{"id":10162,"date":"2019-09-02T15:24:29","date_gmt":"2019-09-02T15:24:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10162"},"modified":"2019-09-03T06:04:09","modified_gmt":"2019-09-03T06:04:09","slug":"zwischen-ernst-und-sarkasmus-anne-mary-evans-george-eliot-zum-200sten-geburtstag-am-22-november-2019","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10162","title":{"rendered":"Zwischen Ernst und Sarkasmus. Anne Mary Evans \/ George Eliot zum 200sten Geburtstag am 22. November 2019"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10162&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10162&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Und h\u00e4tte sie nur diesen 1871 erschienenen Roman geschrieben, w\u00e4re ihr doch ein herausgehobener Platz im englischen Literaturgeschehen des 19. Jahrhunderts sicher. Sie besa\u00df ihre Stellung bereits zu Lebzeiten, wenn auch naturgem\u00e4\u00df nicht unwidersprochen, und sie behielt sie bis dato: Gerade dieses Buch soll erst vor wenigen Jahren von zahlreichen Anglisten zum besten seiner Epoche gerechnet worden sein.<br \/>\nDer Autorin eignende gesellschaftliche Unstimmigkeiten von mehrfacher Selbstbenennung bis zu einer \u00abwilden Ehe\u00bb, die als Makel ihren Ruf im puritanischen Umfeld erheblich beeintr\u00e4chtigten, wirken aus heutiger Sicht kaum mehr kompromittierend. Und doch spielten diese Rank\u00fcnen durchaus eine literarische Rolle, denn zum einen benutzt sie immer wieder von neuem ein m\u00e4nnliches Pseudonym, vornehmlich den George Eliot, zum anderen verarbeitet sie aus einem deutlichen Beobachterinnenstatus heraus das Verhalten der b\u00fcrgerlichen Soziet\u00e4t in ihrem Werk.<\/p>\n<p>Einen gedanklichen Hintergrund stellte ihre Beziehung (\u00fcber Richard Owen) zu den \u00abFreidenkern\u00bb dar, der zu ihrer \u00dcbersetzung von D.F. Strau\u00df und L. Feuerbach ins Englische f\u00fchrte. Ihr geht indessen missionarischer Eifer ab: Bei einzelnen beschreibenden Passagen des Buchs wei\u00df man nicht recht, inwieweit die Bewertungen nun effektiv im direkten w\u00f6rtlichen Sinn gemeint sind oder doch nicht ganz so ernst: britischer Humor eben.<\/p>\n<p>Das hier im Fokus stehende oder besser: liegende Opus hat es wahrlich in sich: Schon \u00e4u\u00dferlich beindrucken die gut 1100 Seiten (im \u00abnormalen\u00bb Buchformat). \u00dcber die ganze L\u00e4nge wird eine \u00fcbersichtliche Gruppe der Handelnden in kleinst\u00e4dtischem Umkreis und begrenztem zeitlichen Rahmen weniger Jahre vorgestellt; Abweichungen (wie eine Romreise) erscheinen nur peripher, freilich als spezifisch figurenbezogen verifiziert. Obwohl die Vorg\u00e4nge sich verweben, verwirren sie sich kaum und bleiben \u00fcber die gesamte Abfolge \u00fcbersichtlich.<br \/>\nDemgem\u00e4\u00df legt die Autorin den h\u00f6chsten Wert der Ausf\u00fchrungen auf die Entwicklungen ihrer Gestalten, in denen, mittels eines ungeachtet der laufenden Erz\u00e4hlung deutlich auktorialen Sich-Hineinversetzens, nachdr\u00fccklich die innere Haltung das Handeln bestimmt. Konsequent stehen diese Personen abwechslungsweise im Fokus der Erz\u00e4hlung, einzelne \u2013 nicht zuletzt Frauen \u2013 in ihrem im doppelten hintergr\u00fcndigen Sinnieren und somit als eigentliche Handlungstr\u00e4ger herausgehoben.