{"id":10448,"date":"2019-11-02T17:26:35","date_gmt":"2019-11-02T17:26:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10448"},"modified":"2024-06-26T07:26:29","modified_gmt":"2024-06-26T07:26:29","slug":"its-pretty-nice-my-dear","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10448","title":{"rendered":"It\u2019s pretty nice, my dear!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10448&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10448&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Barfu\u00df ist sie ins Haus geschneit und hat mit ihren fliegenden Schritten eine frische Brise mitgebracht. Tina aus dem Hause Eisenknappl von und zu Arresting, wo auch immer das genau liegen mag. Eine Perle in der niederbayrischen Landschaft bist du. Oh Arresting, deine Namensbestandteile \u201ea Rest\u201c und das furchteinfl\u00f6\u00dfende \u201eArrest\u201c haben damit gar nichts zu tun. Traumhafte Erinnerungen birgst du. Freilaufende Meerschweinchenscharen, die freiwillig im Areal bleiben, bis sie der Jagdleidenschaft des Fuchses allesamt zum Opfer fallen. Leben und Tod liegen nicht nur dort nahe beieinander.<\/p>\n<p>Oma zieht im Leiterwagerl das Fr\u00fchst\u00fcck zum Baumhaus, wo die Kinder, stets auf Abenteuersuche, die Nacht verbracht haben. Ein anderes Mal schleicht sie zu nachtschlafender Zeit mit ihnen aus dem Haus, um das Silvesterfeuerwerk anzuschauen.<br \/>\nSchwimmen lernt man im Amazonas, der dort Donau hei\u00dft. Angeblich z\u00fcchtet der Papa sogenannte Indianerbananen, vermutlich die Einzigen dieser Gattung fernab ihrer s\u00fcdlichen Heimat. All das w\u00e4chst in Arresting heran und gedeiht, auch Tina.<br \/>\nJetzt kommt sie aber mit einer Flasche Radler in der Hand, die sofort in den K\u00fchlschrank muss, dann fliegt sie dem Liebsten in die Arme. Elegant dreht sie mit geschickten Fingern, deren N\u00e4gel vornehm lackiert sind, Zigaretten. Das hauchd\u00fcnne Papier befeuchtet sie mit der Zungenspitze. Zwischen Tinas Fingern rei\u00dft es nicht. Und ich verstehe zum ersten Mal, warum in Osteuropa die Zigaretten Papirossy hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein anderes Mal hat Tina Zucchini, Gelbe R\u00fcben und Tomaten dabei. Der K\u00fcrbis baumelt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Alles aus den Paradiesg\u00e4rten von Arresting.<br \/>\nFr\u00fcher, als die Oma noch gelebt hat, gab\u2019s am Freitag immer Rohrnudeln und die Oma hat die Verserl, die sie zu Kindertagen einmal gelernt hat, nicht mehr aus dem Kopf gebracht. \u201eAdolf Hitler liebt die Kinder. \u2026 Wir schenken ihm Blumen.\u201c Sp\u00e4ter haben aber die amerikanischen Soldaten der Oma eine Zigarette gegeben. Oh, war das aufregend! Und jetzt dreht Tina die Papirossy zwischen ihren zarten Fingern. Die Zeit ist ein Fluss, in dem sich die Generationen tummeln.<\/p>\n<p>Unter den F\u00fc\u00dfen muss Tina den Boden sp\u00fcren, selbst wenn der Boden Beton, Holz oder Teer ist. Der Kontakt zur Muttererde ist ganz wichtig, wie auch immer sie beschaffen sein mag. Tina ist nicht zimperlich oder m\u00f6chte es nicht sein. \u00a0So ist das.<br \/>\nIns leere, bauchige Marmeladenglas pflanzt sie ein zartes blutrotes R\u00f6schen, das von einer anderen Welt k\u00fcndet, die auch irgendwo da sein muss. Schade, dass wir die T\u00fcr zu dieser Welt nicht finden k\u00f6nnen. Das ganze Leben lang suchen wir nach dem Schl\u00fcssel.<br \/>\nRot wie Blut sind Tinas Lippen und schwarz wie Ebenholz ist ihr Haar.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend gelbe Zucchini, Ochsenherz-Tomaten und rote Kartoffel heranwachsen, flirrt die Sommerhitze \u00fcber Blumen, Rosen und B\u00e4umen. In diesem Jahr ist der Sommer gro\u00df wie kaum zuvor. Die ersten Feigen f\u00e4rben sich lila. Im Tonelefanten reifen vereinzelt winzige s\u00fc\u00dfe Erdbeeren. Im n\u00e4chsten Jahr werden sie \u00fcppig wachsen, wie auf Tinas T-Shirt und von den Lippen wird der rote, s\u00fc\u00dfe Saft tropfen, wenn sie die Fr\u00fcchte mit den Fingern in den Mund schiebt.