{"id":10223,"date":"2019-09-26T07:44:58","date_gmt":"2019-09-26T07:44:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10223"},"modified":"2019-09-28T10:53:10","modified_gmt":"2019-09-28T10:53:10","slug":"der-letzte-buckaroo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10223","title":{"rendered":"Der letzte Buckaroo"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10223&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10223&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Hinkend lief Mark mit staubigen Reitstiefeln den Weg entlang. Mit einer Hand hielt er sich die H\u00fcfte und er betrachtete das kaputte Smartphone in der anderen Hand.<br \/>\n\u201eVerdammter Mistkerl!\u201c, dachte er.<br \/>\n\u201eNugget! Komm zur\u00fcck!\u201c, rief er energisch. Er nahm den Cowboyhut vom Kopf und wischte sich den Schwei\u00df von der Stirn. St\u00f6hnend hielt er inne und lauschte Richtung Wald, der sich am Fu\u00dfe der schneebedeckten Berge ausbreitete. Au\u00dfer dem entfernten Rauschen des Wasserfalles in den nahegelegenen Mesa Falls war nichts zu h\u00f6ren. Mark musterte seinen zerrissenen \u00c4rmel und die darunterliegende, abgesch\u00fcrfte Hautstelle am Ellenbogen.<br \/>\n\u201eWenn ich den erwische, der kann was erleben!\u201c, nuschelte er mit zittriger Stimme.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er ein Knacksen.<br \/>\n\u201eNugget?\u201c<br \/>\n\u00dcber eine Anh\u00f6he, die in der N\u00e4he des Waldrandes lag, kam ein Reiter auf ihn zu. An seiner Seite f\u00fchrte er Nugget als Handpferd. Der Mann mit dem breitkrempigen, dunkelgrauen Hut sa\u00df aufrecht im Sattel und hielt die edel geflochtenen Lederz\u00fcgel sachte in den braungebrannten, gekr\u00fcmmten Fingern der linken Hand. Sein Pferd gl\u00e4nzte in der Abendsonne, ein wundersch\u00f6nes Tier mit eindrucksvollem Gehabe, einer dunklen M\u00e4hne und majest\u00e4tischen Bewegungen. Mark hatte noch nie so ein elegantes, stolzes Pferd gesehen! Sie kamen n\u00e4her, und Mark konnte nun auch das Gesicht des Mannes erkennen. B\u00e4rtig, braun und faltig, die Gestalt schmal und hager, mit gepflegten Lederchinks \u00fcber den Jeans und mit einem roten Hemd und schwarzem Seidentuch um den Hals. Das Tuch wurde von einer silbernen Schmuckspange zusammengehalten, in der sich die Sonne spiegelte.<\/p>\n<p>Er hielt neben Mark an, begr\u00fc\u00dfte ihn mit einem herablassenden L\u00e4cheln, mit dem selbstbewusste \u00e4ltere M\u00e4nner eben j\u00fcngeren M\u00e4nnern in Idaho begegnen, und fragte:<br \/>\n\u201eIst das dein Pferd?\u201c<br \/>\nAn der Seite von Mark wurde Nugget zunehmend unruhig. Sein Hals war schwei\u00dfnass und sein Atem ging in schnellem Tempo. Mark n\u00e4herte sich ungeschickt, wollte die Z\u00fcgel fassen. Prompt wich der Rappwallach einige Schritte zur\u00fcck, seine Augen waren geweitet und er schnaubte laut.<br \/>\n\u201eJa, Sir. Also eigentlich nein, Sir. Das ist das Pferd von Jim, ich hab es mir geliehen. Dort vorne hat mich dann der Gaul ohne Grund abgebockt und das Weite gesucht!\u201c<br \/>\n\u201eSoso, einfach abgebockt.