{"id":10120,"date":"2019-08-29T12:00:56","date_gmt":"2019-08-29T12:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10120"},"modified":"2019-09-01T14:02:24","modified_gmt":"2019-09-01T14:02:24","slug":"jene-liebe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10120","title":{"rendered":"Jene Liebe"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10120&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10120&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sandra und ich waren gerade dabei, die letzten Gl\u00e4ser des Tages aus dem Geschirrsp\u00fcler zu r\u00e4umen, als sich die Lokalt\u00fcre erneut \u00f6ffnete, ein Mann mittleren Alters eintrat und sich erkundigte, ob es m\u00f6glich w\u00e4re, noch einen Kaffee zu bekommen. Da es bis zur Sperrstunde noch eine Viertelstunde hin war, bedeutete ich ihm, Platz zu nehmen. \u201eWas darf ich Ihnen bringen?\u201c, obwohl es das Ende eines 14-Stunden-Tages war, hielt sich meine M\u00fcdigkeit in Grenzen; vielleicht hatte ich sie einfach schon \u00fcbertaucht. \u201eEinen gro\u00dfen Braunen bitte\u201c, auf merkw\u00fcrdige Weise erschien mir sein L\u00e4cheln vertraut, als ich ihn ansah, w\u00e4hrend ich seine Bestellung aufnahm. \u201eSie haben bis zwei Uhr ge\u00f6ffnet, wenn ich richtig gelesen habe?\u201c, er blickte auf seine Uhr. \u201eJa\u201c, ich nickte, \u201eaber Sie m\u00fcssen sich nicht hetzen. Ich bin noch nicht fertig hier!\u201c \u201eIch hoffe, Ihr Vorgesetzter wei\u00df Ihre Einsatzbereitschaft zu sch\u00e4tzen!\u201c, sagte er, w\u00e4hrend er seine Jacke \u00fcber seinen Stuhl h\u00e4ngte. \u201eIch denke schon, dass ich meinen Einsatz in meinem Lokal noch sch\u00e4tze\u201c, erwiderte ich. \u201eDas haben Sie sehr gut hinbekommen\u201c, er nickte anerkennend.<br \/>\n\u201eSt\u00f6rt es Sie, wenn ich die Musik wechsle? Um diese Uhrzeit st\u00f6rt sich niemand mehr an Bon Jovi; f\u00fcrs Alltagsgesch\u00e4ft taugt er hier leider nicht so wirklich.\u201c \u201eNein, absolut nicht\u201c, er sch\u00fcttelte den Kopf, \u201eich mag Bon Jovi. Bist du Corinna? Corinna Berger?\u201c Die Erw\u00e4hnung meines M\u00e4dchennamens lie\u00df mich \u00fcberrascht aufhorchen. Ich hatte ihn seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr geh\u00f6rt. \u201eMittlerweile Karakaban, ich bin verheiratet\u201c, ich sah ihn \u00fcberrascht an, \u201ekennen wir uns?\u201c \u201eHarald\u201c, sagte er leise, \u201eHarald Stein!\u201c Vor mir sa\u00df meine Jugendliebe! Und Bon Jovis <em>Never say Goodbye<\/em> war unser Lied. \u201eDreiundzwanzig Jahre\u201c, fl\u00fcsterte er und umarmte mich, \u201edu bist wundersch\u00f6n! War das Leben gut zu dir?\u201c \u201eJa\u201c, ich l\u00e4chelte erfreut, \u201ewie geht es dir?\u201c \u201eGut, gut, ja\u201c, er l\u00e4chelte verlegen. Einige Augenblicke standen wir voreinander, ohne zu wissen, was wir sagen sollten.<\/p>\n<p>Sechs Jahre sind eine gute Zeit f\u00fcr eine erste Beziehung. Wir hatten uns bei einer ehrenamtlichen T\u00e4tigkeit in einem Altersheim kennen gelernt, da wir beide schon immer sozial engagiert gewesen waren. Schon beim ersten Treffen hatten wir uns ohne viele Worte verstanden. Es f\u00fchlte sich nat\u00fcrlich an, wenn wir zusammen waren. Bis wir an einem Freitagabend, bei der Party eines gemeinsamen Freundes, Tom, Arm in Arm einschliefen und uns am n\u00e4chsten Morgen nach dem Aufwachen einfach k\u00fcssten, als w\u00e4ren wir schon eine ganze Weile zusammen. Da wir beide Morgenmenschen waren, waren wir fr\u00fch im G\u00e4stezimmer, das Tom uns reserviert hatte, eingeschlafen. \u201eNa ihr beiden, wieso grinst ihr so?