{"id":10002,"date":"2019-08-05T07:26:23","date_gmt":"2019-08-05T07:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10002"},"modified":"2019-09-01T14:00:31","modified_gmt":"2019-09-01T14:00:31","slug":"geprueft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10002","title":{"rendered":"Gepr\u00fcft"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10002&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10002&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mikes Sauftour war ein voller Erfolg gewesen. Nachdem er sich das Stiegengel\u00e4nder hinaufgehantelt hatte, \u00f6ffnete er die Haust\u00fcr m\u00fchelos, verga\u00df diesmal auch nicht, sie wieder zu schlie\u00dfen, torkelte durch den Gang Richtung Wohnzimmer und fiel dort auf die Couch. Er dr\u00fcckte einen der bunten Kn\u00f6pfe der Fernbedienung, schlummerfreundliche Lautst\u00e4rke, so hatte er es gern, und bald legte sich trotz ansprechender Story \u00fcber ein M\u00e4dchen, das mittels Ausspuckens eines Kaugummis gro\u00dfe Dinge wie Lkws herbeizaubern konnte, Schlaf \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>Das Wohnzimmersofa war sein \u00fcblicher Schlafplatz, seit Amanda ihn verlassen hatte, er mied das Riesenschlafzimmer nebenan seither wie die Brutst\u00e4tte des Teufels oder wie eine Kathedrale: reine Ansichtssache je nach Stimmungslage, und die war mehr als schwankend.<br \/>\nAuch Mike als Gesamter \u00fcbrigens, an diesem kalten Morgen. Am Weg ins Bad, wo er sich Erleichterung erhoffte, fiel sein Blick auf die Schlafzimmert\u00fcr, die merkw\u00fcrdigerweise angelehnt war.<br \/>\nEr wird doch nicht in der Nacht noch \u2026 etwa hineingegangen sein? Im betrunkenen Zustand traute er sich nach wie vor nicht ganz \u00fcber den Weg.<br \/>\nAm R\u00fcckweg vom Bad obsiegte der Mut \u00fcber die Selbstzweifel und Mike wagte es, der T\u00fcre einen sanften Schubs zu geben. Es k\u00f6nnte ja auch sein, immerhin, schoss es ihm durch den Kopf, dass Amanda zur\u00fcckgekommen war! Leise, in der Nacht, mit schlechtem Gewissen, weil sie ihn im Stich und ihre gemeinsame Beziehung einfach hinter sich gelassen hatte, wegen dem bisschen Alkohol und den paar Geldproblemen. Und die Streiterei war f\u00fcr ihn schlie\u00dflich auch nicht lustig gewesen, vor allem seit der Sache mit Alex, da war es ja kaum noch auszuhalten gewesen daheim.<br \/>\nWie auch immer, wenn sie jetzt wiedergekommen war, sollte sie ihn so besser nicht sehen. Also zog Mike die Schlafzimmert\u00fcr wieder ganz zu, griff sich halbwegs frische Klamotten und wankte zur\u00fcck ins Bad, unter die Dusche.<\/p>\n<p>Belebt war etwas anderes, aber immerhin ein bisschen munterer wurde er, vom Durchblick jedoch weit entfernt: Was hatte Amanda wohl dazu bewogen, mitten in der Nacht zu ihm zur\u00fcckzukommen? Sie h\u00e4tte ihn anrufen k\u00f6nnen, sich mit ihm treffen, doch sie verweigerte seit Wochen jeden Kontakt. Es s\u00e4he ihr so gar nicht \u00e4hnlich, jetzt pl\u00f6tzlich n\u00e4chtens sein Schlafzimmer aufzusuchen. Sch\u00f6n langsam zog das R\u00e4tsel Kreise in seinem armen Kopf. W\u00e4hrend er sich abtrocknete und anzog, kam er zu dem Schluss, dass er selbst der Verursacher des Mysteriums der ge\u00f6ffneten T\u00fcr gewesen sein musste. Bis er ein Husten aus dem Schlafzimmer h\u00f6rte, und ein zweites. Selbst bei getr\u00fcbter Wahrnehmung musste er sich eingestehen: Es klang so gar nicht nach Amanda.