{"id":10078,"date":"2019-08-23T07:38:18","date_gmt":"2019-08-23T07:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10078"},"modified":"2019-08-25T07:39:55","modified_gmt":"2019-08-25T07:39:55","slug":"dorfwind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10078","title":{"rendered":"Dorfwind"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10078&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10078&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ist eine emotional gef\u00fchrte Debatte im Gemeinderatssaal des kleinen Dorfes Gratwein. Sie hat, zum wiederholten Mal, das Thema Josef Huber zum Inhalt.<br \/>\nHuber ist f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre alt und der \u00f6rtliche Gro\u00dfbauer und Sonderling in Personalunion. Im Alter von dreiunddrei\u00dfig Jahren hatte er den Hof von seinem Vater geerbt, nachdem dieser bei einem Jagdunfall verstorben war. Auch das Gemeinderatsmandat hat er von seinem Vater \u00fcbernommen, wie auch dessen ukrainische Geliebte.<br \/>\nOswald Heiner ist der B\u00fcrgermeister Gratweins. In seiner Jugend war er ein ber\u00fcchtigter und erfolgreicher H\u00fchnerdieb, doch nach einem kurzen Gef\u00e4ngnisaufenthalt fand er auf den rechten Weg zur\u00fcck und heuerte bei der Raiffeisenbank an.<\/p>\n<p>Heiner richtet das Wort an Huber: \u201eJosef, so geht das nicht! Dein Misthaufen verpestet die Luft in unserem sch\u00f6nen Dorf. Wie oft m\u00fcssen wir dich noch auffordern, ihn endlich abzudecken?\u201c<br \/>\nJosef Huber nimmt einen Schluck aus der Bierflasche, die er w\u00e4hrend jeder Sitzung, nebst einer Schnapsflasche, neben seinem Stuhl auf dem Boden stehen hat, und l\u00e4sst seine Faust auf den Tisch krachen.<br \/>\n\u201eWie oft, Heiner, soll ich dir noch sagen, dass mein Misthaufen nicht stinkt? Falls du seinen Geruch wahrnehmen kannst, hast du dich ihm von der falschen Seite angen\u00e4hert. Im Gegenwind riecht eben alles anders.\u201c<\/p>\n<p>Edeltraud Knehs ist die Vizeb\u00fcrgermeisterin. Vor ihrer alkoholbedingten Zwangspensionierung war sie als Lehrerin an der \u00f6rtlichen Volksschule t\u00e4tig.<br \/>\nAuch sie meldet sich zu Wort: \u201eEs ist schier unglaublich, dass wir in jeder Sitzung \u00fcber Hubers Mist debattieren! Dieser Mensch\u201c, sie zeigt mit dem Finger auf Josef, \u201ebringt Schande \u00fcber unsere Gemeinde, olfaktorische Schande!\u201c<\/p>\n<p>Josef nimmt einen Schluck Schnaps, r\u00e4uspert sich und sagt: \u201eIch soll Schande \u00fcber Gratwein bringen? Ich? Denke blo\u00df an deine Tochter! Die bringt Schande \u00fcber uns!\u201c<br \/>\n\u201eWas meinst du damit?\u201c, gibt Knehs zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eJeder im Ort wei\u00df doch, was sie macht, deine Tochter! Erst steht sie an der Bar des Grazer Lokals, in dem sie arbeitet, und wenn sie mit den M\u00e4nnern genug gesprochen hat, geht sie mit ihnen in den ersten Stock.\u201c<\/p>\n<p>Edeltraud Knehs wird kreidebleich, doch sie erwidert mit fester Stimme: \u201eMeine Tochter macht nichts Illegales. Sag, wie geht es deiner Russin? Obwohl sie ganze zehn Jahre j\u00fcnger ist als du, hat sie es schon weit gebracht, wei\u00df Gott! Erst war sie deine Stiefmutter, und heute liegt sie neben dir!\u201c<br \/>\n\u201eSie ist Ukrainerin!\u201c, ruft Huber, der ansonsten an Edeltrauds Worten nichts richtigzustellen hat.<\/p>\n<p>Schmunzelnd meint Oswald Heiner: \u201eLassen wir das. Das f\u00fchrt doch zu nichts.\u201c<br \/>\n\u201eDa hast du recht!\u201c, pflichtet Huber ihm bei.<br \/>\n\u201eDein verstorbener Vater hatte den Plan, den Misthaufen abzudecken, Josef. Warum greifst du dieses Vorhaben nicht auf?