<\/p>\n<p>Aber bis dahin muss noch der Winter \u00fcberstanden werden. Die Feigen reifen bis in den Herbst hinein und wen Gott liebt, den l\u00e4sst er davon kosten. Die Erd\u00e4pfel m\u00fcssen wir ausgraben. Sie retten uns.<\/p>\n<p>Wer im Herbst geboren ist, braucht ein warmes Herz. Tina stammt aus dem Geschlecht der Eisenknappl. Der Name erz\u00e4hlt von einem mittelalterlichen Rittergeschlecht, vielleicht geadelt aufgrund besonderer Tapferkeit w\u00e4hrend der Kreuzz\u00fcge auf dem Weg ins Heilige Land. Ein Knappe zieht seinem Ritter Tag f\u00fcr Tag die schwere Eisenr\u00fcstung an und aus. Der Eisenknappe! Er schrubbt seinem Herrn geduldig die Rostflecken von der Haut.<br \/>\nJa, bestimmt ist es so gewesen. Und f\u00fcr die treuen Dienste hat der Knappe den fruchtbaren Landstrich an der Donau zum Lehen bekommen. Seit Jahrhunderten wachsen dort die Eisenknappls auf inmitten der Wiesen und Felder, auf denen alles gedeiht, sogar die Indianerbanane neben den Roten Rahnern, ihrem Ahnherrn zur Ehre.<\/p>\n<p>Wer auf seine Tradition zur\u00fcckblickt, hat es schwer, sei es eine reale oder eine fiktive. Immer lastet etwas auf den Schultern, etwas unbestimmt Gro\u00dfes und in den Jahresringen der Erinnerung ist das Fernweh eingewachsen, das mit Expandern an der Heimat h\u00e4ngt. Ein Weh, das in den \u00c4ther fleht\u00a0 und nach den Sternen greift, im Morgendunst mit einer Papirossa dem Sehnen Ausdruck verleiht. Auch die Indianerbananen k\u00fcnden vom Fernweh, und mit den Feigen kommt das Paradies nach Hause.<\/p>\n<p>Wenn sich der Schnee mit seinen weichen Flocken niederlassen wird, bildet er eine sch\u00fctzende kalte Decke, die alles unter sich bedeckt und vor dem Erfrieren bewahrt. F\u00fcr ein paar Monate findet alles seinen Frieden und kann dem Fr\u00fchling entgegend\u00e4mmern. Ich wei\u00df nicht, ob Tina, die jung und stark ist, Ruhe braucht, ob sie die Ruhe aushalten kann. Bestimmt fliegen ihre Schritte \u00fcber die Schneedecke, ohne die K\u00e4lte zu sp\u00fcren. Ich glaube, die roten Lippen und das ebenholzfarbene Haar werden im Winter erst recht von jener unbestimmten Sehnsucht k\u00fcnden.<br \/>\nAlles in ihr dr\u00e4ngt nach Leben, nach Erwachen. Doch das kommt immer unverhofft. Pl\u00f6tzlich, wenn man es am wenigsten erwartet, merkt man, dass die T\u00fcr, f\u00fcr die man lange vergebens den Schl\u00fcssel gesucht hat, schon immer offenstand.<br \/>\nTinchen ist die Rose, die hervorw\u00e4chst aus dem rostigen Eisen des knappen Stammbaums. Das \u201el\u201c braucht sie nicht.<\/p>\n<p>So steckt die Verletzlichkeit in allen Dingen, und wie sollen wir es uns abgew\u00f6hnen, sie verbergen zu wollen. Unverhofft taucht da einer auf, der dich an der Hand nimmt und dich f\u00fchrt und sich gleichzeitig bereitwillig f\u00fchren l\u00e4sst. Du musst es nur zulassen. Aber die einfachsten Dinge sind bekanntlich die schwersten.<\/p>\n<p>Tinchen \u00a0Eisenknappl, dein Gesicht ist vom schwarzen Haar gerahmt. Du kostest Erdbeeren und liebst Zitroneneis. Im Rauch der Papierrosen blickst du hinter die Zeit und liest die geheimen Zeichen vom Faden, der die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt.<br \/>\nEin Engel h\u00e4lt dich an der Hand und geleitet dich, damit du nicht strauchelst oder gar f\u00e4llst und st\u00fcrzt. Jener Engel an deiner Seite l\u00e4sst dich auch schweben und deswegen sind deine Fu\u00dftritte mit der Schwerelosigkeit der Schneeflocke vergleichbar. Barfu\u00df schneist du herein und verbreitest \u00fcberall im Zimmer Rosenduft.<\/p>\n<p>Das wird ein Fest werden, wenn wir gemeinsam mit der Zwergziege, der Graugans und dem Wadlbei\u00dfer im Schatten des Feigenbaums Radler trinken!<\/p>\n<p><em>F\u00fcr Tina zum Geburtstag am 8. September 2019<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7360\">fest feiern<\/a> | Inventarnummer: 19140<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barfu\u00df ist sie ins Haus geschneit und hat mit ihren fliegenden Schritten eine frische Brise mitgebracht. Tina aus dem Hause Eisenknappl von und zu Arresting, wo auch immer das genau liegen mag. Eine Perle in der niederbayrischen Landschaft bist du. 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