<br \/>\nMike war kein mutiger Mensch. Aber jetzt war Zeit zu handeln, beispielsweise die Schlafzimmert\u00fcr ganz zu \u00f6ffnen. Er ber\u00fchrte die T\u00fcrschnalle und erwartete, sie gl\u00fchend hei\u00df vorzufinden, oder so eisig kalt, dass er festfrieren w\u00fcrde, und wieder dachte er an Amanda: Wenn sie ihn jetzt sehen k\u00f6nnte, sie w\u00fcrde lachen. Ihm war eher nach Heulen zumute. Was, wenn da drin ein Einbrecher schlief, der w\u00e4hrend seines Raubzugs m\u00fcde geworden war, weil er so lange gesucht und nichts Wertvolles gefunden hatte? Aber das intakte Haust\u00fcrschloss sprach dagegen. Irgendwie war Mike das jetzt alles zu viel.<br \/>\nDie T\u00fcrschnalle tat ihm nichts zuleide, weder verbrannte noch vereiste sie seine Hand. Mike war es jetzt schon egal: Komme was wolle, er musste wissen, was da los war.<\/p>\n<p>Der Blick auf das gro\u00dfe franz\u00f6sische Bett raubte ihm den Atem, der ohnehin nur noch stockend vorhanden war unter all dem Herzklopfen.<br \/>\nDa lagen in friedlicher Eintracht f\u00fcnf Burschen, und auf dem Brustkorb des zweiten von links war noch ein l\u00e4ngerer Haarschopf zu sehen, vermutlich der einer Frau, oder auch nicht. Jedenfalls nicht der Amandas, denn der hier war gr\u00fcn, und diese Farbe konnte sie nicht leiden.<br \/>\nZwei der Burschen \u00f6ffneten die Augen und schienen genauso erstaunt wie er. Mike wich ein paar Schritte zur\u00fcck auf den Gang, dann weiter ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Jetzt musste wirklich Schluss sein mit dem Alkohol. Er hatte schon geh\u00f6rt von solchen Ph\u00e4nomenen, aber dass es so plastisch war, haute ihn einfach um.<\/p>\n<p>\u201eHe!\u201c, rief eine M\u00e4nnerstimme aus dem Schlafzimmer. \u201eDa ist besetzt, such dir was anderes!\u201c Und eine zweite, ungeduldiger: \u201eGecheckt? Schleich dich!\u201c<\/p>\n<p>Mike sa\u00df immer noch da. Amanda hatte recht gehabt: Das Saufen richtete ihn zugrunde. Die Erkenntnis traf ihn hart und fast so unvermittelt wie der Hieb gegen seine Schulter. Mike richtete sich auf und stand einem etwa gleichaltrigen Mann gegen\u00fcber, der ihn eher neugierig als feindselig musterte. \u201eDu bist ja immer noch da?\u201c, lachte der Mann. \u201eWas ist mit dir?\u201c<br \/>\nMike musste anscheinend etwas sagen, er war unge\u00fcbt im Umgang mit Halluzinationen, und seit wann tat einem die Schulter weh von einer Wahnvorstellung? \u201eIch wohne hier\u201c, stammelte er schlie\u00dflich, und dann erhob sich ein gro\u00dfes Hallo im Schlafzimmer. Anscheinend hatten die anderen ihr Gespr\u00e4ch mitgeh\u00f6rt, waren aber zu faul gewesen, aufzustehen und daran aktiv teilzunehmen.<\/p>\n<p>\u201eDer wohnt hier! Du bist ein solcher Trottel, das kann doch nicht wahr sein! Hallo, Paul, munter werden! Wo war dein Gehirn, als du die Wohnung ausgesucht hast? So was darf doch nicht passieren!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKeine Ahnung\u201c, daraufhin eine andere Stimme, sehr m\u00fcde, sehr defensiv.<\/p>\n<p>Der Mann bei Mike schnappte ihn am Handgelenk und zog ihn ins Schlafzimmer. \u201eAlso ich bin der Sandro. Und du wohnst also hier. Also eigentlich ist das ein Missverst\u00e4ndnis. Wir dachten, die Wohnung sei leer, also ohne Bewohner. Und du solltest gar nicht hier sein.\u201c<\/p>\n<p>Dasselbe k\u00f6nnte ich von euch behaupten, dachte Mike. Beziehungsweise meinte er, er h\u00e4tte es gedacht, denn anscheinend hatte er es laut ausgesprochen.