{"id":10537,"date":"2019-12-04T17:04:53","date_gmt":"2019-12-04T17:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10537"},"modified":"2019-12-14T16:19:01","modified_gmt":"2019-12-14T16:19:01","slug":"liberte-complet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10537","title":{"rendered":"Libert\u00e9 complet"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10537&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10537&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>PROLOG<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft Du, wo hier die n\u00e4chste \u00f6ffentliche Toilette ist?\u201c, grinste der Mittvierziger das blonde zarte M\u00e4del mitten im Gr\u00fcnen schelmisch an. Sie verneinte, seine Hosen f\u00e4rbten sich vom Schritt hinab dunkel, und es ergo\u00df sich ein Lackerl \u00fcber seine Schuhe. Er mu\u00dfte wohl vorher literweise getrunken haben, um genau diesen Effekt zu erzielen.<\/p>\n<p>Eine \u2013 nennen wir sie eine Art von Freundin von mir, es tut nichts zur Sache \u2013 erz\u00e4hlte mir unl\u00e4ngst davon. Eine wahre Begebenheit, nichts davon erfunden oder besch\u00f6nigt.<\/p>\n<p>\u201eOh, zu sp\u00e4t!\u201c, lachte er dann, sich dabei den Bauch haltend und scheinbar ungl\u00e4ubig immer wieder auf sein Hosent\u00fcrl blickend. Er hatte es darauf abgesehen gehabt, so meine Art Freundin. \u201eZu sp\u00e4t!\u201c, \u201eHa ha\u201c, lachte er, w\u00e4hrend seine Hosen klitschna\u00df geworden waren. \u201eZu sp\u00e4t!\u201c, lachte er immer wieder wie ein Irrer, \u201eZu sp\u00e4t, haha!\u201c. Ob er sie auf einen Kaffee einladen k\u00f6nne, sie verneinte dankend. Seltsam? Aber so steht es geschrieben. Er empfand Wonne dabei, sie Abscheu und auch ein wenig Angst, die wenigstens durch ihre beiden kr\u00e4ftigen Hunde ged\u00e4mpft werden konnte. Im Beisein der beiden Hunde und dieser Art von Freundin lie\u00df er alles los. Er befreite sich. Es war Absicht, so d\u00fcrfen wir alle annehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>LIBERT\u00c9!<\/p>\n<p>&gt;Be-kennt Euren Glaa-hau-ben &#8230; Wir glauben an die eine katholische und apostolische Kirche \u2026&lt; So t\u00f6nt es gerade aus dem Radio. Nachnationaltagsfeiertagssonntagsradiogottesdienst neben einem weichen Ei und etwas Ingwertee. &gt;Gott unser Vat-haaa! Wir bitten Dich, erh\u00f6re uns \u2026&lt;<\/p>\n<p>Doch was war zuvor geschehen? Wer hatte mich gestern erh\u00f6rt und angenehm verst\u00f6rt? Es war Viennale und es war Albert Serra, mein Lieblingsregisseur, ich war gepilgert, und er war gekommen. Ganz in Schwarz, wie seine Filme, ein wei\u00dfes Hemd, darauf eine dunkelblutrote Krawatte. Der Katalane. Der Guru. Schon vor sechs Jahren hatte ich \u2013 damals noch Viennalennovize \u2013 durch eine damalige gewesene sogenannte Lebensabschnittskurzpartnerin auf das Filmfestival aufmerksam geworden, einen seiner Filme ausgew\u00e4hlt. Es war weiland das historische Metrokino, Mitzi (<em>alle Namen von der Redaktion ge\u00e4ndert<\/em>) fadisierte sich, als da fast drei Stunden lang Casanova fra\u00df, schi\u00df, v\u00f6gelte, dabei gen\u00fc\u00dflich grinste und schlie\u00dflich in der Pampa auf den Grafen Dracula traf. Schr\u00e4ger geht\u2019s nimmer. Einige verlie\u00dfen den Kinosaal, Mitzi verzog das Gesicht, seufzte, lugte andauernd auf die Uhr, ich aber geno\u00df. Endlich einer, der die wesentlichen Dinge des Lebens anschaulich machte. Endlich einer, auf den man sich verlassen konnte.