\u201c, f\u00e4hrt Heiner fort. \u201eDann m\u00fcssten die Kinder, die auf dem Weg zur Schule an deinem Hof vorbeigehen m\u00fcssen, nicht mehr f\u00fcrchten, in den Gegenwind zu geraten und dann im Klassenzimmer wie die Hinterlassenschaften deiner K\u00fche und Ferkel zu riechen.\u201c<br \/>\n\u201eMein Vater hatte viele Pl\u00e4ne\u201c, gibt Huber lakonisch zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eDas wissen wir, Josef\u201c, sagt Edeltraud Knehs. \u201eZum Beispiel den, dich zu enterben!\u201c<br \/>\n\u201eDas wollte er nicht!\u201c, br\u00fcllt Huber und setzt die Bierflasche an.<br \/>\n\u201eDoch, das wollte er!\u201c, ruft Knehs. \u201eJeder im Ort wei\u00df, dass dein Vater s\u00e4mtlichen Wirtsleuten gesagt hat, dass sie dich nicht mehr anschreiben lassen sollen. Dass es das letzte Mal war, dass er deine Trinkschulden \u00fcbernimmt, das hat er auch gesagt. Und dass du ein S\u00e4ufer bist, der sein ganzes Geld verprasst, auch das hat er gesagt.\u201c<br \/>\n\u201eDas stimmt nicht!\u201c, ruft Huber.<br \/>\n\u201eDoch, das stimmt. Es stimmt \u00fcbrigens auch, dass er dir deinen Sportwagen weggenommen hat. Bevor du ihn um die Ecke gebracht hast.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr ist bei einem Jagdunfall gestorben\u201c, sagt Huber mit ruhiger Stimme. \u201eDas hat auch die polizeiliche Untersuchung ergeben.\u201c<br \/>\n\u201eDas wurde festgestellt, ja, und zwar von deinem Vetter, der damals der Postenkommandant der Gratweiner Polizei war. Aber wie erkl\u00e4rst du dir, dass dein Vater zwei Einschussl\u00f6cher in der Brust hatte?\u201c<br \/>\n\u201eWoher soll ich wissen, was sich zugetragen hat?\u201c<br \/>\n\u201eDu warst an diesem Tag ebenfalls in eurem Jagdrevier. Ich habe dich n\u00e4mlich gesehen, als ich Pilze sammeln war. Du hast eine einl\u00e4ufige Schrotflinte dabeigehabt. Pl\u00f6tzlich fielen zwei Sch\u00fcsse, dann bist du aus dem Wald gelaufen.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine L\u00fcge, Edeltraud!\u201c, ruft Josef.<br \/>\n\u201eNein, das stimmt. Sag, Josef, hast du deinen alten Herren beim ersten Schuss nicht richtig getroffen? Oder wolltest du sowieso auf Nummer sicher gehen und hast deshalb nachgeladen?\u201c<br \/>\n\u201eDas sind sehr schwere Anschuldigungen, Edeltraud\u201c, sagt Oswald Heiner.<br \/>\n\u201eIm ganzen Dorf wei\u00df man doch, dass Josef Huber seinen Vater umgebracht hat, Oswald\u201c, gibt Knehs zur\u00fcck. \u201eGut, er wurde nicht belangt, und der Fall geschlossen, aber wir alle wissen, was sich wirklich abgespielt hat.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine L\u00fcge!\u201c, wiederholt Huber.<br \/>\n\u201eZwei Dinge w\u00fcrden mich interessieren, Josef\u201c, bohrt Knehs nach. \u201eHast du deinem Alten einen Tannenzweig in den Mund gesteckt, sozusagen als letzte \u00c4sung? Und war es schwer, sich an deinen Vater anzuschleichen? Ich meine, deine \u00fcbliche Schnapsfahne riecht man etliche Meter gegen den Wind. Hast du dich im Gegenwind angeschlichen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas reicht jetzt!\u201c, ruft der B\u00fcrgermeister.<br \/>\n\u201eGenau!\u201c, pflichtet Huber ihm bei.<br \/>\n\u201eJa, lassen wir das\u201d, sagt Edeltraud Knehs. \u201eWenden wir uns wieder den aktuellen Schwierigkeiten mit dem Gemeindeb\u00fcrger Huber zu. Also, Josef, was gedenkst du gegen den Ungeruch, der von deinem Hof ausgeht, zu unternehmen?\u201c<br \/>\n\u201eGar nichts!\u201c, ruft Huber trotzig.