<\/p>\n<p>\u201eDa hat er recht. Da hat der Mann recht\u201c, nickte Sandro neben ihm.<\/p>\n<p>Dann passierte eine Weile nichts. Jeder schien nachzudenken, der gr\u00fcne Haarschopf verwandelte sich bei n\u00e4herer Betrachtung in ein freundliches Gesicht.<\/p>\n<p>Mike beschloss, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Er sammelte sich, um die Gestalten aus seinem Kopf zu verscheuchen, und begann mit seiner kleinen Rede: \u201eAlso ich bin Mike. Und ja, ich trinke zu viel. Aber das hier passiert mir zum allerersten Mal. Und es ist ganz sch\u00f6n gruselig. So kann es nicht weitergehen. Ich werde versuchen, weniger zu trinken. Oder gar nichts mehr zu trinken. Ab heute.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist sch\u00f6n, Mike. Sehr erfreut\u201c, erhob sich eine der Gestalten vom Bett und wandte sich zum Gehen. Es funktioniert, es funktioniert wirklich, jubelte Mike innerlich. Sie gehen jetzt alle, und dann passt es wieder, und ich werde doch nicht verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n langsam kam Bewegung in den Rest der Gruppe, man streckte sich, g\u00e4hnte, beschuldigte den armen Paul des Schwachsinns und umringte schlie\u00dflich Mike und Sandro.<br \/>\n\u201eBevor wir gehen\u201c, meinte Paul, \u201ebitte sag mir, warum du noch hier bist. Ich schaue immer, dass so etwas nicht passiert, also bitte, sag mir, was ich falsch gemacht habe. Damit so etwas nicht mehr vorkommt.\u201c<br \/>\nEs klang so flehentlich, dass Mike nicht umhin konnte, aus Mitgef\u00fchl, und weil es ja eigentlich egal war, ehrlich zu antworten: \u201eAlso ich wohne ganz normal hier. Und wenn ich mich recht erinnere, ist die Miete noch bis Jahresende von meiner Ex bezahlt worden. So lange schau ich, dass ich \u00fcber die Runden komme, und dann suche ich mir in Ruhe eine kleinere Wohnung. Ich bin grad etwas demotiviert, das schon.\u201c<\/p>\n<p>Paul seufzte: \u201eDann muss ich dir was sagen, Mike, das dir nicht gefallen wird: Diese Wohnung ist auf YourB\u2019n\u2018B vorgemerkt und hat dort den Status \u201azur Pr\u00fcfung\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Mike verstand nur Bahnhof, man sah es ihm offensichtlich an, drum fuhr Paul etwas langsamer fort:<br \/>\n\u201eIch hab mal dort gearbeitet. Jede Wohnung, die auf YourB\u2019n\u2018B zur Untervermietung angemeldet wird, wird von denen vorher abgecheckt. Und weil ich nach wie vor in die Datenbank rein kann, das ist echt kein Problem f\u00fcr mich \u2026\u201c \u00a0\u2013 er sah dabei in die Runde und kam etwas aus dem Konzept \u00a0\u2013 \u201e\u2026 und sogar f\u00fcr die Schl\u00fcssel haben wir eine L\u00f6sung gefunden.\u201c<\/p>\n<p>Mike hatte nach wie vor keine Ahnung, worauf das hinauslief. Geduldig erkl\u00e4rten ihm Sandro und Paul, dass sie die leerstehenden, f\u00fcr YourB\u2019n\u2018B vorgesehenen Wohnungen als Schlafpl\u00e4tze benutzten, bis deren Status in der Datenbank auf \u201egepr\u00fcft\u201c umgestellt worden war. Ab dann n\u00e4mlich stand der Wohnraum zur kurzfristigen Weitervermietung auf der Plattform \u201eoffiziell\u201c online zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Nun hatten sie schon des \u00d6fteren die Beobachtung gemacht, dass sich auch andere dieser leerstehenden Wohnungen bedienten (wiewohl eher unorganisiert und nach einem primitiveren Prinzip, wie sie vermuteten), und es war auch schon vorgekommen, dass sie dort bereits jemanden angetroffen hatten oder aber die anderen Zweite waren. Meist einigte man sich g\u00fctlich, und die sp\u00e4ter Hinzukommenden zogen zur n\u00e4chsten Zwischenschlafst\u00e4tte weiter. Schlie\u00dflich wollte man keinen \u00c4rger mit den Nachbarn, die ohnehin nicht die rechte Freude mit YourB\u2019n\u2019B-Pl\u00e4nen in ihrem Wohnhaus hatten, so sie davon wussten.