<\/p>\n<p>&gt;Betet, Schwestern und Br\u00fcder, da\u00df mein und Euer Opfer Gott dem Allm\u00e4chtigen gefalle.&lt;<\/p>\n<p>Casanova, mit wei\u00df auftoupierter Per\u00fccke, grienend H\u00fchnerkeulen und knackende Hummer schmatzend, gepudert, zartrosa R\u00fcschenhemd, Sch\u00f6nheitspunkt, von hinten eine M\u00e4tresse belebend und anschlie\u00dfend beim Stuhlgang gesichtet. Dracula als das Ende der Welt. Der ganze Kreislauf des Lebens in all seiner Sch\u00f6nheit eingefangen.<\/p>\n<p>Albert Serra gestern in der Urania. LIBERT\u00c9. Ich wu\u00dfte und wir alle wu\u00dften, was wir erwarten d\u00fcrften. \u201eI guess you all know what is expecting\u201c so der Maestro launig-trocken vor der Vorf\u00fchrung.<\/p>\n<p>&gt;Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, der f\u00fcr Euch hingegeben wird&lt; t\u00f6nt es gerade aus der Radiomesse.<\/p>\n<p>\u201eThere is some pain, and also sex!\u201c, und Serra l\u00e4chelte ein wenig.<\/p>\n<p>&gt; \u2026 zur Vergebung der S\u00fcnden, tut dies zu meinem Ged\u00e4chtnis.&lt;<\/p>\n<p>Im Viennalefolder hie\u00df es, da\u00df da ein paar Libertins des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts wie Vampire kurz vor dem Verdursten durch die Nacht torkeln. \u201eAllerdings sind nicht alle K\u00f6rper f\u00fcr die eigenen Ideale gebaut. Als Zuschauer wird man zum Voyeur eines bizarren Spektakels, in dem die m\u00e4nnliche Potenz zur gro\u00dfen Abwesenheit im l\u00fcsternen Halbdunkel einer l\u00fcsternen Erwartung wird.\u201c<\/p>\n<p>Es ist Wien, es ist Ende Oktober, die mystisch skorpionische Zeit des Werdens und Vergehens, der Liebe und des Todes hat bereits begonnen. Halloween, das Tor zur Anderswelt, steht kurz bevor. Die Viennale wei\u00df, was sie wann zu bieten hat. Heart-shaped box.<\/p>\n<p>Mitten im Wald, der sich real in Portugal befindet, erz\u00e4hlt ein junger h\u00f6fischer Gecke frankophon von der Hinrichtung eines der Attent\u00e4ter (?) von Ludwig XV., der anschlie\u00dfend gevierteilt wurde, \u201enur sein Kopf schrie weiter bei vollem Bewu\u00dftsein. Das konnten sich drei Damen, Herzoginnen im Range, gen\u00fc\u00dflich nicht entgehen lassen.\u201c Hie\u00df es da sinngem\u00e4\u00df in der Originalfassung mit englischen Untertiteln. Das alles erinnert ein wenig an \u201eDas Parfum\u201c von Patrick S\u00fcskind, \u00e4hnliche Epoche, \u00e4hnliche Topographie, diverse Hinrichtungsst\u00e4tten als zentrales Memento mori und als Dreh- und Angelpunkt von Wort und Bild.<\/p>\n<p>Da treffen sich in einer Kutsche le Duc, der Herzog, also der unverge\u00dfliche Helmut Berger in einer Prinzenrolle, und ein Gesandter von Friedrich dem Zweiten von Preu\u00dfen. Wor\u00fcber verhandelt wird, ist wurscht. Es geht nicht um die Handlung. Man parliert einmal en Allemand, um dann wieder unvermittelt ins Franz\u00f6sische zu wechseln. Alleinegelassen wolle er sein, le Duc.<\/p>\n<p>Da kommen Menschen ins Spiel, dicke, behaarte, zwergenhafte, gro\u00dfe, M\u00e4nner und Frauen. Da wird von Schmerz gesprochen, auch pl\u00f6tzlich auf Italienisch. Herzog Helmut mutiert stante pede zu il duca! \u201eSenta, duca!