\u201c Als Mark noch immer nicht in der Lage war, nach den Z\u00fcgeln zu greifen, geschweige denn in den Sattel zu steigen, ritt der alte Mann, wieder die Z\u00fcgel von Nugget haltend, einfach los.<br \/>\n\u201eFolge mir.\u201c<\/p>\n<p>Mark lief, so schnell ihm das m\u00f6glich war, hinterher.<br \/>\n\u201eMoment, Hallo! Wohin denn? Kann ich nicht aufsitzen? Ich bin verletzt.\u201c<br \/>\nDer Reiter reagierte nicht und ritt Richtung Wald.<br \/>\nNach etwa zehn Minuten erreichten sie eine kleine Lichtung. Der Mann stieg ab und f\u00fchrte beide Pferde zu einer abgebrannten Feuerstelle, auf der eine alte Kaffeekanne stand. Mark warf den Hut in die Wiese, st\u00fctzte seine H\u00e4nde auf die Knie und atmete lautstark.<br \/>\n\u201eKomm und sattle dein Pferd ab\u201c, murmelte der Mann.<br \/>\n\u201eIch sollte jetzt aufbrechen und heimreiten, meinst du nicht?\u201c<\/p>\n<p>Der Mann wandte sich um und sah Mark mit zusammengekniffenen Augen direkt ins Gesicht. \u201eOkay, mein Einwand scheint nicht geduldet zu sein\u201c, dachte Mark.<br \/>\nMit vor Ersch\u00f6pfung zittrigen Fingern n\u00e4herte sich Mark dem Sattelgurt, Nugget wich sogleich zur Seite.<br \/>\n\u201eMensch, Nugget, jetzt halt doch mal still. Das kann doch nicht wahr sein! Was ist denn heute blo\u00df los mit dir? Lass dir mal \u2026\u201c<br \/>\n\u201eH\u00f6r auf mit dem Gequatsche. Das interessiert ihn nicht!\u201c<\/p>\n<p>Der alte Mann legte seinen Sattel sorgsam auf eine Decke und ging zu Nugget, sattelte ihn ab und verstaute alles am Boden, dann nahm er dem Pferd die Trense aus dem Maul. Nugget hielt v\u00f6llig still und senkte den Kopf.<br \/>\n\u201eAber wenn sie nun frei sind, laufen die dann nicht weg?\u201c, fragte Mark.<br \/>\n\u201eWas du liebst, lass frei. Kommt es zur\u00fcck, geh\u00f6rt es dir\u201c, entgegnete der Mann.<br \/>\n\u201eIch erw\u00e4hnte bereits, dass er nicht mir geh\u00f6rt\u201c, wandte Mark ein.<br \/>\n\u201eLass ihn mal den Kopf frei bekommen. Das hat er dringend n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n<p>Als sich der Mann zur Lagerstelle begab, gingen beide Pferde ruhigen Schrittes grasen. Jetzt bemerkte Mark den geb\u00fcckten, unsicheren Gang des alten Herren und dessen O-Beine.<br \/>\n\u201eIm Sattel stolz und anmutig, zu Fu\u00df ein alter, gebrechlicher Mann\u201c, stellte Mark in Gedanken fest. Menschen zu beobachten, war Marks Job und er konnte das gut.<br \/>\n\u201eIch hei\u00dfe Dave. Willst du Kaffee?\u201c. Der Mann b\u00fcckte sich zur Kanne und goss in eine alte Tasse etwas braune Br\u00fche ein.<br \/>\n\u201eNein, danke. Ich hei\u00dfe Mark und sollte jetzt wirklich aufbrechen. Jim wird sich Sorgen machen.\u201c<\/p>\n<p>Dave setzte sich auf einen Baumstumpf und nahm einen Schluck aus der Tasse.<br \/>\n\u201eDu bist also bei Jim dr\u00fcben auf der Ranch. Bist du Tourist?\u201c<br \/>\nMark trat von einem Bein auf das andere, beobachtete die Pferde, die nun etwas weiter weg Richtung eines Bachlaufes marschierten und dort vom Wasser tranken.<br \/>\n\u201eNein, Jim und ich sind alte Jugendfreunde. Ich wohne bei ihm f\u00fcr eine Weile, um hier zu arbeiten.\u201c<br \/>\n\u201eWas ist das f\u00fcr eine Arbeit?