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich hatten sie Mike f\u00fcr einen ihrer Schlafplatz-Konkurrenten gehalten, einen von der uneinsichtigen, hartn\u00e4ckigen Sorte.<\/p>\n<p>Mitten in dieser Schilderung kam Mike eine dunkle, sehr dunkle Erinnerung: ein SMS vor ungef\u00e4hr einem Monat, in dem Amanda ihn aufgefordert, ja ihm unmissverst\u00e4ndlich befohlen hatte, die Wohnung zu verlassen, und zwar innerhalb der n\u00e4chsten drei Wochen. Dann n\u00e4mlich werde die Wohnung anderweitig verwendet.<br \/>\nEr hatte das f\u00fcr einen Akt des Schmerzes und der Verzweiflung gehalten und nicht ernst genommen. Doch die Frau machte jetzt anscheinend N\u00e4gel mit K\u00f6pfen.<br \/>\nMike sank aufs Bett. \u201eIhr k\u00f6nnt hierbleiben\u201c, murmelte er. \u201eBis der Status gepr\u00fcft ist. Kann ich dann mit euch mitkommen?\u201c<\/p>\n<p>Der gr\u00fcne Haarschopf hatte erstaunlich blaue Augen. Er setzte sich zu Mike und nahm ihn in den Arm.<\/p>\n<p>Das Wie erkl\u00e4rten die n\u00e4chtlichen Besucher Mike etwas sp\u00e4ter. Er hatte sich schon gefragt, ob es tats\u00e4chlich so einfach war, eine Wohnung unbemerkt, wenn auch nur vor\u00fcbergehend, zu entern. Abwesenheit untertags, das war nicht das Problem. Denn nat\u00fcrlich war zu vermeiden, einem Wohnungspr\u00fcfer in die Arme zu laufen. Auch dabei halfen Pauls Datenbankspazierg\u00e4nge gewaltig: Die Wohnungskontrollen fanden nur montags bis freitags statt, bevorzugt zwischen 10 und 16 Uhr. Es war eine Kleinigkeit, die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen, auf ein Minimum zu reduzieren. Aber immerhin musste man ja auch rein in die Wohnung, ohne irgendwelche Auff\u00e4lligkeiten w\u00e4hrenddessen oder auch viel sp\u00e4ter danach: Manipulationen an den Schl\u00f6ssern kamen also nicht infrage. Das war aber auch gar nicht notwendig: Die allermeisten Wohnungen waren l\u00e4ngst mit Codes gesichert: ein Geschenk f\u00fcr einen Datenfuzzi wie Paul. Die Codes wurden von den Wohnungseigent\u00fcmern oder -mietern verschl\u00fcsselt an YourB\u2019n\u2019B \u00fcbertragen, et voil\u00e0! Wie auf dem Pr\u00e4sentierteller.<\/p>\n<p>Selten kam es vor, dass eine Wohnungssicherung wie bei Mikes Bleibe noch aus einem \u201eguten alten\u201c Schloss samt Schl\u00fcssel bestand. Selbst das stellte kein Problem dar: Schlie\u00dflich musste ja auch der Schl\u00fcssel irgendwo f\u00fcr die Wohnungspr\u00fcfung hinterlegt werden. Und wo, stand meist in einem Mail oder einer anderen elektronischen \u00dcbertragung. Jedenfalls landete auch diese Information schlussendlich in der Datenbank, woraufhin Paul mit einem gewissen Erfahrungshorizont entschied, wie schwierig und zeitaufw\u00e4ndig es war, den Schl\u00fcssel kurzfristig zu bergen, von allen Seiten abzulichten und den 3D-Drucker eines Bekannten seine Arbeit machen zu lassen. So war es auch in Mikes Fall gewesen: Der Schl\u00fcssel lag zur Abholung in einem Schlie\u00dffach, dessen Code praktischerweise im digitalen Ordnersystem von YourB\u2019n\u2018B zusammen mit der Adresse f\u00fcr die Wohnungskontrolle vermerkt war. Alles ein Kinderspiel.