\u201c hei\u00dft es da salbungsvoll und es verfehlt seine Wirkung nicht. Ebenso wenig wie die Hermann-Nitsch-haften-Szenen, in denen eine junge, splitternackte, an den H\u00e4nden an einem Baum aufgeh\u00e4ngte Maid n\u00e4chtens mit K\u00fcbeln einer wei\u00dfen, tr\u00fcben, z\u00e4hen (eventuell selbstproduzierten, gar anthropogener Provenienz?? &#8230;) So\u00dfe \u00fcbersch\u00fcttet wird und sich unter ihren Schreien und ihrem Betteln nach mehr ein wilder Komparse sein Gem\u00e4cht an ihr reibt, bis sie unter Winseln und Lustgeschrei, das schlie\u00dflich in ein woll\u00fcstiges Wehklagen m\u00fcndet, endlich reif wie Fallobst im Oktober auf den kalten Erdboden knallt.<\/p>\n<p>Grausamkeit ist keine Disziplin des Albert Serra. Das sind fleischgewordene sadomasochistische D\u00e4mmerungsphantasien, wie sie sich der weiland nackt angekettete Hermes Phettberg, gr\u00f6\u00dfter genialischer Windelhosenwichser vor dem Herrn, nicht h\u00e4tte bombastischer ausdenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da belauern sich dann wieder ein paar junge Mannen minutenlang im Geb\u00fcsch, olivenfarben die Haut, quellend der Schritt, um sich dann homophilen Dreierkonstellationen hinzugeben. Doch auch die holde Weiblichkeit kommt nicht zu kurz. Sadovoyeuristische Szenen, lesbische Streichelungsszenarien in Reifenkleidern \u00e0 la Madame Pompadour wechseln sich ab mit mi\u00dflungenen Koitusversuchen und den einhergehenden Bestrafungen erektil dysfunktionaler masochistischer Natur. Albert Serra sch\u00f6pft aus dem Vollen und l\u00e4\u00dft hier nichts aus. Dort ein st\u00f6hnender (Schein?)-Dreier von zwei dickw\u00e4nstigen Pagen und einem kleinw\u00fcchsigen Voyeur, dort eine exhibitionistische Kopulation in der Kutsche, die sich dann doch blo\u00df als Leckorgie a tergo entpuppt.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uscht? Iwo. Daf\u00fcr sorgen dann doch ein paar Lustschreie, wenn der alternde Conte (?) unter bestialischem Gebr\u00fcll minutenlang um weitere Z\u00fcchtigungen mit der Reitgerte bettelt. Sein Arsch ist dabei schon so blutig geknallt wie ein Steak in den ersten Minuten am Grill. Da\u00df das alles echt ist, wird Don Albert sp\u00e4ter in katalanischem Akzent best\u00e4tigen, \u201ethe whipping really hurts a lot, i\u2019ve tried it on my leg!\u201c<\/p>\n<p>&gt;Herr unser Gott, gib da\u00df deine Sakramente in uns das Heil entfalten, das wir verlangen, damit wir einst \u2026&lt;<\/p>\n<p>Der Conte (oder sonstwer, ist eigentlich egal und f\u00fcr den Plot komplett wurscht) winselt und man glaubt, da\u00df er bald das Zeitliche segnen wird, weil er so erschaudernd laut heult, wie ein Schwein, das man langsam absticht. \u201eDonnez!\u201c, schreit er weiter, \u201eGebt es mir! Ich befehle es Euch! Oder wollt Ihr so l\u00e4cherlich sein wie ich selbst?\u201c, liest man da sinngem\u00e4\u00df in den englischen Untertiteln. Ich lache etwas erleichtert, auch, um mich von den harschen Bestialit\u00e4ten auf der Leinwand innerlich ein wenig abzulenken.<\/p>\n<p>Sie lassen von ihm ab und er winselt leiser.<\/p>\n<p>Ein anderer alternder Geck will, da\u00df sein junger Widerpart das Erbrochene einer Geliebten w\u00e4hrend des Aktes zu sich nimmt. Avec plasir, erwidert nunmehr dieser, er werde es internalisieren und es ihm am n\u00e4chsten Tage verdaut zum Geschenke machen. Oh, meint darauf der Erstgenannte, er habe den anderen wohl tats\u00e4chlich untersch\u00e4tzt. Dieses Prozedere, diese parabiologischen Vorg\u00e4nge sieht man zwar (Gott sei Dank) nicht, aber bereits der Gedanke ist grausig genug. Mon Dieu.<\/p>\n<p>Einige Menschen verlassen den Kinosaal.