{"id":1069,"date":"2014-03-15T13:33:29","date_gmt":"2014-03-15T13:33:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1069"},"modified":"2016-09-16T11:49:06","modified_gmt":"2016-09-16T11:49:06","slug":"eine-kleine-italienische-reise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1069","title":{"rendered":"Eine kleine italienische Reise"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1069&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1069&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Entlang dem Fluss Sile lagen kleine Boote, darunter eine venezianisch an\u00admutende Gondel als Kr\u00f6nung gewisserma\u00dfen und als Hinweis, dass Venedig nicht mehr weit war. Das nahezu stehende Wasser des Flusses und die bunten Boote lie\u00dfen mich an Bilder Vincent van Goghs aus S\u00fcdfrankreich denken. Jesolo, nicht Lido di Jesolo, fiel nicht sehr ins Auge, wenn man es mit malerischen italienischen D\u00f6rfern und Orten verglich. Wir, mein Bruder und ich, lie\u00dfen uns auf dem Dorf\u00adplatz unter einem Sonnenschirm nieder und nahmen einen Imbiss in einem Buffet, jeder ein panino und ein Coke. Es war sp\u00e4tsommerlich warm, von einem wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne kr\u00e4ftig, aber zur\u00fcckhaltend gegen\u00fcber dem Hochsommer. Von zu Hause weggefah\u00adren waren wir bei K\u00e4lte, Wind und Regen, aber kaum hatten wir die Alpen hinter uns gelassen und uns nach ihren Ausl\u00e4ufern in der Po-Ebene gefunden, war alles italie\u00adnisch: die Sonne, der Himmel, die Vegetation, die H\u00e4user, die Men\u00adschen. Der Tagliamento hatte sich als bescheidenes Rinnsal in einem \u00fcberbreiten Schotterbett gegen S\u00fcden bewegt, wie er es immer tut, au\u00dfer nach langem Regen oder zur Schnee\u00adschmelze. Das adriatische Meer und die Lagune von Venedig waren nicht weit von Jesolo entfernt, und am Ortsrand machte sich das Meer in einiger Entfernung sch\u00fcchtern in einem blassen Streifen bemerkbar.<\/p>\n<p>Dann fuhren wir auf dem schmalen Landstreifen in Rich\u00adtung Punta Sabbioni und kamen durch Orte, deren melodi\u00adsche Namen uns von unseren Aufenthalten als Kinder in Erinnerung geblieben waren. Verein\u00adzelt standen verfallene Geh\u00f6fte mitten auf den Feldern und verliehen der Landschaft, zumal die Touristen l\u00e4ngst zu Hause waren, einen Hauch von Verlassenheit und Abwanderung. Schilder wiesen den Weg zu zahlreichen, nun sich selbst \u00fcberlassenen Ferienanlagen, Campingplatz reihte sich an Cam\u00adpingplatz, Wasserrutsche an Wasserrutsche, dazwischen gab es Tennis- und Bas\u00adketballpl\u00e4tze und Minigolfanlagen. Im kommenden Som\u00admer w\u00fcrde das Leben wieder erwachen. An der letzten Kreuzung vor der Via Amalfi befand sich noch immer der Supermarkt f\u00fcr Strand- und Cam\u00adpingartikel und allen m\u00f6glichen Ramsch. Es war, als w\u00e4\u00adren wir erst k\u00fcrzlich hier gewesen, doch waren mittlerweile um die f\u00fcnfzig Jahre vergangen.