<br \/>\nBis der Pr\u00fcfer seinen Besuch abgestattet haben mochte, galt es nur, die Wohnung untertags zu meiden.<\/p>\n<p>Aber Mike wohnte ja hier, \u00ad\u00addas musste auch seiner Ex bewusst sein, dass er nicht so schnell etwas anderes gesucht, geschweige denn gefunden hatte, und \u201eoffiziell\u201c hatte er ja nichts von seiner bevorstehenden Delogierung erfahren. Am wahrscheinlichsten war, dass Amanda den Zust\u00e4ndigen bei YourB\u2019n\u2019B gar nichts von Mikes m\u00f6glicher Anwesenheit erz\u00e4hlt hatte. Das war aber nun wirklich nicht sein Problem.<\/p>\n<p>Theoretisch konnte Mike also verweilen bis zum Tag X. Den \u00dcberraschten zu mimen, wollte er sich dann aber nicht antun. Dem Pr\u00fcfer war sicherlich egal, was da zwischen ihm und seiner Ex kommuniziert worden war und was nicht, der wollte bestimmt die Wohnung sehen, bewerten, ob sie den angegebenen Standards entsprach, und danach seiner Wege gehen. Wenn er davor noch einen phlegmatischen Restposten entfernen musste oder zumindest daf\u00fcr sorgen, dass der sich vertsch\u00fcsste, so erfreute es den Pr\u00fcfer gewiss nicht. Aber es war Teil seines Jobs, und der wurde gemacht.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass Mike der Pr\u00fcfung mit bangen Gef\u00fchlen entgegensah.<br \/>\nWie lange konnte man diese Situation des Wartens ertragen? So lange es notwendig war und auch Vorteile brachte. Es stand au\u00dfer Frage, dass f\u00fcr alle diese Wohnung derzeit der beste Ort weit und breit war. Erstens war es Mike ganz recht, dass er Gesellschaft hatte, zumindest abends bis morgens und an den Wochenenden. Er fand die Truppe ganz sympathisch, bis auf jenen vorlauten Kerl, der gleich so auf Paul losgegangen war. Sandro war in Ordnung, Paul auf seine leicht verlegene Art war Mike sogar etwas \u00e4hnlich, und die beiden anderen waren so ruhig und unauff\u00e4llig, dass Mike ihre Anwesenheit schlichtweg egal war. Der Gr\u00fcnschopf war entz\u00fcckend unkompliziert und anschmiegsam. So viel gekuschelt hatte Mike schon lange nicht mehr. Es war ein Ausnahmezustand in jeder Hinsicht: An der Essensfrage beteiligten sich alle und man legte zusammen; wer einen Gelegenheitsjob hatte, teilte mit den anderen sein Einkommen. Jeder hielt sich daran, ganz im eigenen Interesse: Nie wusste man, wann man selbst etwas brauchte, einen die Grippe erwischte oder man sich den Fu\u00df verstauchte. Alle f\u00fcr einen. Einer f\u00fcr alle. So versuchten sie es zumindest, und gro\u00dfteils funktionierte das System auch, ohne die Wohnungskosten.<\/p>\n<p>Der Pr\u00fcfer lie\u00df sich Zeit; Paul checkte die Datenbank routinem\u00e4\u00dfig und entdeckte einen R\u00fcckstau, denn die Anzahl der Pr\u00fcfer ging zur\u00fcck, w\u00e4hrend diejenige der zu kontrollierenden Wohnungen stetig stieg. F\u00fcr sie alle bedeutete es, einmal etwas l\u00e4nger ein gem\u00fctliches Nest zu haben, nicht st\u00e4ndig die Entdeckung zu f\u00fcrchten, nicht sofort weiterziehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eines Abends schlie\u00dflich, sie sa\u00dfen gerade vor ihren Tellern und den Abendnachrichten, die wieder einmal Gruseliges vom Weltklima zu berichten hatten, geschah das, womit niemand gerechnet hatte.<br \/>\nVon ihnen unbemerkt musste sich ein Schl\u00fcssel in der Haust\u00fcr gedreht haben, jemand in den Gang gekommen sein und die Klinke der Wohnzimmert\u00fcr nach unten gedr\u00fcckt haben, denn diese \u00f6ffnete sich langsam nach innen. Im T\u00fcrrahmen stand eine gro\u00dfe br\u00fcnette Frau mit erstauntem Blick. Sie fuhr sich durchs gut schulterlange Haar, warf schlie\u00dflich mit beiden H\u00e4nden gleichzeitig alle Str\u00e4hnen nach hinten und sagte laut: \u201eMike, kann ich dich mal alleine sprechen?