<\/p>\n<p>Wobei sich die Roman-Handlung prim\u00e4r auf die Beziehungswelten, zu Sachfragen ebenso wie zu den Mitmenschen, bezieht und in zahlreichen Dialogen zu Wort kommt. Hierin zeigt die Autorin, wie erheblich sie von den vorangehenden anderen spezifisch femininen Sichtweisen in der englischen Literatur beeinflusst ist, etwa von Jane Austens \u00e4lteren antipodisch aufgebauten Entwicklungsromanen und namentlich der Bront\u00eb-Schwestern j\u00fcngeren romanhaften Zuspitzungen. Indem sie noch zu der Schwestern-Generation geh\u00f6rt (!), ist es kaum ein Zufall, wenn Anne Mary Evans beim Schreiben trotz des erheblichen zeitlichen Abstands sich in etwa die selbe Epoche vornimmt. Dadurch erweisen sich (im heutigen R\u00fcckblick aus Mitteleuropa) viele inhaltliche Abhandlungen als in hohem Ma\u00df f\u00fcr die 1830er Jahre zeitgebunden, so insbesondere der Dauerschatten der Parlamentswahl im Gezerre von Torys und Whigs sowie die Frage medizinischer Forschung jenseits akademischer Institutionen.<\/p>\n<p>Dass die Personen nicht nur in Verhaltens-, Sprach- und, kaum vermeidbar, Kleidungsfragen, sondern letztlich in st\u00e4ndigen st\u00e4ndischen Beziehungs- und Zuordnungsfragen stark dem Milieu und Jahrzehnt verquickt verbleiben, erstaunt beim Lesen demnach weit weniger. Andererseits, und darin liegt ein sp\u00fcrbarer Unterschied, beurteilt A.M.E. resp. G.E. die damalige Gesellschaft eben aus der Distanz von vier Jahrzehnten: Wobei die Gegenwart der streng viktorianisch gepr\u00e4gten Epoche von der Autorin offenbar nur graduell verstanden wird.<br \/>\nZumindest auf diese Weise erkl\u00e4rt sich (f\u00fcr mich) der Untertitel <em>A Study in Provincial Life<\/em>, \u00abStudie\u00bb dabei als Tableau in der (notwendig?) ausschnittsweisen Komposition verstanden und den Sinn des Haupttitels erheblich beeinflussend: <em>Middlemarch<\/em>, eine fiktive Kleinstadt Mittelenglands, die das erw\u00fcnschte Spektrum an Aktivit\u00e4ten erm\u00f6glicht, w\u00e4hrend zugleich das leicht erreichbare London den direkten Bezugsspiegel erlaubt. Eigentlicher Haupttr\u00e4ger des Geschehens ist somit der Kern einer Mittelschicht mit \u00abAusfransungen\u00bb nach oben und unten, die trotz aller Aktualit\u00e4ten sich auf dem Marsch in eine sp\u00e4tere Jetztzeit (siehe noch einmal das Datum der Publikation) befindet.<\/p>\n<p>Aus diesem Blickwinkel erscheint des Volumens Umfang nicht zu gro\u00df, obwohl im Verlauf des Lesens manches zumindest f\u00fcr heutige Nichtengl\u00e4nder etwas langatmig scheint, w\u00e4hrend umgekehrt der Schluss als Ausblick auf das Werden der Hauptfiguren etwas arg abrupt wirkt. Beides hingegen ist beileibe nicht auf dieses Buch beschr\u00e4nkt, man nehme sich nur einmal Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em> vor (f\u00fcr den er sich den Nobelpreis erhoffte).<br \/>\nEs scheint also aus sozialphilosophischer Sicht durchaus eine gewisse Ausf\u00fchrlichkeit n\u00f6tig, soll die <em>Study<\/em> nicht in eine akademische Abhandlung abgleiten, sondern in einen lebensvollen Bericht in der allzu menschlichen Atmosph\u00e4re weniger Jahre m\u00fcnden und in einer einf\u00fchlsamen, die jeweiligen Handlungsweisen in ihrer Bindung an Zeit, Raum und pers\u00f6nlichen Eigenheiten in literarischer \u2013 gut und gerne lesbarer \u2013 Schilderung verbleiben. \u00dcberdies liegt in der ansatzweisen Vorwegnahme (um im Angels\u00e4chsischen zu bleiben) sp\u00e4terer Entwicklungen wie Henry James\u2019 feingliedrig-feinsinniger Schilderungen oder Virginia Woolfs innerem Monolog ein weiterer hoher Wert von Anne Mary Evans Werk.