<br \/>\n\u201eDas habe ich mir schon gedacht\u201c, sagt er B\u00fcrgermeister. \u201eDie Erfahrung hat gezeigt, dass du uneinsichtig bist. Aus diesem Grund habe ich Vorkehrungen getroffen.\u201c<br \/>\nEr nimmt eine Mappe aus seiner Aktentasche und \u00fcberreicht sie Josef.<br \/>\n\u201eWas ist das?\u201c, fragt dieser.<br \/>\n\u201eDas ist der beim Land Steiermark eingereichte und bereits bewilligte Plan zur Errichtung einer automatischen Gegenwindanlage, um den Gestank deines Misthaufens auf deinem Hof zu halten.\u201c<\/p>\n<p>Huber sieht sich den Plan an. Sein Blick wird immer ungl\u00e4ubiger, und er ben\u00f6tigt drei Z\u00fcge aus der Schnapsflasche, bevor er seine Sprache wiederfindet.<br \/>\n\u201eDas also wollt ihr mir antun\u201c, stammelt er. \u201eEin riesiges Gebl\u00e4se, das die Luft zur\u00fcck auf meinen Hof bl\u00e4st.\u201c<br \/>\n\u201eDie Luft und den Duft, den nat\u00fcrlich auch\u201c, sagt Edeltraud Knehs s\u00fcffisant.<br \/>\n\u201eDie Sache hat aber einen Haken\u201c, meint Josef.<br \/>\n\u201eWelchen denn?\u201c, fragt Oswald.<br \/>\n\u201eDamit das Gebl\u00e4se seine volle Wirkung entfalten kann, m\u00fcsste es auf meinem Grundst\u00fcck aufgestellt werden. Und das werde ich, wie ihr euch denken k\u00f6nnt, nicht gestatten!\u201c<br \/>\n\u201eDa liegst du falsch, Josef. Das Gebl\u00e4se ist so stark, dass es neben dem Gehsteig positioniert werden kann, also auf dem Grundbesitz der Marktgemeinde\u201c, sagt Edeltraud.<br \/>\n\u201eDu wirst von diesem Wunderwerk der Technik begeistert sein, Josef\u201c, sagt Heiner. \u201eEs verf\u00fcgt sogar \u00fcber einen Sensor, der die Ventilatoren nur dann aktiviert, wenn der Wind aus der Richtung kommt, in der dein Misthaufen steht. Der Wind, den wir erzeugen, wird also daf\u00fcr sorgen, dass du auf deinem Hof stets von guter Landluft umgeben bist.\u201c<\/p>\n<p>Da springt Josef Huber auf, leert seine Bierflasche, wirft sie an die Wand des Sitzungssaales, nimmt einen Schluck Schnaps und ruft: \u201eWenn ihr diesen Plan in die Tat umsetzt, verkaufe ich meinen Hof! Und nicht blo\u00df das, ich verlasse Gratwein!\u201c<br \/>\n\u201eDann sorge daf\u00fcr, dass dein Misthaufen keinen Gestank verbreitet!\u201c, ruft der B\u00fcrgermeister.<br \/>\nJosef verl\u00e4sst den Saal und \u00fcberlegt beim Hinausgehen, welche Dimensionen das Loch in seinem Wald haben m\u00fcsste, der in einem Wasserschutzgebiet gelegen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5450\">Perfidee<\/a><\/span> |Inventarnummer: 19101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine emotional gef\u00fchrte Debatte im Gemeinderatssaal des kleinen Dorfes Gratwein. Sie hat, zum wiederholten Mal, das Thema Josef Huber zum Inhalt. Huber ist f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre alt und der \u00f6rtliche Gro\u00dfbauer und Sonderling in Personalunion. Im Alter von dreiunddrei\u00dfig Jahren hatte er den Hof von seinem Vater geerbt, nachdem dieser bei einem Jagdunfall verstorben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[123],"class_list":["post-10078","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-perfidee"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10078","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10078"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10078\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10080,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10078\/revisions\/10080"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10078"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10078"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10078"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}