{"id":10143,"date":"2019-08-31T06:54:15","date_gmt":"2019-08-31T06:54:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10143"},"modified":"2019-09-02T06:56:50","modified_gmt":"2019-09-02T06:56:50","slug":"herbstbeginn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10143","title":{"rendered":"Herbstbeginn"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10143&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10143&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Marktgemeinde Hollstein stand vor einem Scheideweg, dessen einzuschlagende Richtung g\u00e4nzlich in der Hand von drei Menschen lag. Die Hollsteiner wussten davon noch nichts, sondern lie\u00dfen sich in den Abendstunden jenes warmen Septembertages an der Seepromenade treiben, begleitet von den Kl\u00e4ngen der \u00f6rtlichen, preisgekr\u00f6nten Musikkapelle. Sp\u00e4ter gesellte man sich im Strandbad auf den Bierb\u00e4nken zueinander, a\u00df belegte Brote oder Bratwurst und trank allerlei Alkoholisches, bis die Gelsen zu l\u00e4stig wurden und das Bier zur Neige ging.<\/p>\n<p>Wie jedes Jahr am 21. September, feierte man den Einzug des Herbstes sowie den Abgang der Touristen, die jeden Sommer mehr und jeden Sommer etwas ungehobelter wurden. Vereinzelt trotteten noch einige von ihnen herum, fotografierten den Sonnenuntergang oder die M\u00e4dchen im Dirndl, die Tabletts mit zehn Halben trugen, als w\u00e4ren nur zwei darauf. Eine Gruppe Asiaten hatte sich den Tisch direkt neben der Musik gesichert und klatschte jeden Schlager begeistert mit.<\/p>\n<p>Als besondere Spezialit\u00e4t wurde, wie bei jedem noch so kleinen Dorffest, die <em>Kaszuzler <\/em>serviert. Entweder im Ganzen oder als daumendicke Scheiben auf einem Holzbrett, daneben Senf, Kren und ein Kornwecken. Zu Weihnachten kam die <em>Kaszuzler<\/em> neben der Leberpastete und zu Ostern zum Fr\u00fchst\u00fcck mit frisch gekochten Eiern auf den Tisch. Auch als Pizzabelag war sie unschlagbar: Die \u201eKaszuzler Pizza\u201c war der Verkaufsrenner beim Wirt am Dorfplatz. Was w\u00e4re der Herbsteinzug ohne <em>Kaszuzler<\/em>? Was w\u00e4re Hollstein ohne <em>Kaszuzler<\/em>?<\/p>\n<p>Die <em>Kaszuzler<\/em> ist eine sogenannte Rohwurst, deren Zutaten als auch Herstellungsprozess ein allgemein bekanntes Geheimnis in Hollstein und Umgebung waren. Gew\u00fcrze und Muskelfleisch im Fleischwolf dreimal durchgedreht und mit K\u00e4sespezialit\u00e4ten aller Art verfeinert. Dann genau 66 Minuten \u00fcber Eichenholz ger\u00e4uchert. So viel wusste man \u2013 nicht zuletzt durch einen teuren Werbespot, der zur besten Sendezeit im ORF lief und in dem eine ber\u00fchmte Wiener Schauspielerin aus einer ber\u00fchmten Wiener Schauspieldynastie herzhaft in die Wurst biss.<\/p>\n<p>Die Kaszuzlerei lag am Rande des Dorfes und war ein modernes Geb\u00e4ude auf einer kleinen Anh\u00f6he. Davor f\u00fcnfzig Auto- und zehn Busparkpl\u00e4tze und ein gro\u00dfer Kinderspielplatz mit Streichelzoo. Im Erdgescho\u00df ein Caf\u00e9 mit Seeblick und eine Theke, an der man sechzehn verschiedene Arten von <em>Kaszuzler<\/em> zu unterschiedlichsten Preisen erwerben konnte. Es gab <em>Putenkaszuzler<\/em> und vegane <em>Kaszuzler <\/em>mit Tofu und Soja,<em> Kaszuzler<\/em> mit Emmentaler, Gouda und Mozzarella sowie allerlei Mischformen.<\/p>\n<p>Im selben Geb\u00e4ude befand sich ein interaktives Museum, in dem Kinder und Erwachsene sich sowohl \u00fcber Herkunft und Haltung der Tiere als auch \u00fcber Produktionsbedingungen auf unterhaltsamste Weise informieren konnten. \u00dcber die genauen Details der Schlachtung (den eigentlichen Sinn einer Metzgerei) schwieg man sich allerdings aus \u2013 nur dass sie \u201ehuman\u201c erfolgte, was auch immer das hie\u00df.<\/p>\n<p>Dahinter, einige hundert Meter entfernt, lag die Produktionshalle. Eine von zwanzig in ganz \u00d6sterreich. Nat\u00fcrlich produzierte man hier nicht nur das Original, sondern auch andere Wurstwaren und Fleischspezialit\u00e4ten, deren Verpackungen jedoch immer das Siegel der <em>Kaszuzler<\/em> trugen: ein roter Kreis mit einem gelben Quadrat darin.