\u201c, wollte Dave wissen.<br \/>\nMark holte tief Luft, eigentlich war er nicht in Stimmung f\u00fcr Small Talk. Dennoch nahm er gegen\u00fcber dem alten Mann auf einem weiteren Baumstumpf Platz.<br \/>\n\u201eIch arbeite an einem Buch. Es handelt von Cowboys im Westen. Bin etwas unter Zeitdruck, weil mir der Verlag schon auf die Pelle r\u00fcckt. Es ist sehr hilfreich, dass ich bei Jim arbeiten kann, wollte n\u00e4mlich auch auf dem Pferd sitzen, damit ich meine Protagonisten hautnah beschreiben kann.\u201c<\/p>\n<p>Dave schmunzelte ein wenig, z\u00fcndete sich mit arthritischen Fingern eine Zigarillo an und betrachtete die Pferde.<br \/>\n\u201eNugget ist ein feiner Kerl. Sehr sensibel und aufmerksam.\u201c<br \/>\n\u201eKennst du ihn schon l\u00e4nger?\u201c, wollte Mark wissen.<br \/>\n\u201eIch brauche ihm nur in die Augen zu sehen.\u201c<br \/>\nMark scharrte etwas verlegen mit einem Stiefel im Staub.<br \/>\n\u201eWie war das mit dem Bocken? Erz\u00e4hl mal.\u201c<br \/>\n\u201eNaja. Ich ritt so des Weges im gem\u00fctlichen Schritt. Bin ja schon \u00f6fter mit ihm geritten die letzten Wochen. Bekam dann eine Mail auf mein Handy und hab nachgesehen. Auf einmal wurde Nugget nerv\u00f6s und t\u00e4nzelte und wurde zappelig. Hab dann versucht, ihn am Z\u00fcgel zu bremsen, und Jim meinte, manchmal schadet ein kleiner Sporeneinsatz nicht, um ihn wieder runterzuholen.\u201c<br \/>\nDave fing sachte und aus tiefer Kehle an zu lachen.<br \/>\n\u201eUnd dann hat er einfach so gebockt, was?\u201c Er lachte weiter und wischte sich eine Tr\u00e4ne ab.<br \/>\nDie Pferde waren mittlerweile in den Wald verschwunden, nur ab und zu war ein leises Knacken zu h\u00f6ren. Dave beunruhigte das in keiner Weise, nur Mark stand auf und hielt Ausschau.<br \/>\n\u201eWas stand denn da so in der Nachricht auf dem Telefon?\u201c, fragte Dave.<br \/>\n\u201eWar gesch\u00e4ftlich. Wieder der Verlag, der endlich einen Vorentwurf braucht. Ich komme aber nicht weiter. H\u00e4nge diesmal gewaltig fest mit der Story.\u201c<br \/>\n\u201eWie hast du dich gef\u00fchlt, als du die Nachricht gelesen hast?\u201c Mark setzte sich wieder und dachte ein Weilchen nach.<br \/>\n\u201eWei\u00df nicht, ge\u00e4rgert habe ich mich wahrscheinlich.\u201c<\/p>\n<p>Dave beugte sich zu seiner Satteltasche und kramte einen silbernen Flachmann hervor. Er reichte sie Mark.<br \/>\n\u201eHier, nimm einen Schluck und versuche zu entspannen.\u201c<br \/>\nMark f\u00fchlte die \u00f6lige, intensive Fl\u00fcssigkeit die Kehle hinuntergleiten. Ein angenehmer, kr\u00e4ftig-beeriger und rauchiger Geschmack machte sich breit, feinster Whisky!<br \/>\n\u201eBist du nun bereit f\u00fcr ein paar Worte?\u201c, fragte Dave. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter.<br \/>\n\u201eEntspannung gepaart mit gegenseitigem Vertrauen sind die Standbeine der Ruhe im Pferd. Setze dich nie in Hektik in den Sattel. \u00dcbertrage keine unn\u00f6tigen Erregungen auf das Tier. Es gibt immer einen Grund f\u00fcr jede Bewegung, Regung und Handlung des Pferdes. Nur, wer sich Zeit und M\u00fche nimmt, wird Erfolg haben. Ein richtiger Horseman benimmt sich nicht dominant und aggressiv. Und bedenke: Dein Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch deine Unsicherheiten, deinen Frust. \u00c4rgere dich nie \u00fcber dein Pferd, du k\u00f6nntest dich genauso gut \u00fcber dein Spiegelbild \u00e4rgern! So einfach ist das, Mark.