<\/p>\n<p>Schnurgerade f\u00fchrte die Stra\u00dfe weiter zur Lagune von Vene\u00addig. Wir gaben Acht, vor allem ich als Beifahrer, die Ab\u00adbiegung nach links in die Via Amalfi nicht zu \u00fcbersehen. Und da las ich das Schild: Via Amalfi! Welch wunderbarer Name! Er zergeht, spricht man ihn genie\u00dfe\u00adrisch aus, auf der Zunge. Un\u00adwillk\u00fcrlich dachte ich an das Amalfi s\u00fcd\u00adlich von Neapel, an die biedermeier\u00adlich-romantischen Bilder der K\u00fcste vor Amalfi von Jakob von Alt und an Goethes Italienische Reise. Dorthin, nach jenem Amalfi, war es zwar noch ein weiter Weg, immerhin aber gab es hier, im italieni\u00adschen Norden, eine Ahnung vom tieferen S\u00fcden. Die Stra\u00dfe, so erfuhren wir sp\u00e4ter, hatte ihren Na\u00admen nach einem Bach namens Amalfi, der irgendwo in der N\u00e4he unscheinbar sein Dasein fristete, um schlie\u00dflich in die La\u00adgune von Venedig zu m\u00fcnden. Vor Jahr\u00adzehnten war die Stra\u00dfe, erinnerten wir uns, nicht as\u00adphaltiert gewesen, unser Auto war damals zum Haus der Bozzatos gerumpelt, was uns Kin\u00addern ziemlichen Spa\u00df bereitet hatte.<\/p>\n<p>Bruno Boz\u00adzato und seine Frau, deren Vornamen ich ver\u00adgessen habe, waren die Vermieter von Ferien\u00adwohnungen gewesen, und im Internet hatten wir gese\u00adhen, dass Gianni, ihr Sohn, mit dem wir gespielt hatten, die Ferienanlage weiter betrieb. Im ersten Anlauf fuhren wir am An\u00adwesen vorbei und erreichten eine Querstra\u00dfe ent\u00adlang von Wo\u00adchenendh\u00e4usern, jedenfalls er\u00adweckten sie diesen Eindruck. Die Obstg\u00e4rten \u2013 Pfir\u00adsiche, Wein, Marillen, \u00c4pfel \u2013 , die fast bis an den Strand gereicht hatten, gab es nicht mehr, das erkannten wir auf den ersten Blick. Wir kehrten um und nahmen die kleine Einfahrt, die wir zuvor \u00fcber\u00adsehen hatten. Und da stand das Einfahrts\u00adtor zur Ferienan\u00adlage und daneben ein ge\u00adwaltig wir\u00adkender Bunker, der uns damals fasziniert hatte. Das tat er auch jetzt, wo wir da\u00advor \u00adstanden und das Auto parkten. Er war ver\u00adwachsen mit Gestr\u00e4uch und Geb\u00fcsch, teilweise von Efeu einge\u00adh\u00fcllt und lugte uns finster und kriege\u00adrisch entgegen. Unser Auto war das ein\u00adzige in der un\u00admittelbaren Umgebung. Ruhig lag die Ferien\u00adanlage vor uns. Wir nahmen unsere Foto\u00adapparate und gingen die Zufahrtsstra\u00dfe ent\u00adlang. Rechterhand stand eine gro\u00dfe Zelthalle mit Tischten\u00adnistischen und zahlreichen Fahrr\u00e4\u00addern. Dann kam das Haus, in dem wir gewohnt hatten. Es wirkte v\u00f6llig unver\u00e4ndert, nicht nur dem ersten Eindruck nach. Vielleicht war es irgendwann frisch gestrichen worden \u2013 es zeigte sich in einer Mischung aus Rosa und Orange \u2013 , die T\u00fcren und die Fenster allerdings waren gegen\u00fcber fr\u00fcher un\u00adver\u00e4ndert. Dem Eingang gegen\u00fcber stan\u00adden unter einer weinbe\u00adrankten \u00dcberdachung Aluminiumtische, die ich gleich wiederer\u00adkannte und die wie das Haus selbst die lange zur\u00fcckliegende Zeit pl\u00f6tzlich wie im Zeitraffer heftig heranzogen, als w\u00e4re ein Erinne\u00adrungsmagnet wirksam geworden.