<\/p>\n<p>Wieder ein paar Minuten dunkles Dahin-Stelzen durch den Wald als Abk\u00fchlung. Wiederholtes plakatives G\u00e4hnen eines Kinobesuchers weit rechts. B\u00f6se Blicke meinerseits in der ungesehenen D\u00fcsternis nach rechts. Die lemurenhaften Antihelden im Zwielicht dieser roman(t)ischen Nacht spionieren, kriechen, st\u00f6hnen in der Zeitschleife eines unendlichen Kontinuums und lecken, knebeln, flagellieren sich gegenseitig weiter v\u00f6llig losgel\u00f6st von Handlung, Sinn, Telos, Topos oder Chronos. Ein erlebnisparkhafter cineastischer Swingerclub im Kopf f\u00fcr ein paar aristophile Postromantiker mit einem Faible f\u00fcrs au\u00dfergew\u00f6hnlich Lustig-Dreckige.<\/p>\n<p>Ich warte fast nur darauf, da\u00df eine oder einer auf den pl\u00fcschig-roten, ja beinahe freudenhausm\u00e4\u00dfigen Nebensitzen, zu denen ich mir sorgf\u00e4ltig mit meiner neuen ma\u00dfgefertigten Hirschlederjacke und meiner englischen Steppjacke eine nat\u00fcrliche Barriere aufgebaut hatte, das Hosent\u00fcrl aufmacht und anf\u00e4ngt mitzumachen. Deo gratias erf\u00fcllt sich diese meine Bef\u00fcrchtung nicht, wir sind halt immerhin doch noch im Ersten und nicht im Nonstop-Kino am Ottakringer G\u00fcrtel, wo dies dem Vernehmen nach Usus sein soll \u2026<\/p>\n<p>Zur weiteren Erbauung ein paar angedeutete Masturbationsszenen, etwas Herumgew\u00e4lze im Laub und schlie\u00dflich die Erl\u00f6sung: Golden Showers f\u00fcr einen kleinw\u00fcchsigen Gecken. Zun\u00e4chst spreizt eine barbusige Hofdame (angeblich eine Art \u00c4btissin, aber auch diese Andeutung geht im viersprachigen Sprachpanoptikum mangels Relevanz ohnehin unter, weil absolut nebens\u00e4chlich) ihre schlanken Beine sehr weit, hockt sich \u00fcber ihn hin und l\u00e4\u00dft aus ihrem unrasierten dunklen Geschlecht einen halben Ozean auf den (bedauernswerten oder beneidenswerten?) Gesellen pl\u00e4tschern. Dieser reibt sich sein runzliges Gem\u00e4cht und w\u00e4hnt sich im Elysium. Zu sch\u00f6n ist diese dunkle Scham! Zu herrlich diese Br\u00fcste, diese wei\u00dfe Per\u00fccke und die wei\u00dfe, glatte Haut! Bebende Brustwarzen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich finden die B\u00e4che ihre Verst\u00e4rkung durch Compagnons, die scheinbar unabl\u00e4ssig wie aus tausend F\u00e4ssern ihren goldenen Nektar auf den beinahe versinkenden K\u00f6rper des kleinen Herrn laufen lassen. Was wie ein Wunder scheint, ist nur eines: Libert\u00e9. Freiheit durch Brunzen. Sich also sozusagen Freipissen, alles auch sich herausludeln.<\/p>\n<p>Cosi fan tutte. Junge R\u00f6mer. Wir spielen jedes Spiel. Da\u00df in einer unbedeutenden Nebenszene der eingangs erw\u00e4hnte Duca, Herzog Helmut von und zu Berger, von hinten meuchlings ermordet wird, ist angesichts der K\u00fcrze der Szene und des Gesamtkontexts vor allem wieder eines: v\u00f6llig wurscht.<\/p>\n<p>Einer weniger macht das Kraut also den Wald auch nicht fett.<\/p>\n<p>&gt;so bringen wir Dir das heilige und lebende Opfer dar &#8230;&lt;<\/p>\n<p>Was man aber tats\u00e4chlich nie explizit vor die Linse bekommt, ist ein erigiertes m\u00e4nnliches Glied. Allesamt sind sie schlafend, friedlich oder h\u00f6chstens urinierend. Der junge Geck sagt, voyeuristisch beiwohnend, zum alten sinngem\u00e4\u00df: \u201eEr (der Dritte, Beobachtete) war schon lange nicht mehr hart. \u2013 Wichtig ist auch das Innere, das Erlebte. \u2013 Ich glaube lieber das, was ich sehe. \u2013 Was z\u00e4hlt, ist die Imagination.