{"id":10007,"date":"2019-08-05T07:36:12","date_gmt":"2019-08-05T07:36:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10007"},"modified":"2019-08-25T07:33:18","modified_gmt":"2019-08-25T07:33:18","slug":"x-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10007","title":{"rendered":"Am Bahngleis"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10007&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10007&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie hat ihn nicht gesehen, als sie auf den Bahnsteig tritt; zu sehr ist sie mit ihren eigenen Gedanken besch\u00e4ftigt. Ruckartig dreht sie sich um, als sie eine Hand auf ihrer Schulter sp\u00fcrt. Ihr L\u00e4cheln ist \u00fcberrascht und erfreut zugleich, als sie Harald, ihre Jugendliebe, vor sich sieht. Es ist einer der seltenen Momente, in denen sie nicht wei\u00df, wie sie reagieren soll. Gef\u00fchle und Erinnerungen treffen sie im ersten Augenblick mit einer ungeahnten Wucht. Sieben Jahre sind vergangen, seit sich die beiden zuletzt gesehen haben.<\/p>\n<p>Sie hatten sich auf einer Geburtstagsfeier kennen gelernt, auf der sie beide au\u00dfer dem Gastgeber niemanden kannten. So waren sie irgendwann miteinander ins Gespr\u00e4ch gekommen und sa\u00dfen die halbe Nacht auf der Terrasse, mit Zigaretten und einer Flasche Wei\u00dfwein. Es war eine hei\u00dfe Julinacht und irgendwann war sie mit ihrem Kopf an seiner Schulter eingeschlafen. Erst gegen f\u00fcnf hatte er sie vorsichtig geweckt. An jenem Morgen hatte er sie zu ihrer Praktikumsstelle in einem kleinen Hotel begleitet, wo sie im Zuge ihrer Ausbildung an einer Tourismusschule zwei Monate als Fr\u00fchst\u00fcckskellnerin arbeitete, ehe er sich einen hei\u00dfen Kaffee besorgt hatte, den er auf einer Parkbank nahe seiner Arbeit trank, w\u00e4hrend er ein Buch las, um sich die Zeit bis zum Arbeitsbeginn um halb acht zu vertreiben, da es sich nicht mehr lohnte, in seine Wohnung zu fahren.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige N\u00e4chte waren danach so \u00e4hnlich verlaufen. Vor allem teilten sie eine Leidenschaft f\u00fcr B\u00fccher und\u00a0 Filme. Besonders h\u00e4ufig hatten sie sich \u201eThe Virgin Suicides\u201c angesehen, weil jedes Mal an einer anderen Stelle Z\u00fcndstoff f\u00fcr Grundsatzdiskussionen gewesen war. Er hatte ihre Begeisterung f\u00fcr Gedichte geweckt, als er ihr eines Abends vor dem Einschlafen einige seiner Lieblingsgedichte vorgelesen und sie dabei im Arm gehalten hatte. Vielleicht liebt sie deshalb die Gedichte des t\u00fcrkischen Dichters Nazim Hikmet so sehr: Die Stimmung, die er mit seinen Worten aufkommen l\u00e4sst, erinnert sie an den unschuldigsten Sommer ihres\u00a0 Lebens.<\/p>\n<p>Eines Nachmittags holte er sie von der Arbeit ab, um sie mit einem Picknick auf der Donauinsel zu \u00fcberraschen. Sie waren schon lange mit dem Essen fertig, als es zu regnen begann. Es war ein warmes Sommergewitter, nach einer trockenen, hei\u00dfen Woche, das sich unweigerlich entladen musste. Ohne viel nachzudenken, waren sie in die Neue Donau gesprungen, um zu schwimmen. Beide liebten die Schwerelosigkeit, die man empfindet, wenn man im Wasser ist. So waren sie eine gef\u00fchlte Ewigkeit geschwommen, ehe sie zu ihm nach Hause gefahren waren, um sich hei\u00df zu duschen, eine Pizza zu essen und sich einen Film anzusehen.<\/p>\n<p>Wenn sie an diesen Tag zur\u00fcckdenkt, erinnert sie sich auch an das intensive Gef\u00fchl der Geborgenheit, als sie in seinen Armen einschlief. Er hatte ihr in jenem Sommer Wien gezeigt, jene kleinen Ecken und Enden, in die es sie auch als Studentin immer wieder gezogen hatte. Sehr oft waren sie an gemeinsamen freien Nachmittagen und Wochenenden durch die Wiener Hausberge spaziert, hatten neue Lokale ausprobiert oder\u00a0 Radtouren unternommen.