<\/p>\n<p>Mein Bru\u00adder und ich stell\u00adten uns in den Ein\u00adgangsbe\u00adreich des Hauses und nach ein paar Sekunden foto\u00adgrafierte uns der Fotoapparat mit dem Selbstaus\u00adl\u00f6ser. Zwei \u00e4lter gewordene kleine Buben standen vor dem Hauseingang. Nach wie vor schien das ganze Gel\u00e4nde wie verlassen, nur eine Katze lie\u00df sich blicken, nahm uns misstrauisch zur Kenntnis und schlich dann unin\u00adteressiert von dannen. Hinter dem Haus gab es einen Zu\u00adbau, in dem wir mit den Eltern ge\u00adwohnt hatten, einmal oder zweimal war un\u00adser damals kleiner Bru\u00adder dabei gewesen. Und auf einer fr\u00fcher freien Fl\u00e4che hatten die Boz\u00adzatos kleine Ferien\u00adbun\u00adgalows errichtet, die ebenfalls leer und verlassen der Urlaubssaison nachtrauerten.<\/p>\n<p>Wir gingen umher, erinnerten uns an Be\u00adkanntes, weniges war neu f\u00fcr uns. Da sahen wir eine Frau aus ei\u00adner der Ferienwohnungen kommen, offenbar war sie mit dem Rei\u00adnigen nach der Saison besch\u00e4ftigt. Die Katze hielt sich in ihrer N\u00e4he auf. Mein Bruder, der ganz gut Italienisch be\u00adherrscht, sprach sie an. Dass wir hier mehrmals auf Urlaub gewesen seien und mit Gianni Bozzato gespielt h\u00e4tten und dass das alles um die f\u00fcnfzig Jahre vorbei sei. Sie sei Giannis Frau, sagte sie \u2013 ihren Namen wei\u00df ich nicht mehr \u2013 , und Gianni und sie f\u00fchrten den Betrieb seit dem Tod Bruno Bozzatos weiter. Sie war eine kleine, runde und feste Frau, die wohl ziemlich zupacken musste. Wir zeigten ihr ein altes Foto, auf dem mei\u00adn Bruder und ich vor einer Pf\u00fctze hockten, w\u00e4hrend Gianni davor stand. Alle drei beo\u00adbachteten interessiert das Ge\u00adsche\u00adhen darin. Gianni schien in dieser Runde der Experte gewe\u00adsen zu sein, er trug pro\u00adfesso\u00adrale Brillen und schien die biologi\u00adschen Vorg\u00e4nge in der Pf\u00fctze zu kommentie\u00adren. Auf dem alten Foto erin\u00adnerte mich Gianni an den ganz jungen Cesare Pa\u00advese, den ich eine lange Zeit sehr gern gele\u00adsen hatte. Mein Bruder nannte unseren Namen und den meines Gro\u00dfvaters, und Gi\u00adannis Frau glaubte, aus Erinnerun\u00adgen ihres Man\u00adnes und ihres Schwieger\u00advaters, Bruno Boz\u00adzato, davon geh\u00f6rt zu haben. Ob wir ihn, Gianni, heute oder morgen treffen k\u00f6nnten, fragte mein Bruder auf Italienisch. Unser Be\u00adsuch sei zwar \u00fcberra\u00adschend, deshalb wollten wir auch nicht lange st\u00f6ren, blo\u00df unserem Be\u00add\u00fcrfnis, den fr\u00fc\u00adheren Erlebnissen nach\u00adzugehen, sie kurz aufleben zu lassen, folgen. Gianni sei am Strand, sagte seine Frau, er habe dort einen fahrba\u00adren Eisstand, und heute, an diesem warmen Sp\u00e4t\u00adsom\u00admertag, nehme er die Gelegenheit wahr, Eis anzupreisen, bald werde es da\u00admit vorbei sein.