\u201c Schade vielmehr f\u00fcr die interessierte Herrenwelt, da\u00df die organische Weiblichkeit sich immer nur unter einem dunklem Haarwald mystisch erahnen lie\u00df \u2026<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bricht die D\u00e4mmerung \u00fcber den Wald herein, zu den sonst im Film \u00fcblichen Waldger\u00e4uschen gesellt sich etwas Musik und etwas Tageslicht umschwebt die Baumkronen wie Schlagobers eine duftende Melange.<\/p>\n<p>Bei diesem Film wei\u00df ich nicht, ob es sich um absoluten Schwachsinn oder um eine \u00fcberdimensionale Genialit\u00e4t oder irgendwas dazwischen handelt. Verhaltener Applaus. Besch\u00e4mung. So eine Palme in Cannes cann [sic!] doch nicht irren!?! Sollen sie lachen oder fluchen? Kaltwarm. Bringt uns (auf) die Palme. Doch, ganz ehrlich: Serra erf\u00fcllt mein Universum mit dem Besten. Abgesehen von den Bestialit\u00e4ten ist es f\u00fcr mich eine intellektuellere Anti-Mainstream-Version von \u201eInterview mit einem Vampir\u201c mit Brad Pitt aus den Neunzigern, das aber auch nicht ohne war, wenngleich auch weniger explizit sexuell und nihilistisch-infantil. Wer wie ich gerne einmal auf den Zentralfriedhof fotografisch spazieren geht oder zu Halloween vulgo Pr\u00e4-Allerheiligen ins mystische Venedig wandelt, wird \u2013 wieder einmal ganz in der hohen Schule von Eros und Thanatos \u2013 seine nicht unhelle Freude an diesem Leckerbissen haben. Eine apokalyptische Irrfahrt in Sloterdijk\u2019sche Tiefen, die Wiener Urania als Darkroom der \u00fcberschrittenen Grenzen von Raum, Zeit und gutem Geschmack.<\/p>\n<p>Ach, wie schad, da\u00df Wir \u201eLe mort de Louis XIV.\u201c von R\u00e9 Albert noch nicht gesehen haben. Wird noch. Todsicher!<\/p>\n<p>Wir, also ich, lauschten noch seinen Ausf\u00fchrungen im Anschlu\u00df an den Film, die da in etwa waren: \u201esome people said it seems like i\u2019ve just abandonned the actors on a stage. and somehow it was like that. J i also wanted to have a great name on the set that\u2019s why i chose helmut berger. we had to bring him in a good condition before. we\u2019ve just spent 3 weeks on the script. some oft the actors where no professional actors but people from a facebook casting or technicians or friends. i basically wanted to show aristocrats in the 17th century without any rehearsal in a dark mood. sensual! with nudity. It was tricky. the tension. the loss of control by this nudity. you expose yourself, there was no communication between the actors in the darkness. the friction between the actors was real, also the golden showers (which was made by several guys). the whipping was real and painful.<\/p>\n<p>i put together handsome people, ugly peoply, young people and old people and looked what would happen. masters and servants. this was complex! i love pasolini as a director. he was a master! nudity provokes tension. the end of the movie with the daylight was the end of a dream. like if you are leaving a discotheque in the morning and recognise: the night is over. the whole project was also influenced by casanova and foucault.\u201c<\/p>\n<p>Ein filmisches Sozialexperiment sondergleichen sozusagen. Echt nicht ohne.<\/p>\n<p>Dann mu\u00dfte ich gehen, denn ich hatte mich f\u00fcr neun mit einer Frau im Altwien verabredet, die meinen ersten Roman ganz gl\u00e4nzend fand und die darin auch etwas 18es-Jahrhundert-haftes entdeckte. Etwas Pompadourhaftes. Ich erschien eine halbe Stunde zu sp\u00e4t zum Treffen, weil ich Serra lauschte, der immer noch nicht aufgeh\u00f6rt hatte, zu plaudern, ich wollte ihm eigentlich noch eine Frage stellen und ihm das Kompliment machen, da\u00df er mein wirklicher Lieblingsregisseur sei, und das seit Jahren, doch ich ging. Zuerst endlich aufs Klo (my private golden shower, moralisch astrein und ethisch bedenkenlos). Und dann ins Altwien. da\u00df ich soviel sp\u00e4ter kam, mache ihr nichts aus, sie sa\u00df schon im Lokal und hatte schon drei wei\u00dfe Spritzer intus. Sie strahlte mich an.