\u201c<\/p>\n<p>Dave schaute Mark fest in die Augen. Es war ein wissender, sanfter Blick mit enorm viel W\u00e4rme. Pl\u00f6tzlich bemerkte Mark auch den Schalk, der in den graublauen Augen des alten Mannes aufblitzte, ein lebensfroher Mensch mit einer gro\u00dfen Verbundenheit zu den Pferden. Mark meinte sogar, die Silhouette eines Pferdes zu erkennen, die sich nun in den Augen spiegelte.<br \/>\n\u201eNa, da seid ihr ja!\u201c, sprach Dave und erhob sich. Nugget und das Pferd von Dave standen hinter Mark. V\u00f6llig ruhig und entspannt, Mark hatte sie nicht einmal kommen h\u00f6ren.<br \/>\n\u201eDann wollen wir Jim nicht l\u00e4nger warten lassen\u201c, meinte Dave.<br \/>\nDie M\u00e4nner sattelten ihre Pferde und Nugget hielt jetzt ganz still.<br \/>\n\u201eIch werde dich begleiten\u201c, meinte Dave. Mit einer geschmeidigen, ruhigen Bewegung stieg er in den Sattel und wartete auf Mark.<br \/>\n\u201eBescheidenheit und Demut, Mark. Reite dein Pferd stolz und mit W\u00fcrde. Lass es strahlen!\u201c<br \/>\nMark wurde pl\u00f6tzlich ganz mulmig zumute. Wieso hatte er sich nie n\u00e4her Gedanken \u00fcber das Wesen der Pferde gemacht?<\/p>\n<p>Der Ritt \u00fcber den Waldweg und sp\u00e4ter \u00fcber die staubige, schmale Landstra\u00dfe verlief in v\u00f6lliger Ruhe. Dave sprach kein Wort. Er streichelte manchmal unauff\u00e4llig \u00fcber den Widerrist des Pferdes und nun war er auch nicht mehr der alte Mann, er war eine Einheit mit seinem Wallach, und beide, Pferd und Reiter, wirkten unglaublich imposant und erhaben. Nugget trottete aufmerksam hinter ihnen her.<br \/>\nJim stand in der Einfahrtsstra\u00dfe zu seiner Ranch und wartete. Dave hob die Hand zur Hutkrempe und tippte kurz daran:<br \/>\n\u201eJim!\u201c<br \/>\n\u201eDave. Es ist mir eine Ehre!\u201c<br \/>\nMark stieg vom Pferd und bedankte sich f\u00fcr die Begleitung. Es war ihm seit langer Zeit endlich warm ums Herz, und er sp\u00fcrte eine unendliche Zufriedenheit. Sanft strich er \u00fcber Nuggets Hals und schaute Dave nach, der wieder seines Weges ritt.<br \/>\n\u201eNa, Mark? Alles okay bei dir? Wo hast du denn Dave aufgegabelt? Ihn sieht man sehr selten. Er ist einer der letzten Buckaroos hier bei uns und ein unglaublich guter Horseman.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich wei\u00df. Und ich wei\u00df jetzt endlich, wie ich mein Buch schreiben werde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 19113<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinkend lief Mark mit staubigen Reitstiefeln den Weg entlang. Mit einer Hand hielt er sich die H\u00fcfte und er betrachtete das kaputte Smartphone in der anderen Hand. \u201eVerdammter Mistkerl!\u201c, dachte er. \u201eNugget! Komm zur\u00fcck!\u201c, rief er energisch. Er nahm den Cowboyhut vom Kopf und wischte sich den Schwei\u00df von der Stirn. 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