<\/p>\n<p>Wir stiegen ins Auto, fuhren zum Strand, und statt der Obstplantagen, durch die fr\u00fcher Feld\u00adwege zum Meer gef\u00fchrt hatten, gab es schmale asphaltierte Stra\u00dfen. Die Ann\u00e4\u00adherung ans Meer war auto- und radfah\u00adrerfreundlich er\u00adschlossen worden. Dann zeigte sich vor uns das Meer, wir parkten und sahen das Ver\u00adhalten der Strandben\u00fctzer regelnde Schilder, die es fr\u00fcher nicht gegeben hatte, da war alles frei und ohne Vorschriften gewe\u00adsen. Vom Parkplatz zum Strand hin hatte man Stein\u00adplatten und Holz\u00adstege ver\u00adlegt, aber sobald sich der Strand \u00f6ffnete, erkannten wir, dass er bis auf die Zufahrt und die Wege ge\u00adnauso naturbelassen war wie vor Jahrzehnten. Die Sandd\u00fcnen waren mit Seegras bewachsen, das sich im Wind wiegte, Hunde tummelten sich, Kinder toll\u00adten herum. Die Erwachsenen lagen brav auf ihren Liegen oder Decken, lasen, schliefen in der milden Sonne oder spielten mit ihren Kindern Federball oder bauten mit ihnen Burgen oder andere Bau\u00adwerke aus dem feuchten Sand. Manchmal riefen sie nach ihren Kindern, wenn die sich zu weit entfernt hatten oder das Wasser nicht verlassen wollten. Wir tranken im Strand\u00adbuffet einen Espresso unter dem Son\u00adnenschirm, dann krem\u00adpelte ich die Ho\u00adsen hoch, ging hin\u00adunter zum Meer und lie\u00df meine F\u00fc\u00dfe von den Wellen um\u00adspielen. Mein Bruder schwamm ein gutes St\u00fcck ins Meer hinaus. Der wei\u00adche nasse Sand wich im Rhythmus der Wellen zur\u00fcck und entzog mir den Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Es war ein wun\u00adderbar k\u00fchles Gef\u00fchl der Unsicherheit. Mein Bruder machte sich auf den Weg, Giannis Eis\u00adstand zu suchen, mit freiem Auge konnten wir ihn von unserem Standort nicht ausmachen. Der Leuchtturm, Faro la Pagoda, den ich in Erinnerung hatte, stand noch da, allerdings hatte er damals viel weiter entfernt und h\u00f6her gewirkt. Die Ent\u00adfernungen hatten im Laufe der Zeit eine L\u00e4ngenkontraktion erfahren, heute nahm ich die Ma\u00dfe realistisch wahr, nicht mit einem kind\u00adlichen Faktor multipliziert.<\/p>\n<p>Ich kehrte zum Strandbuffet zur\u00fcck, w\u00e4hrend sich mein Bru\u00adder auf die Suche nach Gianni machte. Nach ei\u00adniger Zeit kam er zur\u00fcck. Er hatte Gianni ge\u00adfun\u00adden, ihm ein Foto von unseren fr\u00fcheren Aufenthalten gezeigt, und Gianni konnte sich so\u00adfort erinnern. Wir sollten nach siebzehn Uhr, da kehre er nach Hause zur\u00fcck, in die Via Amal\u00adfi \u00adkommen, dann w\u00fcrden wir ein Gl\u00e4schen trinken. Wir sa\u00dfen noch eine Zeit unter dem Son\u00adnen\u00adschirm, best\u00e4\u00adtigten uns gegenseitig, dass der Strand nahezu unver\u00e4ndert sei. Gianni schob den Eis\u00adwagen vor\u00adbei und gr\u00fc\u00dfte die Leute vom Buffet. Er kam mir gro\u00df und st\u00e4mmig vor. Wir hatten noch Zeit und beschlossen, an die Land\u00adspitze, nach Punta Sabbioni, zu fahren, wo die F\u00e4hren nach Ve\u00adnedig \u00fcberset\u00adzen und zu\u00adr\u00fcckkommen. Es war zwar ruhiger als in der Sommersaison, doch aufgrund der nachsommer\u00adlichen Witterung herrschte doch einiges Trei\u00adben. Der