<\/p>\n<p>&gt;La\u00dft uns beten, so wie der Herr uns zu beten gelehrt hat.&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>EPILOG<\/p>\n<p>Jemand, den ich gut kannte, fuhr vor kurzem ins S\u00fcdburgenland des einundzwanzigsten Jahrhunderts zum Schreiben in ein kulturelles Refugium, in dem auch ich vor kurzem gewesen war, auch ein \u00e4lterer, seit neustem auch \u00fcberregional recht bekannter unsteter, nicht unbegabter s\u00fcd\u00f6sterreichischer Literat (Marke: Feuilletondarling der landwirtschaftlichen Bezirkszeitung, immerhin ausgezeichnet mit <span style=\"color: #333333;\">der PEJNLICHKEJT<\/span>-Medaille eines bekannten M\u00f6belhauses, Bohnensuppenfetischist) mit stark verbesserungsw\u00fcrdigen Manieren, unvorhersehbarem Gestus und fragw\u00fcrdig-abstrusen Ausschweifungen, war au\u00dferdem schon einmal dort gewesen. Als dieser jemand mit seinem ausgeborgten Klapprad in einen d\u00f6rflichen Kreisverkehr bog, schnitt ihn fast ein riesiger sauteurer Bauerntraktor. Der Landwirt, dem dieser richtig dicke und sauteure Traktor mit den mannshohen Zwillingshinterreifen augenscheinlich geh\u00f6ren mu\u00dfte, schrie vom Sitz herunter auf den Radler: \u201eDu Oarschloch!\u201c, und hupte erschreckend laut und \u00fcberholte knapp und preschte auf der burgenl\u00e4ndischen Ortsstra\u00dfe vor. Der Radfahrer hob spontan den Daumen und deutete dem Traktorfahrer im R\u00fcckspiegel \u201ethumbs up!\u201c. Er hatte es ironisch gemeint. Mehr brauchte es nicht mehr. Der b\u00e4uerliche Traktorfahrer fuhr rechts heran und parkte seinen Traktor im Stra\u00dfengraben und sprang von seinem wuchtigen Ger\u00e4t mitten auf die Stra\u00dfe. Er war voller Zorn bereit gewesen, den Radfahrer von seinem alten Rad zu zerren und Gewalt an ihm und gegen ihn anzuwenden. Diese Region mutet bisweilen als rechtsfreier Raum an, es gilt das naturrechtliche Faustrecht, die sogenannte Freiheit des Vorschlaghammers und der Mistgabel.<\/p>\n<p>Der Radfahrer trat mit voller Kraft in die Pedale und zielte auf den schmalen freien Stra\u00dfenbereich zwischen aggressivem Traktorfahrer rechts und tiefem Stra\u00dfengraben links und fuhr mit voller Kraft konzentriert voraus. Der Bauer aber, ja der Bauer! Der stand unmittelbar neben dem knapp rechts an ihm vorbeid\u00fcsenen Radfahrer und, anstatt ihn vom Rad zu sto\u00dfen, sammelte er seine gesamte Spucke und spuckte dem Radfahrer mitten auf den K\u00f6rper. Eine b\u00e4uerlich-aggressive Munddusche sozusagen. Es war ein sehr kurzer, schnell passierender Moment gewesen, soda\u00df der Bauer nicht wirklich gut zielen konnte. Vielmehr befanden sich danach lauter kleine wei\u00dfe Spuckepunkte am grauen-Umbro-Kapuzenpullover des Radfahrers, wie dieser sp\u00e4ter zuhause entdeckte. Hatte Friedrich Barbarossa noch ein rot-wei\u00df-rotes Hemd vom Blut der Schlacht gehabt, so hatte unser unbekannter Radfahrer einen grau-spuck-grauen Pullover von Umbro erhalten. Es spukte nicht nur, nein es spuckte im S\u00fcdburgenland. Was w\u00e4re passiert, wenn der Radfahrer stehen geblieben w\u00e4re und ihm 1. die Hand zum Friedensgru\u00df