<\/p>\n<p>Am liebsten jedoch hatten sie sich, die beide immer schon introvertierte Menschen waren, am Rosenwasser im Prater unter einer alten Trauerweide getroffen:\u00a0 Mit zwei Bechern Kaffee, einer kleinen Jause, einer Picknickdecke und jeder mit einem Buch hatten sie es dort stundenlang gem\u00fctlich gemacht. Mehr hatte es f\u00fcr beide meist nicht gebraucht, um zufrieden einen sch\u00f6nen Nachmittag zu verleben.<\/p>\n<p>Nun stehen sie sich wieder gegen\u00fcber, mit einem verlegenen, gl\u00fccklichen L\u00e4cheln. Er macht den ersten Schritt auf sie zu, umarmt sie. Sie erz\u00e4hlt Harald, dass sie auf eine alte Freundin aus Salzburg wartet, die sie seit der Matura vor sechs Jahren nicht mehr gesehen hat, da sich ihre Lebenswege nach der Schule getrennt hatten. Auch Harald wartet auf jemanden aus Salzburg; auf seine neue Freundin, die zu ihm nach Wien ziehen wird. Er freut sich zu h\u00f6ren, dass Corinna eine Stelle als Sprachassistentin in einem Gymnasium in Aarhus, D\u00e4nemark, bekommen hat, die sie in zwei Monaten antreten wird. Es beruhigt ihn zu wissen, dass sie ihren Traum, im Ausland zu arbeiten, nun verwirklichen kann.<br \/>\nW\u00e4hrend sie auf den versp\u00e4teten Zug warten, trinken sie einen Kaffee, sprechen \u00fcber alles, was war, und das, was vielleicht noch sein wird. Und insgeheim tut es beiden leid, als der Zug dann einf\u00e4hrt, weshalb sie Nummern austauschen, um sich zu einem ruhigeren Zeitpunkt noch einmal verabreden zu k\u00f6nnen. Und beinahe w\u00e4re ihr Abschied in diesem Moment wieder eine Spur zu vertraut ausgefallen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ergibt sich schon zwei Wochen sp\u00e4ter eine M\u00f6glichkeit, um den Worten Taten folgen zu lassen. Wie schon Jahre zuvor sitzen die beiden abends am Donauufer und beobachten den Sonnenuntergang.<\/p>\n<p>\u201eSchade, dass es dieses Mal nicht regnet\u201c, sagt sie irgendwann. Harald nickt nur schweigend und nimmt sie in den Arm. \u201eErinnerst du dich noch daran, als ich nach der Party vergessen habe, dir dein Hemd wiederzugeben?\u201c, fragt Corinna. \u201eJa\u201c, Harald lacht, \u201ees hat wenigstens einige Tage nach dir gerochen, als du es mir wiedergegeben hast. Das war sch\u00f6n.\u201c Insgeheim freut sich Corinna \u00fcber seine Worte, sagt aber nichts darauf. Und als er seine Hand auf ihre legt, bewegt sie sich nicht, um die Zeit f\u00fcr einige Momente anzuhalten.<br \/>\nMan kann dar\u00fcber streiten, ob eine solche Art von Intimit\u00e4t schon Betrug ist. Beide empfanden es so, als w\u00e4re dieser Moment n\u00f6tig, um den sich falsch anf\u00fchlenden Abschied von vor sieben Jahren wettzumachen. Harald schweigt die meiste Zeit, erst als die Sterne bereits aufgegangen sind, ringt er sich zu dem Satz durch, der ihm auf dem Herzen liegt, seitdem er Corinna wieder getroffen hat. \u201eIch habe dich wirklich geliebt Corinna, wei\u00dft du das?\u201c<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht Corinna nicht, Harald am Bahngleis zu treffen, als sie auf dem Weg nach Salzburg ist. Egal, ob richtig oder falsch \u2013 es f\u00fchlt sich an, als ob es so sein sollte. Harald, die Rose, der Kuss. Ein letztes Mal lehnt sie ihren Kopf auf seine Brust; dann zwingt sie sich doch, nicht mehr zur\u00fcckzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 19095<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hat ihn nicht gesehen, als sie auf den Bahnsteig tritt; zu sehr ist sie mit ihren eigenen Gedanken besch\u00e4ftigt. 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