Campanile schimmerte in der Ferne, ebenso Santa Maria della Salute und in anderer Richtung erkannten wir Burano und Torcello. Etwas vor siebzehn Uhr parkten wir vor der Ferienanlage, gingen hinein, aber da war wie vorher nie\u00admand. Nicht einmal die Katze lie\u00df sich blicken. In einem der Bungalows wohnte offenbar ein junges P\u00e4rchen, eine Frau kam mit einem Rad und ging in eines der klei\u00adnen Ap\u00adpartements. Ein junger Mann folgte ihr. Sie waren Verwandte von Gi\u00adanni, sollten wir sp\u00e4ter erfahren. Sonst war alles v\u00f6llig verlassen. Auch Giannis Frau lie\u00df sich nicht blicken.<\/p>\n<p>Nach l\u00e4ngerer Zeit sagte ich zu meinem Bruder, Gianni habe wohl kein wirkli\u00adches Inte\u00adresse, uns Nostal\u00adgiker zu treffen. Doch da bemerkten wir Gi\u00adannis Frau, wie sie \u2013 offenbar immer noch mit Reinigungsarbeiten be\u00adsch\u00e4ftigt \u2013 aus einem der Geb\u00e4ude kam und mit dem Handy telefonierte. Gianni komme gleich, sagte sie, und mein Bruder verstand das und \u00fcbersetzte es mir. Er habe noch den Eiswagen einstellen und etwas Unvor\u00adhergesehenes erledigen m\u00fcssen, daher sei er versp\u00e4tet. Wir sollten doch einstweilen ein Glas Prosecco mit ihr trin\u00adken. Wir lie\u00dfen uns an einem kleinen Tisch hinter dem Haupthaus nieder und stie\u00dfen an. Sa\u00adlute, sagten wir zu einander. Da kam ein Auto und parkte neben dem Haus. Es war Gi\u00adanni. Wir standen auf und begr\u00fc\u00dften uns. Er war tats\u00e4chlich st\u00e4mmig, aber nicht so gro\u00df, wie er mir auf dem Strand erschienen war, ich und mein Bruder waren etwas gr\u00f6\u00ad\u00dfer. Gianni lachte und schien sich \u00fcber unseren \u00fcberraschenden Besuch doch zu freuen. Mein Bru\u00adder holte die Fotos von damals her\u00advor, darunter dasjenige mit der Pf\u00fctze und Gianni als Erkl\u00e4\u00adrer dieses \u00f6rtlichen Biotops. Wie wir selbst war auch Gi\u00adanni sofort um f\u00fcnf\u00adzig Jahre zur\u00fcckversetzt, das merkte ich an seinen Reaktionen und am Di\u00adalog mit meinem Bru\u00adder. Gi\u00adanni schlug vor, mit Rotwein auf uns anzu\u00adsto\u00dfen. Er holte eine Flasche Valpoli\u00adcella. Er sagte, fr\u00fcher h\u00e4tten sie selbst Wein angebaut, aber nach einer katastrophalen \u00dcber\u00adschwemmung, die fast alle Plantagen und die ganze Infra\u00adstruktur im Umkreis zer\u00adst\u00f6rt habe, h\u00e4tten sie und die benachbarten Betriebe sich kom\u00adplett auf Bade- und Radtou\u00adrismus umge\u00adstellt. Gi\u00adanni \u00f6ffnete die Fla\u00adsche, schenkte ein, seine Frau blieb beim Prosecco. Mir kam vor, unser Gro\u00df\u00advater beo\u00adbach\u00adtete uns l\u00e4chelnd, sich wundernd, dass aus den kleinen En\u00adkeln alternde, wenn nicht alte M\u00e4n\u00adner ge\u00adworden waren. Und neben ihm schaute uns der da\u00admalige M\u00fcnchner Gast der Boz\u00adzatos zu, der mehr\u00admals zur selben Zeit wie wir hier gewesen war, als h\u00e4tten er und unser Gro\u00dfvater eine \u00dcber\u00adeinkunft geschlossen, eine \u00dcberein\u00adkunft, die in