gereicht h\u00e4tte oder 2. ihm das blanke Hinterteil als Desavouierung gezeigt h\u00e4tte oder 3. ihm ebenso ins Gesicht gespuckt h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Man wu\u00dfte bei dieser Sorte von Menschen insbesondere in \u00d6sterreich nie, ob der Bauer nicht mit der Mistgabel oder dem Gewehr wiederkommen w\u00fcrde und Ausschau nach dem grauen Pullover gehalten h\u00e4tte. Er w\u00fcrde die \u201eSchuld\u201c bis zu den Generationen der Nachkommen r\u00e4chen wollen. Und sie entweder in einen Keller sperren oder alle auspeitschen, aufh\u00e4ngen und niederpissen. Man macht hier A-A. Allt\u00e4glicher Austroprovinzieller Agrarsadismus. <span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"color: #333333;\">\u201e\u2026 das ist kein guter Menschenschlag hier, sagte der Doktor \u2026 das L\u00e4cherliche geht von der Spitze aus &#8230; unser Staat ist eine kleinb\u00fcrgerliche Unzucht &#8230; das alles sind Untergangssymptome, wie die Menschen: Feinde der Klarheit, die Erniedriger des Verstandes, seine Sch\u00f6pfer, einer lacht und einer weint. &#8230; die Menschen, die Rechtfertiger ihrer schweinischen Sch\u00f6nheitsfehler &#8230; und alles Naturgeschichte, alles, Urin und Sprache, phantastische Irrt\u00fcmer eines zwerchfellersch\u00fctternden Gottes \u2026 die Menschen sind mit Vorsicht zu genie\u00dfen, jedes Gesicht ist eine Falle, in die man hineintritt<\/span> \u00a0<\/span>\u2026 das ist kein guter Menschenschlag hier, sagte der Doktor, die Leute sind verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein, man steckt den S\u00e4uglingen Schnapsfetzen in den Mund, damit sie nicht schreien \u2026 alle im Rausch gezeugt, m\u00fcssen Sie wissen \u2026 gr\u00f6\u00dftenteils kriminelle Naturen \u2026 Die schwere K\u00f6rperverletzung und die Unzucht und die Unzucht wider die Natur sind an der Tagesordnung. Die Kindesmisshandlung, der Mord, Vorf\u00e4lle f\u00fcr Sonntagnachmittage. \u2026 Man w\u00fcnscht sich ein Schwein, kein Kind \u2026 die Schulen haben den allerniedersten Standard und die Lehrer sind niedertr\u00e4chtig, verachtet &#8230; Fr\u00fchreif sind die Kinder, die man hier sieht. Verschlagen, o-beinig, mit Ans\u00e4tzen zum Wasserkopf. Die M\u00e4dchen bleich und d\u00fcrr und von Ohrringlocheiterungen geplagt \u2026 ich habe noch nie einen sch\u00f6nen Menschen gesehen in diesem Land \u2026 Die M\u00e4dchen verficken sich \u2026\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Libert\u00e9. C\u2019est rare. Realit\u00e9. C\u2019est surtout.<\/p>\n<p>&gt; Gehet hin in Frieden! \u2013 Dank sei Gott dem Herrn.&lt;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Aus: Thomas Bernhard, Argumente eines Winterspazierg\u00e4ngers. Zwei Fragmente zu Frost.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Elmar Mayer-Baldasseroni<br \/>\n<a href=\"https:\/\/elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=430\">\u00fc18<\/a> | Inventarnummer: 19124<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text gro\u00dfteils im Original belassen.)<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PROLOG \u201eWei\u00dft Du, wo hier die n\u00e4chste \u00f6ffentliche Toilette ist?\u201c, grinste der Mittvierziger das blonde zarte M\u00e4del mitten im Gr\u00fcnen schelmisch an. Sie verneinte, seine Hosen f\u00e4rbten sich vom Schritt hinab dunkel, und es ergo\u00df sich ein Lackerl \u00fcber seine Schuhe. 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