\u201c<\/p>\n<p>Der war l\u00e4ngst erstarrt, f\u00fchlte sich zur\u00fcckversetzt in die Zeit der ersten Begegnung mit seinen nunmehrigen Mitbewohnern und zweifelte neuerlich an seinem Verstand. Die seiner Ex gewidmeten Tag- und Nachttr\u00e4ume waren doch l\u00e4ngst Vergangenheit? Es beunruhigte ihn zus\u00e4tzlich, dass er kaum Alkohol getrunken hatte in letzter Zeit. Es musste also stimmen.<br \/>\nSie war hier. Und sie wollte mit ihm reden, jetzt sofort.<br \/>\nDie anderen verharrten in ihren jeweiligen Couchposen, dachten wohl, wenn sie nichts sagten und sich nicht r\u00fchrten, w\u00fcrden sie unsichtbar. Nur Sandro murmelte einen leisen Gru\u00df in Amandas Richtung.<\/p>\n<p>Amanda bewegte sich aufs Sofa zu, Mike erhob sich gleichzeitig aus der Mitte der anderen und f\u00e4delte seinen K\u00f6rper hinterm Couchtisch hervor. Er nickte Amanda zu, sie blieb bei ihm stehen, nahm ihn bei der Hand und lenkte ihn mit ihren bestimmten Schritten gen Schlafzimmer.<\/p>\n<p>Wie oft hatte er sich das ertr\u00e4umt, wenn er auf der Couch gelegen war, einsam, verzweifelt, betrunken oder (seltener) auch nicht. Sie sollte die Schlafzimmert\u00fcr schlie\u00dfen und ihm sagen, dass alles gut war. Dass es ein Fehler gewesen war, zu gehen, ihn zu verlassen, ihre gemeinsame Zeit vergessen zu wollen. Und dann sollte sie ihn k\u00fcssen, so wie fr\u00fcher, sie sollte ihn begehren, ber\u00fchren wie einst, und dann w\u00e4ren sie wieder zusammen. F\u00fcr immer oder so wie in den Filmen.<br \/>\nSein Kopfkino hatte diverse Regisseure durchprobiert, f\u00fcr Drehb\u00fccher der eher anspruchsvolleren, tiefgr\u00fcndigen Sorte bis zur Billigschmonzette mit stark erotischer Komponente. Er hatte sie alle bis zum Erbl\u00f6den wiederholt konsumiert und mal diesen, mal jenen bevorzugt, je nach Laune.<\/p>\n<p>Amanda schloss tats\u00e4chlich die Schlafzimmert\u00fcr, lie\u00df dabei seine Hand los und setzte sich aufs Bett. Er stand mit h\u00e4ngenden Schultern vor ihr und wusste nicht, welche Filmszene als n\u00e4chste bevorstand. Initiativ zu werden, traute er sich nicht.<br \/>\nAmanda \u00fcbernahm den Anfang: \u201eWer sind die und was machen sie da? Und was machst du noch hier? Du solltest doch ausziehen, vor Wochen schon!\u201c<br \/>\nMike schoss so einiges durch den Kopf. Wenn er jemals noch irgendeine Chance bei dieser Frau haben wollte, musste er antworten, schnell und plausibel. Und seine Freunde verraten, das kam nicht infrage. Au\u00dferdem: Wie w\u00fcrde die Wahrheit klingen? <em>Das sind ein paar Penner im wahrsten Sinn des Wortes. Sie haben alle kein geregeltes Einkommen, so wie ich. Ich lasse sie hier schlafen, bis ich rausgeworfen werde, dann sind wir alle miteinander obdachlos und versuchen, in fremde Wohnungen einzudringen.<\/em> Nein, das klang gar nicht gut in seinem Kopf. Und in ihren Ohren sicher auch nicht.<\/p>\n<p>Eine Amanda-Perspektiven-wahrende Antwort musste her, sofort. Sie wartete, er merkte es an der Handbewegung, mit der sie sich eine kleine Falte auf der Stirn rieb. Sie brachte alle Geduld auf, die sie noch hatte, aber das war nicht mehr viel. Seine Uhr tickte.