<\/p>\n<p>Die Anf\u00e4nge der<em> Kaszuzler<\/em> waren folgende: Aloisyus Gerstner und Innocentia Habermann heirateten 1918, gleich nach Kriegsende. Der Bub \u00fcbernahm die Metzgerei von Hubert Habermann, Innocentias Vater, im Dezember 1921, nachdem dieser aus nicht \u00fcberlieferten Gr\u00fcnden das Zeitliche gesegnet hatte. Vielleicht war\u2018s ein Schlaganfall, vielleicht ein klug geplanter und eiskalt ausgef\u00fchrter Mord? Da waren den Fantasien der Hollsteiner keine Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p>Ein halbes Jahr sp\u00e4ter gab es jedenfalls die ersten Aufzeichnungen \u00fcber die <em>Kaszuzler. <\/em>Ein Produkt, das durch die Freundschaft mit einer nahegelegenen K\u00e4serei entstanden war. Die K\u00e4serei gab es bald nicht mehr, aber das tat der Erfolgsgeschichte der <em>Zuzla<\/em>, wie sie die Einheimischen liebevoll nannten, keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Namensgeber, so die \u00dcberlieferung, war Karl der Erste, letzter Kaiser von \u00d6sterreich. Als dieser inkognito mit seinem Auto durch \u00d6sterreich Richtung Ungarn fuhr, machte er in Hollstein halt und kehrte in die Metzgerei am Dorfplatz ein, um sich eine Jause zu g\u00f6nnen. Das relativ neue Produkt wurde ihm, mit einer Halben Bier und einer Semmel, serviert. Begeistert von dessen Geschmack rief er aus: <em>Da k\u00f6nnt\u2018 ich den ganzen Tag dran zuzeln, so fein ist das<\/em>! Dass die Daten nicht ganz mit den offiziellen Reiseaufzeichnungen von Karl dem Ersten \u00fcbereinstimmten, tat der Popularit\u00e4t dieser Geschichte keinen Abbruch. So gilt bis heute die<em> Kaszuzler<\/em> als Exportschlager von Hollstein, weit \u00fcber die Grenzen Europas hinaus.<\/p>\n<p>Anna Innocentia Gerstner-Junker feierte am 21. September ihren neunundzwanzigsten Geburtstag mit einer Flasche Wein im Beisein ihres 94-j\u00e4hrigen Gro\u00dfvaters, der zu Beginn wie immer \u00fcber die Russen schimpfte, nach zwei Achterl Wein pl\u00f6tzlich ganz ruhig wurde und nach einem weiteren im Rollstuhl schnarchte. In der Villa der Gerstners, nur zweihundert Meter Luftlinie von der Produktionsst\u00e4tte, hatte Anna Innocentia immer ihre Kindheitssommer verbracht. Au\u00dfer ihrem Gro\u00dfvater, zwei Pflegerinnen und einem G\u00e4rtner wohnte niemand mehr darin. \u00a0Sie besa\u00df nun selbst einen Prachtbau auf der anderen Seite des Sees, dessen dem See zugewandte Seite fast g\u00e4nzlich aus Glas bestand. Rundherum vier Hektar Grund, abgegrenzt durch eine Betonmauer.<\/p>\n<p>Anna Innocentia hatte allen Grund zu feiern. Morgen w\u00fcrden die Verhandlungen f\u00fcr eine bevorstehende Fusion der Kaszuzlerei mit einem chinesischen Unternehmen beginnen. W\u00e4hrend ihr Gro\u00dfvater von einer der Pflegerinnen vorsichtig aus dem Zimmer gerollt wurde, stand Anna auf, ging zum Fenster, \u00f6ffnete es und sog die k\u00fchle Nachtluft ein. Vom See her wehte die Musik der Hollsteiner Kapelle, die gerade <em>Moon River<\/em> ausklingen lie\u00df.<\/p>\n<p>Irgendwo dort unten beim Fest, in der Gruppe der Asiaten, die so flei\u00dfig im Takt der Musik klatschten, sa\u00df Meng Li, CEO von Kapsui, einer chinesischen Lebensmittelfirma. Einen Tisch weiter sa\u00df Julian Angelmaier, seines Zeichens B\u00fcrgermeister von Hollstein und Verhandlungsf\u00fchrer im Namen seiner Sch\u00e4fchen, die noch nichts von ihrem Schicksal wussten. Sie prosteten sich im Schein der bunten Lichterketten heimlich zu. Der Herbst hatte begonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 19106<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Marktgemeinde Hollstein stand vor einem Scheideweg, dessen einzuschlagende Richtung g\u00e4nzlich in der Hand von drei Menschen lag. Die Hollsteiner wussten davon noch nichts, sondern lie\u00dfen sich in den Abendstunden jenes warmen Septembertages an der Seepromenade treiben, begleitet von den Kl\u00e4ngen der \u00f6rtlichen, preisgekr\u00f6nten Musikkapelle. 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