einer gemein\u00adsamen N\u00e4he zu einer schlimmen Zeit begr\u00fcndet war. Dass sie ihr gemeinsam auch nachtrauerten, w\u00e4re vielleicht zu viel vermutet, aber eine gewisse still\u00adschweigende \u00dcberein\u00adstimmung hatte wohl be\u00adstanden. Unser Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, seine zweite Frau \u2013 unsere Stiefgro\u00dfmutter \u2013 , der M\u00fcnch\u00adner und die alten Bozza\u00adtos waren l\u00e4ngst tot. Gianni sagte, seine Eltern seien ganz in der N\u00e4he begraben.<\/p>\n<p>Der tiefrote Wein, der verhalten leuchtete, schmeckte hervorragend und hatte eine wunderbare Temperatur. Wir achteten darauf, die in Italien geltende Promillegrenze nicht zu \u00fcberschrei\u00adten, vor allem mein Bruder, der mit dem Auto fuhr, musste konsequent sein. Der Wein lie\u00df uns die Grausamkeit, unweigerlich dem Abschied entgegenzugehen, eine kurze Zeit ertragen. Der Wein zerging auf dem Gaumen, \u00e4hnlich wie das Wort Amalfi in phonetischer Hinsicht, und die leichte Berauschung verlieh mir ein wohliges Gl\u00fccksgef\u00fchl. Ob es Gianni auch so ging, wei\u00df ich nicht, meinem Bruder schon, bin ich mir sicher. Das K\u00e4tzchen hatte sich ange\u00adn\u00e4hert und schmiegte sich abwechselnd an meine F\u00fc\u00dfe und die meines Bruders, diejenigen der Bozzatos interes\u00adsierten es nicht, die kannte es zur Gen\u00fcge. Wir schlugen vor, dass Giannis Frau von uns dreien ein Foto schoss, und wir standen auf, legten die Arme um die Schultern des anderen und l\u00e4chelten in die Kamera. Das Foto wurde akzeptabel, und wir wirkten unge\u00adk\u00fcnstelt heiter. Ich habe es vergr\u00f6\u00dfern lassen und werfe den einen oder anderen Blick darauf. Langsam mussten wir ans Aufbrechen den\u00adken, um nach Ca\u00adorle zu fahren, wo wir eine weitere retroo\u00adrientierte Station einlegen wollten. Dort hatte jeder von uns ein paar Mal mit unse\u00adrer Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits einige Wo\u00adchen ver\u00adbracht, doch waren wir Br\u00fcder nie gemein\u00adsam gefahren, ohne besonderen Grund. Und wir wollten unbedingt noch die Bunker besichti\u00adgen, in denen wir als Kinder herumge\u00adkrochen waren, ohne uns die Knochen zu brechen.<\/p>\n<p>Hochinteres\u00adsiert an allem Kriegerischen waren wir damals gewesen, nicht nur an den edlen Menschen in Karl Mays Romanen. Das hatte sich allerdings bald zu einer kriegsdienstverwei\u00adgernden Hal\u00adtung ge\u00e4ndert und ist bis heute so geblieben. Blo\u00df die jugendliche Radikalit\u00e4t wich mittlerweile einer pragmatischen Einstellung. Ich glaube, ich darf das auch f\u00fcr meinen Bruder behaupten. Es han\u00addelte sich um mehrere unterirdisch verbundene Bunker, die wie in einem Dschungel mit Ge\u00adstr\u00e4uch und Efeu verwachsen, musealen Anschauungsst\u00fccken gleich, ihrem Zweck entfremdete Zeu\u00adgen einer blutigen Vergangenheit darstellten. Soweit ich mich erin\u00adnere, hatten wir sie als Kin\u00adder ungehindert betreten und darin herumgehen k\u00f6nnen. Au\u00dfen hatte man vor einiger Zeit