himmlischen Sph\u00e4ren nennen. Aber lost ist dort nichts, gar nichts, nicht einmal die Stricknadeln der Oma und auch nicht ihr Kramerladen. Im Space ist Platz f\u00fcr alles.<\/p>\n<p><em>Weihnachten 2019<\/em><\/p>\n<p align=\"right\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 20012<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was geht nicht alles verloren. Meine Mutter hat den Verlust der Kamelhaardecke unendlich bedauert, die ihr ihr Bruder aus Holland mitgebracht hat, wo er w\u00e4hrend des Krieges stationiert gewesen war. 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