\u201c, fragte Tom, als er in die K\u00fcche kam, um sich ein Glas Wasser zu holen, ehe er ins Bett ging, weil gerade erst, um sieben Uhr morgens, die letzten G\u00e4ste gegangen waren. In jenem Moment verriet mich die R\u00f6te, die mir immer ins Gesicht stieg, wenn ich bei etwas ertappt worden war. Tom begann zu lachen. \u201eCorinna, Kleines, ich kenne dich lang genug, du kannst nichts verstecken. Wir haben schon Wetten drauf abgeschlossen, wann es endlich passiert, dass ihr zusammenfindet!\u201c \u201eIch hoffe, du hast gut gewettet!\u201c, erwiderte Harald trocken und k\u00fcsste mich auf die Stirn.<\/p>\n<p>An jenem Samstag hatten wir ausnahmsweise nichts vor, so konnten wir den Tag gemeinsam verbringen und alles auf uns wirken lassen. Wir unternahmen eine Radtour und lie\u00dfen uns irgendwann mit dem unterwegs besorgten Proviant bei einem kleinen See nieder. W\u00e4hrend wir a\u00dfen, las Harald mir einige seiner Lieblingsgedichte vor, auch einige, die er selbst verfasst hatte. Ich konnte mich im Klang seiner Stimme verlieren, die den Wortbildern Leben einhauchte. Ich empfand Klopstocks Gef\u00fchle aus dem Gedicht <em>Wiedersehen<\/em> nach, sah den Mond aus Claudius\u2018 <em>Abendlied<\/em> vor mir aufgehen, seinen Nebel vor mir aufsteigen und durchlebte Brentanos <em>Liebesnacht im Haine<\/em>.<\/p>\n<p>Irgendwann lagen wir einfach nur im Schatten, mein Kopf auf seiner Brust, sein Arm um mich gelegt. Mein Herz schlug bis zum Hals, als er sich pl\u00f6tzlich zur Seite drehte und mich lang k\u00fcsste. \u201eKeine Sorge, meine Kleine, alles hat Zeit, das ist kein Wettbewerb\u201c, er dr\u00fcckte mich fest an sich.<\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit entwickelten wir unsere Rituale. Unsere Sonntag verbrachten wir entweder gemeinsam, bei seiner oder meiner Familie oder alleine, wenn wir das Gef\u00fchl hatten, Ruhe zu brauchen. Freitag war der Abend, den wir mit Freunden verbrachten, nicht unbedingt zusammen. An zwei bis drei Nachmittagen waren wir gemeinsam ehrenamtlich unterwegs und die Samstage geh\u00f6rten nur uns. Zumindest Teile unserer Sommer verbrachten wir immer gemeinsam im Ausland, weil wir so viel wie m\u00f6glich von der Welt sehen wollten. Unsere Radtour durch Litauen, im Sommer nach meinem achtzehnten Geburtstag, war eines unserer intensivsten Erlebnisse, weil es vor allem ihn neue Seiten an mir sehen lie\u00df. Vielleicht war das unser Geheimnis: genug Gemeinsamkeiten, aber auch genug Gesp\u00fcr f\u00fcr die n\u00f6tige Distanz.<\/p>\n<p>Als wir zu studieren begannen, zog es uns beide von Salzburg nach Wien. Und unser Ende kam so schleichend, dass wir es nicht gleich realisierten. Leise begann die Sprachlosigkeit zwischen uns, weniger Zeit f\u00fcr uns, mehr Zeit, um auszubrechen und sich auszutoben. Immer h\u00e4ufiger verbrachten wir immer mehr Zeit getrennt, mit anderen Menschen und Interessen und damit, Neues zu erleben, das zu teilen uns nicht mehr wirklich gelang. Neben Studium, einem Studentenjob und neuen Freundschaften blieb nicht mehr viel Raum f\u00fcr uns, weil alles Neue, durch das wir uns entwickelten und ver\u00e4nderten, uns voneinander entfremdete. Nach einem Jahr hatten wir au\u00dfer einigen Bekannten nichts mehr gemeinsam. Wenn ich mich zur\u00fcckerinnere, sehe ich uns weinend auf der Couch sitzen. Es war eine lange Nacht, in der wir uns zum ersten Mal betrogen hatten. Und das auf derselben Feier, auf die wir geraten waren, weil wir zuf\u00e4llig Bekannte des Gastgebers kannten &#8230;<\/p>\n<p><em>\/Corinna, du wei\u00dft, dass ich dich liebe, oder? \/Ja ich wei\u00df. Ich dich doch auch. Und wann haben wir uns verloren? \/Ich wei\u00df es nicht; ich h\u00e4tte nie gedacht, dass so etwas ausgerechnet uns passieren w\u00fcrde. Ich habe immer gedacht, dass uns so etwas nicht passieren k\u00f6nnte. \/Ja ich auch, f\u00fcr mich waren wir etwas, das einfach zusammengeh\u00f6rt, ein Paar wie ein Paar alte Hausschuhe. Aber vielleicht war das unser gr\u00f6\u00dfter Fehler.