<\/p>\n<p>Im Geschichtenausdenken war er immer gut gewesen. Aber diese musste niet- und nagelfest sein, einer eingehenden Pr\u00fcfung dieser schlauen Frau standhalten und ihr gleichzeitig imponieren, im besten Fall.<\/p>\n<p>\u201eAmanda, sch\u00f6n, dass du hier bist. Ich bin \u00fcberrascht, aber positiv \u00fcberrascht, also erfreut, dich zu sehen. Du wei\u00dft ja, ich wollte nie, dass du gehst. Bitte lass mich alles erkl\u00e4ren. Ich sag dir alles, aber lass mich ausreden. Das dauert ein bisschen. Nat\u00fcrlich fragst du dich, wer die da drau\u00dfen sind.\u201c Pl\u00f6tzlich war ihm bewusst, dass die anderen durch die d\u00fcnne Wand, sofern sie sich noch auf der Couch befanden, jedes Wort h\u00f6ren konnten, das er sagte, wenn er laut und deutlich genug sprach. Sehr gut. Ausgezeichnet!<\/p>\n<p>\u201eAlso ich war ganz sch\u00f6n verzweifelt, als du weg warst. Da wollte ich was Sinnvolles machen, wie du mir immer gesagt hast. Ich bin also zum Arbeitsamt, und die hatten was Passendes f\u00fcr mich. Wei\u00dft ja, dass Sozialarbeiter immer gesucht sind. Nur konnte ich in letzter Zeit einfach nicht mehr. So viel Gewalt, so schlimme \u2026\u201c Amanda seufzte. Nun, er musste zum Punkt kommen, bevor sie richtig ungeduldig wurde. \u201eJa, du hast recht. Du kennst das alles ja. Aber ich hab mich nochmal aufgerafft. Ich hab gehofft, so bekomme ich dich wieder. Und da hab ich diese Jugendlichen, also jungen Erwachsenen, anvertraut bekommen. Das ist eine ganz neue Therapieform. Wir leben jetzt am Anfang sogar zusammen. Sie lernen, was Verantwortung ist.\u201c Amanda lachte: \u201eVon dir???\u201c Mike erwiderte, ganz ernsthaft, freute sich insgeheim aber, sie zum Lachen gebracht zu haben: \u201eJa, von mir. Sie haben wohl nicht zuf\u00e4llig mich ausgew\u00e4hlt. Weil ich Ahnung davon habe, wie es ist, orientierungslos zu sein. Wir alle zusammen haben auch eine Mediation einmal pro Woche, und zur Psychologin gehen wir au\u00dferdem, jeder Einzelne von uns. Du glaubst nicht, was da weitergeht. Ich hab so viele Erkenntnisse gewonnen, und die jungen Leute da drau\u00dfen, du h\u00e4ttest sie sehen sollen \u2026 Sie kochen jetzt sogar t\u00e4glich. Das l\u00e4uft bestens, das alles. Also ich bin am Weg. Sie sind es auch, alle sind am Weg nach oben. Und wie geht es dir? Warum bist du hier?\u201c<\/p>\n<p>Amanda schien verwirrt zu sein, kaute an einer Haarlocke. \u201eAlso ich bin wegen des SMS hier, das ich dir mal geschickt habe, und weil da rein gar nichts weitergeht, und weil ich da so eine Firma kontaktiert habe, wo sich auch rein gar nichts tut \u2026\u201c Sie stockte. Mike wusste, woran sie dachte, er wusste auch den Spie\u00df umzudrehen: \u201eMa, sorry, das h\u00e4tte ich dir sagen sollen, ich hab eine neue Telefonnummer. Der Verein, f\u00fcr den ich arbeite, hat mir ein Arbeitshandy gegeben, und ich darf es auch privat nutzen. Da hab ich das alte abgemeldet, kostet ja nur zus\u00e4tzlich. Aber ich wollte dich anrufen, bestimmt. Nur musste ich jetzt immer so viel arbeiten, das ist am Anfang so. Aber wir k\u00f6nnen ja jetzt reden. Was hast du mir geschrieben?\u201c Amanda z\u00f6gerte. Sie sch\u00fcttelte den Kopf, ganz leicht, und schwieg. Er kannte sie gut. Er setzte nach: \u201eGut, dass wir beide mal reden k\u00f6nnen. Du m\u00fcsstest sie kennenlernen, wie sie sich freuen, endlich mal eine richtige Bleibe zu haben. Sie sind ganz okay, echt, ein bisschen ruppig vielleicht hie und da, aber sie haben so viel Pech gehabt im Leben. Und ich bin jetzt so froh \u00fcber alles, was du mir geraten hast. Du hattest recht, mit allem. Dank dir bin ich wieder auf den Beinen. Danke, Amanda, danke.