<\/p>\n<p>Rund ein Jahrzehnt zuvor, 1860, ver\u00f6ffentlichte sie \u2013 nach journalistischer und Rezensionst\u00e4tigkeit und dem (eher sp\u00e4ten) literarischen Beginn mit Kurzgeschichten in Zeitschriften \u2013 einen zweiten, bereits sehr umfangreichen und erfolgreichen Roman <em>Die M\u00fchle am Floss<\/em> (Anm.: Floss ist weder Flo\u00df noch Schreibfehler, sondern der Fluss-Name). Er gilt ebenso als eines \u00a0d e r \u00a0klassischen B\u00fccher Englands. Im Grunde genommen finden sich bereits die Charakteristika des Hauptwerks von A assoziative Gedankeng\u00e4nge \u00fcber F fiktionale aber konkret erlebbare Handlungsst\u00e4tten, G starke Gewichtung inneren b\u00fcrgerlichen Empfindens bis Z durch eine fr\u00fchere Handlungsepoche zeitbedingte \u00e4u\u00dfere Einwirkungen.<br \/>\nDie Palette der Personen bleibt enger als in <em>Middlemarch<\/em>, handelt es sich doch im Grunde genommen um einen Familienverband, wird aber zugleich eingehender herausgearbeitet.<\/p>\n<p>Der Ernst des in sieben Teilb\u00fcchern intensiv geschilderten Werdegangs vor allem aus der Sicht eines Geschwisterpaars \u2013 vom Leben im Wohlstand \u00fcber den Nieder- bis zum Untergang (darin cum grano salis ein Vorl\u00e4ufer von Manns <em>Buddenbrooks<\/em>) \u2013 erweist sich in der durchdringenden Darstellung, der lebensphilosophischen Auslegung, in der minuti\u00f6sen Wiedergabe der Reaktionen von allerh\u00f6chster Intensit\u00e4t. In die weibliche Hauptfigur Maggie soll viel Autobiographisches eingeflossen sein; wom\u00f6glich deshalb sind der sarkastische Unterton und die spitzfindigen (manchmal kaprizi\u00f6sen, manchmal bissigen) Randbemerkungen gar nicht zu \u00fcberlesen \u2013 nicht zuletzt auch, weil hier die Autorin noch da und dort als auktoriale Erz\u00e4hlerin in Ich-Form Kommentare zum Verh\u00e4ltnis von gestern und heute einschiebt.<br \/>\nDer in der und f\u00fcr die Entstehungszeit wohl gerade aus seiner facettenreichen Auff\u00fchrung resultierende \u00abpackende\u00bb sozial aufbereitete Durchblick in einer Mischung von Darstellung der sich entwickelnden Gegebenheiten einer- und von steter eingehender Bewertung der Ereignisse andererseits erweist sich f\u00fcr eine nicht \u00abirgendwie\u00bb enger mit Britannien verbundene Leserschaft allerdings als etwas \u00fcberdetailreich-ausholend, und an dieser deutlichen Temporeduktion kann die, die Gesellschaft aufspie\u00dfende spitze Feder nicht viel \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In die Zwischenzeit (1860 \u2013 1871) fallen in dichter Folge zahlreiche Romane, und es schlie\u00dfen sich bis 1876 (vier Jahre vor ihrem Tod) weitere an, sie erreichen die darstellerische Dichte, die zielorientierte Durchf\u00fchrung, die eingehende Erschlie\u00dfung der beiden hier vorgestellten Werke aber im Gro\u00dfen und Ganzen nicht unbedingt.<\/p>\n[<em>Insbesondere liegen dem Essay zugrunde: G.E., Die M\u00fchle am Floss, \u00fcbersetzt von Eva-Maria K\u00f6nig, Stuttgart 1983\/2000 Reclam UB 2711; G.E., Middlemarch, \u00fcbersetzt von Irmgard Nickel, Leipzig 1979\/K\u00f6ln 2010<\/em>.]\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 19109<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und h\u00e4tte sie nur diesen 1871 erschienenen Roman geschrieben, w\u00e4re ihr doch ein herausgehobener Platz im englischen Literaturgeschehen des 19. 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