QR-Codes an\u00adge\u00adbracht und englische Erl\u00e4uterungen dazu geschrie\u00adben. Die Bunker dienten als Anschau\u00adungs\u00adobjekte f\u00fcr Historiker, f\u00fcr den Geschichts\u00adunterricht, f\u00fcr Besucher, die Verwandte in den K\u00e4mpfen des Zweiten Weltkriegs verloren hat\u00adten und ihnen nachsp\u00fcren wollten. Eine eigen\u00adartige Entdeckerromantik begleitete unser jetzi\u00adges Ein\u00addringen als Erwach\u00adsene in die d\u00fcsteren leeren Kl\u00f6tze. Wir hielten einige Motive mit unseren Digitalkameras fest, um sie zu Hause unserem j\u00fcngsten Bruder zu zei\u00adgen. Bald ver\u00adschwand die Sonne hinter den urw\u00fcchsi\u00adgen Pflanzen, und es wurde Zeit, nach Caorle aufzu\u00adbrechen und dort den Aufenthalten mit unserer Gro\u00dfmutter nachzugehen.<\/p>\n<p>Es war nicht schwierig, ein Hotel zu fin\u00adden. Es war still geworden, und der Strand und das Meer wirkten zwar verlassen, aber auch erleichtert, sich nach den Menschen\u00admassen in der Hochsaison rege\u00adnerieren zu k\u00f6nnen. Abends a\u00dfen wir ein Fischgericht in einem auf einem kleinen innenhof\u00adartigen Platz gelegenen Restaurant. Wir konnten im Freien sitzen, so mild war es bis in die Nacht hinein. Nach etwas Wein entwi\u00adckelten mein Bruder und ich die Kom\u00adpetenz, auf ver\u00adschiedenen Gebieten, von der Politik bis zur Musik, mehr oder weniger Sinn\u00advolles beizutragen. Am n\u00e4chsten Tag wussten wir uns wieder realistisch einzu\u00adsch\u00e4t\u00adzen. Es schien die Sonne, das Meer blendete, und auf der Strandpromenade lie\u00df es sich ungest\u00f6rt spa\u00adzieren, so wenige Men\u00adschen waren unterwegs. Das Hotel Marco Polo, in dem meine Gro\u00df\u00admutter zweimal mit mir einen Italien\u00adurlaub verbracht hatte, gab es noch, alt und gebrechlich und den Sicherheitsvor\u00adschriften nicht mehr entspre\u00adchend wartete es auf seine Generalsanie\u00adrung. Mein Bruder war mit ihr in einem anderen Hotel abgestiegen, dessen Namen und Lage ihm entfallen waren. Am sp\u00e4ten Vormittag machten wir uns auf den Weg nach Udine und dann nach Cividale del Friuli, der alten Haupt\u00adstadt Friauls, mit ge\u00adpflas\u00adterten, engen Gassen und intimen Pl\u00e4tzen. Tief unter der Teufelsbr\u00fc\u00adcke floss gr\u00fcn der Nati\u00adsone. Und irgendwann, auch wenn es schwerfiel, mussten wir den Heimweg antreten. Beide erwartete uns die Routine, die wir anl\u00e4sslich dieser kleinen Reise eine Weile hatten verlassen k\u00f6nnen, und die \u00adkurze Wiederkehr kindlichen Gl\u00fccks war vorbei.<\/p>\n<p align=\"right\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 14029<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entlang dem Fluss Sile lagen kleine Boote, darunter eine venezianisch an\u00admutende Gondel als Kr\u00f6nung gewisserma\u00dfen und als Hinweis, dass Venedig nicht mehr weit war. Das nahezu stehende Wasser des Flusses und die bunten Boote lie\u00dfen mich an Bilder Vincent van Goghs aus S\u00fcdfrankreich denken. 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