\u201c<\/p>\n<p>Amanda sa\u00df auf seiner Betth\u00e4lfte und schwieg, w\u00e4hrend ihre Gehirnzellen Schwerstarbeit verrichteten. Er bemerkte, wie sie im Geiste seine Geschichte durchging, kurz bei dem einen oder anderen Gedanken verweilte; ihre H\u00e4nde waren dabei in st\u00e4ndiger Bewegung. Auf ihrem Scho\u00df nahmen sie einige Anl\u00e4ufe, endlich zur Ruhe zu kommen, strichen den Stoff dort glatt und gl\u00e4tter und wollten liegen bleiben, doch das Geknete der Finger ging stets von Neuem los. Er durchbrach die Stille wiederum.<br \/>\n\u201eAmanda, ich wei\u00df jetzt, wie schwer du es mit mir hattest zum Schluss. Ich konnte mich ja selber nicht ausstehen. Du hast alles versucht. Und dann hast du aufgegeben. Und ich auch, aber nur fast. So k\u00f6nnte es klappen. Und es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn du dabei w\u00e4rst, in irgendeiner Form.\u201c<br \/>\nEs war nicht so, dass er die Ironie nicht erkannte. In Wahrheit hatte Amanda alles genau vorhergesehen, vor Monaten schon, bis auf\u00a0 das Eintreffen der anderen. Das war das Unkalkulierbare, das nun ihr die Best\u00e4tigung ihrer Annahmen verwehrte und seine Geschichte st\u00fctzte. Au\u00dferdem ihm die Chance er\u00f6ffnete, dass sie ihm noch einmal Glauben schenkte.<\/p>\n<p>\u201eWie stellst du dir das vor?\u201c, brach sie schlie\u00dflich ihr Schweigen. \u201eSoll ich euch alle hier wohnen lassen, in meiner Wohnung? Weil die so arm sind und du pleite, aber am Weg nach oben? Wei\u00dft du, mir schenkt auch keiner was. Ich zahle jetzt zwar dort keine Miete, aber das bei meinen Eltern ist auch keine Dauerl\u00f6sung. Und du? Kannst du dir das leisten, hier wohnen, mit deinem neuen eigenartigen Job?\u201c<\/p>\n<p>Das war der Schwachpunkt an seiner Geschichte. Er konnte es nicht. Selbst wenn sie alle zusammenlegten, ging sich das niemals aus. Sie brauchten Amanda, er brauchte ihr Vertrauen, und er brauchte Zeit. Geduld, sagte er sich, das musste er ihr vermitteln, dann k\u00e4me alles ins Lot. Beinahe glaubte er selbst an die Macht seiner Worte. Er legte sich ins Zeug, er redete und gestikulierte um sein Leben. Um sein zuk\u00fcnftiges Leben mit Amanda.<br \/>\nSie schien ersch\u00f6pft, m\u00fcde, zu m\u00fcde, um sich noch weitere seiner Gr\u00fcnde und Ideen f\u00fcr eine gemeinsame Zukunft anzuh\u00f6ren. Er schlug ihr vor, sie k\u00f6nnte doch einfach hier schlafen, und am n\u00e4chsten Tag sehe man weiter.<br \/>\nAls Antwort streifte sie sich langsam die Schuhe von den F\u00fc\u00dfen, nahm in einer beinahe resignativen, unglaublich tr\u00e4gen Geste ihren Halsschmuck ab, legte ihn aufs K\u00e4stchen neben dem Betthaupt und lie\u00df sich dann einfach nach hinten aufs Bett fallen. Er war schlau genug, nichts zu versuchen. Er fl\u00fcsterte \u201eGute Nacht und bis morgen\u201c und verlie\u00df das Schlafzimmer, indem er die T\u00fcr leise hinter sich schloss.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 19094<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mikes Sauftour war ein voller Erfolg gewesen. Nachdem er sich das Stiegengel\u00e4nder hinaufgehantelt hatte, \u00f6ffnete er die Haust\u00fcr m\u00fchelos, verga\u00df diesmal auch nicht, sie wieder zu schlie\u00dfen, torkelte durch den Gang Richtung Wohnzimmer und fiel dort auf die Couch. 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