<\/em><\/p>\n<p>Bald danach zog er aus der gemeinsamen WG aus, nachdem er eine Wohnung und einen Nachmieter gefunden hatte. Gintaras, ein Masterstudent aus Vilnius, meiner Geburtsstadt. Nach dem Studium zog ich f\u00fcr zwei Jahre nach Vilnius, ehe ich eine Stelle als Reservierungsleiterin im <em>Istanbul Marriott Hotel Asia<\/em> bekam. Die Stelle war auf zwei Jahre befristet, so konnte ich mich mit sechsundzwanzig noch immer umorientieren, sollte mir die Hotellerie nicht mehr zusagen. Doch war ich danach noch weitere drei Jahre geblieben, hatte allerdings die Abteilung gewechselt: Food and Beverage, also Verpflegung, und war sogar Restaurantleiterin geworden.<br \/>\nIn Istanbul lernte ich meinen Mann Alican kennen. Auch er war in Wien aufgewachsen und nach der Ausbildung nach Istanbul gekommen. Wieder fing es ohne viel Aufregung an. Wir trafen uns h\u00e4ufig zum Essen, er zeigte mir Istanbul. Genau wie ich liebte er St\u00e4dte bei Nacht. Wir sprachen viel \u00fcber Vorstellungen, Glauben und Lebensentw\u00fcrfe. Auch Alican wollte sich einmal selbstst\u00e4ndig machen und fand Gefallen an meiner Idee von einem kleinen Caf\u00e9. Sein Heiratsantrag war keine \u00dcberraschung f\u00fcr mich. Harald h\u00e4tte meine Tr\u00e4ume wohl auch nie geteilt. Er wollte immer nur schreiben, das aktuelle Geschehen einfangen. Daf\u00fcr hatte er, seit wir nach Wien gezogen waren, alles hintangestellt. F\u00fcr meine Tr\u00e4ume und W\u00fcnsche hatte er bald kein Ohr mehr gehabt.<\/p>\n<p>Unsere Hochzeit fand im kleinen Rahmen in Istanbul statt. Wir beide, unsere Eltern und unsere engsten Freunde. Nach der Hochzeit zogen Alican und ich bald wieder nach Wien. Wir hatten genug gespart und fanden schon nach kurzer Suche das perfekte Lokal in der Innenstadt. Ein Lokal mit vielen gro\u00dfen Fenstern und hohen W\u00e4nden f\u00fcr die B\u00fccherregale. Jeden Abend von sechs bis zehn Uhr kam Vladan, unser kroatischer Pianospieler.<\/p>\n<p>Harald und ich sa\u00dfen uns an diesem Abend lange schweigend gegen\u00fcber. Es war fast auf den Tag genau dreiundzwanzig Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen hatten. Es gab so viel zu erz\u00e4hlen und keinen passenden Einstieg. Schlie\u00dflich erz\u00e4hlte er mir von seinen Jahren in Amerika, von seiner Frau und seinem Leben. Gegen seinen Wunsch war er kinderlos geblieben; den Grund daf\u00fcr verriet er mir nicht. Ich nehme an, es ist ein zu pers\u00f6nlicher Grund. Alican holte mich um halb drei ab \u2013 wie jeden Freitag. Alles war sauber, die Tageseinnahmen waren abgerechnet und im Safe. Er wusste von Harald und dass es ihn vor ihm in meinem Leben gegeben hatte. Harald und ich haben uns seit jenem Abend nicht mehr gesehen. Das ist vielleicht auch gut so; zwischen einstigen Liebenden wird zu leicht Staub aufgewirbelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 19104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sandra und ich waren gerade dabei, die letzten Gl\u00e4ser des Tages aus dem Geschirrsp\u00fcler zu r\u00e4umen, als sich die Lokalt\u00fcre erneut \u00f6ffnete, ein Mann mittleren Alters eintrat und sich erkundigte, ob es m\u00f6glich w\u00e4re, noch einen Kaffee zu bekommen. Da es bis zur Sperrstunde noch eine Viertelstunde hin war, bedeutete ich ihm, Platz zu nehmen. 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